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30.10.2017

Weltbank: Durch Dürren zerstörte Ernten könnten 81 Millionen ernähren

Dürre
Dürrebedingte Ernteausfälle haben schwerwiegende Folgen (Foto: CC0)

Mit den Lebensmitteln, die durch Dürren verloren gehen, könnte ganz Deutschland ein Jahr lang ernährt werden. Das vermeldete die Weltbank und fordert ein verbessertes Wassermanagement. In einem neuen Bericht betont sie, dass langanhaltende Trockenphasen weltweit erschreckend gravierende und oft versteckte Auswirkungen auf Bauernhöfe, Firmen und Familien haben. Die Weltbank beschreibt Dürren als „Elend in Zeitlupe“, das anhaltende Auswirkungen auf die Gesundheit und das Einkommen von Familien habe und nachfolgende Generationen in Armut und Mangelernährung gefangen halte. Den Autoren zufolge zerstörten Dürren zwischen 2001 und 2013 so viele Lebensmittelkalorien wie nötig wären, um rund 81 Millionen Menschen über ein Jahr hinweg jeden Tag mit 2000 Kalorien zu ernähren. In diesem Zeitraum summierten sich die Verluste in Gebieten, die von Dürren heimgesucht wurden, auf 59,2 Billionen Kilokalorien. Zu den Regionen, in denen die Produktion durch Dürren große Verluste erlitt, gehören Südmexiko und Zentralamerika, der Norden Südamerikas, Westeuropa, weite Teile der Sahelzone und Südafrika, Indonesien und Südaustralien. „Viele der betroffenen Regionen überlappen sich mit den Gebieten, die bereits ein großes Nahrungsmitteldefizit aufweisen und als verletzlich eingestuft werden“, so der Bericht.

Der Bericht zeigt, wie sich Dürren in Verbindung mit Wasserknappheit auf die Landwirtschaft, Firmen und Familien auswirken. Für Familien zieht sich das Vermächtnis von Dürren über Generationen hinweg und schadet nicht nur den Frauen, die sie erlebten, sondern auch ihren Kindern. Im ländlichen Afrika seien Frauen, die während extremer Trockenphasen geboren wurden, ihr ganzes Leben lang gezeichnet. Wegen der Ernteverluste sind sie oft physisch und psychisch beeinträchtigt und unterernährt. Ihr Leiden wird oft auf die nächste Generation übertragen: Es ist wahrscheinlicher, dass ihre Kinder unterentwickelt und nicht gesund sind, wodurch sich der Teufelskreis der Armut fortsetzt. Für Bauernhöfe gehen Dürren mit starken Ertragseinbußen einher. Selbst leichte Trockenphasen verringern die Produktivität. Doch wenn mehrere Jahre infolge weniger Regen als im Durchschnitt fällt, sehen sich Bauern in armen Ländern gezwungen, in umliegende Wälder vorzudringen, da sie durch die Ausweitung der Anbauflächen Ernteeinbrüche zu kompensieren suchen. Da Wälder das Klima stabilisieren und dazu beitragen, den Wasserhaushalt zu regulieren, verringert Abholzung die Wasservorräte und verstärkt den Klimawandel.

Für Unternehmen sind laut dem Bericht die wirtschaftlichen Folgekosten von Dürren viermal so hoch wie bei Überschwemmungen. Die Weltbank schätzt, ein einziger Wasserausfall den Umsatz einer Firma in der Stadt um 8% reduzieren kann. Und wenn die Firma im informellen Sektor angesiedelt ist, wie es so oft in Entwicklungsländern der Fall ist, brechen die Verkäufe um 35% ein. Dies zerstört Existenzen und bringt das Wirtschaftswachstum in Städten zum Erliegen. „Diese Auswirkungen zeigen, warum es immer wichtiger wird, dass wir Wasser wie die wertvolle, endliche und zerstörbare Ressource behandeln, die es ist“, sagte Guangzhe Chen, ein führender Weltbankmitarbeiter. „Ohne sorgsames Wassermanagement – von der Quelle bis zum Wasserhahn und zurück – wird aus der heute beobachteten Krise die Katastrophe von morgen“, schreibt er im Vorwort des Berichts. Richard Damania, einer der Autoren, warnt zudem, dass sich die Wasserknappheit in andere Weltregionen ausdehnen könnte, wenn der zunehmende Wassermangel und die stärkeren und häufigeren Stürme, die mit dem Klimawandel einhergehen, nicht ernstgenommen werden. Das könnte möglicherweise gewaltsame Konflikte, Leid und Migration weiter verschärfen.

Doch der Bericht liefert auch Vorschläge, um diesen Herausforderungen zu begegnen. „Die Vermeidung dieses Elends in Zeitlupe erfordert einen grundlegen Wandel beim gegenwärtigen Wassermanagement.“ Die Autoren empfehlen die Einrichtung einer neuen Infrastruktur zur Wasserspeicherung und zum Wassermanagement. Bewässerungsinfrastruktur besitzt ebenfalls das Potenzial, dürrebedingte Verluste bei Feldfrüchten abzufedern und so zu verhindern, dass Bauern ihr Ackerland ausweiten. Doch die Autoren geben auch zu bedenken, dass die kostenlose Bereitstellung von Wasser zur Bewässerung in ariden Gebieten zu einer schlechten Praxis führen kann, wenn Landwirte wasserintensive Pflanzen anbauen, die ihre Verwundbarkeit gegenüber Dürren weiter verstärken. Die Produktivität der Pflanzen könnte bei Dürren dann überproportional leiden, da sie enorm viel Wasser benötigen, und Dürren könnten dann noch schlimmere Folgen haben. Der Bericht fordert zudem die Einrichtung von Sicherheitsnetzen, um besonders verletzliche Bevölkerungsgruppen zu schützen, wenn Überschwemmungen und Dürren zu wirtschaftlichen Einbußen führen. Auf dem Land könnte dies die Gestalt von Ernteversicherungen annehmen, während in Städten eine vorsichtige Regulierung nötig ist, um erschwinglichen Zugang zu sauberem Wasser zu gewährleisten. (ab)

25.10.2017

FAO: Förderung ländlicher Gebiete hilft gegen Armut, Hunger und Migration

Bauer
Die FAO fordert mehr Investitionen in ländliche Gebiete (Foto: A. Beck)

Ländlichen Gebieten kommt eine Schlüsselrolle bei der Bekämpfung von Hunger und Armut und der wirtschaftlichen Entwicklung in armen Ländern zu. Das ist die Botschaft des „State of Food and Agriculture 2017”, der am 9. Oktober von der Welternährungsorganisation FAO veröffentlicht wurde. Da die meisten Menschen, die an Unterernährung und Armut leiden, auf dem Land leben, hänge der Erfolg bei der Umsetzung der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung entscheidend davon ab, ob es gelingen wird, das enorme Potenzial ländlicher Gebiete zu entfalten und den Menschen dort Perspektiven und Arbeit zu geben. Dem Bericht zufolge hat wirtschaftliche Entwicklung in ländlichen Gebieten es seit den 1990er Jahren hunderten Millionen Landbewohnern ermöglicht, sich selbst aus der Armut zu befreien. Doch die Erfolge sind ungleichmäßig verteilt und viele Länder in Subsahara-Afrika und Südasien hinken hinterher. Die niedrige Produktivität in der Subsistenzlandwirtschaft, der geringe Raum für Industrialisierung vielerorts und die Verstädterung tragen dazu bei, dass in Entwicklungsländern nicht alle Menschen über ausreichend Nahrung und Arbeit verfügen.

