Nachrichten

16.10.2019 |

Diskriminierung von Frauen bremst Überwindung des Hungers

Frau
Frauen spielen eine zentrale Rolle für die Welternährung (Foto: CC0)

Sei es beim Anbau, der Ernte, der Zubereitung oder dem Konsum von Nahrung - Frauen spielen eine zentrale Rolle in den globalen Ernährungssystemen. Doch ihre Diskriminierung verhindert vielerorts die Überwindung von Armut und Hunger und sorgt dafür, dass Frauen überdurchschnittlich stark von Hunger betroffen sind. Darauf macht das neue Jahrbuch zum Recht auf Nahrung aufmerksam, das anlässlich des Welternährungstages am 16. Oktober veröffentlicht wird und zu dem das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt und die Menschenrechtsorganisation FIAN als Mitherausgeber eine deutsche Kurzzusammenfassung veröffentlicht haben. „Frauen werden in vielen Ländern in Bezug auf Bildung, Landrechte, Einkommen oder politische Teilhabe diskriminiert“, sagt Philipp Mimkes, Geschäftsführer von FIAN Deutschland. „Ihre tragende Rolle in den Ernährungssystemen bleibt in der Regel im Hintergrund. Zudem sind Frauen oftmals systemischer Gewalt ausgesetzt – insbesondere, wenn sie Unternehmensinteressen oder autoritären Regierungen in die Quere kommen.“

Die Zahl der Menschen, die unter Hunger und „mittlerer oder schwerer Ernährungsunsicherheit“ leiden, ist zwischen 2014 und 2018 um 300 Millionen auf über zwei Milliarden gestiegen. Weltweit weiß nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO beinahe jeder vierte Mensch nicht, ob es am nächsten Tag Zugang zu ausreichend und qualitativ guter Nahrung geben wird. Frauen und Mädchen leiden besonders stark darunter. „Wegen mangelnder politischer Teilhabe, fehlender rechtlicher Gleichstellung und Diskriminierung beim Zugang zu Land und anderen Ressourcen sind Frauen viel stärker von Ernährungsunsicherheit betroffen als Männer“, so Bernhard Walter, Ernährungsexperte von Brot für die Welt. Doch Frauen organisieren sich in vielen Ländern gegen alle Widerstände, wie das diesjährige Jahrbuch in eindrücklicher Weise aufzeigt. Beispiele aus Mali und Indien demonstrieren, wie Frauen nahrhafte Lebensmittel sozial und ökologisch gerecht anbauen; in den Straßen Brasiliens demonstrieren sie beim „Marsch der Gänseblümchen“ gegen Gewalt im Agrarsektor; Migrantinnen von Mittel- nach Nordamerika verbünden sich gegen Gewalt und Hunger; in Nordsyrien bauen Frauen-Kooperativen gemeinsam Lebensmittel an. Und nicht zuletzt drängen Frauen beim Welternährungsrat der Vereinten Nationen in Rom darauf, dass internationale Entscheidungen ihre Belange berücksichtigen. (ab)

07.10.2019 |

Sinkende Grundwasserspiegel gefährden Ökosysteme weltweit

WAsser
Bewässerung - oft mit Grundwasser (Foto: CC0)

Das übermäßige Abpumpen von Grundwasser für die Bewässerung in der Landwirtschaft gefährdet Süßwasser-Ökosysteme rund um den Globus. Eine im Fachjournal „Nature“ veröffentlichte Studie warnt, dass in Regionen, in denen seit den 1960er Jahren regelmäßig Grundwasser abgepumpt wird, bis 2050 mit ernsten ökologischen Schäden zu rechnen sein wird. Die Wissenschaftler der Universität Freiburg, Uni Utrecht und der Universität von Victoria/Kanada nutzten ein hydrologisches Modell, mit dem sich die Strömung des Grundwassers zu Bächen, Flüssen und Seen in Zeiten geringen Niederschlags berechnen lässt. „Wenn wir in den nächsten Jahrzehnten weiter so viel Grundwasser fördern wie bisher, wird in Zukunft auch für Regionen in Süd- und Mitteleuropa wie Portugal, Spanien und Italien sowie in den nordafrikanischen Ländern ein kritischer Punkt erreicht“, erläutert die Hydrologin Dr. Inge de Graaf von der Uni Freiburg. Gefährdet seien darüber hinaus auch Gebiete, in denen die Grundwasserressourcen bisher zwar relativ konstant geblieben seien, die Flüsse aber dennoch nicht mehr in der Lage sind, die Ökosysteme gesund zu erhalten.

„Wenn der Grundwasserspiegel sinkt, fließt weniger Grundwasser in die Flüsse, die Richtung verändert sich oder der Abfluss stoppt ganz, wodurch die Strömung abnehmen wird, was verheerende Auswirkungen auf die aquatischen Ökosysteme haben kann“, schreiben die Autoren. „Betroffen sind schon jetzt der Mittlere Westen der USA und das Indus-Becken-Projekt zwischen Afghanistan und Pakistan“, sagt de Graaf. Wenn die übermäßige und nicht nachhaltige Grundwassersförderung künftig andauert, wird dies bis Mitte des Jahrhunderts fatale Folgen für Flüsse, Seen und Feuchtgebiete haben. Die Forscher nutzten verschiedene Modelle zu künftigen Niederschlagsmustern, die von trockenen bis hin zu feuchten Klimaprognosen reichen. Demnach werden bis 2050 etwa 79% der Regionen mit Grundwasserförderung ihre Grenzwerte erreicht haben, wenn von einem sehr trockenen Klima ausgegangen wird. Selbst bei einem optimistischen Szenario mit mehr Niederschlägen wäre in 42% der Regionen mit Grundwasserförderung der Kipppunkt erreicht und die Süßwasserökosysteme würden Schaden nehmen. „Der Klimawandel wird diese Entwicklung eventuell noch beschleunigen, da wir weniger Niederschläge erwarten, was die Entnahme von Grundwasser zusätzlich erhöht und bereits trockene Gebiete ganz austrocknen lässt“, erklärt de Graaf.

