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16.06.2021 |

IPCC/IPBES: Klima, Biodiversität und soziale Gerechtigkeit gemeinsam denken

Palmen
Gut für Klima und Biodiversität? (Foto: CC0)

Der Verlust der biologischen Vielfalt und der Klimawandel bedrohen zunehmend die Natur und die Lebensgrundlagen unzähliger Menschen weltweit. Doch bisherige politische Strategien nehmen diese Probleme nur isoliert in Angriff und können negative Auswirkungen auf die Natur und deren Ökosystemleistungen für den Menschen haben, bemängeln 50 weltweit führende Biodiversitäts- und Klimaexpert*innen. Sie hatten im Dezember 2020 an einem viertägigen virtuellen Workshop teilgenommen, der vom Weltbiodiversitätsrat IPBES und vom Weltklimarat IPCC einberufen wurde, um Synergien und Zielkonflikte zwischen dem Schutz der Artenvielfalt und der Abschwächung und Anpassung an den Klimawandel zu untersuchen. Der Ergebnisbericht wurde nun am 10. Juni präsentiert. Eine der Hauptbotschaften: Der Kampf gegen die Erderwärmung und für eine nachhaltige Entwicklung wird nur gelingen, wenn die Menschheit die Themen Klimaschutz, Biodiversität und soziale Gerechtigkeit fortan gemeinsam denkt und bei politischen Entscheidungen auf allen Ebenen in ihren Wechselwirkungen gleichrangig berücksichtigt. „Für eine nachhaltige, sozial gerechte Entwicklung menschlicher Gemeinschaften ist beides essenziell: eine möglichst geringe globale Erwärmung und eine artenreiche, produktive und widerstandsfähige Natur“, betonte Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner, Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut des Helmholtz-Zentrums für Polar- und Meeresforschung.

Erstmals arbeiteten Expert*innen des Weltklimarates und des Weltbiodiversitätsrates gemeinsam an Lösungen für diese eng miteinander verflochtenen Probleme. Der Bericht wurde jedoch nicht wie andere IPCC- oder IPBES-Publikationen durch die Vollversammlungen der Institutionen offiziell verabschiedet. Die Autor*innen unterstreichen, dass die engen Wechselwirkungen die Politik vor enorme Herausforderungen stellen. „Wenn die internationale Gemeinschaft ihre Klima-, Naturschutz- und Entwicklungsziele erreichen möchte, wird sie nicht umhinkommen, die Belange des Klimas, der Natur und die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung im Dreiklang zu denken. Das heißt, Aufgabenstellungen werden komplexer, weil zum Beispiel Klimaschutzideen, die für sich betrachtet vielversprechend sind, im Hinblick auf die Natur und die lokale Bevölkerung weitreichende Nachteile mit sich bringen können“, sagt Ko-Autor und Biodiversitätsexperte Prof. Dr. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

Der Bericht führt zahlreiche Beispiele für die negativen Folgen von einseitig gedachten Klimaschutzkonzepten für Mensch und Umwelt an. Eines davon ist der großflächige Anbau von Bioenergiepflanzen, der zum Beispiel beim Anbau von Soja und Ölpalmen oft mit der Abholzung tropischer Regenwälder einhergeht. „Der Anbau von Bioenergiepflanzen (einschließlich Bäumen, mehrjährigen Gräsern und einjährigen Feldfrüchten) in Monokultur auf großen Landflächen schadet den Ökosystemen, reduziert die Palette der Ökosystemleistungen und verhindert, dass zahlreiche Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals /SDGs) erreicht werden“, heißt es in der deutschen Übersetzung des Berichts. Die Konkurrenz um Flächen und die Verdrängung lokaler Landnutzungsformen kann hier zu Problemen führen. „Angesichts des anhaltenden Hungers in vielen Regionen der Welt und der Notwendigkeit, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, sind solche Szenarien unrealistisch, die für das Jahr 2050 jährliche CO2 Aufnahmeraten durch Bioenergie (einschließlich Kohlenstoffabscheidung und -speicherung) in der Größenordnung des heutigen Kohlenstoffspeichers aller Landökosysteme prognostizieren. Dafür wäre eine Landfläche von der mehr als 1,5-fachen Größe Indiens erforderlich“, so die Expert*innen. Zudem könne der intensive Anbau von Bioenergiepflanzen auch die Artenvielfalt und Ökosystemleistungen in angrenzenden Land-, Süßwasser- und Meeresökosystemen negativ beeinflussen, z.B. durch Dünger und Pestizide.

Auch großflächige Baumpflanzungen in Ökosystemen, die historisch gesehen keine Wälder waren, können schädlich für die biologische Vielfalt sein. Dasselbe gilt für Wiederaufforstungen mit Monokulturen, insbesondere mit exotischen Baumarten, die zudem die Ausbreitung von Schädlingen und Krankheiten fördern können. Baumplantagen können ebenfalls mit Flächen konkurrieren, die für die Produktion von Nahrungsmitteln genutzt werden können, und die lokale Bevölkerung verdrängen oder ihren Zugang zu Land einschränken. Des Weiteren stellen technologiebasierte Maßnahmen, die wirksam zur Minderung des Klimawandels beitragen können, dem Bericht zufolge unter Umständen eine ernsthafte Gefahr für die biologische Vielfalt dar. Erneuerbare Energien im Verkehrs- und Energiesektor seien zwar wichtige Optionen zur Abmilderung des Klimawandels, aber sie sind derzeit noch auf den Abbau von Mineralien an Land und im Meer angewiesen. Dazu gehören zum Beispiel Seltene Erden, die in Windturbinen, Elektroautos und Akkus eingesetzt werden und für die es bisher mitunter noch keine sauberen Entsorgungs- und Wiederverwendungstechnologien gebe. Auch technische und technologische Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel können negative Folgen für die Natur und deren Ökosystemleistungen für den Menschen haben. Besonders bedenklich seien etwa technische Maßnahmen zum Schutz vor Überschwemmungen und Dürren, wie der Bau von Talsperren oder von Deichen zum Schutz der Küsten vor einem steigenden Meeresspiegel. Andere technologische Maßnahmen wiederum können der biologischen Vielfalt hingegen nützen: Verbesserungen in der Bewässerungstechnologie und beim Wassermanagement können zum Beispiel die Fähigkeit landwirtschaftlicher Systeme erhöhen, mit Wasserstress umzugehen. Gemeinsam mit Maßnahmen zur Verbesserung der Bodengesundheit kann so erreicht werden, dass weniger Wasser aus Flüssen und Bächen entnommen werden muss.

Der Bericht beschränkt sich nicht nur auf die Kritik an fehlgeleiteten Maßnahmen, sondern macht auch Vorschläge, was konkret getan werden muss, um Klima- und Artenschutz voranzubringen. Auch die Landwirtschaft kann hier einen Beitrag leisten. „Durch nachhaltige Land- und Forstwirtschaft können die Anpassungsfähigkeit und die biologische Vielfalt von Nutzflächen verbessert werden. Beide Maßnahmen erhöhen zudem die Kohlenstoffspeicherung in Acker- und Waldböden sowie in der dazugehörigen Vegetation und tragen so zu einer Reduktion der Treibhausgasemissionen auf den entsprechenden Flächen bei“, heißt es in der Zusammenfassung. „Dazu gehören Maßnahmen wie die Diversifizierung der angebauten Nutzpflanzen und Waldarten, Agroforstwirtschaft und Agrarökologie. Eine verbesserte Bewirtschaftung von Ackerland und Weidesystemen, wie z.B. Bodenschutz und die Reduzierung des Düngemitteleinsatzes, bietet laut dem Bericht ein jährliches Klimaschutzpotenzial von 3-6 Gigatonnen Kohlendioxid-Äquivalent“, ist der IPBES-Pressemitteilung zum Bericht zu entnehmen. „Eine klimaschonende Landnutzung ist machbar, wenn wir bei unseren Entscheidungen beachten, wie viel der jeweilige Naturraum zu leisten vermag und durch welche Nutzungsformen möglichst viele Menschen von der Natur profitieren“, betont auch Prof. Dr. Josef Settele. Es kann aber nicht nur bei der Produktion von Lebens- und Futtermitteln, Fasern oder Energie angesetzt werden, sondern auch auf der Nachfrageseite. Dazu gehören z.B. die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung und Abfällen durch jeden Einzelnen und die Umstellung der Ernährung auf mehr pflanzliche Kost – insbesondere in reicheren Ländern.