Als weitere Herausforderung nennt der Bericht das schnelle Bevölkerungswachstum, vor allem die rasche Zunahme junger Menschen. Schätzungen zufolge wird die Zahl der 15- bis 24-Jährigen zwischen 2015 und 2030 um 100 Millionen auf 1,3 Milliarden ansteigen. Der Großteil des Bevölkerungsplus wird auf Subsahara-Afrika entfallen. Landbewohner, die in die Städte abwandern, riskieren dann mehr als je zuvor, sich in die Masse der Armen in den Städten einzureihen anstatt einen Weg aus der Armut zu finden. Doch die FAO sieht eine Lösung in einer umfassenden Transformation ländlicher Räume. Damit sich die ländlichen Räume entfalten und dynamische Lebensmittelsysteme entstehen können, bedarf es allerdings zielgerichteter politischer Maßnahmen und Investitionen. Der Bericht argumentiert, dass ein wesentlicher Hebel zur Umgestaltung ländlicher Räume die steigende Nachfrage städtischer Lebensmittelmärkte sein wird, die für bis zu 70% der Lebensmittelverbrauchs verantwortlich sind – selbst in Ländern mit einer großen Landbevölkerung. Die Autoren schätzen dass das Marktvolumen urbaner Lebensmittelmärkte in Subsahara-Afrika zwischen 2010 und 2030 von 150 auf 500 Milliarden US-Dollar anwachsen wird.

Die Urbanisierung bietet daher eine riesige Chance für die Landwirtschaft. Doch sie stellt auch eine Herausforderung für die Millionen Kleinbauern dar“, schreibt FAO-Generaldirektor José Graziano da Silva im Vorwort zum Bericht. Er warnt, dass profitablere Märkte zu einer Konzentration der Produktion von Lebensmitteln in großen kommerziellen Farmen, zu von großen Verarbeitern und Händlern dominierten Wertschöpfungsketten und zur Ausgrenzung von Kleinbauern führen könnten. Die Nachfrage aus den Städten allein werde nicht automatisch die Produktion und Marktbedingungen für Kleinbauern verbessern.

Der Bericht zeigt daher drei Handlungsbereiche auf, um eine umfassende Transformation des ländlichen Raums zu erreichen. Erstens sind unterstützende Politiken und Investitionen nötig. „Um sicherzustellen, dass kleine Lebensmittelproduzenten dabei partizipieren können, die städtische Lebensmittelnachfrage zu bedienen, bedarf es politischer Maßnahmen. Diese sollen die Hürden beseitigen, die den Zugang von Kleinproduzenten zu Inputs beschränken, nachhaltige Ansätze und Technologien fördern, den Zugang zu Krediten und Märkten verbessern, die Mechanisierung von Bauernhöfen erleichtern, landwirtschaftliche Beratungsdienste wiederbeleben, Landrechte sichern und Kleinproduzentenorganisationen stärken“, so da Silva. Zweitens müssen die notwendige Infrastruktur geschaffen werden, um ländliche Gebiete und städtische Märkte zu verbinden. Der Bericht beklagt, dass in vielen Entwicklungsländern auf dem Land Straßen, Stromnetze, Lagermöglichkeiten und Kühltransportsysteme fehlen und Bauernes so schwer haben, die städtische Nachfrage nach frischem Obst, Gemüse, Fleisch und Milchprodukten zu bedienen.

Drittens müssen ländliche Gebiete an kleinere städtische Zentren angeschlossen werden. Die Hälfte der urbanen Bevölkerung in Entwicklungsländern – oder 1,45 Milliarden Menschen – lebt in Städten mit unter 500.000 Einwohnern. „Territoriale Netzwerke aus kleinen Städten sind wichtige Bezugspunkte für Landbewohner – die Orte, wo sie ihr Saatgut kaufen, ihre Kinder zur Schule schicken und medizinische und andere Versorgung in Anspruch nehmen“, schreibt Silva. Die Umstrukturierung in ländlichen Wirtschaften wird kein Patentrezept sein, um die Abwanderung in die Städte zu stoppen und Armut und Hunger anzugehen, doch sie könnte dringend benötigte Jobs schaffen und dazu beitragen, dass sich Menschen eher bewusst für den Umzug in die Stadt entscheiden statt aus Notwendigkeit. (ab)

19.10.2017

Insektensterben: Forscher warnen vor „ökologischem Armageddon“

Schmetterling
Fluginsekten wie Schmetterlinge schwinden immer schneller (Foto: CC0)

Das Ausmaß des Insektensterbens könnte noch schlimmer als befürchtet sein: In den deutschen Naturschutzgebieten tummeln sich 76% weniger Schmetterlinge, Bienen und andere Fluginsekten als noch vor 27 Jahren. Das geht aus einer Studie hervor, die am 18. Oktober im Fachmagazin PLOS ONE veröffentlicht wurde. Den Wissenschaftlern zufolge ist die Abnahme bestimmter Insektenarten schon seit Langem kein Geheimnis mehr. „Doch die Tatsache, dass die Fluginsektenbestände mit solch einer Geschwindigkeit und in so einem großen Gebiet abnehmen, ist eine noch sehr viel alarmierendere Entdeckung“, betont Hans de Kroon, Projektleiter an der Radboud University in Nijmegen. Als mögliche Ursache für den Rückgang vermuten die Forscher die landwirtschaftliche Intensivierung in den Gegenden rund um die Naturschutzgebiete. „Insekten machen etwa zwei Drittel allen Lebens auf der Erde aus“, sagte Mitautor Professor Dave Goulson von der Sussex University. „Es scheint so, als ob wir gerade weite Landstriche unbewohnbar für die meisten Formen des Lebens machen und uns gegenwärtig auf dem Weg zu einem ökologischen Armageddon befinden. Bei dem derzeit eingeschlagenen Kurs werden unsere Enkel eine überaus verarmte Welt erben.“