In den letzten 50 Jahren haben Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Entwicklung zu einem gewaltigen Anstieg des Süßwasserbedarfs geführt, vor allem für die Bewässerung von Nutzpflanzen. „Etwa 70% des abgepumpten Grundwassers weltweit wird für die Bewässerung verwendet“, so die Wissenschaftler. Fast die Hälfte der Bewässerung in der Landwirtschaft ist von Grundwasser abhängig. Das Problem ist, dass vielerorts mehr Wasser entnommen wird, als durch Regenfälle wieder ausgeglichen werden kann. „Sinkt der Grundwasserspiegel, steigen die Förderkosten, was zu einem Anstieg der Lebensmittelpreise führen kann. Wenn Brunnen austrocken, kann dies die Ernährungssicherheit vor Ort oder auf globaler Ebene gefährden“, warnen die Autoren. Der Studie zufolge wird in den USA Grundwasser für die Bewässerung in der Landwirtschaft bereits aus bis zu 300 Meter tiefen Brunnen geholt. Weltweit drohen Flussbetten auszutrocknen, gerade in den Regionen, in denen seit Jahren und Jahrzehnten Grundwasser gefördert wird. Für die Ökosysteme hat dies dramatische Folgen: „Es ist ziemlich klar, dass Fische und Pflanzen sterben, wenn sich kein Wasser mehr im Fluss befindet“, sagte de Graaf der Nachrichtenagentur AFP. Auffallend sei, wie empfindlich Süßwasserökosysteme auf einen selbst relativ geringen Abfall des Grundwasserspiegels reagierten. „Die Ergebnisse zeigen, dass das Ausmaß der Grundwasserförderung oft erst Jahrzehnte später spürbar wird.“ Eine Lösung liege in einer nachhaltigen Wassernutzung in der Landwirtschaft. (ab)

25.09.2019 |

IPCC: Gletscherschmelze trifft Bauern und indigene Völker besonders hart

Peru
Kartoffelbauer in den Anden Perus deutet auf einst eisbedeckte Gipfel (Foto: A. Beck)

Schmelzende Gletscher und steigende Meeresspiegel: Der Klimawandel wird fatale Folgen für die Menschheit und Ökosysteme haben, wenn die Politik nicht rasch handelt. Und verletzliche Gruppen, wie arme Menschen, Bauern und indigene Völker, wird es besonders hart treffen. Das verkündet der Weltklimarat IPCC in seinem am 25. September vorgestellten Sonderbericht. Rund 130 Forscher aus 36 Ländern hatten dafür 7000 wissenschaftliche Studien ausgewertet. Die Zusammenfassung des Berichts, der sich mit dem Ozean und der Kryosphäre (alle Formen von Eis inklusive Gletscher, Meereis und Permafrostböden) befasst, wurde von den 195 IPCC-Mitgliedsstaaten Zeile für Zeile verabschiedet wurde. „Die Ozeane, die Arktis, die Antarktis und die Hochgebirgsregionen scheinen für manche Menschen weit weg“, betonte der Vorsitzende des Weltklimarates, Hoesung Lee. „Aber wir sind auf viele Arten abhängig von ihnen und werden von ihnen beeinflusst - direkt oder indirekt - sei es durch das Wetter und Klima oder bei Nahrung und Wasser, Energie, Handel, Verkehr, Erholung und Tourismus, Gesundheit und Wohlbefinden, Kultur und Identität.“

Der Bericht liefert neue Belege für die Vorteile einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf ein möglichst niedriges Niveau. „Wenn wir die Emissionen stark reduzieren, werden die Folgen für die Menschen und ihre Lebensgrundlagen immer noch herausfordernd sein, aber für die am stärksten gefährdeten Menschen potenziell überschaubarer“, sagte Lee. Dem Bericht zufolge sind alle Menschen auf der Erde direkt oder indirekt vom Ozean und der Kryosphäre abhängig. Insgesamt 670 Millionen Menschen leben in Hochgebirgsregionen, darunter viele indigene Völker. 680 Millionen Menschen in tiefer gelegenen Küstenzonen sind direkt von diesen Systemen abhängig. Vier Millionen Menschen leben dauerhaft in der Arktis und auf kleinen Inseln gelegene Entwicklungsländer sind die Heimat von 65 Millionen Menschen. „Die Ozeane und Kryosphäre der Welt haben jahrzehntelang die Hitze des Klimawandels gebremst und daher sind die Konsequenzen für Natur und Menschheit massiv“, erklärt Ko Barrett, Vize-Vorsitzende des IPCC. „Die schnellen Veränderungen im Meer und in den gefrorenen Teilen unseres Planeten zwingen Menschen – von den Küstenstädten bis hin zu abgelegenen Gemeinden in der Arktis – ihre Lebensweise grundlegend zu verändern.“

Der Weltklimarat warnt vor einer beschleunigten Eisschmelze: Schon jetzt schwinden Gletscher, Schneedecken, Meereis und Permafrostböden. Kleinere Gletscher in Europa, Ostasien und den tropischen Anden sowie in Indonesien könnten Prognosen zufolge, die von einem Szenario mit hohen Emissionen ausgehen, bis zum Jahr 2100 mehr als 80% ihrer aktuellen Eismasse verlieren. Auch das arktische Meereis wird immer dünner. Wenn die globale Erwärmung auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzt werden könnte, wäre die Arktis jedoch nur einmal in 100 Jahren im September, dem am stärksten betroffenen Monat, eisfrei. Bei einer Erderwärmung um 2 Grad könnte dies alle drei Jahre geschehen. Der Anstieg der Meeresspiegel hat sich weiter beschleunigt. Während der globale Meeresspiegel im 20. Jahrhundert um etwa 15cm zunahm, steigt er jetzt mit 3,6 mm pro Jahr doppelt so schnell. Auch hier hängt das künftige Ausmaß davon ab, wie stark der Ausstoß von Treibhausgasen begrenzt wird. Bei einer starken Reduzierung wird der Meeresspiegel bis 2100 um 30-60 cm steigen, doch wenn die Emissionen weiter stark ansteigen, droht ein Anstieg von 60-110 cm. Auch das Tempo der Meereserwärmung hat sich seit 1993 mehr als verdoppelt. Die Erwärmung und Versauerung der Ozeane und ein veränderter Sauerstoff- und Nährstoffgehalt machen marinen Ökosystemen bereits heute zu schaffen, doch die Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenarten sowie die von diesen Ökosystemen lebenden Menschen werden sich künftig verstärken.