Die Politik müsse zudem auch schädliche Subventionen abschaffen, die zu Aktivitäten führen, die sich negativ auf die biologische Vielfalt auswirken, da sie z.B. Abholzung oder Überfischung begünstigen. Besondere Erfolgsaussichten hätte den Expert*innen zufolge eine Klima- und Naturschutzpolitik, die mit der Verbesserung sozialer Gerechtigkeit einhergeht. „Es gilt, die Armut weltweit zu bekämpfen und die Verteilungsgerechtigkeit zu erhöhen“, betont Hans-Otto Pörtner. „Vielen Menschen bleibt aufgrund ihrer sozialen und wirtschaftlichen Not gar nichts anderes übrig, als ihren Lebensunterhalt durch Jagd, illegale Fischerei, Goldsuche oder aber durch andere Aktivitäten zu bestreiten, die zum flächendeckenden Raubbau an der Natur beitragen.“ Sie aus dieser Notlage zu befreien, wäre ein erster wichtiger Schritt für nachhaltigen Klima- und Naturschutz. Künftig, so lautet ein Fazit der Wissenschaftler*innen, müssten sich alle politischen Entscheidungen daran messen lassen, inwiefern sie bestmögliche Resultate für das Klima, die Biodiversität und die Menschen vor Ort erzielen. „Die Belege sind eindeutig: Eine nachhaltige Zukunft für Mensch und Natur weltweit ist weiterhin möglich, doch es bedarf eines transformativen Wandels durch schnelles und umfassendes Handeln“. Dieser transformative Wandel erfordere „eine Neubewertung und Umverteilung der Nutzen und Kosten von Maßnahmen sowie den Wandel von individuellen und kollektiven Werten im Umgang mit der Natur.“ Ein Beispiel sei die Abkehr vom Konzept des wirtschaftlichen Wachstums, hin zu einem Konzept, das gesellschaftliche Entwicklung danach bemisst, ob Wohlstand gleichmäßig verteilt ist, und das die vielfältigen Werte der Natur angemessen berücksichtigt. (ab)

11.06.2021 |

Studie belegt Scheitern der Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika

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Mehr Mais für Afrika? (Foto: bit.ly/AWanga, Anne Wangalachi/CIMMYT, bit.ly/3_CC_BY-NC-SA_2-0)

Den Hunger in Afrika bekämpfen und Kleinbauern ein gutes Einkommen ermöglichen – an diesen Zielen ist die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA) auf ganzer Linie gescheitert. Das zeigt ein neues Papier, in dem deutsche Nichtregierungsorganisationen die Wirkung der auch von der Bundesregierung unterstützten Agrarinitiative bewerten. Darin gelangen die Rosa-Luxemburg-Stiftung, Brot für die Welt, FIAN Deutschland, das Forum Umwelt und Entwicklung und das INKOTA-netzwerk zu dem vernichtenden Urteil, dass AGRA die selbstgesteckten Ziele bei Weitem nicht erreicht hat. Im Jahr 2006 wurde die Allianz von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und der Rockefeller-Stiftung aus der Taufe gehoben. Mit den Patentrezepten der Grünen Revolution – sprich kommerziellem Hochertragssaatgut, Pestiziden und synthetischen Düngemitteln – sollten die Einkommen von 30 Millionen kleinbäuerlichen Haushalten bis 2020 verdoppelt und die Ernährungsunsicherheit in 20 Ländern durch Produktivitätssteigerungen halbiert werden. Um das umzusetzen, mobilisierte AGRA seither über eine Milliarde US Dollar – vor allem von der Gates-Stiftung, aber auch von der US-Regierung, Großbritannien und Deutschland.

Schon 2020 nahmen die deutschen NGOs gemeinsam mit fünf afrikanischen Organisationen die Fortschritte von AGRA genauer unter die Lupe. In der Studie „Falsche Versprechen“ zeigten sie auf, dass die landwirtschaftlichen Erträge in den 13 AGRA-Schwerpunktländern von Programmbeginn 2006 bis 2018 nur um 18% stiegen statt wie angekündigt um 100%. Im Zeitraum vor AGRA betrug die Steigerung 17%, sodass die Erträge auch ohne die Allianz in diesem Maße gestiegen wären. Zudem stellten sie fest, dass sich die Hungersituation in den 13 AGRA-Ländern seit Programmstart verschlechterte. Die Zahl der Menschen, die unter extremem Hunger leiden, erhöhte sich in den AGRA-Jahren um 30%. Nun nahmen sich die Autor*innen AGRA-interne Evaluierungen aus den Jahren 2019/2020 vor, die Anfang 2021 veröffentlicht wurden. Freiwillig rückte die Allianz diese Infos nicht heraus, sondern sie wurde auf Grundlage des „Freedom of Information Act“ in den USA gesetzlich verpflichtet, die eigene Halbzeitbewertung sowie elf weitere Länder-Evaluierungen auf ihrer Webseite zu veröffentlichen. Die Ergebnisse belegen, dass AGRA die ausgelobten Ziele deutlich verfehlt hat. Mit ihrem Ansatz der Grünen Revolution bescherte AGRA den an den Projekten beteiligten Bauern und Bäuerinnen nicht einmal Einkommen, die oberhalb der Armutsgrenze liegen. Erfolgreich war die Allianz hingegen darin, durch das Entsenden von Mitarbeiter*innen oder die finanzielle Unterstützung von Ministerien und Beratungsgremien systematisch Einfluss auf Dünge- und Saatgutgesetzgebung in den AGRA-Partnerländern zugunsten der Agrarindustrie zu nehmen.

In puncto Erträge bestätigt die Analyse der AGRA-Evaluierung, dass diese vergleichsweise gering blieben, wenn (klein)bäuerliche Erzeuger*innen das Input-intensive Paket der Grünen Revolution bestehend aus industriellem Saatgut und künstlichem Dünger verwendeten. AGRA setzt den Schwerpunkt auf Mais. Das wird von den deutschen NGOs ebenfalls kritisiert, da so eine Vielzahl weiterer wichtiger nahrhafter Grundnahrungsmittel vernachlässigt werden. Doch trotz des gesteigerten Einsatzes von Hybridsaatgut und Kunstdünger gelang es AGRA nicht, beim Mais relevante Ertragssteigerungen zu erzielen. In keinem Projektland wurden mehr als drei Tonnen pro Hektar Ertrag erreicht. In Ghana, wo die an den Projekten teilnehmenden Bäuerinnen und Bauern mit im Schnitt 3,5 ha über vergleichsweise viel Ackerland verfügen und 31 kg Kunstdünger pro Hektar einsetzten – also nicht die klassische Kleinbauern-Zielgruppe – lagen die durchschnittlichen Maiserträge bei nur 0,58 Tonnen je Hektar. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der AGRA-Ansatz den an Projekten beteiligten Bauern und Bäuerinnen nicht einmal Einkommen beschert, die oberhalb der Armutsgrenze liegen. Die zusätzlichen Einnahmen der Haushalte in Ghana durch AGRA aus dem Maisverkauf beliefen sich gerade einmal auf 36 US-Dollar im Jahr und das trotz der günstigen Ausgangsbedingungen. In Tansania lag der durchschnittliche Verkaufserlös aus dem Maisverkauf bei 77 US-Dollar pro Haushalt und Jahr. Die offizielle Armutsgrenze in dem Land liegt bei 250 US-Dollar pro Person und Jahr, also bei etwa 500 US-Dollar für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen. Mit dem Verkauf des Mais erwirtschaftet eine Kleinbauernfamilie also gerade einmal rund 15% des notwendigen Einkommens, um überhaupt die Armutsgrenze zu erreichen. „Bei den spärlichen Einkommenszuwächsen sind die oft steigenden Ausgaben für Dünger, Pestizide und Saatgut einfach nicht mit eingerechnet worden“, sagte FIAN-Agrarexperte Roman Herre dem Spiegel, der über die Studie berichtete. Diese zusätzlichen Ausgaben könnten daher sogar zu einem Verlustgeschäft führen.

„Der einzige Bereich, den die AGRA-Gutachter*innen loben, ist AGRAs Einfluss auf politische Reformen zugunsten der Grünen Revolution in den Zielländern der Initiative“, heißt es in der Studie. „Die Evaluierungen zeigen, wie AGRA afrikanische Regierungen systematisch beeinflusst, um Agrargesetzgebungen industriefreundlich zu verändern.“ Unter anderem entsendet AGRA Mitarbeitende in Ministerien oder unterstütze diese oder staatliche Beratungsgremien direkt finanziell. „Die Evaluierungen legen offen, dass AGRA als Resultat ihres finanziellen Engagements ein Gesetz oder eine Verordnung nach AGRAs Vorstellungen anstrebt. Das ist problematisch, denn AGRA nimmt so aktiv Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse souveräner Staaten, deren Aufgabe das Verfassen und der Erlass von Gesetzen ist“, schreiben die NGOs. AGRA habe in allen Zielländern außer Mali an neuen Saatgut- und Düngemittelgesetzen mitgearbeitet – auch in den vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanzierten AGRA-Ländern Burkina Faso und Ghana. Dies geschehe unter anderem mit den Zielen, die Zulassung und Vermarktung von chemischen Düngemitteln zu vereinfachen. Auf Betreiben von AGRA sollen staatliche Kontrollen, etwa bei der Düngemittel-Zulassung in Tansania, abgeschafft oder in die Hände von Konzernen gelegt worden sein. „Durch die industriefreundliche Einflussnahme auf politische Rahmenbedingungen in den AGRA-Ländern werden erhöhte Absatzmöglichkeiten für Produkte der Grünen Revolution gesichert. Hiervon profitieren vor allem internationale Konzerne wie der Düngemittelkonzern Yara, der gleichzeitig Projektpartner von AGRA ist.“ Diese direkte Lobbyarbeit zugunsten von Industrieinteressen stehe im starken Gegensatz zu den offiziellen AGRA-Zielen, da sie Kleinbauern schade, bemängeln die NGOs.

