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29.03.2018

Bodendegradation: Bedrohung für die Menschheit und die Artenvielfalt

Dürre
Fruchtbare Böden werden knapper (Foto: CC0)

Der Verlust fruchtbarer Böden gefährdet das Wohlergehen von 3,2 Milliarden Menschen weltweit und lässt den Planeten aufgrund des resultierenden Rückgangs der Artenvielfalt auf das sechste Massensterben zusteuern. Das ist die düstere Botschaft eines UN-Berichts, der am 26. März in Medellín, Kolumbien verabschiedet wurde. Er prognostiziert, dass Bodendegradation und Klimawandel gemeinsam bis 2050 die Ernteerträge im Schnitt 10% einbrechen lassen und bis zu 700 Millionen Menschen dazu zwingen könnten, ihre Heimat zu verlassen. Der Weltbiodiversitätsrats IPBES, ein unabhängiges zwischenstaatliches Gremium, nennt menschliche Aktivitäten, allen voran die Landwirtschaft, als Hauptursache für die Auslaugung der Böden. „Die rasche Ausweitung und nicht nachhaltige Bewirtschaftung von Acker- und Weideland ist die größte direkte Ursache für Bodendegradation und verursacht erhebliche Verluste an Artenvielfalt und Ökosystemleistungen – Ernährungssicherheit, Wasseraufbereitung, Energieversorgung und andere für den Menschen wichtige Beiträge der Natur“, betont der Rat. In vielen Teilen der Welt sei bereits ein kritisches Niveau erreicht. Die Kosten der Bodendegradation beziffern die Experten allein im Jahr 2010 auf 10% des jährlichen Bruttoinlandsprodukts der Welt durch den Verlust von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen.

An dem von 129 IPBES-Mitgliedsstaaten abgesegneten Bericht arbeiteten mehr als 100 führende Experten aus 45 Ländern über drei Jahre lang. Er stützt sich auf mehr als 3.000 wissenschaftliche, staatliche, indigene und lokale Wissensquellen und durchlief ein umfassendes Peer-Review. Die Bodendegradation wird den Autoren zufolge angeheizt durch den konsumgeprägten Lebensstil in den reichen Ländern in Kombination mit wachsendem Konsum in Entwicklungs- und Schwellenländern. „Ein hoher und steigender Pro-Kopf-Verbrauch, verstärkt durch das anhaltende Bevölkerungswachstum in vielen Teilen der Welt, kann zu einer nicht nachhaltigen Ausweitung der Landwirtschaft, zum Abbau natürlicher Ressourcen und Rohstoffe und zu Verstädterung führen – was in der Regel Bodendegradation befördert. Acker- und Weideland bedeckt heute mehr als ein Drittel der Landfläche der Erde. Natürliche Lebensräume wie Wälder, Wiesen und Feuchtgebiete wurden dafür gerodet, gerade in den artenreichsten Ökosystemen der Erde. Bis 2014 wurden mehr als 1,5 Milliarden Hektar natürliche Ökosysteme in Ackerland umgewandelt. „Feuchtgebiete hat es besonders stark getroffen“, sagte Dr. Luca Montanarella, der Ko-Präsident des Berichts. „Seit Beginn der Neuzeit sind 87% der Feuchtgebiete verlorengegangen – davon 54% seit 1900.

Der Bericht folgert, dass Bodendegradation wesentlich zum Klimawandel beiträgt. Allein die Entwaldung steuert 10% aller vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen bei. Ein anderer Faktor ist die Freisetzung von Bodenkohlenstoff: Auf das Konto der Bodendegradation gehen jährliche Emissionen von bis zu 4,4 Milliarden Tonnen CO2 weltweit zwischen 2000 und 2009. Dabei könnten Böden aufgrund ihrer Eigenschaft als Kohlenstoffspeicher einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels leisten. Laut den Autoren könnte durch Vermeidung, Verringerung und Umkehrung von Bodendegradation bis 2030 mehr als ein Drittel der Treibhausgasemissionen eingespart werden, die verhindert werden müssen, um die globale Erwärmung auf unter 2°C zu begrenzen. „Bodendegradation, Biodiversitätsverlust und Klimawandel sind drei verschiedene Gesichter der gleichen zentralen Herausforderung: die zunehmend gefährliche Auswirkung unserer Entscheidungen auf die Intaktheit der natürlichen Umwelt“, sagte IPBES-Chef Robert Watson, der auch Direktor des Weltagrarberichts war. „Wir können es uns nicht leisten, diese Bedrohungen isoliert anzugehen – jede einzelne erfordert höchste Priorität und sie müssen zusammen angegangen werden.“

Der Bericht enthält Empfehlungen für den Kampf gegen den Bodenverlust. Nötig seien politische, zwischen den unterschiedlichen Ministerien koordinierte Maßnahmen zur Förderung nachhaltigerer Praktiken des Konsums und der Produktion land-basierte Rohstoffen. Die Autoren raten zur Abschaffung „perverser Anreize“, die Landdegradierung anheizen und im Gegenzug zur Förderung positiver Anreize, die nachhaltiges Landmanagement belohnen: In jedem Ökosystem gebe es Erfolgsbeispiele für Renaturierung und es gebe viele erprobte Praktiken und Techniken, sowohl traditionelle als auch moderne, um die Auslaugung der Böden zu vermeiden und umzukehren. Optionen für Ackerflächen seien z.B. die Reduzierung von Bodenverlust und die Verbesserung der Bodengesundheit, die Nutzung salzresistenter Pflanzen, bodenschonende Landwirtschaft und integrierte Systeme mit Ackerbau, Tierhaltung und Forstwirtschaft. Verbraucher könnten das Vordringen der Landwirtschaft in natürlich Lebensräume vermeiden durch die Umstellung auf Ernährungsweisen, die Böden weniger auslaugen, wie eine Ernährung mit mehr pflanzlichen Lebensmitteln und weniger tierischem Eiweiß aus nicht nachhaltigen Quellen, sowie eine Reduzierung von Lebensmittelverlusten und -verschwendung. „Der Einsatz des ganzen Werkzeugkastens an bewährten Methoden, um Bodendegradation zu stoppen und umzukehren, ist nicht nur nötig, um Ernährungssicherheit zu gewährleisten, den Klimawandel zu reduzieren und die Artenvielfalt zu bewahren“, sagte Dr. Montanarella. „Es ist auch aus wirtschaftlicher Sicht vernünftig und zunehmend dringlich. (ab)