Zu den Folgen für die Menschen schreibt der IPCC: „Die Ernährungs- und Wassersicherheit wurde durch Veränderungen bei der Schneedecke, dem Eis in Seen und Flüssen und dem Permafrost in vielen arktischen Regionen negativ beeinflusst.“ Für Menschen, deren Lebensgrundlage vom Jagen, Sammeln, Fischen und Hirtendasein abhängen, wurde der Zugang zu Nahrung erschwert und die kulturelle Identität der Arktisbewohner beeinträchtigt. Der Gletscherrückgang und Veränderungen bei Schneedecken haben zudem zu einer Verringerung der landwirtschaftlichen Erträge in einigen Hochgebirgsregionen, darunter der Hindukusch-Himalaya-Region und in den tropischen Anden, geführt. Das Schmelzen der Gletscher führt dazu, dass Bauern ihre Wasserquellen verlieren und die Bodenfeuchte abnimmt – auch in tiefergelegenen Gebieten, die von Schmelzwasser abhängig sind.

In den ländlichen Gemeinden in Hochgebirgen, die ohnehin schon stark von Armut betroffen sind, sind die Folgen fatal. Der Bericht führt etwa die Andenregion Perus als Beispiel an, wo die Gletscherschmelze in der Gebirgskette Cordillera Blanca Landwirte und die Bevölkerung vor Ort vor große Herausforderungen stellt. Seit 1970 sind die Gletscher in Peru aufgrund des Klimawandels um 40% geschrumpft. Der Klimawandel trifft in der Cordillera Blanca vor allem Menschen, denen es an Geld und Ressourcen, politischem Einfluss und Zugang zu Bildung und Gesundheit mangelt und deren Möglichkeiten, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen, begrenzt sind. Anpassung erfordert die Ausbildung von Fähigkeiten bei Einzelpersonen und Gemeinschaften und erhebliche finanzielle Mittel, betont der Weltklimarat. In Richtung Politik senden die Wissenschaftler eine klare Botschaft: Schnelles Handeln muss absolute Priorität haben. „Die Ermöglichung von Klimaresilienz und nachhaltiger Entwicklung hängt entscheidend von dringender und ehrgeiziger Emissionsreduktion in Verbindung mit koordinierten anhaltenden und zunehmend ehrgeizigen Anpassungsmaßnahmen ab“, lautet eine der Hauptbotschaften des Berichts. (ab)

20.09.2019 |

Vogelsterben: In Nordamerika sind seit 1970 ein Drittel der Vögel verschwunden

Vogel
Bald allein auf weiter Flur? (Foto: CC0)

In Nordamerika ist die Zahl der Vögel in den letzten 50 Jahren um fast ein Drittel zurückgegangen. Das vermelden Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts Science. Der Studie zufolge gibt es in den USA und Kanada fast drei Milliarden Vögel weniger als noch im Jahr 1970 – ein Rückgang um 29%. Die Wissenschaftler warnen vor einer ökologischen Krise. „Es ist ein starkes Anzeichen dafür, dass unsere vom Menschen veränderten Landschaften der Vogelwelt keinen Lebensraum mehr bieten“, sagte der Hauptautor der Studie, der Ornithologe Ken Rosenberg von der Cornell University. „Und das ist ein Indikator für einen bevorstehenden Zusammenbruch der gesamten Umwelt.“ Der Rückgang der Vogelzahlen zeigt sich in allen Lebensräumen, am stärksten betroffen sind jedoch die in Feld- und Wiesenlandschaften lebenden und brütenden Vogelarten. Hier gibt es 53% weniger Vögel als noch 1970 beziehungsweise 700 Millionen Tiere weniger bei den 31 untersuchten Vogelarten. Aber auch in den Nadelwäldern nahm die Zahl der Vögel deutlich ab. Selbst bei Generalisten, die in mehreren Lebensräumen klarkommen, bestätigte sich der Abwärtstrend.

Als Hauptgrund für den Rückgang der in Feld- und Wiesenlandschaften lebenden Vögel nennt die Studie das Verschwinden von Wiesen, die Ausdehnung von Ackerland sowie den zunehmenden Einsatz von Pestiziden, wodurch die Insekten getötet werden, die den Vögeln als Nahrung dienen würden. „Wir sehen das Gleiche auf der ganzen Welt geschehen, die Intensivierung der Landwirtschaft und Landnutzungsänderungen üben Druck auf diese Vogelpopulationen aus“, sagte Rosenberg gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. „Heute sieht man Maisfelder, die sich bis zum Horizont erstrecken. Alles ist keimfrei und mechanisiert, für Vögel, Wildtiere und Natur ist kein Platz mehr.“ Die Wissenschaftler schreiben: „Die Intensivierung in der Landwirtschaft und Urbanisierung sind mit einem Rückgang der Insektenvielfalt und Insektenbiomasse verbunden, was kaskadenhafte Auswirkungen auf Vögel und andere Insektenfresser hat. Da Vögel eine der am besten überwachten Tierarten sind, stellen Vögel möglicherweise auch die Spitze des Eisbergs dar, was auf ähnliche oder größere Verluste in anderen taxonomischen Gruppen hindeutet.“ Aber auch der Klimawandel und Katzen als Hauptfeind der Vögel tragen laut Ornithologen zum Vogelsterben bei.

Für die Studie kombinierte das Team von sieben Forschungseinrichtungen in den USA und Kanada zwei Datenquellen. Zum einen wurden Erhebungen ausgewertet, die jedes Frühjahr während der Brutzeit von Tausenden von Freiwilligen nach einer identischen Methodik seit 1970 durchgeführt wurden. Zum anderen wurden Daten von 143 Radarstationen genutzt, die die Vogelschwärme während der nachts stattfindenden Zugbewegungen erkennen können. Die Ergebnisse zeigen, dass die häufig vorkommenden Vogelarten am stärksten bedroht sind. Mehr als 90% Prozent der Verluste stammen aus 12 Vogelfamilien, darunter Spatzen, Amseln, Grasmücken und Finken. „Wir wollen, dass die gewöhnlichen Vögel weitverbreitet bleiben und wir schaffen nicht einmal das“, sagt Mitautor Peter Marra. „Setzt man dies in Kontext mit anderen Rückgängen, die wir beobachten – von Insekten bis hin zu Amphibien – deutet es darauf hin, dass ein Kollaps des Ökosystems vonstattengeht, der uns alle beunruhigen sollte. Dies zeigt uns, dass unsere Umwelt nicht gesund ist. Nicht für Vögel, und wahrscheinlich auch nicht für Menschen.“ Die Autoren betonen, dass ihre Ergebnisse ein deutliches Signal dafür sind, dass dringend die anhaltenden Bedrohungen durch Lebensraumverluste und landwirtschaftliche Intensivierung angegangen werden müssen, die sich durch den Klimawandel noch verschärfen werden. Nur so könne der anhaltende Verlust der biologischen Vielfalt und ein möglicher Zusammenbruch der kontinentalen Vogelwelt verhindert werden. (ab)