Für die Studie erhoben Insektenforscher aus Krefeld zwischen 1989 und 2016 an 63 verschiedenen Stellen in Naturschutzgebieten in ganz Deutschland Daten. Dort wurden die Fluginsekten in sogenannten Malaise-Fallen über die komplette Saison von März bis Oktober hinweg gefangen, die gesamte Biomasse wurde gewogen und verglichen. Wissenschaftler aus den Niederlanden, Deutschland und Großbritannien werteten dann diese umfangreiche Datensammlung aus. Ihr Ergebnis: Die Insektenmenge ging in den 27 Jahren im Schnitt um 76% zurück. Im Hochsommer, wenn die meisten Insekten unterwegs sind,fiel der Rückgang mit 82% noch stärker aus. „All diese Gebiete stehen unter Schutz und die meisten von ihnen sind Naturschutzgebiete mit Management. Dennoch hat sich dieser dramatische Rückgang ereignet“, beklagt Caspar Hallmann von der Radboud University. Laut den Wissenschaftlern sind die genauen Ursachen noch unklar, doch der Schwund könne nicht auf Veränderungen beim Wetter, der Landschaft oder Pflanzenarten allein zurückgeführt werden. „Ein Teil der Erklärung könnte daher sein, dass die Schutzgebiete, aus denen die Insekten stammen, durch die landwirtschaftlich genutzten Felder in der weiteren Umgebung beeinflusst und belastet werden.“ Die Autoren vermuten, dass die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft den Rückgang der Insektenbestände in den Schutzgebieten verschärft haben könnte. „Die Forschungsgebiete sind vorwiegend klein und von landwirtschaftlichen Flächen umgeben“, fügte Hallmann hinzu. „Diese Gebiete in der Nähe ziehen Fluginsekten an und sie können dort nicht überleben. Möglicherweise wirken diese Gegenden wie ein „ökologische Falle“ und gefährden die Insektenbestände in den Naturschutzgebieten.“

Die Forscher hoffen, dass ihre Erkenntnisse als Weckruf dienen, damit weiter nach den Ursachen geforscht wird und die Bestände überwacht werden. „Da ein gesamtes Ökosystem von Insekten als Nahrungsquelle und Bestäuber abhängt, stellt dies den Rückgang von insektenfressenden Vögeln und Säugetieren in einen ganz neuen Kontext“, sagt Hans de Kroon. „Wir können uns kaum vorstellen, was geschehen würde, wenn dieser Abwärtstrend weiter ungebremst voranschreitet.“ Der Studie zufolge sind etwa 80% aller Wildpflanzen auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen und 60% der Vögel nutzen Insekten als Nahrungsquelle. Der Wert dieser Ökosystemdienstleistungen durch wildlebende Insekten wird für die USA allein auf 57 Milliarden US-Dollar geschätzt. „Das Einzige, was wir nun tun können, ist mit größter Vorsicht zu agieren. Wir müssen die Dinge zurückfahren, von denen wir wissen, dass sie negative Auswirkungen haben wie der Pestizideinsatz und wir müssen das Verschwinden von blütenreichen Feldrändern aufhalten“, so de Kroon. „Aber wir müssen uns auch bemühen, unsere Naturschutzgebiete auszuweiten und den Anteil der an landwirtschaftliche Flächen grenzenden Gebiete verringern.“ (ab)

16.10.2017

NGOs zum Welternährungstag: Kleinbauern stärken, Konzernmacht begrenzen

Klinbauer
Wer den Hunger bekämpfen will, muss Kleinbauern fördern statt Konzerne (Foto: CC0)

Die Bundesregierung muss sich für die Rechte von Kleinbauern einsetzen und die Macht des Agrobusiness einschränken – nur so kann Hunger nachhaltig bekämpft und eine Landwirtschaft betrieben werden, die die natürlichen Ressourcen des Planeten bewahrt. Darauf machen die Menschenrechtsorganisation FIAN und das katholische Hilfswerk Misereor in ihren Botschaften zum Welternährungstag am 16. Oktober aufmerksam. FIAN prangert die anhaltenden systematischen Verletzungen der Menschenrechte von Kleinbauern und Kleinproduzenten im Lebensmittelsektor an, die bewirken, dass Kleinbauern besonders stark von Hunger betroffen sind, obwohl sie selbst den Großteil der Lebensmittel weltweit produzieren. „Dass sich trotz zunehmender Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln pro Kopf die Zahl der Hungernden seit Jahrzehnten kaum verringert hat, weist darauf hin, dass die wesentlichen Ursachen in systematischen Diskriminierungen beim Zugang zu Nahrung und Ressourcen zum Nahrungsmittelanbau liegen“, erklärt FIAN-Referentin Gertrud Falk. Erst kürzlich hatte die UN verkündet, dass die Zahl der unterernährten Menschen im letzten Jahr trotz Rekordernten und gefüllter Nahrungsmittelspeicher auf 815 Millionen Menschen gestiegen ist – 38 Millionen mehr als 2015.

Etwa 80% der Hungernden leben im ländlichen Raum. „Kleinbauern werden weltweit in fast allen Ländern von der Politik benachteiligt“, fügte Falk hinzu. Als Beispiel für die Diskriminierung von Kleinbauern nennt FIAN drei Beispiele: die EU-Agrarpolitik, von deren Förderung vor allem die Agrarindustrie profitiert sowie die internationalen Regeln für Saatgutrechte, welche Züchter gegenüber Kleinbauern bevorteilen. Ein weiteres Problem ist die zunehmende Landnahme durch Regierungen und Agrarkonzerne. „Besonders schwerwiegend sind die Folgen von Diskriminierungen in Ländern des Globalen Südens, wo Kleinbauern oft keinen Zugang zu Medien und Justiz haben, um auf die Verletzungen ihres Rechts auf Nahrung hinzuweisen und Wiedergutmachung einzufordern“, erläutert Falk. FIAN fordert die Bundesregierung auf, national und international die Rechte von Kleinbauern zu stärken, unter anderem durch ein klares Bekenntnis zur geplanten „Internationalen Erklärung der Rechte von Kleinbauern und anderen Menschen, die im ländlichen Raum arbeiten“, die aktuell vom UN-Menschenrechtsrat erarbeitet wird.