22.03.2018

UN für naturbasierte Wasserbewirtschaftung in der Landwirtschaft

Foto
Tröpfchenbewässerung (Foto: ICRISAT, bit.ly/1_CC_BY-NC_2-0, bit.ly/ICRISAT)

Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Gebieten, die von Wassermangel bedroht sind und der Klimawandel wird Konflikte um Wasser verschärfen. Doch Maßnahmen wie Wiederaufforstung, der Schutz von Feuchtgebieten und eine effizientere Wassernutzung in der Landwirtschaft können die Wasserversorgung und -qualität verbessern, lautet die Botschaft des UN-Weltwasserberichts 2018. Rund 3,6 Milliarden Menschen und damit 51% der Weltbevölkerung leben in Gebieten, in denen mindestens einen Monat im Jahr Wasserknappheit herrscht. 2050 könnten es bereits bis zu 5,7 Milliarden Menschen sein. Der Klimawandel wird den globalen Wasserkreislauf weiter verändern: Feuchte Regionen werden in der Regel feuchter und trockene Gebiete noch trockener. Zugleich steigt die globale Nachfrage nach Wasser, in letzter Zeit um etwa 1% pro Jahr – Tendenz steigend. Als Gründe führt der Bericht das Bevölkerungswachstum, wirtschaftliche Entwicklung und veränderte Konsummuster an. „Der Wasserbedarf von Haushalten und Industrie wird dabei voraussichtlich deutlich schneller steigen als der der Landwirtschaft, auch wenn die Landwirtschaft größter Nutzer bleiben wird“, so die Prognose.

Wenn wir so weiter machen wie bisher, drohen akuter Wassermangel und Konflikte ums Wasser, warnt der Bericht und fordert eine nachhaltige Wasserbewirtschaftung. Sein Schlagwort lautet „naturbasierte Lösungen“ – Formen der Wasserbewirtschaftung, die von der Natur inspiriert und unterstützt sind. Dazu gehören etwa der Erhalt und die Renaturierung von Ökosystemen. Doch um die ist es schlecht bestellt: „Zwar sind etwa 30% der weltweiten Landfläche noch bewaldet, doch mindestens zwei Drittel dieser Fläche ist in einem degradierten Zustand. Der Großteil der Böden weltweit, insbesondere der landwirtschaftlich genutzten, befindet sich in mittelmäßigem, schlechtem oder sehr schlechtem Zustand“, schreiben die Autoren. Das hat fatale Folgen für den Wasserkreislauf, da mehr Wasser verdunstet, weniger im Boden gespeichert wird und mehr Wasser an der Oberfläche abfließt. Die Erosion nimmt zu. Naturbasierte Lösungen in der Landwirtschaft könnten dies umkehren.

Die Landwirtschaft muss Ressourcen, vor allem Wasser, effizienter nutzen und ihren ökologischen Fußabdruck reduzieren, fordert der Bericht. Die Lösung sei eine ökologisch nachhaltige Produktion von Nahrungsmitteln: „Sie verbessert Ökosystemleistungen in Agrarlandschaften, etwa durch ein effizienteres Boden- und Vegetationsmanagement.“ Bodenstörungen müssten reduziert, die Bodenbedeckung erhalten und Fruchtfolgen eingehalten werden. Das wirke sich auch positiv auf den Ertrag aus: Umweltfreundlichere Verfahren der Wasserbewirtschaftung könnten die weltweite Agrarproduktion um etwa 20% erhöhen, schätzt der Bericht. „Landwirtschaftliche Systeme, welche Ökosystemleistungen erhalten oder wiederherstellen, können ebenso produktiv sein wie intensive Systeme mit hohem Einsatz“, betont er und verweist auf eine Analyse von Agrarförderprojekten in 57 einkommensschwachen Ländern: Diese ergab, dass die Erträge im Schnitt um 79% stiegen, wenn Wasser effizienter genutzt wird, weniger Pestizide zum Einsatz kommen und die Bodenbedeckung verbessert wird. So konnte etwa in Indien im Bundesstaat Rajasthan nach einer schweren Dürre 1986 durch gezielte Wiederaufforstung und Bodenbearbeitung der Grundwasserspiegel um mehrere Meter angehoben und die landwirtschaftliche Produktivität verbessert werden.

Die UN sieht enormes Potenzial in regengespeisten Systemen: „Diese machen den Großteil der derzeitigen Landwirtschaft und gerade der Kleinbetriebe aus und bieten somit den größten Nutzen mit Blick auf Lebensunterhalt und Armutsbekämpfung. Zumindest aus theoretischer Perspektive übersteigen die mit ihnen weltweit realisierbaren Erträge den prognostizierten Anstieg der globalen Wassernachfrage und verringern damit möglicherweise Konflikte zwischen konkurrierenden Nutzungen“, schreiben die Experten. Doch naturbasierte Lösungen würden noch viel zu selten eingesetzt, da die Rahmenbedingungen fehlten. Diese könnten zum Beispiel geschaffen werden durch Zahlungen für Umweltdienstleistungen: Diese böten monetäre und nichtmonetäre Anreize für Gemeinden, Landwirte und Landbesitzer, natürliche Ökosysteme wiederherzustellen, zu schützen und zu erhalten sowie nachhaltige landwirtschaftliche und andere Landnutzungspraktiken einzuführen. Vorteile für die Allgemeinheit wären etwa Hochwasserschutz, Erosionskontrolle und geringere Kosten für die Wasseraufbereitung. Eine Umgestaltung der Agrarpolitik sei nötig: „Dafür muss die gängige Praxis überwunden werden, dass die meisten Agrarsubventionen und wahrscheinlich der Großteil der öffentlichen Mittel sowie fast alle privaten Investitionen in landwirtschaftliche Forschung und Entwicklung darauf ausgerichtet sind, die Intensivierung der konventionellen Landwirtschaft zu fördern, welche die Wasserunsicherheit erhöht“, so die Autoren. (ab)