19.09.2019 |

Jeden Tag sterben immer noch 15.000 Kinder unter fünf Jahren

Kind
In Subsahara-Afrika ist die Kindersterblichkeit besonders hoch (Foto: CC0)

Auch wenn weltweit immer noch Millionen Kinder ihren fünften Geburtstag nicht erleben, hat es in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte bei der Verringerung der Kindersterblichkeit gegeben. Die Zahl der Todesfälle bei Kindern unter 5 Jahren sank 2018 auf 5,3 Millionen – ein Rückgang um mehr als die Hälfte im Vergleich zu 12,5 Millionen im Jahr 2000. Das ist die Botschaft eines neuen Berichts unter Federführung des UN-Kinderhilfswerks UNICEF und der Weltgesundheitsorganisation WHO. Laut dem diesjährigen „Levels and Trends in Child Mortality“-Bericht überleben heute mehr Frauen und ihre Kinder weltweit als jemals zuvor: Seit 2000 sind die Todesfälle von Kindern fast um die Hälfte zurückgegangen und die Todesfälle von Müttern um über ein Drittel, vor allem durch verbesserten Zugang zu bezahlbarer und guter Gesundheitsversorgung. Jedoch starben 2018 an jedem Tag im Schnitt 15.000 Kinder unter fünf Jahren. „Es ist insbesondere nicht hinnehmbar, dass diese Kinder und Jugendlichen weitgehend an vermeidbaren oder behandelbaren Ursachen wie Infektionskrankheiten oder Verletzungen sterben, wenn wir über die Mittel verfügen, um diese Todesfälle zu verhindern“, schreiben die Autoren in der Einleitung des Berichts. Die Sterblichkeitsrate bei den unter Fünfjährigen sank auf 39 Fälle pro 1.000 Lebendgeburten, ein Rückgang um 49% gegenüber 76 Todesfällen im Jahr 2000.

„Trotz Fortschritten bei der Bekämpfung von Kinderkrankheiten sind Infektionskrankheiten nach wie vor eine der häufigsten Todesursachen für Kinder unter 5 Jahren, insbesondere in Subsahara-Afrika und in Südasien“, heißt es im Bericht. Eine Lungenentzündung bleibt mit 15% der Todesfälle weltweit die häufigste Todesursache bei Kindern unter 5 Jahren. Durchfall (8%) und Malaria (5%) sowie Lungenentzündung machten 2018 fast ein Drittel der weltweiten Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren aus. „Mangelernährte Kinder, insbesondere solche mit schwerer akuter Unterernährung, haben ein höheres Todesrisiko durch diese häufigen Kinderkrankheiten. Ernährungsbedingte Faktoren tragen zu etwa 45 Prozent der Todesfälle bei Kindern unter 5 Jahren bei“, warnt der Bericht. Die Schätzungen zeigen auch große Ungleichheiten weltweit, wobei Frauen und Kinder in Afrika südlich der Sahara ein höheres Todesrisiko haben als in allen anderen Regionen. Das Risiko der Müttersterblichkeit ist für Frauen in Afrika südlich der Sahara fast 50 Mal höher als in Ländern mit hohem Einkommen. Im Jahr 2018 starb eines von 13 Kindern in Afrika südlich der Sahara vor seinem fünften Geburtstag – das ist eine 15 Mal höhere Rate als das Risiko, dem ein Kind in Europa ausgesetzt ist, wo nur eines von 196 Kindern im Alter von weniger als fünf Jahren stirbt.

2015 haben die Vereinten Nationen die 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) verabschiedet. Im SDG 3 nahmen sich die Regierungen vor, bis 2030 die Kindersterblichkeit in jedem Land der Welt unter 25 pro 1.000 Lebendgeburten zu senken. Die weltweite Müttersterblichkeit soll auf unter 70 je 100.000 Lebendgeburten gesenkt werden. Die Welt wird dieses Ziel um mehr als 1 Million Menschenleben verfehlen, wenn der aktuelle Trend sich fortsetzt und die Fortschritte nicht verstärkt werden. Dabei könnten die Todesfälle bei Müttern und Kindern leicht vermieden werden. „Erfahrene Helferinnen und Helfer, die Mütter und Babys rund um die Geburt betreuen, zusammen mit sauberem Wasser, richtiger Ernährung, einfachen Medikamenten und Impfungen können den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Wir müssen alles Nötige tun, um in eine Gesundheitsversorgung für alle zu investieren und diese wertvollen Leben zu retten“, forderte UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. (ab)

11.09.2019 |

Weltweite Gentechnikanbaufläche verzeichnet kaum Zuwachs

SOja
Soja: führende Gentechnikpflanze (Foto: CC0)

Weltweit wurden 2018 auf 191,7 Millionen Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut. Das vermeldet zumindest die als gentechnikfreundlich geltende Organisation „International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications“ (ISAAA) in ihrem Ende August veröffentlichten Jahresbericht. Die Fläche legte 2018 im Vergleich zum Vorjahr lediglich um 1% zu. Mit 91% der globalen Anbaufläche entfiel der Löwenanteil 2018 auf gerade einmal fünf Länder: Die USA führen mit 75 Millionen Hektar, gefolgt von Brasilien mit 51,3 Millionen Hektar, Argentinien (23,9 Mio. Hektar), Kanada (12,7 Mio. Hektar) und Indien (11,6 Mio. Hektar). Im einstelligen Millionen-Bereich folgen Paraguay, China, Pakistan, Südafrika, Uruguay und Bolivien.

In Brasilien vergrößerte sich die Gentechnik-Anbaufläche im letzten um 2% bzw. eine Million Hektar und auch in Argentinien gab es einen Zuwachs um 1,3% bzw. 309.540 Hektar. In Kanada hingegen ging die Fläche um etwa 3% zurück. In Asien wuchs die Gentechnikanbaufläche in Indien um 2% und in China um 4%, während in Pakistan ein Rückgang um 7% verzeichnet wurde. In der Europäischen Union, wo in Spanien und Portugal der Gentech-Mais MON 810 angebaut wird, schrumpfte die Fläche seit 2017 um 8%. Insgesamt wuchs Gentechnik-Mais in der EU auf einer Fläche von 120.990 Hektar, wovon 95% auf Spanien entfielen. Die ISAAA, zu deren Sponsoren die Agrarindustrie-Vereinigung CropLife International gehört, die Unternehmen wie BASF, Bayer und Syngenta vertritt, stellt in ihrem Bericht bedauernd fest, dass die Akzeptanz von Gentechnik-Pflanzen in der EU noch weit davon entfernt sei, sich zu verbessern. Es zeichne sich eine geringere Bereitschaft ab, Gentechnik-Mais anzupflanzen, da der Markt Rohstoffe ohne Gentechnik verlange.