Auch Misereor sieht die wachsende Macht des Agrobusiness und seine negativen Folgen für Kleinbauern und die Umwelt mit großer Sorge. „Das Modell des Agrobusiness ist weder nachhaltig, noch leistet es einen zukunftsfähigen Beitrag zur Bekämpfung des Hungers in der Welt", unterstreicht MISEREOR-Chef Pirmin Spiegel. Ein Agrarmodell, das auf dem großflächigen Einsatz von Pestiziden und teurem gentechnisch verändertem Saatgut beruht, gefährde die natürlichen Grundlagen für eine nachhaltige Landwirtschaft und die Gesundheit von Landarbeitern und Kleinbauernfamilien. Misereor verweist auf das Beispiel Südamerika, wo sich die Folgen der ressourcenintensiven industrialisierten Landwirtschaft deutlich zutage treten. Auf rund 57 Millionen Hektar - rund 1,5-mal die Fläche der Bundesrepublik – wird dort Soja für den Export nach China und in die EU angebaut. „Noch vor wenigen Jahrzehnten konnte sich Paraguay selbst ernähren. Heute importiert das Land Nahrungsmittel im großen Maßstab. Der massive Einsatz von Agrarchemikalien auf den Feldern verseucht Wasser und Nahrung und kann zu schweren Vergiftungen führen“, berichtet Spiegel, der sich Anfang Oktober in Paraguay Betroffene besuchte. „Schwangere Frauen in den ländlichen Gebieten berichten von der Angst, dass ihre Kinder durch Pestizidbelastungen krank zur Welt kommen. Hinzu kommen Probleme wie Entwaldung, Landraub und die Zunahme von Gewalt durch Landkonflikte zwischen Kleinbauern und Großgrundbesitzern“, so Spiegel.

Von der neuen Bundesregierung erwartet Misereor, dass sie sich wie auch Frankreich gegen die Neuzulassung von Glyphosat ausspricht. „Die Unbedenklichkeit des Einsatzes ist nach wie vor nicht geklärt“, gibt Spiegel zu bedenken. Generell fordert Misereor die EU und die Bundesregierung auf, eine Politik zu stärken, die Bauernfamilien fördert und ihr Potenzial erkennt, statt einseitig ein Agrarmodell zu begünstigen, das die Macht weniger Konzerne ausbaut. „Nur so können wir den Hunger in der Welt nachhaltig bekämpfen und Ernährung in ihrer ganzen Breite begreifen“, betont Spiegel. (ab)

11.10.2017

Bericht: Industrielle Ernährungssysteme schaden Gesundheit und Umwelt

Kürbis
Eine Abkehr von Ernährungssystemen, die der Gesundheit schaden, ist nötig (Foto: CC0)

Industrielle Agrar- und Ernährungssysteme schaden der menschlichen Gesundheit und der Umwelt, warnt ein internationales Expertengremium. Ein am 9. Oktober veröffentlichter Bericht des International Panel of Experts on Sustainable Food Systems (IPES-Food), dem unter anderem der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung Olivier de Schutter und der Ko-Präsident des Weltagrarberichts Hans Herren angehören, fordert daher entschlossene Maßnahmen zum Aufbau gesunder und nachhaltiger Systeme. „Unsere Ernährungssysteme machen uns krank. Ungesunde Ernährungsweisen sind das offenkundigste, aber nur eines von vielen Beispielen dafür, wie Ernährungs- und Landwirtschaftssysteme die menschliche Gesundheit beeinträchtigen“, sagte Cecilia Rocha, die Hauptautorin des Berichts und Leiterin der School of Nutrition an der Ryerson University in Toronto. „Wir müssen dringend etwas gegen diese Auswirkungen unternehmen, wo immer sie auftreten, und zugleich die Hauptursachen von ungerechten, nicht nachhaltigen und ungesunden Praktiken in Ernährungssystemen angehen.“

Der Bericht nennt fünf Gründe für negative Gesundheitsfolgen, die mit Ernährungssystemen verbunden sind. Erstens werden Menschen krank, da sie unter ungesunden Bedingungen arbeiten: Landarbeiter, Bauern und andere in der Nahrungsmittelkette Beschäftigte leiden an physischen und psychischen Folgen, da sie auf dem Feld, in der Fabrik oder am Arbeitsplatz Gesundheitsrisiken ausgesetzt, z.B. durch Pestizide. Zweitens zieht die Lebensmittelproduktion Umweltverschmutzungen nach sich, die gesundheits-gefährdend sind, z.B. durch die Verschmutzung von Böden, Luft und Wasser oder auf die Tierhaltung zurückführende Krankheitserreger (Verunreinigung von Trinkwasser durch Nitrate, Luftverschmutzung durch die Landwirtschaft, Antibiotikaresistenzen). Andere Gefahren für die menschliche Gesundheit entstehen durch den Konsum unsicherer oder verunreinigter Lebensmittel, durch ungesunde Ernährung, die zu Fettleibigkeit und nicht übertragbaren Krankheiten führt, oder durch den fehlenden Zugang zu ausreichender und qualitativ angemessener Nahrung. Der Bericht betont, dass viele ernsthafte Gesundheitsprobleme weltweit – von Atemwegserkrankungen bis hin zu verschiedenen Krebsarten – mit Praktiken der industriellen Ernährung und Landwirtschaft in Verbindung stehen, wie der chemiebasierten Landwirtschaft, Massentierhaltung und der Produktion und Vermarktung hochverarbeiteter Lebensmittel sowie der Entwicklung langer und deregulierter globaler Rohstofflieferketten.

Der Bericht beziffert auch die hohen wirtschaftlichen Kosten der Gesundheitsgefahren: Mangelernährung verursacht weltweit Kosten in Höhe von 3,5 Billionen US-Dollar jährlich, während Fettleibigkeit bis 2025 rund 760 Milliarden US-Dollar kosten wird. „All diese Gesundheitsfolgen gemeinsam betrachtet illustrieren die zwingenden Gründe für eine Reform. Nimmt man zu den Gesundheitsfolgen noch die ökologischen und sozialen Auswirkungen sowie die dadurch verursachten steigenden Kosten hinzu, liefert dies überzeugende Argumente zu handeln“, sagte Olivier De Schutter, Ko-Vorsitzender des IPES. Die Experten stellen zudem fest, dass jene, die oft keine Macht und Stimme haben, z.B. Kleinbauern im Globalen Süden, meist den größten Gesundheitsrisiken in Ernährungssystemen ausgesetzt sind. Die Folgen werden deshalb oft nicht beachtet, dokumentiert und angegangen. „Hier wie auch anderswo gehen politische Ohnmacht und Marginalisierung meist Hand in Hand mit den Risiken für das Leben und die Existenz der Menschen“, fügte de Schutter hinzu. Zugleich bedeutet das unfaire Mächtegleichgewicht in Ernährungssystemen, dass mächtige Akteure die Debatte bestimmen und Politiken beeinflussen. Sie werben für Lösungen wie die Anreicherung von Lebensmitteln mit Nährstoffen, ohne die wahren Ursachen für Gesundheitsprobleme und den Beitrag der industriellen Landwirtschaft dazu zu berücksichtigen.