Die Organisationen fordern die Bundesregierung daher auf, die finanzielle und politische Kooperation mit AGRA einzustellen. Von einer geplanten Ausweitung der Zusammenarbeit mit AGRA auf ein weiteres Land, Nigeria, sei abzusehen. „Die Ergebnisse der AGRA-eigenen Evaluierungen belegen das systematische Scheitern von AGRA und unterstreichen erneut, dass es für eine weitere Kooperation der Bundesregierung mit AGRA keine Grundlage gibt“, so die Autor*innen. Die Bundesregierung solle weitere Initiativen zur Förderung der Grünen Revolution einstellen und stattdessen solle „das Recht auf Nahrung als Kompass für die Politik der Bundesregierung dienen und Agrarökologie entschiedener als bisher gefördert werden“. Dafür müsse noch in der laufenden Legislaturperiode ein ambitionierter Aktionsplan zur Förderung der Agrarökologie vorgelegt und deutlich mehr Geld als bisher für agrarökologische Ansätze ausgegeben werden. Zudem kritisieren die NGOs, dass die Unterstützung der Bundesregierung für den von der AGRA-Präsidentin und anderen AGRA-Vertreter*innen mitgestalteten UN-Welternährungsgipfel 2021 ein katastrophales Signal für kleinbäuerliche Erzeuger*innen weltweit sei. Sie appellieren an die Regierung, dem Gipfel keine politische Bedeutung beizumessen und stattdessen für eine bessere Mittelausstattung des Welternährungsausschusses (CFS) in Rom zu sorgen, denn dieser sei von der Weltgemeinschaft legitimiert und von der internationalen Zivilgesellschaft anerkannt als Ort zur Bearbeitung von Fragen der Welternährung. (ab)

19.05.2021 |

Fleischkonsum sinkt, Veggie-Produkte boomen in Deutschland

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Veggieburger sind im Trend (Foto: CC0)

Tofuwürstchen, Sojaschnitzel und vegetarische Brotaufstriche boomen: Die Produktion von Fleischersatzprodukten in Deutschland verzeichnete im letzten Jahr einen enormen Zuwachs, während der Umsatz beim Fleisch leicht zurückging. Das meldete das Statistische Bundesamt (Destatis) am 14. Mai. Im Jahr 2020 stieg die Produktion von Fleischersatzprodukten in deutschen Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr von 60,4 Tausend Tonnen auf etwa 83,7 Tausend Tonnen – ein Zuwachs von rund 39%. Der Wert der Fleischersatzprodukte erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 272,8 auf 374,9 Millionen Euro und legte damit um 37%. Es ist das erste Mal, dass das Statistische Bundesamt mit Vergleichsdaten aufwarten kann, da die Statistik zu Fleischersatzprodukten erst seit 2019 geführt wird. Unter der sperrigen Kategorie „Vegetarische und vegane Lebensmittelzubereitungen, zum Beispiel vegetarischer Brotaufstrich, Tofuprodukte, vegetarische oder vegane Lebensmittel, die dem äußeren Anschein nach Wurst ähneln“ tummelt sich alles von Sojabratlingen über vegane Teewurst und Tofu bis hin zum Seitansteak.

Der Wert der veganen und vegetarischen Alternativen bleibt trotz des Anstiegs weiter hinter den klassischen Fleischprodukten zurück: Der Wert von hierzulande hergestelltem Fleisch und von Fleischerzeugnissen betrug im Jahr 2020 rund 38,6 Milliarden Euro – und damit mehr als das Hundertfache des Wertes der Fleischersatzprodukte. Dennoch waren im Fleischsegment Einbußen zu verzeichnen: „Im Vergleich zum Vorjahr sank der Wert des produzierten Fleisches jedoch um rund 4%“, vermeldet Destatis. 2019 hatte der Wert der Fleischproduktion mit 40,1 Milliarden Euro noch den höchsten Wert in Deutschland seit zehn Jahren erreicht. Dieser Rückgang könnte auch mit der Corona-Pandemie im Zusammenhang stehen, vermuten die Statistiker*innen. Denn einige Fleischbetriebe mussten unter anderem wegen Verstößen gegen Hygieneschutzauflagen und hohen Ansteckungszahlen bei den Beschäftigten vorübergehend schließen.

Nicht nur der Wert der Fleischproduktion, auch der Konsum von Fleisch ist in der Bundesrepublik in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen. Während 1978 ein Haushalt im Schnitt noch gut 6,7 Kilogramm Fleisch im Monat verbrauchte, waren es vier Jahrzehnte später mit rund 2,3 Kilogramm im Jahr 2018 nur noch rund ein Drittel der Menge. Besonders deutlich fiel der Rückgang beim Schweinefleisch aus: 1978 verbrauchte ein deutscher Haushalt noch 3,1 Kilo pro Monat, während es 2018 noch gerade einmal 900 Gramm waren. Der Verbrauch von Rindfleisch sank im selben Zeitraum von 1,5 Kilo auf 600 Gramm, beim Geflügel reduzierte sich die verbrauchte Menge von 1,3 Kilo auf gut 800 Gramm. Zu beachten ist, dass diese Statistik in der Kategorie „Fleisch und Fleischerzeugnisse“ nur der Konsum von frischem Fleisch erfasst (ohne Innereien, einschließlich Hackfleisch). Wurstwaren, Räucher- und Trockenfleisch beziehungsweise anderes konserviertes oder verarbeitetes Fleisch, wie zum Beispiel Fleischsalat oder tafelfertig zubereitetes Fleisch wie Rinderrouladen, werden nicht in diese Kategorie eingerechnet. Aber auch andere Statistiken, die ebenfalls zum Beispiel die Wurstwaren enthalten, zeigen für das Jahr 2020 einen Rückgang an, schreibt die taz.

Die Zahlen zum Fleischkonsum stammen aus der alle fünf Jahre stattfindenden Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS), bei der rund 60.000 private Haushalte Angaben zu Einkommen, Einnahmen sowie ihren Konsumausgaben machen. Ein Fünftel dieser Haushalte führt zudem detaillierte Aufzeichnungen zu den Ausgaben für Nahrungsmittel und den gekauften Mengen. Ebenfalls zu berücksichtigen ist bei der Auslegung der Statistiken, dass die Größe eines Haushaltes sich in den letzten 40 Jahren von durchschnittlich 2,5 Personen pro Haushalt auf 2 Personen im Jahr 2018 verringerte. Fleischwirtschaft.de, ein Branchenmedium der Fleisch- und Fleischwarenindustrie, schreibt, dass die Statistik zudem unberücksichtigt lasse, dass sich die Konsumgewohnheiten in den letzten 40 Jahren maßgeblich verändert hätten und der wachsende Außer-Haus-Verzehr sowie der steigende Convenience-Grad in den Zahlen nicht abgebildet werde. „Der klassische Sonntagsbraten ist nun mal out. Wenn im Alltag gekocht oder gebraten wird, greift man gern auf Küchenfertiges zurück, was eben nicht in die betrachtete Kategorie hineinfällt“, heißt es dort. „Das alles dürfte die auf den ersten Blick erschreckende Bilanz der Statistiker zum Fleischkonsum wohl relativieren.“ Während die Fleischwirtschaft den Rückgang beim Fleischkonsum bedauert, begrüßen andere den Umstieg auf fleischlose Ersatzprodukte. „Die Fleischproduktion ist umstritten, weil sie Leid von Tieren verursacht. Die Erzeugung tierischer Kalorien trägt auch stärker zum Klimawandel bei als die pflanzlicher Lebensmittel. Zudem schädigt beispielsweise zu viel Gülle aus Schweineställen die Artenvielfalt und das Wasser“, fasst die taz die Ergebnisse zahlreiche Studien der letzten Jahre zusammen. (ab)

07.05.2021 |

BASF erhält Patent auf konventionell gezüchtete Wassermelone

Wassermelone
Wem gehört die Wassermelone? (Foto: CC0)