Auf globaler Ebene bleibt die wichtigste Gentechnik-Pflanze Soja, die mit 95,9 Millionen Hektar gut die Hälfte der Gentechnik-Anbaufläche ausmacht, gefolgt von Mais (58,9 Mio. ha), Baumwolle (24,8 Mio. ha) und Raps (10,1 Mio. ha). Den ISAAA-Zahlen zufolge wuchs 2018 auf 78% der Sojafelder Gentechnik-Soja gegenüber 77% im Vorjahr. Der Anteil der Gentechnik-Baumwolle fiel von 80% auf 76% und beim Mais sind nur noch 30% statt 32% gentechnisch verändert. Beim Raps standen 2018 auf etwa 29% der Anbaufläche gentechnisch veränderte Pflanzen - 1% weniger als noch 2017. Auch wenn das häufigste Merkmal mit 46% der Gentechnik-Anbaufläche immer noch die Herbizidtoleranz ist, geht der Trend zu kombinierten Merkmalen, den sogenannten stacked traits. Der Anteil der Pflanzen, die sowohl gegen Herbizide resistent sind als auch ein Insektengift produzieren, wuchs um 4% und herrscht damit auf 42% der Gentechnik-Felder vor.

Wie jedes Jahr lobt die ISAAA die Errungenschaften der Gentechnik in den höchsten Tönen: Sie leiste einen enormen Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel und zur Hungerbekämpfung. Der Einsatz von Herbiziden und Insektiziden soll im Zeitraum 1996 bis 2016 dank der Gentechnik um 8,4% zurückgegangen sein. Die Artenvielfalt sei bewahrt worden, da 183 Millionen Hektar Land aufgrund des Pestizideinsatzes nicht gepflügt bzw. aufgrund des höheren Ertrags von Gentechnik-Pflanzen gar nicht erst bewirtschaftet werden mussten. Und zudem hätte sich in Entwicklungsländern dank Gentechnik das Einkommen von 16-17 Millionen Kleinbauern verbessert, die so Hunger und Armut hätten entrinnen können, rechnet ISAAA vor. Egal ob man den Zahlen Glauben schenken mag oder nicht – die gute Nachricht ist, dass immer noch mindestens 86,3% der weltweiten Ackerfläche von 1,39 Milliarden Hektar und 97,1% der 4,8 Milliarden Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche weiterhin gentechnikfrei sind! (ab)

06.09.2019 |

Klimawandel: Südeuropas Landwirtschaft drohen harte Zeiten

Duerre2
Sinkende Erträge in Südeuropa (Foto: CC0)

Der Klimawandel wird die europäische Landwirtschaft hart treffen – vor allem in Südeuropa, wo Landwirte in manchen Gegenden möglicherweise den Anbau von Lebensmitteln künftig ganz aufgeben müssen. Davor warnt die Europäische Umweltagentur (EUA) in einem diese Woche veröffentlichten Bericht. Demnach wird sich der Klimawandel negativ auf die Menge, Qualität und die Preise von Agrarerzeugnissen auswirken und damit auch auf das Einkommen der Landwirte und den Wert von Agrarflächen in Europa. „Aufgrund des Klimawandels werden weltweit neue Rekorde aufgestellt und die negativen Folgen dieser Veränderung beeinträchtigen bereits die landwirtschaftliche Produktion in Europa, insbesondere im Süden“, sagte EUA-Exekutivdirektor Hans Bruyninckx. Den Bauern bereiten Extremwetterereignisse und Hitzewellen in vielen Teilen der EU schon heute erhebliche wirtschaftliche Einbußen – doch das sei erst der Anfang.

Zwar bringe der Klimawandel künftig für einige Teile Europas positive Aspekte mit sich, wie längere Vegetationsperioden und besserer Bedingungen für bestimmte Pflanzen, doch davon profitieren vorrangig Landwirte in einigen Teilen Nordeuropas. Dem Bericht zufolge werden die prognostizierten Klimabedingungen bis zum Jahr 2050 zu steigenden Erträgen für Getreide (z.B. Weizen, Mais und Gerste) sowie Wurzel- und Knollenfrüchte, wie Zuckerrüben und Kartoffeln, führen. Auch der Olivenanbau könnte sich in den nächsten Jahrzehnten aus dem Mittelmeerraum allmählich weiter nach Norden verlagern. Doch bessere Anbaubedingungen im Norden werden bei Weitem durch die Verluste zunichte gemacht, die dem Süden Europas durch Extremwetterereignisse und sinkende Produktivität drohen. Prognosen gehen davon aus, dass die Erträge von nicht bewässerten Kulturen wie Weizen, Mais und Zuckerrüben bis 2050 in Südeuropa um bis zu 50% sinken werden. In Europa könnte sich der durch den Klimawandel verursachte wirtschaftliche Schaden für die Landwirtschaft bis 2050 auf etwa 16% belaufen, wobei dieser regional sehr unterschiedlich ausfallen werde.

Darüber hinaus droht der Wert von Agrarflächen in Teilen Südeuropas bis zum Jahr 2100 um mehr als 80% zu sinken, was zur Aufgabe vieler Flächen führen könnte. Zwei Drittel des Bodenwertverlustes in der EU könnten auf Italien entfallen, wo sich veränderte Klimaparameter besonders schnell auf das Einkommen der Landwirte auswirken werden. Im Gegensatz dazu könnte der Wert von Ackerland in Westeuropa steigen, insbesondere in den nordeuropäischen Ländern. Der Klimawandel wird sich auch auf den Handel mit Agrargütern und die Handelsströme auswirken, wovon die Einkommen im Agrarsektor ebenfalls betroffen sind. Nach Angaben der Umweltagentur wird es durch den Klimawandel in der EU voraussichtlich zu keinen Engpässen bei der Versorgung mit Futter- und Lebensmitteln kommen, aber ein weltweit erhöhter Nahrungsmittelbedarf könnte in den kommenden Jahrzehnten Druck auf die Lebensmittelpreise ausüben.