20.03.2018

Agrarexporte: Verbindliche Regeln gegen den Ausverkauf von Wasser gefordert

Soja
Der Sojaanbau in Brasilien verschlingt Unmengen an Wasser (Foto: CC0)

Der hohe Wasserverbrauch für Agrargüter, die Deutschland und die EU importieren, führt teils zu Armut und Vertreibung in den Ländern des Globalen Südens. Darauf macht das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt im Vorfeld des Weltwassertages am 22. März aufmerksam und fordert verbindliche Regeln gegen den Ausverkauf von Wasser und einen nachhaltigen Umgang mit den globalen Wasserressourcen. Die Landwirtschaft ist für 70% der weltweiten Wasserentnahmen verantwortlich. Um die wachsende Weltmarktnachfrage nach Soja für die Fleischindustrie, Zuckerrohr für Biosprit, Baumwolle und Kaffee zu stillen, fließen enorme Wassermengen auf der Südhalbkugel ganzjährig in künstliche Bewässerung. Der intensive Düngemittel- und Pestizideinsatz belastet zudem die Wasserqualität. In vielen Regionen nimmt die Wasserknappheit zu, da die industrielle Landwirtschaft an den Wasserreserven zehrt. Aber auch die voranschreitende Urbanisierung und immer häufigere Dürren infolge des Klimawandels lassen das kostbare Gut knapp werden. „Heute tragen die Länder der Nordhalbkugel vor allem über den Agrarimport und die Ausweitung der intensiven Bewässerungslandwirtschaft erheblich zur Verschwendung und Aufzehrung wertvoller Süßwasserressourcen bei. Das muss sich ändern, gerade in sensiblen Regionen mit Wasserstress, wo mehr Wasser entnommen wird, als sich erneuert“, sagte Andrea Müller-Frank, Referentin für das Recht auf Nahrung bei Brot für die Welt.

Ein Beispiel für den enormen Wasserverbrauch für die Exportlandwirtschaft ist Brasilien, wo gerade vom 18. bis 22. März das Internationale Wasserforum abgehalten wird. Während sich dort Ministerien und multilaterale Organisationen, Wissenschaftler und die Privatwirtschaft versammeln, debattieren Kirchen, NGOs, Indigenengruppen und soziale Bewegungen beim Parallelforum Probleme wie die Privatisierung der staatlichen Wasserversorgung und Wasserknappheit. Brasilien exportiert Unmengen an Rindfleisch, Sojabohnen, Zucker, Kaffee, Baumwolle und andere Agrargüter. Nach Angaben der UNESCO verschlingt die Produktion dieser für den Export bestimmten Erzeugnisse jedes Jahr 112 Billionen Liter Süßwasser – genug, um 45 Millionen olympische Schwimmbecken zu füllen. „Eine der heftigsten indirekten Auswirkungen ist das Austrocknen vieler Flüsse und Bäche, wodurch sich die hydrographische Karte drastisch verändert. Dies ist oft unumkehrbar und verantwortlich dafür, dass viele Gemeinden nicht mehr mit Wasser versorgt werden“, sagte Bruno Pilon von der Kleinbauernbewegung Movimento dos Pequenos Agricultores. Er ist der Ansicht, dass dieses Produktionsmodell zum Scheitern verurteilt ist, da es unter anderem die Desertifikation der Böden beschleunigt. „Es ist sehr widersprüchlich, in einem Land mit den größten Wasserreserven der Welt zu leben, während dieses Produktionsmodell uns den Zugang dazu beschränkt“, kritisiert Pilon.

„Besonders stark von Wasserknappheit betroffen sind Kleinbauern. Ihre Existenz hängt davon ab, dass sie genügend Wasser bekommen“, betont auch Andrea Müller-Frank. Brot für die Welt fordert eine bessere zwischenstaatliche Zusammenarbeit in Wasser- und Ernährungsfragen. „Der Zugang zu Wasser muss international gerechter geregelt werden, um die lokale Versorgung mit Trinkwasser und damit die Ernährung langfristig zu sichern“, so Müller-Frank. Brot für die Welt sieht die internationale Gemeinschaft in der Pflicht, verbindliche Regeln zur Reduzierung des Wasserverbrauchs insbesondere in den Agrarlieferketten aufstellen. „Die Versorgung der lokalen Bevölkerung muss Vorrang haben vor der Wassernutzung für Exportgüter“, fordert Müller-Frank. (ab)

16.03.2018

Zehn Jahre Saatgutbank: 1 Million Samen lagern in der Arktis

Saatguttresor
Saatguttresor in Spitzbergen (Foto: Matthias Heyde, bit.ly/Heyde, bit.ly/ccbynd20)

Zehn Jahre ist er nun in Betrieb – der Saatgut-Tresor auf der Insel Spitzbergen in der Arktis. Seit der Eröffnung am 26. Februar 2008 wurden über eine Million Saatgutproben eingelagert – pünktlich zum 10. Jubiläum der „Arche Noah der Pflanzen“ wurde diese Marke geknackt. Die Samenbank erhielt eine Lieferung mit mehr als 76.000 neuen Saatgutproben, die im ewigen Eis zwischen dem Festland Norwegens und dem Nordpol nun für die Zukunft sicher verwahrt werden sollen. Insgesamt 1.059.646 Saatgutproben von über 5000 Pflanzenarten erreichten den tief in einem Berg liegenden Bunker und werden dort bei Minus 18 Grad gelagert. Die verschiedenen Sorten sollen so vor einem möglichen Aussterben aufgrund von Naturkatastrophen, Kriegen oder infolge des Klimawandels geschützt werden. „Es ist schlichtweg beeindruckend, dass 1 Million Saatgutproben aus aller Welt nun den Weg zum Svalbard Global Seed Vault gefunden haben“, sagte Norwegens Landwirtschaftminister Georg Dale anlässlich der Jubiläumsfeier. „Dies bestätigt die wichtige Rolle, die der Saatguttresor als weltweite Versicherung für die Lebensmittelversorgung künftiger Generationen und einer stetig wachsenden Weltbevölkerung spielt.“