Dieses Mal die Wassermelone: Schon wieder hat das Europäische Patentamt (EPA) ein Patent auf eine Pflanze aus konventioneller Züchtung erteilt und zwar an die Firma Nunhems, die Gemüsesaatgut-Sparte von BASF. Das Patent EP2814316 betrifft eine Wassermelone, die einen buschigen Wuchs hat und daher im Anbau weniger Platz benötigt – oder wie es in der Patentschrift etwas sperrig heißt „Triploide Wassermelonenpflanzen mit einer ‚Bush‘ Wachstumsform“ – und umfasst die Pflanzen, das Saatgut und die Früchte. Das vermeldet das Bündnis „Keine Patente auf Saatgut!“, das schon seit Langem auf die umstrittene Praxis des EPA aufmerksam macht, denn Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen sind in Europa eigentlich verboten. Die Wassermelonenart mit dem praktischen Wuchs wurde in einem Hausgarten entdeckt und die genetische Veranlagung dafür ist zufällig entstanden, wie es in der Patentschrift heißt. Nunhems machte sich lediglich daran, die Pflanzen mittels konventioneller Züchtung von ihren Kernen zu befreien. „Es ist abenteuerlich zu sehen, mit welchen Tricks das EPA arbeitet“, sagt Christoph Then, Sprecher für „Keine Patente auf Saatgut!“. „In der Folge werden jetzt sogar Pflanzen zu Erfindungen erklärt, die in privaten Gärten entdeckt wurden. BASF und das Patentamt profitieren, die Interessen der Öffentlichkeit aber werden hintergangen.“

Das EPA steht schon lange in der Kritik, die europäischen Patentgesetze durch seine eigenwillige Auslegung zu umgehen. Da es auch selbst an der Vergabe von Patenten verdient, habe es Mittel und Wege gefunden, das Verbot, konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere zu patentieren, auszuhebeln, betont das Bündnis in einer Pressemitteilung: „So werden laut einer aktuellen Entscheidung des EPA (G3/19) entsprechende Verbote nur für Patente angewandt, die ab Juli 2017 angemeldet wurden. Die Begründung: Die EU hätte kurz vor diesem Zeitpunkt eine entsprechende Richtlinie neu ausgelegt, die auch vom EPA angewandt wird.“ Doch „Keine Patente auf Saatgut“ kommt in einer 8-seitigen englischen Rechtsanalyse zu einem anderen Ergebnis: „Der Stichtag, ab dem das Verbot gelten soll, wurde willkürlich eingeführt“, so Then. Das Bündnis wirft dem EPA vor, die aktuelle Rechtsauslegung beruhe auf einer „Verdrehung der Fakten“. Tatsächlich stufe die EU Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen schon seit 1998 als unzulässig ein und habe derartige Patente auch nie erlaubt.

Das EPA hat zudem weitere Schlupflöcher etabliert: Zufällige genetische Veränderungen gelten demnach gleichermaßen als Erfindungen wie die Gentechnik. Auch diese Auffassung stehe im Gegensatz zur Auslegung der Patentgesetze durch die EU. Beispiele sind erteilte Patente auf Gerste und Bier der Firma Carlsberg, die auf zufälligen Mutationen im Erbgut der Gerste beruhen, oder Patente auf konventionell gezüchtete Zwiebeln und Tomaten. Patent EP2966992 hingegen erstreckt sich auf einen Salat, der auch bei höheren Temperaturen angebaut werden kann. Diese Eigenschaft beruht auf einer zufälligen Mutation im Erbgut und erleichtert die Anpassung an den Klimawandel. Die niederländische Saatgutfirma Rijk Zwaan Zaadteelt hat sich hier die Patentansprüche gesichert, wogegen „Keine Patente auf Saatgut“ Einspruch eingelegt hat. Das Bündnis hat vor diesem Hintergrund eine Petition gestartet, in der das EPA aufgefordert wird, weitere Patenterteilungen auszusetzen, bis die offenen Rechtsfragen geklärt sind. Welche Strategie das EPA weiterverfolgt, könnte sich Anfang Juni in einer öffentlichen Anhörung zeigen, in der das Patent auf Braugerste und Bier (EP2373154) von Carlsberg und Heineken verhandelt werden soll. (ab)

29.04.2021 |

Bayer und BASF: Hochgefährliche Pestizide für die Welt

Pestizide
Gefährlicher Job (Foto: CC0)

Die Agrarchemieriesen Bayer und BASF entwickeln und vermarkten hochgefährliche Pestizidwirkstoffe und -produkte im globalen Süden, die in der EU nicht genehmigt oder oft schon lange verboten sind. Das zeigt eine neue Studie auf, die von der entwicklungspolitischen Organisation INKOTA, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und PAN Germany im Vorfeld der Bayer-Hauptversammlung am 27. April veröffentlicht wurde. Die Autor*innen nehmen insbesondere den Pestizid- und Wirkstoffmarkt in Südafrika, Brasilien und Mexiko genauer unter die Lupe und decken auf, welche Wirkstoffe die beiden deutschen Konzerne in diesen Ländern entwickeln, vermarktet haben und dies teils weiterhin über Umwege tun. Zudem verweisen sie auf die Gefahren, die diese Wirkstoffe für die Umwelt und die menschliche Gesundheit mit sich bringen. „Es ist ein Skandal, dass Pestizidwirkstoffe, die in der EU aus gutem Grund verboten sind, in Deutschland produziert und in Drittländer exportiert werden dürfen“, kritisiert Wiebke Beushausen vom INKOTA-netzwerk. „Wir brauchen einen sofortigen Exportstopp von hochgefährlichen Wirkstoffen aus Deutschland und der EU“, betont sie.

Die Recherchen ergaben, dass Bayer in der Vergangenheit insgesamt 22 extrem- bzw. hochgiftige Pestizidwirkstoffe entwickelt und/oder vermarktet hat. Sieben davon fallen in die Kategorie der extrem giftigen Stoffe (1A) der Weltgesundheitsorganisation WHO und 15 in die Kategorie der hochgiftigen Stoffe (1B). BASF hingegen hat drei hochgiftige Wirkstoffe (1B) entwickelt und/oder vermarktet. Hinzu kommen jeweils vier weitere Bayer- und BASF-Wirkstoffe, die langfristige Gesundheitsschäden hervorrufen können und in der EU verboten sind. Die beiden Konzerne sind also für insgesamt 33 Pestizidwirkstoffe verantwortlich, die eine akute Bedrohung für die menschliche Gesundheit darstellen. Viele dieser Wirkstoffe sind bereits bei geringer Dosierung tödlich, andere gelten als wahrscheinlich krebserregend, erbgutschädigend oder reproduktionstoxisch. Der Studie zufolge lassen sich in Brasilien, Mexiko und Südafrika mindestens acht dieser Wirkstoffe in den Produkt-Portfolios der beiden Unternehmen nachweisen. Dazu gehören u.a. das in der EU als reproduktionstoxisch eingestufte und seit 2018 nicht mehr erlaubte Herbizid Glufosinat sowie das Insektizid Spirodiclofen, das 2016 von der Europäischen Chemikalienagentur ECHA als krebserregend eingestuft und 2020 letztlich vom Markt genommen wurde. „Pestizidwirkstoffe, die in der EU wegen ihrer Giftigkeit verboten sind, dürfen nicht in der Welt verbreitet werden, nur weil damit einige wenige Agrarchemiekonzerne Kasse machen“, so Jan Urhahn, Agrarexperte der Rosa-Luxemburg-Stiftung. „Den Preis dafür bezahlen Bauern und Bäuerinnen sowie Landarbeiter*innen im globalen Süden mit ihrer Gesundheit.“

Auf dem südafrikanischen Markt bietet Bayer 54 eigene Produkte an. Darunter sind auch Produkte, die die in der EU verbotenen Wirkstoffe (Beta-)Cyfluthrin, Spirodiclofen und die als reproduktionstoxisch geltenden Wirkstoffe Triadimenol und Thiacloprid enthalten. Dabei hatte sich der Agrarchemiekonzern bereits im Jahr 2013 verpflichtet, Wirkstoffe der WHO-Kategorien 1A und 1B aus dem Portfolio zu nehmen. (Beta-)Cyfluthrin ist ein Wirkstoff des Bayer-Insektizids Tempo SC, das im großen Stil in den Weinanbauregionen der Provinz Westkap zum Einsatz kommt. (Beta-)Cyfluthrin ist bereits in geringer Dosierung tödlich und das Bayer-Produkt ist gesundheitsschädlich beim Einatmen und kann Haut-, Augen- und Schleimhautreizungen verursachen. Beim Mischen und Sprühen ist unbedingt Schutzausrüstung erforderlich. Doch die Realität auf den Weingütern sieht anders aus. Interviewte Landarbeiter*innen bezeichnen die Schutzkleidung als reine „Dekoration“. Sie sei zwar auf den meisten Farmen vorhanden, werde aber nur einen Tag vor einer Inspektion ausgehändigt und sei danach wieder zurückzugegeben. „In vielen Betrieben findet das Mischen der Pestizide ohne Schutzausrüstung statt, die Pestizide werden oft verschüttet und nicht fachgerecht entsorgt“, berichten die Autor*innen. Die Arbeiter*innen würden dazu angehalten, Etiketten von den Verpackungen zu entfernen, um Kontrollen zu erschweren. „Auf einigen Farmen werden Landarbeiter*innen selbst dann in die Weinberge geschickt, wenn gleichzeitig hochgefährliche Pestizide gesprüht werden“, betont Urhahn. Die Landarbeiter* innen klagten zudem über Husten, juckende Haut und Ausschlag. Die vermeintlich „sichere“ Anwendung von hochgefährlichen Pestiziden im globalen Süden sei eine Illusion, sagt Urhahn: „Den Konzernen ist das bekannt. Trotzdem nutzen sie die schwächeren Regulierungen in den Ländern des globalen Südens aus, um dort mit hochgefährlichen Pestiziden Gewinne auf Kosten von Mensch und Umwelt zu machen.“