Die Studienautoren betonen, dass die Anpassung an den Klimawandel für den EU-Agrarsektor höchste Priorität haben muss, wenn die Widerstandsfähigkeit gegen extreme Ereignisse wie Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen verbessert werden soll. „Trotz einiger Fortschritte muss noch viel mehr für die Anpassung getan werden, im Agrarsektor selbst und vor allem auf der Ebene der landwirtschaftlichen Betriebe. Die künftige EU-Politik muss so gestaltet werden, dass der Übergang in diesem Sektor erleichtert und beschleunigt wird“, forderte Bruyninckx. Dem Bericht zufolge findet in Betriebe oft noch keine Anpassung statt, da es an der Finanzierung, politischer Unterstützung, Wissen und Bewusstsein mangle. Die Studie nennt mehrere geeignete Anpassungsmaßnahmen für den Sektor. So erhöhe etwa die Diversifizierung des Anbaus und Fruchtfolgen die Widerstandsfähigkeit der Pflanzen und gehe einher mit einem effizienteren Nährstoffkreislauf, dem Erhalt der Artenvielfalt und einer verbesserten Bodenqualität. Eine weitere Maßnahme ist der Einsatz von Zwischenfrüchten, die das Risiko für Bodendegradation deutlich verringern und Stickstoff binden.

Der Bericht empfiehlt auch die Nutzung von an veränderte Klimabedingungen besser angepassten Pflanzen, die z.B. gut mit Frost oder Dürren klarkommen. Zudem binden tiefwurzelnde Pflanzen mehr Kohlenstoff im Boden und leisten so einen aktiven Beitrag gegen den Klimawandel. Die Nutzung neuer Pflanzen oder die Wiedereinführung alter Sorten wirke sich positiv auf die Biodiversität aus und erhöhe die genetische Vielfalt der Pflanzenarten, die wiederum widerstandsfähiger gegen extreme Wetter- und Klimabedingungen würden. Zur Anpassung an den Klimawandel eigne sich gerade der Ökolandbau: „Der Einsatz von organischem Dünger im Ökolandbau fördert die Speicherung von organischem Kohlenstoff in Böden. Biologische Anbaumethoden führen zu einem hohen Anteil an organischer Substanz im Boden. Dies verbessert die Wasserspeicherkapazitäten und erhöht die Widerstandsfähigkeit gegen Dürren und Überschwemmungen“, heißt es im Bericht. Auch durch eine Änderung des Zeitplans für Aussaat und Ernte könnten sich Landwirte auf den Klimawandel einstellen. Weitere Anpassungsmaßnahmen seien das Anlegen von Feldrändern und Hecken, die Agroforstwirtschaft sowie eine verbesserte Bewässerungseffizienz, Regenwassernutzung und Wiederverwendung. Doch bei der Ausweitung all dieser Anpassungsmaßnahmen gehe es nur voran, wenn sie für Landwirte attraktiver gestaltet würden. Die EU-Mitgliedstaaten müssten der Anpassung an den Klimawandel im Agrarsektor höhere Priorität einräumen, z.B. durch die Ausweitung der Finanzierung für diese Maßnahmen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik. (ab)

30.08.2019 |

Lokale Lebensmittelproduktion kann Städte klimafreundlich ernähren

Äpfel
Neuseeland oder Deutschland? (Foto: CC0)

Eine lokale Lebensmittelproduktion birgt enormes Potenzial, die Städte heute und künftig klimafreundlicher zu ernähren. Das zeigt eine Studie von Stadtforschern des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), die Ende August im Fachjournal „Environmental Research Letters“ erschienen ist. Äpfel aus Neuseeland oder Avocados aus Kalifornien und Peru – viele Lebensmittel im Supermarktregal wurden um die halbe Welt transportiert. Aber auch innerhalb eines Landes legen Lebensmittel oft große Distanzen zurück, bevor sie die Menschen in den Städten erreichen. Der Transport per LKW, Flugzeug, Bahn und Schiff verursacht eine gigantische Menge von CO2-Emissionen – Studien zufolge etwa 1,5 bis 2 Gigatonnen CO2-Äquivalente pro Jahr. „Bereits heute sind diese Transporte für einen großen CO2-Fußabdruck verantwortlich, und es ist klar, dass eine wachsende Weltbevölkerung nicht nur wachsende städtische Infrastrukturen, sondern auch wachsenden Ressourcenverbrauch und Treibhausgasemissionen bedeutet“, sagt Prajal Pradhan, Ko-Autor der Studie. Eine optimierte lokale Produktion von Lebensmitteln könnte die transportbedingten Emissionen um den Faktor zehn reduzieren und insgesamt etwa 4% der gesamten globalen CO2 -Emissionen einsparen.

Die Forscher untersuchten mehr als 4.000 Städte mit über 100.000 Einwohnern. Dabei betrachteten sie die einzelnen Städte nicht als separate Verwaltungseinheiten, sondern auch als verbundene Ballungsräume, wie etwa eng beieinander liegende Städten in einer Region. Die Gesamtbevölkerung aller berücksichtigten Städte belief sich auf 2,5 Milliarden Menschen – rund 70% der städtischen Bevölkerung im Jahr 2010. Mit einem Urbanisierungsmodell analysierten die Wissenschaftler das Ernährungspotenzial der lokalen Landwirtschaft auf den umliegenden Flächen und untersuchten, wie eine lokalere Produktion den ökologischen Fußabdruck der Stadtgebiete reduzieren könnte. „Natürlich kann man nicht einfach einen Schalter umlegen und die Ernährung unserer Städte von heute auf morgen auf lokale Landwirtschaft umstellen“, erklärt Autor Steffen Kriewald. „Die regionale Landwirtschaft kann nicht den gesamten Speiseplan einer globalisierten Landwirtschaft produzieren – der Ernährungsbedarf könnte jedoch in vielen Regionen der Welt gedeckt werden.“

Die Studie zeigt, dass im Schnitt etwa 35% der Stadtbewohner weltweit durch lokale Landwirtschaft ernährt werden könnten. Die Situation gestaltet sich jedoch von Region zu Region unterschiedlich. Südasien hat das größte Potenzial, die Städter mit lokaler Landwirtschaft zu versorgen – 82% der Stadtbevölkerung könnte mit regionalen Lebensmitteln ernährt werden. In Ostafrika wären es 79%. In Südafrika hingegen könnte nur 43% der Stadtbevölkerung mit lokalen Lebensmitteln versorgt werden. Die Forscher identifizieren jedoch auch drei entscheidende Einflussfaktoren, die sich auf die künftige städtische Nachfrage nach Lebensmitteln und das Potenzial einer lokalen Lebensmittelversorgung auswirken können. Den stärksten Einfluss hat das Wachstum der Städte. „Wenn alle landwirtschaftlichen Flächen in der Nähe von Ballungszentren durch Flächenumwandlung verloren gehen, müssen noch mehr Lebensmittel aus abgelegenen landwirtschaftlichen Gebieten in diese Städte transportiert werden“, schreiben die Autoren. Aber auch Lebensstile und Ernährungstrends, wie etwa ein weiter steigender Fleischkonsum, wirken sich aus. Dritter Faktor ist der Klimawandel und seine Folgen, wodurch die landwirtschaftliche Produktion erheblich beeinflusst wird.