Die Experten plädieren für eine Reform der Ernährungs- und Agrarsysteme. „Dringende Schritte sind erforderlich, um Praktiken im Ernährungssystem zu verändern und die Art und Weise zu reformieren, wie Wissen gesammelt und vermittelt wird, Verständnis geschaffen und Prioritäten gesetzt werden”, so Rocha. IPES-Food identifiziert fünf Ansatzpunkte für die Entwicklung gesünderer Ernährungssysteme: Dazu gehört, Lebensmittelproduzenten wieder mit den Konsumenten zu verbinden, die verschiedenen Probleme gemeinsam mit ihren Ursachen zu betrachten, die Macht in Ernährungssystemen wieder in Balance und alle Gesundheitsfolgen ans Licht zu bringen, und demokratischere und ganzheitlichere Formen zu finden, um mit Risiken umzugehen und Ernährungssysteme zu regeln. „Mit anderen Worten, eine neue Verständnisgrundlage und eine neue Basis für politisches Handeln ist nötig, um die Verbindung zwischen Essen und Gesundheit aufzudecken und alles in gesündere Bahnen zu lenken“, lautet das Fazit. (ab)

05.10.2017

Studie: Weniger Fleischkonsum senkt Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung

Schwein
Bessere Haltung statt Antibiotika beugt Krankheiten vor (Foto: CC0)

Der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung heizt eine Gesundheitskrise globalen Ausmaßes an, da Antibiotika-Resistenzen zunehmen. Davor warnen die Weltgesundheitsorganisation, Wissenschaftler und Umweltschützer schon lange. Doch nun legen Experten im Fachjournal “Science” drei konkrete Vorschläge vor, wie der „Antibiotikamissbrauch” im Stall eingedämmt werden kann. Ihr Rezept lautet Fleischkonsum reduzieren, die Verabreichungsmenge beschränken und Antibiotika für Nutztiere höher besteuern. „Die starke und zunehmende Gabe von Antibiotika in der Nutztierhaltung infolge der wachsenden weltweiten Nachfrage nach tierischen Proteinen ist sehr besorgniserregend angesichts der Bedrohung durch Antibiotika-Resistenzen“, warnen sie.

Fast 80% der Antibiotikamenge in den USA wird an Nutztiere zur Wachstumsförderung verabreicht. Weltweit werden fast dreimal so viele Antibiotika an Tiere wie an Menschen gegeben. Im Jahr 2013 kamen 131.000 Tonnen Antibiotika in der Nutztierhaltung zum Einsatz. Die Forscher prognostizieren, dass diese Zahl bis 2030 auf 200.000 Tonnen hochschnellen könnte, wenn nicht gegengesteuert wird. „Der Zuwachs beim Antibiotikaeinsatz, der vor allem eine gute Fütterung und Hygiene in der Tierhaltung kompensieren soll, ist schlichtweg nicht nachhaltig und wird unsere Bemühungen zunichte machen, die Effektivität unserer aktuell benutzten Antibiotika zu bewahren“, sagte Ramanan Laxminarayan, einer der Autoren der Studie. „Eine Krise steht bereits bevor, doch weiter für die Humanmedizin wichtige Antibiotika für die Wachstumsförderungen von Tieren zu nutzen, bedeutet schlichtweg, Öl ins Feuer zu gießen.“

Die erste Empfehlung der Studie lautet, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung durch Begrenzung der erlaubten Menge zu regulieren. Die Wissenschaftler haben berechnet, dass eine Obergrenze von jährlich 50 Milligramm pro Kilo tierischem Produkt zum Rückgang des Einsatzes von Antibiotika um 64% führen könnte. Wenn alleine China und die OECD-Staaten dies umsetzen würden, ginge der globale Verbrauch bis 2030 um 60% zurück. Die zweite Lösung wäre die Förderung einer Ernährung, die arm an tierischen Proteinen ist. „Eine Begrenzung des Fleischkonsums auf weltweit 40 Gramm am Tag, was in etwa einem Burger pro Person entspräche, könnte den Antibiotikaverbrauch in der Nutztierhaltung um weltweit 66% verringern. „In den USA essen die Menschen täglich im Schnitt 260 Gramm Fleisch“, sagte der Hauptautor der Studie, Thomas Van Boeckel von der ETH Zürich. „Wenn der Fleischkonsum nur auf 165 Gramm pro Tag reduziert würde, oder vier Burger am Tag, würde der weltweite Antibiotikaverbrauch um mehr als 20% zurückgehen.“ China hatte kürzlich die Ernährungsrichtlinien für den Fleischkonsum auf 40-70 Gramm pro Tag herabgesetzt und will so den Fleischkonsum des Landes halbieren. „Wenn dieses Beispiel nachgeahmt würde, könnte dies indirekte aber erhebliche Auswirkungen auf den weltweiten Antibiotikaverbrauch durch Tierärzte haben“, sagen die Autoren voraus.

Als dritten Ansatz zur Reduzierung des Antiobiotikaeinsatzes in der Tierhaltung führt die Studie höhere Abgaben für den Kauf von Tierarzneimitteln ins Feld. „Dahinter steht die Idee, die auch nicht neu ist, Antibiotika zu verteuern, sodass Landwirte und Tierärzte diese auch nur nutzen, wenn es nötig ist“, sagte Van Boeckel. „Eine Steuer von 50% auf Antibiotika für Nutztiere könnten den globalen Verbrauch um mehr als 30% senken und gleichzeitig Einnahmen in Höhe von 1,7 bis 4,6 Milliarden Dollar generieren, die in die Forschung nach neuen Antibiotika und Verbesserungen bei der Hygiene in den Ställen gesteckt werden könnten.“ Doch er betont auch, dass es keine Patentlösung zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung gebe. Daher müsse an mehreren Stellschrauben zugleich gedreht werden. Doch wenn diese drei Vorschläge kombiniert und vollständig umgesetzt würden, könnte eine 80%-ige Verringerung des Antibiotikaverbrauchs bis 2030 gelingen. (ab)

02.10.2017

FiBL-Studie: In Bioboden stecken mehr und aktivere Mikroorganismen

Soil
Gesunder Boden (Foto: NRCS, Catherine Ulitsky, bit.ly/4_CC_BY_2-0, bit.ly/NRCS_HS2)

In Bioböden tummeln sich deutlich mehr und aktivere Mikroorganismen als auf konventionell bewirtschafteten Äckern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Metastudie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), die im Fachjournal PLOS ONE erschienen ist. „Mikrobielle Gemeinschaften spielen eine wichtige Rolle in landwirtschaftlichen Systemen, da sie an verschiedenen Bodenprozessen und -funktionen beteiligt sind“, betonen die Autoren. „In Böden sind Mikroben der Motor, der die Umwandlung und Freisetzung von Nährstoffen ankurbelt und sie sind direkt und indirekt an vielen anderen Ökosystem-Dienstleistungen beteiligt, wie dem Schutz vor Erosion durch die Bildung von stabilen Bodenaggregaten und Bodenstrukturierung.“ Zahlreiche Studien hätten zwar schon die positiven Auswirkungen des Ökolandbaus auf die Bodengesundheit und -qualität belegt, darunter auch auf die Eigenschaften von Mikroorganismen. Doch bisher gab es den Autoren zufolge noch keine systematische Untersuchung, die auf globaler Ebene die Anzahl und Aktivität von Bodenmikroben in ökologisch und konventionell bewirtschafteten Böden verglich.