Zur Zehnjahresfeier brachten Vertreterinnen und Vertreter von 23 internationalen Saatgutbanken 179 Kisten mit den 76.330 neuen Pflanzensamen nach Spitzbergen. So hatte etwa das das World Vegetable Center aus Taiwan, das Internationale Zentrum für landwirtschaftliche Forschung in Trockengebieten (ICARDA) aus dem Libanon und Marokko sowie das Internationale Kartoffelzentrum IPC aus Peru neue Saatgutproben im Gepäck. Darunter befanden sich Rücklagen von wichtigen Nutzpflanzen wie Reis, Weizen und Mais, aber auch Augenbohnen, eine wichtige Proteinquelle in Afrika und Südasien, oder Saatgutproben von Sorghum, Perlhirse und Straucherbse. Eine weniger bekannte Pflanze, von der eine „Sicherungskopie“ eingelagert wurde, ist die Bambara-Erdnuss, die ursprünglich aus Afrika stammt und sich durch eine hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber Trockenheit auszeichnet.

Norwegen hat den Saatgutbunker gebaut. Betrieben und verwaltet wird er von „NordGen“, einem Zusammenschluss von Genbanken der skandinavischen Länder und Islands. Zuständig für die Finanzierung ist der Welttreuhandfond für Kulturpflanzenvielfalt „Crop Trust“, den neben einzelnen Ländern und Stiftungen auch Unternehmen wie Bayer und Syngenta finanzieren, was dem Projekt auch Kritik von Nichtregierungsorganisationen einbrachte. Voll ist der Bunker noch lange nicht: Er hat Kapazitäten für 4,5 Millionen verschiedene Saatgutmuster. Das Saatgut, das einmal den weiten Weg nach Spitzbergen angetreten hat, bleibt in der Regel auch dort. Eine Ausnahme gab es bis dato: ICARDA musste 2015 und 2017 Saatgut aus dem Bunker zurückfordern, darunter Weizen, Lisen, Kichererbsen und andere Pflanzen, da die eigene Saatgutbank in Aleppo aufgrund des Bürgerkriegs in Syrien Schaden genommen hatte. Dank der Rücklagen in Spitzbergen konnte das ICARDA jedoch seine Forschung und Bewahrungsarbeit an den Stützpunkten im Libanon und in Marokko wieder aufnehmen und auch einige der Sorten wieder zurück nach Spitzbergen schicken. Aufgrund der Abhebung liegen insgesamt jedoch aktuell nur 967.216 Samenproben im Tresor.

„Der Svalbard Global Seed Vault ist ein Wahrzeichen für die bemerkenswerten Schutzbemühungen, die jeden Tag rund um die Uhr und den Globus stattfinden – ein Kraftakt zur Bewahrung des Saatguts für unsere Nahrungspflanzen“, sagte die Leiterin des Crop Trust, Marie Haga. „Die Bewahrung solch einer großen Bandbreite von Samen bedeutet, dass Wissenschaftler die Chance haben werden, nahrhafte und klimabeständige Pflanzen zu züchten, die gewährleisten, dass künftige Generationen nicht nur überleben, sondern dass es ihnen gut geht.“ Doch auch der Saatguttresor benötigt Schutz: 2017 ließen ungewöhnlich hohe Temperaturen den Permafrost schwinden und Wasser drang in die Gänge ein. Die Gefrierkammern, in denen das Saatgut lagert, waren nicht betroffen, doch Norwegens Regierung kündigte an, 100 Millionen Kronen in Baumaßnahmen zu stecken, um zu verhindern, dass die Arche Noah des Saatguts infolge des Klimawandels sinkt. (ab)

13.03.2018

EPA erteilt Patent auf konventionell gezüchtete Melonen

Melone
Keine Patente auf Melonen! (Foto: CC0)

Und schon wieder hat das Europäische Patentamt (EPA) ein Patent auf konventionelle Züchtung erteilt – dieses Mal auf eine Melone. Im Januar erhielt die niederländische Firma ENZA Zaden ein Patent (EP 2455475) auf Melonen mit einer erhöhten Resistenz gegenüber dem falschen Mehltau (Pseudoperonospora cubensis), wie das Bündnis „Keine Patente auf Saatgut!“ am 7. März mitteilte. Dabei handelt es sich um keine Erfindung, denn die Firma hat lediglich das Erbgut von Pflanzen nach zufälligen Mutationen durchsucht – ohne den Einsatz von Gentechnik. Das Patent beruht also auf konventioneller Züchtung und wäre somit nach europäischem Patentrecht nicht patentierbar. Doch ENZA hat bereits sechs weitere Patente auf Trauben, Gurken, Soja, Zwiebeln, Tomaten und Kartoffeln erhalten, die alle die gleichen Veränderungen im Erbgut aufweisen. „Eine einzige zufällige Mutation reicht aus, um den ganzen Gemüsegarten zu patentieren. Hier geht es offensichtlich nicht um Erfindungen, sondern um Monopolisierung der biologischen Vielfalt, die für die Züchtung der Zukunft benötigt wird“, kritisierte Christoph Then für das Bündnis. Der niederländischen Firma wirft das Bündnis vor, das Patentrecht besonders systematisch zu missbrauchen, da sie in den Allgemeinen Verkaufs- und Lieferbedingungen die Verwendung des patentierten Saatguts auf nur eine Anbausaison beschränkt. „Jeglicher Tausch, jegliche Wiederverwendung, Forschung oder weitere Züchtung ist verboten. Wer Saatgut von ENZA erwirbt, hat diese Bedingungen zu unterschreiben und ist damit automatisch in deren Patente-Falle gefangen“, warnt „Keine Patente auf Saatgut!“.