Die Forscher prognostizieren, dass in Südasien das Stadtwachstum dafür sorgen könnte, dass das lokale Ernährungspotenzial im Jahr 2050 um etwa 30% sinkt. In Nordafrika drohen vor allem der Klimawandel und das urbane Wachstum, das lokale Ernährungspotenzial bis 2050 um etwa 30% zu verringern. Lebensstiländerungen und Ernährungsweisen spielen vor allem in Entwicklungsregionen eine große Rolle, während sich die Lage in Nordamerika oder Westeuropa dadurch im Wesentlichen kaum verändern wird. Das Fazit der Autoren lautet, dass eine lokale Lebensmittelproduktion mehrere Vorteile bringt: „Die lokale Produktion von Nahrungsmitteln, insbesondere für Städte, ist in der Tat eine Art Anpassung, da sie die lokale Ernährungssicherheit gewährleistet, lokale Nährstoffkreisläufe schließen und die Abhängigkeit vom Weltmarkt verringern kann. Eine weitere Optimierung in Bezug auf Ertrag und Landmanagement kann in diesem Zusammenhang zusätzliche positive Effekte bringen“, schreiben die Wissenschaftler. Ein weiteres unkontrolliertes Stadtwachstum, Ernährungs- und Klimawandel könnten diese positiven Effekte hingegen umkehren. (ab)

21.08.2019 |

Kaufpreise für Agrarflächen in Deutschland klettern kräftig

Feld
Die Kaufpreise für Agrarflächen explodieren (Foto: CC0)

In Deutschland werden landwirtschaftliche Flächen immer teurer. 2018 kostete ein Hektar im Bundesdurchschnitt 25.485 Euro und damit 5,9% mehr als im Vorjahr. Das geht aus Mitte August veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zum Kaufwert für landwirtschaftliche Grundstücke hervor. In den letzten zehn Jahren kletterten die Preise unaufhaltsam um 133%: 2009 betrug der Kaufwert je Hektar im Schnitt noch 10.908 Euro. Der Statistik zugrunde liegt der Preis für die Fläche der landwirtschaftlichen Nutzung (FdlN), wozu Acker- und Grünland zählen, nicht aber garten- und weinbaulich genutzte Flächen wie bei der in der Agrarstatistik sonst meist verwendeten landwirtschaftlich genutzten Fläche (LF). In den alten Bundesländern sind die Preise im Schnitt weiterhin höher und klettern schneller: 2018 wurden für einen Hektar Fläche im Westen durchschnittlich 37.846 Euro bezahlt – ein Plus von 6,9% gegenüber 2017. In den neuen Bundesländern stiegen die Kaufwerte mit im Schnitt 0,6% etwas langsamer. Ein Hektar schlug dort 2018 mit 15.720 Euro zu Buche.

Insgesamt wechselten 2018 weniger Flächen den Eigentümer als noch im Vorjahr. 83.813 Hektar wurden verkauft und damit 4% weniger Fläche als 2017. Am meisten Bewegung im Bodenmarkt gab es in den neuen Bundesländern, auf die 56% der Verkaufsfläche entfielen. Spitzenreiter war Mecklenburg- Vorpommern mit 12.411 Hektar veräußerter Fläche der landwirtschaftlichen Nutzung. Am tiefsten mussten Käufer in Bayern in die Tasche greifen. Der durchschnittliche Hektarpreis betrug dort 64.909 Euro je Hektar und damit 6,6% mehr als im Vorjahr. Der Regierungsbezirk Niederbayern ist mit 107.199 Euro bundesweiter Spitzenreiter. Nordrhein-Westfalen ist das zweitteuerste Bundesland mit 53.067 Euro pro Hektar, gefolgt von Niedersachsen mit 36.518 Euro und Baden-Württemberg mit im Schnitt 29.244 Euro. In den neuen Bundesländern liegt Mecklenburg-Vorpommern mit 20.788 Euro je Hektar vorne. Preisliches Schlusslicht ist das Saarland mit 9.706 Euro je Hektar, gefolgt von Thüringen mit einem Durchschnittskaufwert von 10.693 Euro je Hektar und Brandenburg mit 10.957 Euro.

Die größte Preisexplosion im Vergleich zu 2017 verzeichnete Sachsen. Dort verteuerten sich die Kaufwerte um 20,4% auf 14.140 Euro je Hektar in 2018. In Hessen kletterten die Preise um 12,1% von 15.330 Euro in 2017 auf 17.178 Euro je Hektar im letzten Jahr. Auf Platz 3 liegt Nordrhein-Westfalen mit einem Plus von 10,4% von 48.085 Euro in 2017 auf 53.067 Euro. Im Zehn-Jahres-Vergleich stiegen die Preise am heftigsten in Mecklenburg-Vorpommern: Der Hektarpreis verteuerte sich um fast 195% von 7.049 in 2009. In Sachsen betrug der Preisanstieg 168% gegenüber einem Kaufwert von noch 5.262 Hektar in 2009. In Bayern stiegen die Preise von 2009 bis 2018 um 159%. Aber auch in Sachsen-Anhalt verteuerte sich der Hektar von 7.281 Euro auf 18.217 Euro – ein Plus von 150%. In Niedersachsen fiel der Anstieg mit 138% und in Brandenburg mit 132% ebenfalls heftig aus.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, macht für den Preisanstieg bei Pachten und Flächenkäufen auch Großinvestoren verantwortlich, die nicht aus der Landwirtschaft kommen. „In Ostdeutschland gehören inzwischen teilweise über 30 Prozent der Flächen nicht mehr den Landwirten oder örtlichen Genossenschaften, sondern Investoren“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Der Trend werde sich fortsetzen, da ein Generationswechsel anstehe und damit Betriebe oder Anteile vermehrt zum Verkauf stünden. Göring-Eckardt will, dass Bund und Länder den Verkauf ostdeutscher Agrarflächen an Großinvestoren stoppen. Die Grünen fordern ein Vorkaufsrecht für Kommunen und die Länder, wenn Bauern Land veräußern wollen. Für Flächen im Bundesbesitz sollte es zunächst ein Verkaufsmoratorium und dann auch ein Vorkaufsrecht der Kommunen geben, damit Flächen nicht zum Spekulationsobjekt würden. Es müsse verhindert werden, dass Kapitalgesellschaften über den Kauf von Mehrheitsanteilen an Landwirtschaftsbetrieben Agrarflächen im großen Stil übernehmen könnten, wie es derzeit noch möglich sei und so das Vorkaufsrecht für Bauern im Grundstücksverkehrsgesetz umgehen. „Zusätzlich müsste man dafür sorgen, dass Agrarsubventionen nicht an Kapitalgesellschaften fließen dürfen“, sagte Göring-Eckardt. Außerdem sei dafür zu sorgen, dass junge Bauern, Ökolandwirte und Betriebsgründer aus der Region bessere Chancen auf die Agrarflächen hätten und auch bei den Preisen mithalten können. (ab)