Die FiBL-Forscher berücksichtigten für die Metaanalyse 56 Studien, darunter 149 Paarvergleiche, die unterschiedliche Klimazonen und Versuchsdauern umfassten. Dabei fanden sie heraus, dass ökologisch bewirtschaftete Böden bis zu 59% mehr Biomasse aus Mikroorganismen enthielten. Zudem waren die Mikroorganismen in Bioböden bis zu 84% aktiver als jene in konventionell bewirtschafteten Böden. „Der Stoffwechsel der Mikroben ist in Bioböden deutlich aktiver. Dadurch können Mikroben organische Substanz wie Kompost schneller in Nährstoffe umsetzen, welche die Pflanzen aufnehmen können“, schreibt das FiBL in einer Presseerklärung. Die Studie ergab zudem, dass die Anzahl und Aktivität von Bodenmikroben auch durch die jeweilige Klimazone, die Art der Landnutzung und den Lebenszyklus der Pflanzen bestimmt wurden. „Der positive Effekt von biologischer Bewirtschaftung auf die Aktivität der Mikroben wird in warmen und trockenen Klimata noch deutlich verstärkt verglichen zum konventionellen Landbau“, so das FiBL. Besonders positiv wirkten sich organischer Dünger, eine vielfältige Fruchtfolge und das Einschließen von Leguminosen in der Fruchtfolge auf die Häufigkeit und Aktivität der Bodenmikroben aus. Die Studie zeigte auch, dass die Mikrobenbiomasse auf Bio-Äckern und Obstplantagen deutlich höher war im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft, während sich bei Weideland kaum Auswirkungen zeigten.

Das FiBL betont, dass viel Biomasse und ein aktives Bodenleben an sich eine ausgezeichnete Grundlage für hohe Pflanzenerträge darstellen. Dass die Erträge im Biolandbau immer noch geringer ausfallen als in der konventionellen Landwirtschaft sei unter anderem der Tatsache geschuldet, dass es im Ökolandbau oftmals noch an angepassten Sorten fehlte. Doch es mehrten sich die Beweise dafür, dass biologische Anbausysteme mit angepassten Sorten bei Trockenheit stabilere Erträge liefern als die konventionelle Landwirtschaft. Die höhere Biomasse im Boden sei zudem nicht nur von Bedeutung für das Pflanzenwachstum, sondern auch für das Klima: Biologisch bewirtschaftete Böden speichern mehr Humus – und vermögen so das Klimagas CO2 aus der Luft im Boden zu binden. Dass ökologisch bewirtschaftete Böden größere Mengen an Kohlenstoff speichern und dies zudem langfristiger als konventionell bewirtschaftete Äcker, bestätigte erst kürzlich auch eine umfassende Studie aus den USA, die im Fachjournal Advances in Agronomy veröffentlicht wurde. (ab)

26.09.2017

Transformation des Ernährungssystems als Ausweg aus der Hungerkrise

Getreide
Die Getreidepreise kletterten 2007/2008 unaufhörlich in die Höhe (Foto: CC0)

Vor zehn Jahren stiegen die globalen Lebensmittelpreise in schwindelerregende Höhen und Hungerrevolten erschütterten viele Länder der Welt. Die Bilder sind zwar aus den Medien verschwunden. Doch die Hauptursachen der Nahrungsmittelpreiskrise 2007/2008, die zusätzlich Millionen Menschen in den Hunger trieb, bestehen fort. Darauf macht der Bericht “Right to Food and Nutrition Watch 2017” aufmerksam, der am 26. September von einem Netzwerk von 26 Nichtregierungsorganisationen und sozialen Bewegungen veröffentlicht wurde. „Die Ereignisse von 2007/2008 haben nur die Risse in der Fassade eines nicht nachhaltigen, zerbrechenden Ernährungssystems ans Licht befördert und die politischen Entscheidungsträger gezwungen, dessen Versagen einzugestehen“, ist im Vorwort zu lesen. Auch wenn es seither Fortschritte gegeben habe, seien die der Krise zugrundeliegenden Probleme nicht gelöst und betreffen Millionen Menschen, so der Bericht. Erst kürzlich mussten die Vereinten Nationen vermelden, dass die Zahl der Hungernden erstmals seit Jahren wieder angestiegen ist. Der Bericht, der in der zehnten Ausgabe erscheint, zieht eine Bilanz der Entwicklungen des letzten Jahrzehnts und blickt auf künftige Herausforderungen und Chancen. Die Folgen des Klimawandels, unfaire Regeln des Welthandels oder Megafusionen von Agrarkonzernen sind nur einige der vielschichtigen, mit der Lebensmittelkrise verwobenen Themen, mit denen sich der diesjährige „Right to Food and Nutrition Watch“ beschäftigt.

Bei der Krise 2007-08 trafen komplexe lang- und kurzfristiger Faktoren zusammen, schreiben die Autoren. Doch sie kam keineswegs aus heiterem Himmel: „Sie war das unvermeidliche Resultat eines Modells, das dem Profit Vorrang einräumt vor allem anderen: unserem Leben, unseren Rechten und unserer Natur. Die Krise hat sich über Jahre hinweg aufgebaut und eine Milliarden Menschen in den Hunger getrieben, da die Lebensmittelpreise drastisch schwankten und sich die ausgewachsene Mehrfachkrise negativ auf das Ernährungssystem, das Klima und die Menschenrechte auswirkte.“ Der Bericht macht den konfliktreichen Widerspruch zwischen zwei gegensätzlichen Sichtweisen auf das Leben, die Produktion von Lebensmitteln und die Beziehungen zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt deutlich. „Auf der einen Seite gibt es die „Vision von Ernährungssouveränität und lebendigen, lokalen Ernährungssystemen, in deren Mittelpunkt kleine Lebensmittelproduzenten stehen, die Nahrung als grundlegendes Menschenrecht und als Eckpfeiler unserer Identität, Existenz, Umwelt, Biodiversität und Souveränität betrachten“, schreiben Bernhard Walter von Brot für die Welt, Sofia Monsalve Suarez von FIAN International und Marijke de Graaf von ICCO Cooperation im Vorwort. Dem gegenüber steht „das homogenisierende und hegemoniale globale Ernährungssystem, das von zunehmend konzentrierten, transnationalen Konzernen beherrscht wird und Nahrung auf eine handelbare Ware reduziert.“ Das Streben nach dem Recht auf Nahrung und gute Ernährung sei daher ein politischer Kampf zwischen gegensätzlichen Weltanschauungen.