Die Praxis des EPA, auch konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere zu patentieren, sorgt schon seit Jahren für Ärger. Denn – anders als bei gentechnisch veränderten Pflanzen – sind Patente auf Pflanzen und Tiere, „die aus im Wesentlichen biologischen Verfahren“, das heißt konventioneller Züchtung, stammen, untersagt. Doch das EPA legte dies anders aus und entschied 2015 in der „Brokkoli“-Grundsatzentscheidung, dass Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere weiterhin zulässig sind, auch wenn die Züchtungsverfahren als solche nicht patentierbar sind. Aufgrund des anhaltenden Drucks der EU und der Zivilgesellschaft kam es im Juni 2017 jedoch zu einer Neuregelung des EPA-Verwaltungsrates, die besagt, dass durch konventionelle Züchtung gewonnene Pflanzen und Tiere von der Patentierbarkeit ausgeschlossen sind. Schon damals hatte „Keine Patente auf Saatgut!“ vor Schlupflöchern gewarnt. Denn nach der Neuregelung sind Pflanzen und Tiere patentierbar, bei denen genetische Veranlagungen und zufällige Mutationen identifiziert werden, die für die Züchtung wichtig sind. Und genau hier setzt das Patent für die mehltauresistenten Melonen an. Ein weiteres Beispiel sind die Patente auf Gerste und Bier für die Brauereikonzerne Carlsberg und Heineken. Die 2016 vom EPA gewährten Patente umfassen Gerstenpflanzen aus konventioneller Züchtung, ihre Verwendung im Brauverfahren sowie das daraus gebraute Bier. Die Patente basieren auf zufälligen Mutationen im Genom der Gerste. „Keine Patente auf Saatgut!“ hat bereits Einspruch gegen die Patente auf Gerste und Bier eingelegt. (ab)

08.03.2018

Frauen sind besonders stark vom Klimawandel betroffen

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Frauen im Globalen Süden produzieren den Großteil der Nahrungsmittel (Foto: CC0)

Der Klimawandel und seine Folgen verstärken die Diskriminierung von Frauen noch weiter, vor allem in ländlichen Regionen des Globalen Südens. Ihre Menschenrechte auf Nahrung und Wasser sind massiv bedroht. Darauf macht die Menschenrechtsorganisation FIAN Deutschland anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März aufmerksam. „Der Klimawandel verstärkt bestehende Mehrfachdiskriminierungen“, erläutert Gertrud Falk, Klimareferentin von FIAN. „Frauen bauen in der Regel die Nahrungsmittel für die Versorgung ihrer Familien an. Wenn die Ernten zurückgehen, stehen vor allem sie unter Druck, dies durch Mehrarbeit und Verzicht auszugleichen.“ Kleinbäuerinnen im Globalen Süden bauen 45-80 Prozent der Nahrungsmittel an und leiden daher besonders unter den Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft. Darüber hinaus sind gemäß dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) 80 Prozent der Menschen, die aufgrund des Klimawandels umsiedeln müssen, Frauen. FIAN nennt als Beispiel die Frauen der ethnischen Gruppe Garifuna in Honduras, Nachfahren westafrikanischer Sklaven. Dürren zerstören immer häufiger ihre Ernten, auch Kokospalmen und Fisch, die Grundlagen ihrer Ernährung, schwinden zunehmend. Dazu kommen noch Landvertreibungen. Viele der Frauen sehen sich dazu gezwungen, in die Städte oder in Nachbarländer abzuwandern in der Hoffnung auf eine bessere Perspektive.

Laut Weltklimarat IPCC hat der Klimawandel vor allem in den Ländern um den Äquator verheerende Folgen für die Landwirtschaft. Böden erodieren durch Dürren und Starkregen und Regenzeiten kommen nicht mehr verlässlich. In Honduras treten die Folgen bereits spürbar zutage. FIAN zitiert den Direktor des honduranischen Verbands der Produzenten von Grundnahrungsmitteln (Prograno), Dulio Medina. Dieser berichtet, dass in den letzten drei Jahren nur jeweils 450.000 Tonnen Mais geerntet wurden, während in guten Erntejahren bis zu 1,1 Millionen Tonnen erzielt werden konnten. Der Klimawandel schreitet voran und die internationale Staatengemeinschaft hat bisher nicht ausreichend darauf reagiert, kritisiert die Menschenrechtsorganisation. Deutschlands neue Regierung habe ihre früheren Klimaschutzziele sogar infrage gestellt – und das, obwohl der Weltklimarats erst jüngst davor warnte, dass die internationalen Klimaschutzmaßnahmen nicht ausreichen.

Ein weiterer Punkt, den FIAN kritisiert, ist das Fehlen von Menschen- und Gleichstellungsrechten in internationalen Klimaverträgen.„Zwar sind Staaten verpflichtet, Menschen- und Frauenrechte in allen Politikfeldern zu achten, zu schützen und zu gewährleisten. Doch weil sie bisher nicht explizit in die Klimaverträge aufgenommen wurden, stellen sie keine Kriterien für Klimaschutz- und Klimaanpassungs-Projekte sowie deren Finanzierung dar“, so Getrud Falk. Daher komme es leider auch beim Klimaschutz oft zu Menschenrechtsverletzungen, zum Beispiel durch Landvertreibungen für Staudamm- und Waldprojekte. (ab)

07.03.2018

Greenpeace fordert Halbierung des Fleisch- und Milchkonsums bis 2050

Fleisch
Fleisch: ein Produkt mit Folgen (Foto: CC0)

Die industrielle Fleischproduktion stellt die Menschheit vor enorme ökologische und gesundheitliche Probleme. So kann es nicht weitergehen, wenn wir künftigen Generationen den Planeten in einem Zustand überlassen wollen, der auch eine wachsende Weltbevölkerung nachhaltig und gesund ernähren kann, zeigt eine neue Studie von Greenpeace. Der Bericht, der aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Folgen der Produktion und des Konsums tierischer Produkte auf Umwelt und Gesundheit zusammenfasst, fordert daher eine weltweite Halbierung des Konsums von Fleisch und Milchprodukten bis zum Jahr 2050. „Der weltweite Fleisch- und Milchkonsum könnte deutlich reduziert werden“, sagte Professor Pete Smith von der University of Aberdeen im Vorwort des Berichts. Der Professor für Bodenkunde und Globalen Wandel betont, dass dies die menschliche Gesundheit verbessern, Umweltfolgen reduzieren, beim Kampf gegen den Klimawandel helfen und mehr Menschen bei geringerem Einsatz von Landflächen ernähren könnte, was auch dem Schutz der Artenvielfalt zugutekommen würde. „Nicht alle von uns müssen vegetarisch oder vegan leben – weniger und hochwertigere Fleisch- und Milchprodukte zu konsumieren leistet bereits einen wertvollen Beitrag.“