Auch in Brasilien sind mindestens neun von Bayer und BASF entwickelte und/oder vermarktete Pestizidwirkstoffe auf dem Markt, die entweder von der WHO als akut toxisch (1B) oder von der EU als reproduktionstoxisch bzw. mutagen oder karzinogen (EU-Kategorie 1B) eingestuft werden. Die beiden Konzerne sind direkt am Verkauf von acht dieser Wirkstoffe beteiligt, indem sie die Wirkstoffe einerseits selbst über eigene Produkte vermarkten, oder wie im Fall von Fenamiphos andererseits den Wirkstoff an andere Unternehmen liefern. Der Studie zufolge liefert Bayer den Wirkstoff Fenamiphos nach Brasilien. „Dafür wird Fenamiphos von Bayer in Japan hergestellt und im Industriepark Belford Roxo im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro formuliert“, heißt es in der Studie. Die Fenamiphos-Produkte werden dann unter dem Namen NEMACUR vermarktet. Ende 2010 habe eine Repräsentanz des US-Unternehmens American Vanguard Corporation (AMVAC do Brasil) die Produktlinie NEMACUR von Bayer übernommen. So gelangt der ursprüngliche Bayer-Wirkstoff über die Pestizidprodukte dieses Herstellers nun weiterhin in Brasilien in Umlauf.

Die Herausgeber fordern die Bundesregierung auf, den Export von solchen Pestizidwirkstoffen aus Deutschland zu verbieten, die in der EU aus Gesundheits- oder Umweltschutzgründen verboten sind und sich für einen EU-weiten Exportstopp einzusetzen. „Dass die Bundesregierung trotz akuten Handlungsbedarfs nicht tätig wird, ist grob fahrlässig“, sagt Beushausen. „Die Doppelstandards im Handel mit Pestizidwirkstoffen sind symptomatisch für eine verantwortungslose Wirtschaftspolitik, die deutsche und europäische Exportinteressen über die Einhaltung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten stellt.“ Zudem brauche es zunächst deutlich mehr Transparenz im globalen Wirkstoffhandel. Allzu oft gelänge es Konzernen, sich hinter dem Geschäftsgeheimnis zu verstecken. So sollten künftig detaillierte Angaben über Herkunft, Menge und Ziel sowohl von Pestizidprodukten als auch von Wirkstoffen, die Unternehmen in andere Länder exportieren, zur Verfügung stehen. Und auch auf globaler Ebene bestehe Handlungsbedarf, um den Konzerne Beine zu machen, sagt Autor Peter Clausing, Toxikologe bei PAN Germany: „Die freiwilligen Selbstverpflichtungen, sind oft nur leere Versprechen. Es braucht ein völkerrechtlich verbindliches, globales Produktions-, Lagerungs- und Exportverbot für hochgefährliche Pestizidwirkstoffe“, so Clausing. (ab)

15.04.2021 |

Zwei Szenarien für die Zukunft unserer Ernährungssysteme

Weg
Wohin geht die Reise? (Foto: CC0)

Wie wird sich die Welt im Jahr 2045 ernähren und Landwirtschaft betreiben? Bestimmen bald nur noch große Agrarkonzerne, Künstliche Intelligenz und digitale Technik, wie jeder Zentimeter Acker rund um den Globus bestellt wird, oder gelingt der Zivilgesellschaft eine Transformation unserer Agrar- und Ernährungssysteme? Mit dieser Frage befassen sich führende Expert*innen auf dem Gebiet in einem Bericht, der am 30. März erschien. „A Long Food Movement? Transforming Food Systems by 2045” ist der Titel der 176 Seiten starken Zukunftsvision, die mehrere Autor*innen und eine Beratergruppe erarbeiteten. Abgesegnet und herausgegeben haben den Bericht IPES-Food, ein internationales Expertengremium für nachhaltige Lebensmittelsysteme, und die kanadische ETC Group, die sich mit den sozioökonomischen und ökologischen Folgen neuer Technologien befasst. Die Zukunft kann für den Planeten, die Menschen und das Ernährungssystem ganz unterschiedlich aussehen, je nachdem, in welche Richtung wir gehen. Den aktuellen Trend sieht Hauptautor Pat Mooney von der ETC Group kritisch: „Die Schlüssel zu unserem Ernährungssystem werden gerade an Datenplattformen, Private-Equity-Firmen und E-Commerce-Giganten übergeben. Dies ist die Schreckensvision für die Zukunft unserer Ernährung und des Planeten – es sei denn, die Zivilgesellschaft wehrt sich.“

Im ersten Szenario beleuchten die Autor*innen unter dem Schlagwort ‘Agribusiness as usual?’, wie die Lebensmittelsysteme im Jahr 2045 aussehen könnten, wenn das Agribusiness ungehindert seine Ziele verfolgen kann. Agrarkonzerne würden dann die Ernährungssysteme dominieren, die Zerstörung der Umwelt würde sich beschleunigen und die Ernährungssicherheit von Milliarden Menschen könnte von unerprobten Technologien abhängen, die von gewinnorientierten Unternehmen verwaltet werden. Der Bericht widmet sich aktuellen Trends der technologischen Entwicklung und Unternehmenskonsolidierung, prognostiziert aber auch drei künftige Entwicklungen, die die Lebensmittelsysteme bis 2045 prägen könnten, wenn sich das Agrobusiness durchsetzt. Den ersten Trend nennen die Autor*innen „Präzisionsgesteuerte Ökosysteme und das Internet der landwirtschaftlichen Dinge“. Sie prognostizieren, dass Algorithmen die Wachstumsbedingungen jedes fruchtbaren Quadratmeters Erde genau bestimmen werden. Nutzpflanzen und -tiere werden für diese Bedingungen maßgeschneidert und verändert werden. Künstliche Intelligenz (KI) wird dann eingesetzt, um Ökosysteme so umzugestalten, dass sie eine optimale Leistung erbringen, und Robotertraktoren und Drohnen werden so schnell eingeführt, wie es die digitale Infrastruktur erlaubt.

Beim zweiten Trend geht es um „Logistikkorridore, Ressourcenkonflikte und die neue Datengeopolitik“: Künftig werden viele Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen gedrängt werden, Land, Ressourcen und Daten in die Hände jener zu legen, die diese Technologien liefern und bereit sind, Ernten im Voraus zu kaufen. Mächtige Konzerne und Regierungen werden Ressourcen und die Versorgung mit Nahrungsmitteln über riesige Wirtschaftskorridore kontrollieren. Die Freihandelsabkommen der 2020er und 2030er Jahre werden vor allem dazu dienen, Zugang zu Ressourcen und die Rechte von Unternehmen auf Datenverwertung zu sichern. Da Lebensmittel als strategischer Vorteil angesehen werden, droht eine neue Welle von Land-, Meeres- und Ressourcengrabbing. Beim dritten Trend („Extremes Nudging, personalisierte Ernährung und neue Grenzen bei der Gestaltung des Esserlebnisses“) stehen die Verbraucher im Fokus: Daten aus alltäglichen Transaktionen (digitale Geldbörsen bis hin zu automatisierten Lebensmitteldiensten) werden zunehmend mit online gesammelten Informationen kombiniert, um die Essgewohnheiten der Menschen zu tracken und manipulieren und so die Esskulturen neu zu gestalten.

Doch es gibt ja auch noch eine hoffnungsvollere Perspektive: Im zweiten Szenario unter dem Schlagwort ‚Civil Society As Unusual‘ stellen sich die Autor*innen eine Welt vor, in der es der Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen gelingt, Finanzströme, Governance-Strukturen und Ernährungssysteme von Grund auf zu verändern. Das würde voraussetzen, dass diese Bewegung – von Basisorganisationen bis zu internationalen NGOs, von Bauerngruppen bis hin zu Kooperativen und Gewerkschaften – in den nächsten 25 Jahren tiefere, breitere und effektivere Kooperationen als je zuvor entwickelt, die kollektive Aktivitäten und übergreifende Strategien beinhaltet. „Die Zivilgesellschaft und die sozialen Bewegungen müssen Jahrzehnte vorausdenken. Wir müssen auf künftige Schocks vorbereitet sein. Weder kurzfristige Aktionen noch langfristige Planung können warten. Deshalb brauchen wir eine langfristige Ernährungsbewegung“, sagte Lim Li Ching von Third World Network, die an dem Bericht mitgewirkt hat.