Der Bericht fordert eine Umgestaltung des Ernährungssystems und den Übergang zu nachhaltigen Produktions-, Verteilungs- und Konsummodellen, um die Ernährungskrise zu überwinden. Hierzu habe die Krise zumindest etwas Positives beigetragen, indem sie sozialen Bewegungen, die sich für Ernährungssouveränität einsetzen, als Sprungbrett diente, um Alternativen voranzubringen. „Die bedeutendste davon ist die Agrarökologie“, betonen die Autorinnen von Kapitel 1, Sophia Murphy und Christina M. Schiavoni. „Die Agrarökologie steht im krassen Gegensatz zur industriellen Produktion von Lebensmitteln, die auf externe Inputs mit einen hohen ökologischen und ökonomischen Preis angewiesen ist und zugleich selbst erhebliche Abfälle und andere soziale und ökologische Kosten verursacht. Sie erhält nun so viel Interesse und Sichtbarkeit wie nie zuvor, auch von Regierungen.“ Soziale Bewegungen und NGOs weltweit engagieren sich dem Bericht zufolge unermüdlich für eine Transformation des Ernährungssystems. „Damit wir die Mittel haben, um uns künftig selbst zu ernähren, müssen wir dringend widerstandsfähige Ernährungssysteme auf lokaler und regionaler Ebene aufbauen und die extreme Machtkonzentration auf den nationalen und internationalen Märkten angehen“, lautet das Fazit von Murphy und Schiavoni. Die Rechte von Kleinbauern und Frauen seien hierbei zentral. „Die Nahrungsmittelkrise 2007-2008 war ein Weckruf. Ein Jahrzehnt später gibt es trotz eindrücklicher Beispiele für erfolgreiche Veränderungen im Ernährungssystem und Errungenschaften auf politischer Ebene noch immer alte Gewohnheiten und viele Hürden, die es zu überwinden gilt.“ Doch die globale Bewegung für Ernährungssouveränität sei bereit für diese Herausforderung. (ab)

21.09.2017

UN-Bericht: Bodendegradation stoppen durch Abkehr von intensiver Landwirtschaft

Dürre
Bodendegradation bedroht ein Drittel der globalen Landfläche (Foto: CC0)

Eine Abkehr von der intensiven Landwirtschaft ist nötig, um die weltweite Bodendegradation zu stoppen und die UN-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Das fordert ein neuer UN-Bericht, der am 12. September auf einem Treffen des Übereinkommens der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD) präsentiert wurde. „The Global Land Outlook” warnt, dass sich die Nutzung der natürlichen Reserven der Erde in den letzten 30 Jahren verdoppelt hat und ein Drittel der Böden des Planeten nun stark degradiert sind. Jährlich gehen 24 Milliarden Tonnen fruchtbarer Boden weltweit verloren. Hierfür seien vor allem Landwirtschaft und Viehzucht verantwortlich, die ein Drittel der globalen Landfläche beanspruchen. Die „moderne Landwirtschaft“ mit ihren Monokulturen, Gentechnik-Pflanzen und dem intensiven Einsatz von Mineraldünger und Pestiziden sei nicht vereinbar mit langfristiger Nachhaltigkeit. „Die landwirtschaftliche Intensivierung, angetrieben durch ein lukratives, aber größtenteils ineffizientes Ernährungssystem, hat die Produktion stark erhöht, aber auch Kulturlandschaften zerstört und Bodendegradation, Wasserknappheit und Umweltverschmutzung angeheizt“, schreiben die Autoren.

Dem Bericht zufolge hat der Druck auf die globalen Landressourcen stark zugenommen. Grund sei die steigende Nachfrage nach Lebensmitteln, veränderte Essgewohnheiten, die Biospritproduktion, Verstädterung und anderen Formen der Landnutzungskonkurrenz. Daher sei ein Großteil der bewirtschafteten und natürlichen Ökosysteme von Degradation betroffen. Dies betreffe 20% des Ackerlandes, 16% der Wälder, 19% des Gründlandes und 27% der Weideflächen. Aktuell leben 1,3 Milliarden Menschen in Gebieten mit degradierten Agrarflächen. „Da die verfügbaren Bestände an gesundem und produktivem Land versiegen und die Bevölkerung wächst, verstärkt sich auch die Konkurrenz um Land auf nationaler und globaler Ebene. Dabei gibt es Gewinner und Verlierer“, sagte UNCCD- Exekutivsekretärin Monique Barbut. Als Hauptverlierer sieht der Bericht Kleinbauern, Frauen und indigene Gemeinschaften: „Kleinbauern, seit Jahrtausenden das Rückgrat des ländlichen Raums und der Lebensmittelproduktion, stehen unter starkem Druck durch die Bodendegradation, unsichere Landrechte und das globalisierte Ernährungssystem, das das konzentrierte, großflächig wirtschaftende und stark mechanisierte Agribusiness bevorzugt. Diese Bauern haben oft nur geringe Chancen auf alternative Einkommensquellen.“ Millionen Menschen wanderten daher in die Städte ab.

Der Bericht fordert daher eine Abkehr von „der ressourcen-intensiven Produktion, emissionsreichen Verarbeitungs- und Transportsystemen, landintensiven Ernährungsweisen (vor allem bedingt durch die steigende Nachfrage nach tierischen und verarbeiteten Produkten) und von der enormen Lebensmittelverschwendung, inklusive Nachernteverluste.“ Auf Produktionsseite müsse statt intensiven landwirtschaftlichen Praktiken das Management von Landressourcen gefördert werden, das Vorteile für die Gesellschaft, die Umwelt oder die Wirtschaft bringe. Die landwirtschaftliche Produktion dürfe nicht mehr allein am Ertrag pro Hektar gemessen werden, sondern müsse den Nährwert und weitere Werte einbeziehen, wie die Kosten für Umwelt und Gesellschaft und die Vorteile für eine gesunde Landschaft. Würden ökologische und soziale Dienstleistungen der Landwirtschaft einbezogen, könnte dies für die halbe Milliarde Kleinbauern extra Anreize und eine Rettungsleine bieten. Der Bericht betont, dass Lebensmittel bereits heute ohne exzessive Umweltkosten angebaut werden können, sowohl durch Anpassungen in konventionellen Systemen als auch alternative Produktionsformen, wie den Ökolandbau, bei dem sich die Erträge jenen in intensiveren Systemen immer weiter annähern. „Der Ökolandbau geht viele der Ursachen von Bodendegradation und ihre Auswirkungen an, indem der auf chemische Düngemittel und Pestizide verzichtet, zum Humusaufbau beiträgt und wassersparende Methoden anwendet“, so die Autoren.