Der Bericht trägt aus aktuellen Studien eine Vielzahl von Zahlen und Fakten zusammen, so etwa zu den Treibhausgasemissionen, die dem Konsum tierischer Produkte geschuldet sind. Unser Ernährungssystem sowie landwirtschaftsbezogene Landnutzungsänderungen verursachen derzeit rund ein Viertel aller für den Klimawandel verantwortlichen Treibhausgasemissionen, schreiben die Autoren. Die Nutztierhaltung allein inklusive Landnutzungsänderungen verursacht 14% der Emissionen – genauso viel wie alle Autos, Lastwagen, Flugzeuge, Züge und Schiffe zusammen. Machen wir weiter wie bisher, werden die Treibhausgasemissionen des Ernährungssystems 2050 mehr als die Hälfte der globalen vom Menschen verursachten Emissionen ausmachen. Dann würde allein die Landwirtschaft 20,2 Milliarden Tonnen Kohlendioxidäquivalent (CO²e ) pro Jahr ausstoßen und das für 2050 anvisierte Emissionslimit von 21 Milliarden Tonnen CO²e im Alleingang erreichen. Damit würde das im Pariser Klimaschutzabkommen festgelegte Ziel, die Erderwärmung auf ein erträgliches Maß von 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, weit verfehlt.

Die Nutztierhaltung und der Anbau von Futtermitteln sind außerdem eine der Hauptursachen für die Abholzung von Regenwäldern, das Entstehen von sogenannten Todeszonen in den Meeren sowie für Gewässerverschmutzung. 80% aller Abholzungen gehen auf das Konto des Ernährungssystems, hauptsächlich durch die steigende Anzahl der Nutztiere. Doch auch Graslandschaften und Savannen müssen für Weideland und Futterproduktion weichen. 65% der weltweiten Landnutzungsänderungen zwischen 1960 und 2011 sind der Herstellung tierischer Produkte geschuldet, zitiert Greenpeace eine Studie. Die industrielle Landwirtschaft und speziell auch die Nutztierhaltung tragen maßgeblich zum Verlust der Artenvielfalt weltweit bei. Der Übergang zu einer stärker pflanzlich-basierten Ernährung könnte das bis 2060 prognostizierte Aussterberisiko mittelgroßer und großer Vogel- und Säugetierarten um rund 20 bis 40% senken, belegt eine Studie. Und auch der menschlichen Gesundheit zuträglich sein. Denn eine fleischreiche Ernährung ist weltweit einer der Hauptrisikofaktoren für vorzeitige Mortalität durch Diabetes und Krebs sowie für Herz- und Kreislauferkrankungen. „Wenn wir das Ernährungssystem rasch und systemisch neu gestalten, können wir katastrophale Klimaveränderungen und Umweltzerstörung immer noch verhindern und dabei gleichzeitig unsere Gesundheit verbessern“, sagt Philippe Schenkel von Greenpeace Schweiz.

Greenpeace fordert deshalb eine Umlagerung von Subventionen, von den industriellen Fleisch- und Milchproduzenten hin zu ökologisch produzierenden Betrieben. Dies heißt zum Beispiel keine weitere Förderung von Hühner- und Schweinemästereien sowie von Milchbetrieben, die auf einen hohen Kraftfuttereinsatz setzen. Zudem will die Organisation erreichen, dass der Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung weiter stark reduziert wird. An die Verbraucher appelliert Greenpeace, öfters zu pflanzlichen Alternativen zu greifen. Und wenn es Fleisch sein muss, sollte es von gut gehaltenen Tieren stammen. Die Studie peilt bis zum Jahr 2050 einen globalen Pro-Kopf-Verbrauch von 16 Kilogramm jährlich an, wie es auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt. Das wären auf die Woche umgerechnet 300 Gramm, bei Milchprodukten blieben noch 630 Gramm. (ab)

28.02.2018

Studie: Wildbienen stehen auf eine kleinräumige Agrarlandschaft

Bienchen
Wildbiene bei der Bestäubung (Foto: Universität Göttingen)

Wildbienen gefallen kleinräumige Agrarlandschaften, während sie großen Feldern lieber den Rücken kehren. Dies hat ein internationales Forscherteam unter der Leitung der Universität Göttingen herausgefunden. Denn je kleiner die Äcker, desto mehr Randstreifen, Hecken und andere geeignete Lebensräume stehen den Wildbienen zum Verstecken und Nisten zur Verfügung und bieten ihnen Nahrung. Für die Studie, die am 14. Februar im Fachjournal Proceedings of the Royal Society B – Biological Sciences erschienen ist, nahmen die Wissenschaftler die Präsenz von Wildbienen auf 229 landschaftlichen Flächen in vier großen Agrarregionen in Westeuropa genauer unter die Lupe. „Wir haben untersucht, ob eine höhere Heterogenität der Anbauflächen durch kleinere Felder und mehr verschiedene Feldfrüchte einen positiven Effekt hat“, so Annika Hass, Erstautorin und Doktorandin an der Universität Göttingen. Dabei betrachtete das Team, wie sich diese Faktoren auf das Auftreten von Wildbienen und die Bestäubungsleistung auswirkten.

Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass sich deutlich mehr Wildbienen auf kleineren Feldern tummelten. „Kleinere Felder führen zu mehr Feldrändern. Diese sind wichtig, da sie den Bestäubern Nistplätze und Blütenangebot bieten und auch zur Orientierung dienen können, sodass sie geeignete Lebensräume besser finden“, erläutert Annika Hass. Da mehr Wildbienen präsent waren als auf großen Vergleichsfeldern, führte dies auch zu einer verbesserten Bestäubung der angebauten Pflanzen. Für Wildbienen ist die Feldgröße offenbar sogar ausschlaggebender als die Vielfalt der Feldfrüchte. Es überraschte die Forscher, dass sich in Landschaften, in denen viele verschiedene Kulturpflanzen angebaut wurden, weniger Wildbienen aufhielten als in kleinteiligen Landschaften. „Beim Anbau vieler unterschiedlicher Pflanzen in Agrarlandschaften spielt die Auswahl der Kulturen eine große Rolle“, betont Prof. Dr. Teja Tscharntke, der die Abteilung Agrarökologie an der Uni Göttingen leitet und Mitautor der Studie ist. „Ein höherer Anteil von besonders intensiv bewirtschafteten Kulturen kann sich negativ auf Bestäuber auswirken.“

Damit Wildbienen und andere wilde Bestäuber in der Agrarlandschaft überleben können, benötigen sie ausreichend Nahrung und einen passenden Lebensraum, so die Wissenschaftler. Doch daran hakt es zunehmend. Wie eine im Fachmagazin „PLOS ONE“ im Oktober 2017 erschienene Studie zeigte, die die Gesamtmasse von Insekten in Fallen ermittelte, nahm die Zahl der Insekten in Deutschland extrem ab. Heute tummeln sich hier 76% weniger Schmetterlinge, Bienen und andere Fluginsekten als noch vor 27 Jahren. Das wirkt sich auch auf die Landwirtschaft aus, die auf die Bestäubungsleistung von Bienen, aber vor allem auch wildlebenden Insekten angewiesen ist. Viele Anbauprodukte wie Erdbeeren, Kirschen und Raps kommen ohne bestäubende Insekten nicht aus. Der Wert dieser Dienstleistungen durch wildlebende Insekten wird allein für die USA auf 57 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die Göttinger Wissenschaftler fordern daher, dass zur Erhöhung des Vorkommens wildlebender Bestäuber Maßnahmen ergriffen werden, um ihnen mehr Lebensräume außerhalb der Felder zu bieten, wie Hecken oder Kalkmagerrasen. Da die Heterogenität der Agrarlandschaften, wie sie durch kleine Äcker gefördert wird, die Bestäubung von Pflanzen stark begünstigen kann, müsse sie in künftigen Agrarumweltmaßnahmen berücksichtigt werden, so die Forscher. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass kleinräumige Agrarsysteme die Zahl der Bestäuber und die Pflanzenvermehrung fördern. Daher sollten Agrarumweltmaßnahmen darauf abzielen, den gegenwärtigen Trend von zunehmenden Feldgrößen zu stoppen und umzukehren, sowie die Anzahl der Kulturpflanzen zu reduzieren, die auf eine besonders intensive Bewirtschaftung angewiesen sind.“ (ab)

22.02.2018

Bio boomt: Ökoanbaufläche wächst 2016 weltweit um 15%

Bio
Bio boomt! (Foto: CC0)

Bio boomt kräftig: Rund um den Globus wurden 2016 rund 57,8 Millionen Hektar Land ökologisch bewirtschaftet – der globale Markt für Bioprodukte brummte mit einem Umsatz von fast 90 Milliarden US-Dollar. Dies zeigt der Bericht „The World of Organic Agriculture“, der vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und IFOAM – Organics International auf der Messe BIOFACH präsentiert wurde. Ausgewertet wurden Daten zum Ökolandbau in 178 Ländern. Die Bioanbaufläche wuchs demnach 2016 um rund 7,5 Millionen Hektar – ein Plus von 15% gegenüber dem Vorjahr. Rund 47% der Biofläche liegt mit 27,3 Millionen Hektar in Ozeanien, gefolgt von Europa mit 13,5 Millionen Hektar (23%) und Lateinamerika mit 7,1 Millionen Hektar (12%). Australien führt das Länderranking mit der größten absoluten Bioanbaufläche an (27,2 Millionen Hektar) und verweist Argentinien mit 3 Millionen und China mit 2,3 Millionen Hektar auf die Plätze. Anders sieht es bei der anteiligen Fläche aus: Hier liegt Liechtenstein mit einem Bioanteil von 37,7% an der Gesamtfläche vor Französisch-Polynesien (31,3%) und Samoa (22,4%), gefolgt von Österreich (21,9%), Estland (18,9%) und Schweden (18%). Insgesamt bringen es 15 Länder weltweit auf einen Bioflächenanteil von über 10% - ein neuer Rekord. Deutschland landete mit 7,5% Biofläche in 2016 auf Platz 23.

Weltweit gibt es dem Bericht zufolge 2,7 Millionen Bioproduzenten, davon sollen 835.000 in Indien, 210.352 in Uganda und 210.000 in Mexiko leben. Das Marktforschungsunternehmen Ecovia Intelligence schätzt den globalen Markt für Bioprodukte 2016 auf 89,7 Milliarden US-Dollar - circa 80 Milliarden Euro. Der größte Biomarkt sind die USA mit 38,9 Milliarden Euro Umsatz, es folgen Deutschland, Frankreich und China mit 9,5 bzw. 6,7 und 5,9 Milliarden Euro. Die größten Erfolge wurden in Frankreich und Irland verzeichnet – dort nahm die Nachfrage nach Bioprodukten um 22% zu. Das meiste Geld pro Kopf legten jedoch die Schweizer auf die Ladentheke: Sie ließen sich Bioprodukte 274 Euro im Jahr kosten, gefolgt von Dänemark mit 227 Euro und Schweden mit 197 Euro. In Dänemark haben Bioprodukte mit 9,7% den höchsten Marktanteil.