Dieses zweite Szenario umfasst vier miteinander verknüpfte Pfaden der Reform und Transformation der Ernährungssysteme: (1) Vielfalt, Agrarökologie und Menschenrechte als Basis der Ernährungssysteme (2) Transformation von Governance-Strukturen, (3) Veränderung der Finanzströme und (4) Überdenken der Art der Zusammenarbeit von NGOs. Die Autoren beschreiben außerdem 13 strategische Möglichkeiten innerhalb dieser Pfade, die auf dem beruhen, was bereits geschieht oder erreichbar ist. Zu den Schlüsselstrategien gehört die Umlenkung von Geldern, die bisher in die Subventionierung der Haupt-Agrarrohstoffe, Forschungsausgaben und Nischen-Budgetlinien fließen, hin zu kleinen Lebensmittelproduzent*innen. Um Gelder für Forschung und Entwicklung auf nachhaltige Ernährungssysteme umzulenken, müsste die „Ernährungsbewegung“ den Druck auf bilaterale Geber erhöhen, bei Forschungsprojekte im globalen Süden auf Agrarökologie zu setzen, die Mission der internationalen Agrarforschungszentren (CGIAR) neu auszurichten und ihre eigenen Agrarforschungsprogramme zu reformieren.

Zudem müsse der Wandel hin zu kürzeren Lieferketten und ethischem Konsum beschleunigt werden. Wenn die Lebensmittelbewegung Erfolg hat, würden im Jahr 2045 bis zu 50% der Lebensmittel aus lokalen und regionalen Lieferketten stammen. Die Autoren prognostizieren außerdem, dass bis zu 80% der Menschen in reicheren Bevölkerungsgruppen bis dann von einer fleischlastigen auf eine vegetarische oder flexitarische Ernährung umgestellt haben. Apps werden es den Verbrauchern ermöglichen, schnell und transparent festzustellen, ob ein Produkt aus nachhaltiger Produktion stammt oder von einem „Business-as-usual“-Konzern. Weitere Schlüsselstrategien sind die Erhebung von Steuern auf Junk Food, giftige Stoffe, CO2 und die Gewinne multinationaler Konzerne sowie das Ergreifen von Sofortmaßnahmen zur Ernährungssicherung, die Priorität haben vor Regeln für Handel oder zum Schutz geistigen Eigentums. Hungersnöte, Mangelernährung und Umweltzerstörung könnten 2045 als kriminelle Verstöße international geahndet werden.

Durch das Beschreiten dieser vier Pfade der von der Zivilgesellschaft angeführten Transformation des Lebensmittelsystems könnten insgesamt 4 Billionen US-Dollar von der industriellen Lebensmittelproduktion auf Ernährungssouveränität und Agrarökologie umgeschichtet werden. Eingerechnet sind hier $720 Milliarden an Subventionen für große Rohstoffproduzenten und 1,6 Billionen an Einsparungen im Gesundheitswesen durch ein hartes Vorgehen gegen Junk Food. Unter diesem Szenario würden 75% der Treibhausgasemissionen der Ernährungssysteme vermieden werden. „Die Zivilgesellschaft kann und muss sich verändern“, schlussfolgern die Autoren*innen. „Die Geschichte zeigt, dass sich Menschen fast über Nacht anpassen können, wenn sich die Notwendigkeit oder Gelegenheit ergibt. (...) Die gewaltigen Veränderungen, die die Gesellschaft durch die Anpassung an COVID-19 erfahren hat (...) zeigen, dass künftig alles möglich ist.“ (ab)

29.03.2021 |

Peak Meat: Fleischkonsum in Europa sinkt ab 2025

Burger
Veggie-Burger sind im Kommen (Foto: CC0)

Der Markt für pflanzliche Fleischersatzprodukte boomt und in Europa und Nordamerika könnte schon 2025 „Peak Meat“ erreicht sein – der Punkt, an dem der Konsum von tierischen Proteinen rückläufig sein wird. Dies hätte beträchtliche Vorteile für die Umwelt. Das geht aus einer Marktanalyse der Unternehmensberatung Boston Consulting Group und des Investment-Unternehmens Blue Horizon hervor, die am 23. März erschien. Demnach könnte der Markt für Alternativprodukte zu herkömmlichen Fleisch-, Milch-, Ei- und Fischerzeugnissen von aktuell 13 Millionen Tonnen pro Jahr auf 97 Millionen Tonnen in 2035 wachsen und würde so einen Marktanteil von 11% erreichen – gegenüber 2% im Jahr 2020. Sollte die technologische Entwicklung von Ersatzprodukten schneller voranschreiten und bessere Rahmenbedingungen entstehen, wie CO2-Steuern und eine Umschichtung von Subventionen, könnte der Anteil noch höher ausfallen. „Das letzte Domino-Steinchen könnte fallen, wenn der Gesetzgeber den Anstoß dazu gibt. Höhere Kohlenstoffpreise und die Unterstützung von Landwirten bei der Umstellung von der Tierhaltung auf alternative Eiweißquellen könnten den Verbrauch bis 2035 auf 22% ansteigen lassen“, heißt es in dem Papier. „Bei diesem Tempo würden Europa und Nordamerika bis 2025 den ‚Peak Meat‘ erreichen und der Verbrauch von tierischem Eiweiß würde dann in diesen Märkten tatsächlich zu sinken beginnen.“ In anderen Weltregionen würde sich der Konsum von Fleischprodukten zwar verlangsamen, aber noch nicht zurückgehen.

Den Marktexperten zufolge wird pflanzlichen Ersatzprodukten erst dann der Durchbruch gelingen, wenn sie dem Original das Wasser reichen können. „Proteinalternativen könnten dem tierischen Protein in puncto Geschmack, Textur und Preis bald entsprechen. Wir erwarten, dass das Gleichziehen eine neue Wachstumswelle auslösen wird und so den aktuell noch recht jungen Markt in den Mainstream katapultiert, was erhebliche Vorteile für die Umwelt mit sich bringt und ein noch schnelleres Wachstum ermöglicht“, sagt Benjamin Morach von der Boston Consulting Group. Für pflanzliche Alternativen wie Burger, Milchprodukte und Eiersatzprodukte auf Basis von Soja, Erbsen und anderen Proteinen könnte der Durchbruch 2023 oder früher anstehen, während Alternativen aus Mikroorganismen, wie Pilzen, Hefen und einzelligen Algen, 2025 perfektioniert sein könnten. Direkt aus tierischen Zellen gezüchtete Alternativen könnten 2032 an das Original heranreichen.

Die Umstellung auf pflanzliche Alternativen würde messbare, positive Auswirkungen auf die Umwelt haben und könnte einen Beitrag zum Erreichen mehrerer UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) leisten, wie nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster (SDG 11) und Kein Hunger (SDG 2). Allein der Umstieg auf pflanzliche Fleisch- und Eialternativen könnten bis 2035 mehr als eine Gigatonne CO2 einsparen. Das entspricht der Menge an Emissionen, die Japan in einem einzigen Jahr ausstößt. Im Vergleich zu tierischen Proteinen verursachen pflanzliche Ersatzprodukte nur ein Achtel der CO2-Menge, die für ein Kilo Hähnchenfleisch nötig ist. Für Eiersatz fällt nur ein Drittel der CO2-Menge an. Alternativen zu Rindfleisch verursachen nur ein Zwölftel und zu Schweinefleisch nur ein Neuntel der Emissionen. Der Umstieg auf pflanzliche Alternativen würde bis 2035 zudem 39 Milliarden Kubikmeter Wasser einsparen – damit könnte London 40 Jahre lang versorgt werden. Außerdem würden 240.000 Quadratkilometer Land frei werden, das bisher benötig wurde, um Tiere zu halten und ihre Futtermittel zu produzieren. Das ist eine Fläche so groß wie das Vereinigte Königreich. Durch das Freiwerden dieser Flächen in den nächsten 15 Jahren könnte die Artenvielfalt gesteigert werden, da einst intensiv genutzte Flächen wieder naturnaher gestaltet werden könnten.