15.08.2019 |

Studie: Kleine Ackerflächen und Vielfalt fördern die Biodiversität

Field
Eine heterogene Agrarlandschaft (Foto: Jordi Recasens)

Kleine Felder und eine Vielzahl von Nutzpflanzen erhöhen die Artenvielfalt in Agrarlandschaften. Das zeigt eine großangelegte Studie im Rahmen des EU-Projekts FarmLand, deren Ergebnisse im Fachblatt Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht wurden. „Die Intensivierung der Landwirtschaft und die Zerstörung naturnaher Lebensräume (Buschland, Hecken, kräuterreiche Streifen) ist eine der Hauptursachen für den beobachteten Verlust der biologischen Vielfalt“, erläutern die Autoren in der Zusammenfassung der Studie. Das Schaffen von mehr Heterogenität in der Agrarlandschaft durch mehr naturnahe Lebensräume könne dazu beitragen, den Biodiversitätsverlust zu verringern. Jedoch sei gerade in vielen intensiv bewirtschafteten Agrarlandschaften der Anteil an naturnahen Lebensräumen meist gering und nur schwer zu steigern. Doch es gibt eine wirkungsvolle Maßnahme: Die Unterteilung der Agrarlandschaft in ein Mosaik aus kleineren Ackerflächen führt zu einer stark erhöhten Artenvielfalt und ist ebenso wirkungsvoll wie die Erhöhung des Anteils naturnaher Lebensräume.

Das internationale Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Deutschland, Frankreich, Spanien, Großbritannien und Kanada untersuchte acht unterschiedliche Agrarregionen in Europa und Kanada. In 435 verschiedenen Agrarlandschaften, die bezüglich der Ackergröße, Vielfalt der Nutzpflanzen und der naturnahen Lebensräume unterschiedlich geprägt sind, erhoben sie auf einem Quadratkilometer Daten an jeweils drei Probenahmestellen. Die Forscher identifizierten rund 2.795 Arten aus sieben taxonomischen Gruppen: Vögel, Schmetterlinge, Bienen, Schwebfliegen, Spinnen, Laufkäfer und Pflanzen. Sie gelangten zu dem Ergebnis, dass eine heterogene Agrarlandschaft mit einem Mosaik aus kleinen und mit unterschiedlichen Kulturarten bewirtschafteten Ackerflächen deutlich mehr Artenvielfalt aufwies als durch großflächige Monokulturen geprägte Landschaften. Schon eine Verkleinerung der durchschnittlichen Feldgröße von rund fünf Hektar auf 2,8 Hektar hatte den gleichen Effekt auf die Biodiversität wie eine Erhöhung des Anteils naturnaher Lebensräume von 0,5% auf 11%. Selbst wenn naturnahe Vegetation wie Hecken und Randstreifen zwischen den Felder fehlten, wirkte sich eine reduzierte Feldgröße positiv auf die Artenvielfalt aus.

Die Studie ergab zudem, dass der Anbau von mehr unterschiedlichen Kulturarten ebenfalls zu einem größeren Artenreichtum auf den Feldern führte. „Die Kulturartenvielfalt wirkte sich auch positiv auf die Biodiversität aus, da verschiedene Nutzpflanzen häufig unterschiedliche Arten beherbergen, aber auch, da verschiedene Kulturen ergänzende und notwendige Ressourcen für bestimmte Arten in der Agrarlandschaft bieten“, sagte Teammitglied Jordi Recasens von der Universitat de Lleida. Der Effekt von einer erhöhten Kulturartenvielfalt zeigte sich jedoch nur, wenn die Agrarlandschaften auch einen höheren Anteil naturnaher Lebensräume aufwiesen. „Die Ergebnisse zeigen, dass die Art der Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Betriebe einen wesentlichen, bisher unterschätzten Beitrag zur Erhaltung und Förderung der Artenvielfalt in unseren Agrarlandschaften leisten kann“, sagt Prof. Dr. Teja Tscharntke, Leiter der Abteilung Agrarökologie der Uni Göttingen. „Kleine Felder und wechselnde Bepflanzung können erheblich zur Bekämpfung der dramatischen Biodiversitätskrise bei Insekten und Vögeln beitragen. Leider steht dagegen die aktuelle Intensivierung in der Landwirtschaft mit immer größeren Äckern und großflächigeren Monokulturen“, so Tscharntke. Der Studie zufolge können Agrarumweltmaßnahmen, die eine Verringerung der durchschnittlichen Größe der Anbauflächen fördern und zu mehr Vielfalt auf dem Acker führen, die biologische Vielfalt erhöhen, ohne dass Flächen für die landwirtschaftliche Produktion verloren gehen. Die Forscher hoffen, dass ihre Ergebnisse in der aktuellen Debatte über die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU gehört werden. (ab)

Andere Nachrichten-Quellen

Blogs

Unterstützer

Unterstützer von www.weltagrarbericht.de Verlag der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V. Bioland biovision Brot für die Welt Brot für alle Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland Demeter Zukunftsstiftung Entwicklung in der GLS Treuhand Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz Heidehof Stiftung Mission EineWelt Misereor Naturland Public Eye | Erklärung von Bern Rapunzel - Wir machen Bio aus Liebe Swiss Aid, Ihr mutiges Hilfswerk tegut W-E-G Stiftung
English versionEnglish versionDeutsche Version