Auf Konsumentenseite sei eine Umstellung auf eine eher pflanzlich ausgerichtete Ernährung nötig. „Veränderte Ernährungsgewohnheiten, vor allem in reicheren Ländern, könnten sich enorm positiv auf die menschliche Gesundheit und die Landdegradation auswirken. So gut wie jedes Szenario zur künftigen Verfügbarkeit von Nahrung zeigt, dass eine Verringerung des Fleischkonsums, vor allem Rindfleisch, der schnellste und effektivste Weg ist, um die Ernährungssicherheit zu verbessern und Treibhausgasemissionen zu reduzieren.“ Die Autoren zeigen sich optimistisch, dass mit diesen Veränderungen und einer verbesserten Landnutzung langfristig genug Land vorhanden sein wird, um den Bedarf an Nahrung, Futtermittel und Energie zu stillen. Doch ohne ein Übergang vom aktuellen „Zeitalter der Plünderung“ zu einem Zeitalter des Respekts“, das die biophysikalischen Grenzen des Planeten achte, könnten die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) nicht erreicht werden. Dies gelte vor allem für SDG15, das Bodendegradation beenden und umkehren will. (ab)

19.09.2017

Artenvielfalt ade in Deutschland: Regenwürmer und Kuckucke schwinden

Wurm
65% der Regenwurmarten in Deutschland gelten als selten bis extrem selten (Foto: CC0)

In Deutschland ist es um die Artenvielfalt schlecht bestellt, besonders in der Agrarlandschaft: Regenwürmer, Feldhamster und Feldhasen werden immer seltener und der Klimawandel wird weitere Veränderungen von Ökosystemen, Biotopen, Tier- und Pflanzenpopulationen verursachen. Das bestätigt die Bundesregierung in ihren Antworten auf zwei kleine Anfragen der Grünen. „Der noch vor wenigen Jahrzehnten in vielen Teilen Deutschlands als Schädling verfolgte Feldhamster hat sehr starke Bestandseinbrüche zu verzeichnen und wird daher bundesweit in der Roten Liste der Säugetiere als ‚vom Aussterben bedroht’ eingestuft“, so die Bundesregierung.

Aber auch die in Deutschland beheimateten 47 Regenwurmarten drohen zu schwinden. Von den 43 nach Rote-Liste-Kriterien bewerteten Regenwurmarten gelten mittlerweile 65% als selten, davon 32,6% gar als extrem selten“. Bei 9,3% der Regenwurmbestände gab es zuletzt eine Abnahme, während für 34,9% der Regenwurmarten aufgrund der unzureichenden Datenlage eine Aussage nicht möglich ist. „Je intensiver die Landnutzung desto geringer sind Artenzahl und Häufigkeit der Regenwürmer“, schreibt die Bundesregierung. „Auf Ackerflächen wirken sich konventioneller Pflugeinsatz, Bodenverdichtung durch Einsatz schwerer Maschinen, Schwarzbrache, verminderte Zufuhr organischer Substanz und Schadstoffeinträge negativ auf Regenwurmpopulationen aus.“ Eine nachweislich positive Entwicklung der Regenwurmpopulationen hingegen erzielten bodenschonende Bewirtschaftungsformen, wie eine konservierende Bodenbearbeitung oder der ökologische Landbau.

Doch der „überwiegend ungünstige Zustand der biologischen Vielfalt“ in Deutschland droht sich durch den Klimawandel weiter zu verschlechtern. Er wird die Ökosysteme in Deutschland in den nächsten Jahren rapide verändern. Ein besonders hohes Gefährdungsrisiko bestehe für Feuchtlebensräume (Feuchtwiesen, Feuchtwälder und Moore) und Kleingewässer (Tümpel, Quellen). Durch die Erwärmung und die Verlagerung des Niederschlagsmaximums in den Winter drohen solche Habitate auszutrocknen. Bei den Tieren sind nach Angaben der Bundesregierung Vertreter aus der Gruppe der Schmetterlinge (Tag- und Nachtfalter) besonders vom Klimawandel betroffen sind, gefolgt von Weichtieren und Käfern. Das Antwortschreiben nennt als Beispiele für bereits auftretende Veränderungen infolge des Klimawandels Verschiebungen jahreszeitlicher Entwicklungen, Verhaltensänderungen, Änderungen bei der Fortpflanzung und der Konkurrenzfähigkeit und veränderte Nahrungsbeziehungen. „Für viele der in Deutschland vorkommenden Arten werden sich die klimatisch geeigneten Lebensräume nach Norden und Osten, in höhere Lagen der Gebirge oder entlang von Feuchtegradienten verschieben.“ Der Temperaturanstieg werde sich vor allem auf eine Reihe von kälteliebenden Arten auswirken, bei den Vögeln zum Beispiel der Kuckuck oder der Bergpieper, bei denen bereits ein Rückzug in höhergelegene und kühlere Regionen beobachtet werde.

Doch diese Flucht vieler Arten in nördliche oder höherliegende Gefilde ist in Deutschland aufgrund der stark fragmentierten Natur nicht möglich – der Verlust dieser Arten somit unumgänglich, warnt Steffi Lemke, Sprecherin für Naturschutzpolitik der grünen Bundestagsfraktion, die gemeinsam mit anderen Abgeordneten die Anfrage gestellt hatte. Schuld daran sei zum großen Teil auch die verfehlte Naturschutzpolitik der Bundesregierung. „Diese war im Zuge der eigenen Biodiversitätsstrategie dazu verpflichtet das sogenannte Biotopverbundsnetzwerk auf 10% der Fläche bis zum Jahr 2010 umzusetzen. Doch nichts ist passiert“, beklagt Lemke. Der Biotopverbund soll die Erschließung neuer Lebensräume ermöglichen und das Fortbestehen bedrohter Arten in Zeiten der Klimakrise sichern, indem er verschiedene Lebensräume in Deutschland miteinander verknüpft. Doch Lemke bemängelt, dass bei der Verabschiedung des Bundesnaturschutzgesetzes im Juni auf Drängen der Unions-Fraktion sogar eine Zeitvorgabe für dieses Ziel gestrichen worden sei. „Damit unsere Kinder den Kuckuck nicht nur aus dem Musik-Unterricht kennen, muss die Bundesregierung den Klimaschutz endlich angehen und Tieren die Erschließung neuer Lebensräume ermöglichen“, fordert sie. (ab)

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