Doch die Frage bleibt, wer vom Boom der Ersatzprodukte profitieren wird. Bereits heute sind es vor allem große Fleischkonzerne, die ihre Produktpalette um Ersatzprodukte erweitert haben oder, wie BCG es beschreibt, „sich selbst als ‚Protein‘-Unternehmen neudefinieren, ihre eigenen Ersatzprodukte herstellen und vermarkten.“ Der Markt für Alternativen zu Fleisch, Eiern, Milchprodukten und Fisch könnte bis 2035 auf 290 Milliarden US-Dollar anwachsen. Daher rührt auch das Interesse der Unternehmensberater an dem Thema. Die Proteintransformation nehme gerade erst Fahrt auf, heißt es in der Marktanalyse. „Das Spielfeld der alternativen Proteine ist weit offen und der Fortschritt ereignet sich schnell. Es besteht eine echte Chance für Investoren, die frühzeitig einsteigen, wichtige Akteure für die Zukunft der Ernährung zu werden.“ (ab)

22.03.2021 |

UN-Bericht: Wasser muss ein höherer Stellenwert zukommen

Wasser
Wasser - nicht wegzudenken aus der Landwirtschaft (Foto: CC0)

Es mangelt vielfach an Bewusstsein für den wahren Wert von Wasser, wodurch die kostbare Ressource weltweit viel zu oft als selbstverständlich angesehen, privatisiert, verschmutzt und verschwendet wird. Darauf macht der Weltwasserbericht 2021 aufmerksam, der anlässlich des Weltwassertages am 22. März veröffentlicht wurde. Der von der UNESCO im Auftrag der Vereinten Nationen verfasste Bericht betont, dass Wasser einen höheren Stellenwert erhalten müsse – und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis. Denn genau hier bestehe ein Missverhältnis: Es sei zwar das Bewusstsein vorhanden, dass sauberes Wasser die Grundlage für Gesundheit, Hygiene, Landwirtschaft und Industrie ist und sicheres Wasser und sanitäre Dienstleistungen ein Menschenrecht sind, doch im politischen Alltag fehlen Aufmerksamkeit und Investitionen für die Ressource. „In Sonntagsreden sind wir uns über den Wert des Wassers einig, im Alltag vergessen wir ihn. Man kann die Bedeutung von Wasser eben nicht mit dem Preis der Bereitstellung für Industrie, Landwirtschaft und Haushalte gleichsetzen. Vor allem muss auch berücksichtigt werden, welchen Wert Wasser für Ökosysteme und damit als menschliche Lebensgrundlage hat. Eine echte Transformation ist erforderlich“, fordert Ulla Burchardt, Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission. Das sei besonders wichtig vor dem Hintergrund von zunehmender Wasserknappheit, Bevölkerungswachstum und Klimawandel.

Der Bericht betont die Notwendigkeit, unsere Vorstellung vom „Wert“ von Wasser auszuweiten und ihn nicht mit „Preis“ oder „Kosten“ zu verwechseln. “Im herkömmlichen wirtschaftlichen Rechnungswesen, das für politische Entscheidungen oft die Grundlage bildet, wird der Wert von Wasser meist nur begrenzt anerkannt, da er häufig wie bei den meisten anderen Produkten durch die bei wirtschaftlichen Transaktionen anfallenden Preise und Kosten ermittelt wird“, heißt es in der deutschen Zusammenfassung des Berichts. „Im Fall von Wasser ist die Beziehung zwischen Preis und Wert jedoch alles andere als klar. Der den Verbrauchern in Rechnung gestellte Preis, falls es überhaupt einen Preis gibt, spiegelt meist den Versuch einer Kostendeckung wider, nicht den gelieferten Wert.“ Daher müssten umfassendere Ansätze der Bewertung entwickelt werden, die auch soziale und kulturelle Dimensionen einbeziehen. Das Defizit aktueller Werkzeuge und Methoden basiere oft auf dem rein ökonomischen Aspekt, doch dies hat den Nachteil, dass andere Aspekte oft unterschätzt oder gar außen vorgelassen werden, die schwer zu beziffern sind. „Wie können wir die Bedeutung von 443 Millionen Schultagen quantifizieren, die aufgrund von mit Wasser in Verbindung stehenden Krankheiten jedes Jahr verpasst werden?“, lautet eine der aufgeworfenen Fragen im Bericht. Der Weltwasserbericht wirbt daher dafür, den Wert von Wasser mit neuen Methoden zu bemessen, um eine bessere Grundlage für konkrete politische Entscheidungen zu erhalten.

Der Bericht stellt aktuelle Methoden und Ansätze zur Bewertung von Wasser in fünf miteinander verbundenen Perspektiven gruppiert vor: (1) Die Bewertung von Umwelt, Natur und Ökosystemen als Quelle von Wasser; (2) die Bewertung wasserwirtschaftlicher Infrastruktur, (3) die Bewertung von Wasserversorgung, Sanitärversorgung und Hygiene (WASH), (4) von Wasser für Ernährung und Landwirtschaft, Energie, Industrie und Gewerbe und (5) weitergehende soziokulturelle Werte von Wasser. Im Kapitel zu Ernährung und Landwirtschaft wird zunächst auf die Bedeutung von Wasser für diesen Bereich hingewiesen. Im weltweiten Schnitt verbraucht die Landwirtschaft 69% der Wasservorräte aus Flüssen, Seen und Grundwasserleitern. Da die Weltbevölkerung weiter wächst, bräuchte es bei unveränderten Trends 50% mehr Bewässerung in der Landwirtschaft bis 2050, doch dafür fehlt das Wasser. Vielerorts wird Wasser zudem ineffizient genutzt - einer der Hauptgründe für Umweltzerstörung, die sich in der Erschöpfung von Grundwasserleitern, der Verringerung des Abflusses von Flüssen, der Zerstörung von Lebensräumen für Wildtiere und Schadstoffbelastung niederschlage. Daher ist in der Landwirtschaft eine viel effizientere Wassernutzung nötig als bisher, was gerade auch eine andere Bewertung von Wasser erforderlich macht.

Dem Bericht zufolge gibt es verschiedene Bewirtschaftungsoptionen, um die vielfältigen Werte von Wasser für die Nahrungsmittelproduktion zu maximieren. Als Beispiele nennen die Autor*innen eine bessere Bewirtschaftung von regengespeisten Anbauflächen, die Bereitstellung von Wasser gerade aus naturnahen und nicht-konventionellen Quellen für die Bewässerung, die Verbesserung der Wassernutzungseffizienz, die Reduzierung der Nachfrage nach Nahrungsmitteln und des damit verbundenen Wasserverbrauchs sowie die Verbesserung des Wissens und des Verständnisses der Wassernutzung für die Nahrungsmittelproduktion. „Höhere Wassersicherheit für die Nahrungsmittelproduktion sowohl in regengespeisten als auch in bewässerten Systemen kann (…) dazu beitragen, Armut zu mindern und Geschlechtergleichstellung zu erreichen“, heißt es in der Zusammenfassung. „Zu den direkten Wirkmechanismen gehören höhere Erträge, ein geringeres Risiko von Ernteausfällen und eine größere Vielfalt des Anbaus, höhere Löhne durch verbesserte Beschäftigungsmöglichkeiten sowie vor Ort eine stabile Nahrungsmittelproduktion und -preise.“ Höhere, stabilere Einkommen tragen dazu bei, den Bildungserfolg und die Fähigkeiten von Frauen zu verbessern und damit ihre aktive Teilhabe an Entscheidungsprozessen zu fördern, so der Bericht. (ab)

19.03.2021 |

Klimaschutz: 450 NGOs fordern Stopp des EU-Mercosur-Abkommens

Soy
Stoppt die Sojawüsten (Foto: CC0)

Am 19.3. ist globaler Klimastreik angesagt und die Bewegung Fridays For Future und Menschen weltweit protestieren wieder für mehr Klimaschutz. Doch schon im Vorfeld erhoben Nichtregierungsorganisationen ihre Stimme gegen einen Deal, der fatale Folgen für das Klima haben könnte: das geplante Handelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten. Ein Bündnis aus rund 450 europäischen und südamerikanischen Organisationen rief am Montag dazu auf, den Vertrag zu stoppen. „Die Ziele und Kernelemente dieses Abkommens stehen in direktem Widerspruch zu Klimaschutz, Ernährungssouveränität und der Wahrung von Menschenrechten und Tierschutz“, warnen sie in ihrer Erklärung „Stopp EU-Mercosur“. Am Montag fand zudem eine Protestaktion vor der Brasilianischen Botschaft in Berlin statt, bei der Vertreter*innen einiger der Organisationen mit Plakaten, Trecker und Sojaschrotsäcken auf die negativen Auswirkungen für Mensch und Umwelt aufmerksam machten, die das Abkommen mit sich bringen würde. Ein zentrales Ziel des Mercosurs ist es, die Importe von Fleisch, Soja und Ethanol in die EU zu erhöhen, während im Gegenzug die Exportbedingungen für die deutsche Automobilindustrie verbessert werden sollen. „Das EU-Mercosur-Abkommen ist ein Paradebeispiel für Klimazerstörung. Wer Autos für Rindfleisch tauscht, verdrängt Artensterben, Klimakrise und Menschenrechtsverletzungen“, kritisiert Ludwig Essig vom Umweltinstitut München.