Auch in Deutschland befindet sich der Ökolandbau im Aufwind, wie die am 14. Februar veröffentlichten Zahlen des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) für 2017. Die deutsche Öko-Fläche vergrößerte sich demnach gegenüber dem Vorjahr um 10% auf 1.375.967 Hektar Biofläche. Damit wurde 8,2 % der gesamten Landwirtschaftsfläche von Bio-Bauern bewirtschaftet. „2017 stellten jeden Tag durchschnittlich fünf Bauern eine Landwirtschaftsfläche von etwa 500 Fußballfeldern auf Bio um“, so Peter Röhrig, Geschäftsführer des BÖLW. Es kamen 2.042 neue Betriebe dazu, insgesamt sind es nun in Deutschland 26.855 Höfe oder 8,6% mehr als im Vorjahr. Nun sei es wichtig, dass sowohl in Deutschland als auch auf EU-Ebene „das große Potential für Bio vom Acker bis zum Teller für einen nachhaltigen Umbau von Ernährung und Landwirtschaft“ genutzt werde. Der BÖLW-Vorsitzende Felix Prinz zu Löwenstein rief die gesamte künftige Bundesregierung zum „Zupacken“ auf, da viele Ressorts gemeinsam bestimmten, wie Landwirtschaft, Handel und Ernährung in Zukunft gestaltet werde. Er hob lobend hervor, dass im Koalitionsvertrag mit 2030 endlich ein konkretes Zieldatum gesetzt wird, bis wann ein Bioflächenanteil von 20% erreicht sein soll. Doch auch auf EU-Ebene muss gehandelt werden: „Die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik muss darauf ausgerichtet werden, mit den Steuergeldern stärker die Bauern zu unterstützen, die Umwelt, Tiere, Gewässer, Artenvielfalt und Klima schützen“, fordert Löwenstein. (ab)

19.02.2018

Vielfalt im Rampenlicht: Rote Emmalie zur Kartoffel des Jahres gekürt

Rote
Rote Emmalie (Foto: www.kartoffelvielfalt.de)

Sie heißt „Rote Emmalie“ und ist 2018 die Königin der Kartoffeln. Die längliche Sorte mit dem rötlichen Fruchtfleisch und dem würzigen Geschmack wurde letzte Woche auf der Messe Biofach in Nürnberg zur tollsten Knolle des Jahres gekürt. Mit der Auszeichnung soll auf die Kartoffelvielfalt aufmerksam gemacht werden, die zunehmend in Vergessenheit zu geraten droht, da in Supermarktregalen nur noch ein schmales Sortiment von Standard-Sorten angeboten wird. Gezüchtet wurde die „Rote Emmalie“, eine vorwiegend festkochende Sorte, vom niedersächsischen Bio-Kartoffelzüchter Karsten Ellenberg. Sie ist eine Kreuzung aus den Sorten „La Ratte“, „Baltica“, „Highland Burgundy Red“ und der alten peruanischen Landsorte „Huamantango“. Die rötliche Färbung ist dem Pflanzenfarbstoff Anthocyan zu verdanken, der in ähnlicher Form auch in Erdbeeren und Himbeeren vorkommt.

Ellenberg, der in der Lüneburger Heide seit 20 Jahren Kartoffeln züchtet und auf rund 80 Hektar über 100 Sorten anbaut, hat sich bereits mit seiner Rettungsaktion für die Kartoffelsorte Linda einen Namen gemacht. Als der Konzern „Europlant“ sie 2005 kurz vor Ablauf der Sortenschutzzeit vom Markt nehmen wollte, was für Bauern bedeutet hätte, dass sie Linda nicht mehr als Pflanzkartoffel hätten weitervermehren dürfen, gründete Ellenberg einen Freundeskreis zur Rettung der Sorte. Nach Jahren des Rechtsstreits erwirkten die Linda-Fans auch in Deutschland eine Neuzulassung der Kartoffel durch das Bundessortenamt. „Ich möchte selbst entscheiden, was ich anbauen und verkaufen will. Da möchte ich mir nichts von Saatgutkonzernen vorschreiben lassen“, sagte Ellenberg der Osnabrücker Zeitung. Es sei nicht hinnehmbar, dass bewährten Sorten vom Markt verschwinden, nur weil die Industrie keinen Gewinn mehr damit erzielen könne. „Es gibt in Europa noch etwa tausend zugelassene Sorten, aber auf dem Markt sind nur eine Handvoll.“ Denn dem Handel gehe es nicht darum, möglichst viele Sorten im Angebot zu haben, sondern vor allem billige.

Gewählt wurde die „Rote Emmalie“ von Vertretern des Arbeitskreises „Kartoffel des Jahres“, dem unter anderem der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und der Anbauverband Bioland angehören. Zur Wahl stehen nur Kartoffelsorten, die ohne Gebühren nachgebaut werden können. Verkündet wurde die Gewinnerkartoffel von der indischen Umwelt- und Saatgutaktivistin Vandana Shiva. „Es ehrt mich, die Kartoffel des Jahres küren zu dürfen. Ich habe in den mehr als 50 Jahren, in denen ich als Wissenschaftlerin arbeite, realisiert, dass sich jedes lebendige System mit Intelligenz weiterentwickelt“, sagte sie auf der Preisverleihung. „Und ich ehre die Züchter, die dazu beigetragen haben, die einzige Wissenschaft zu betreiben, die den Namen Pflanzenzucht verdient, und das ist die Arbeit mit der Intelligenz der Natur, mit der Biodiversität, die wir erhalten haben“, sagte Shiva mit einem Seitenhieb auf die einstigen Bemühungen von Konzernen, mithilfe von Gentechnik Kartoffeln zu züchten, die z.B. mit einem erhöhten Stärkegehalt als Industrierohstoff dienen sollen. „Wir ehren heute die Vielfalt, die von der Roten Emmalie verkörpert wird“, fügte die Aktivistin hinzu. Ellenberg bedankte sich bei Shiva dafür, dass sie vor 10 Jahren auf der Abschlussveranstaltung der Slow-Food-Messe Terra Madre in Turin vor tausenden Menschen aus aller Welt zur Rettung der Linda aufgerufen und so dem Bestreben Sichtbarkeit verliehen hatte. „Wir kümmern uns weiter um die Vielfalt“, kündigte Ellenberg an. (ab)

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