Das geplante EU-Mercosur-Abkommen steht schon seit Langem auf beiden Seiten des Atlantiks in der Kritik. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Verhandlungen hatten sich im Sommer 2019 die Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay und die EU auf ein Freihandelsabkommen geeinigt, mit dem Zölle in Höhe von mehr als 4 Milliarden Euro pro Jahr wegfallen sollten. Zunächst müssen aber die EU-Regierungen und nationalen Parlamente die von der EU-Kommission ausgehandelte Einigung billigen. Doch hier werden Zweifel und Kritik laut, vor allem angesichts der problematischen Haltung von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro zu Klimaschutz und Menschenrechten und der Bilder von Brandrodungen im Amazonas. Österreich hat bereits sein Veto eingelegt, da das Freihandelsabkommen im Widerspruch zu den Zielen des Green Deal der EU und des Pariser Klimaabkommens stehe, und Vizekanzler und Grünen-Chef Werner Kogler bekräftigte dies Anfang März in einem Brief an die portugiesische EU-Präsidentschaft. Diese hingegen will die Ratifizierung des Abkommens bis Ende Juni abschließen.

Die Organisationen aus den Mercosur-Staaten und der EU, darunter auch knapp 50 Organisationen aus Deutschland, fordern dagegen einen Stopp des Handelsabkommens. Es gehöre zu einer überholten Handelspolitik des 20. Jahrhunderts, das den Planeten zerstört, und diene Konzerninteressen auf Kosten der planetarischen Grenzen, unhaltbarer sozialer Ungleichheiten und des Tierschutzes, erklären sie. Die NGOs befürchten, dass das Freihandelsabkommen die Artenvielfalt des Amazonas, des Cerrado und des Gran Chaco weiter beeinträchtigen wird. Wenn mehr Fleisch, Soja und Ethanol in die EU exportiert wird, drohe eine weitere Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes, der bereits jetzt durch Brände und Abholzungen bedroht ist. Doch nicht nur die Wälder sind in Gefahr: „Das Handelsabkommen wird sowohl in Europa als auch in Südamerika Lebensgrundlagen zerstören und Kleinbauernfamilien und Arbeiter in die Knie zwingen“, heißt es in der Erklärung. „Es erhöht den Handel mit Agrarrohstoffen auf der einen und den Handel mit umweltschädlichen Autos auf der anderen Seite, und stellt daher eine unmittelbare Bedrohung für Arbeitsplätze in den Mercosur-Ländern dar. Es führt die Pfadabhängigkeit der südamerikanischen Volkswirtschaften als billige Exporteure von Rohstoffen fort, die durch die Zerstörung lebenswichtiger natürlicher Ressourcen gewonnen werden, anstatt die Entwicklung gesunder, diversifizierter und widerstandsfähiger Ökonomien zu fördern.“

Die Organisationen warnen auch, dass die Ratifizierung des Abkommens ein verheerendes politisches Signal aussenden würde, dass schreckliche Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit den Lieferketten, die in diesem Abkommen angelegt sind, akzeptabel seien. Sven Hilbig, Handelsexperte von Brot für die Welt, fürchtet, dass das EU-Mercosur-Abkommen die Menschenrechtslage in Brasilien noch weiter verschärfen würde. „Besonders betroffen wären Indigene und Kleinbauern, die durch die Regierung Bolsonaro vertrieben werden, um Platz für Sojaanbau und Rohstoffausbeutung zu schaffen.“ Er verweist darauf, dass nach Einschätzung der Vereinten Nationen Menschenrechte in Brasilien bereits jetzt systematisch durch die Regierung Bolsonaro mit Füßen getreten werden. „Wenn die Friedensnobelpreisträgerin EU eine wertegeleitete Handelspolitik verfolgen will, darf dieses Abkommen nicht zustande kommen.“ Laut einer EU-weiten repräsentativen Umfrage von September 2020 sieht das offenbar auch die Mehrheit der Bevölkerung so: 75% der von YouGov Befragten äußerten, dass der Deal gestoppt werden müsse, wenn er zu Abholzungen und Umweltzerstörung führe. (ab)

12.03.2021 |

Bericht: Konzerne umgehen Verbot von Patenten auf konventionelle Züchtung

Saat
Ein kostbares Gut (Foto: CC0)

Saatgutkonzerne umgehen weiterhin das Verbot der Patentierung konventionell gezüchteter Pflanzen und Tiere, indem sie Schlupflöcher im europäischen Patentrecht geschickt ausnutzen. Das zeigt ein neuer Bericht des Bündnisses „Keine Patente auf Saatgut!“, der am 11. März in Berlin dem Bundesministerium für Justiz übergeben wurde. Und es ist nicht der erste Bericht, der diese Praxis dokumentiert.

Die Mitgliedsorganisationen forderten Bundesjustizministerin Christine Lambrecht auf, endlich Maßnahmen gegen die Patentierung von Pflanzen und Tieren zu ergreifen, wie dies im Koalitionsvertrag angekündigt wurde. „Patente auf Pflanzen und Tiere lehnen wir ab“, heißt es dort unmissverständlich. „In Europa sind Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere verboten. Eine entsprechende Regelung wurde 2020 von der Großen Beschwerdekammer, der höchsten rechtlichen Instanz des EPA, bestätigt“, heißt es in der Pressemitteilung von „Keine Patente auf Saatgut!“. Doch bei der Umsetzung dieser Verbote gebe es erhebliche Probleme: „Nach der gegenwärtigen Praxis werden auch Pflanzen mit zufälligen genetischen Veränderungen als patentierbare Erfindungen angesehen. Es gibt bereits zahlreiche Beispiele, die zeigen, wie rechtliche Schlupflöcher dazu genutzt wurden, um Patente auf Gerste und Bier, auf Melonen oder auch auf Salat aus konventioneller Züchtung zu erteilen.“

Für den neuen Bericht wurden Patentanträge auf Pflanzen im Bereich der konventionellen Züchtung unter die Lupe genommen, die bei der WIPO (Weltorganisation für geistiges Eigentum) gestellt und 2020 veröffentlicht wurden. Die Patente könnten vom Europäischen Patentamt (EPA) in den nächsten Jahren erteilt werden – unter anderem Patente auf Gurken, Tomaten, Brokkoli, Weizen, Sojabohnen und Melonen. Die Anträge kamen von großen Saatgutkonzernen wie BASF, KWS und Corteva (DowDupont). In den Patentanträgen werden die Grenzen zwischen konventioneller Züchtung und gentechnischen Eingriffen systematisch verwischt, beklagt „Keine Patente auf Saatgut!“. Patente, die auf gentechnisch veränderte Pflanzen (oder Tiere) erteilt werden, können sich so auch auf Pflanzen und Tiere erstrecken, die aus konventioneller Züchtung stammen und vergleichbare züchterische Eigenschaften aufweisen. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass in den letzten 10 Jahren rund hundert Patentanträge pro Jahr angemeldet wurden, die die konventionelle Züchtung betreffen. Aus den Zahlen zu Patenterteilungen im Bereich der Biotechnologie könne man ableiten, dass rund 30-50 Prozent der Anträge bewilligt werden, heißt es in der deutschen Zusammenfassung der Recherche. Einige dieser Patente könnten einige Dutzend oder auch über hundert Pflanzensorten betreffen.

„In Europa sind schon jetzt über tausend Sorten von entsprechenden Patenten betroffen. Werden diese Patente nicht gestoppt, kann das schwerwiegende Auswirkungen für Züchtung, Landwirtschaft und VerbraucherInnen haben“, sagt Christoph Then für „Keine Patente auf Saatgut!“. Die Patentinhaber können den Zugang zu den Pflanzen kontrollieren und behindern, der für die weitere Züchtung benötigt wird. Die Politik muss jetzt die Gefahr für die Zukunft unserer Ernährung abwenden.“ Auch Katherine Dolan von Arche Noah warnt: „Die Patentierung verschafft globalen Konzernen Monopolrechte auf die Grundlagen unserer Lebensmittel. Wenn es so weitergeht, werden bald nur wenige Konzerne bestimmen, was wir anbauen, kaufen und letztendlich essen dürfen und zu welchem Preis.“ Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), sieht die Bundesregierung in der Pflicht, nun endlich zu handeln. „Es ist Aufgabe der Politik, für klare Regeln zur Einhaltung der bestehenden Verbote zu sorgen. Die Bundesregierung hat nur noch wenige Monate Zeit, um hier im Sinne des Koalitionsvertrages für mehr rechtliche Klarheit zu sorgen“ und darauf hinzuwirken, die rechtlichen Schlupflöcher zu stopfen. „Konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere dürfen nicht länger patentiert werden!“, fordert Janßen. (ab, www.weltagrarbericht.de)

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