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19.09.2018 |

Bio und konventionell: Studie beziffert die wahren Lebensmittelpreise

Kow
Milch ist nicht gleich Milch - die externen Kosten unterscheiden sich (Foto: CC0)

Die Lebensmittelpreise in Deutschland spiegeln nicht die wahren Kosten für Mensch und Umwelt wider. Würden die Folgekosten einberechnet, die etwa die konventionelle Fleischproduktion verursacht, würden sich die Erzeugerpreise für Fleisch verdreifachen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Augsburg, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Sie beziffert für mehrere Produktkategorien die externen Kosten, die durch drei Umweltbelastungen – Stickstoff, Treibhausgas-Emissionen und Energieverbrauch – bei der Produktion von Lebensmitteln entstehen. Bioprodukte schnitten durch die Bank besser ab als ihre konventionell hergestellten Counterparts, auch wenn sie noch nicht alle „versteckten“ Kosten beinhalteten. Würden sich die Umweltfolgekosten im Ladenpreis niederschlagen, wäre der Preisunterschied zwischen Bioprodukten und konventionell erzeugten Lebensmitteln deutlich geringer, so die Wissenschaftler.

„Für viele negative Klima-, Umwelt- und Gesundheitsfolgen, die sich aus der Produktion von Lebensmitteln ergeben, kommen aktuell weder die Landwirtschaft noch die Konsumenten auf. Die hiermit verbundene Preis- und Marktverzerrung stellt – ökonomisch gesprochen – eine Form von Marktversagen dar, der es mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen zu begegnen gilt“, erklärte Autor Dr. Tobias Gaugler. Er und sein Team nutzen Datensätze zum Ressourcenverbrauch und anfallenden Schadstoffen während des Produktionsprozesses für elf Produktkategorien. Diese wurden den drei Oberkategorien pflanzliche, tierische und Milchprodukte zugeordnet und dann die Kosten jeweils für die ökologische und konventionelle Erzeugung beziffert. Einbezogen wurden nur die drei Faktoren Stickstoff, Klimagase und Energie, da die existierende Datenbasis zu den Kosten von Antibiotika-Resistenzen, z.B. Gesundheitskosten, oder den ökologischen Auswirkungen durch den Einsatz von Pestiziden aktuell unzureichend ist. Da die Studie die externen Effekte pro Gewichtseinheit eines Lebensmittels angibt, wurde auch der Ertragsunterschied zwischen biologischer und konventioneller Produktion berücksichtigt.

Die höchste Preisdifferenz, die zwischen den aktuellen Erzeugerpreisen und den wahren Kosten liegt, ergab sich bei konventionell hergestellten tierischen Produkten. Diese müssten auf Erzeugerebene dreimal so teuer sein als derzeit (196% Aufschlag). Es folgen konventionell hergestellte Milchprodukte, für die ein Aufschlag auf die Erzeugerpreise von 96% nötig wäre, gefolgt von 82% auf biologisch-tierische Produkte und 35% auf Biomilch. „Die Höhe der externen Kosten und Preisaufschläge insbesondere tierischer Produkte ist u.a. durch die energieintensive Aufzucht der Nutztiere zu erklären, verbunden mit dem Futtermittelanbau, der Beheizung und Belüftung der Ställe sowie dem Metabolismus der Tiere. Diese Faktoren führen unter anderem zu einer bedeutend höheren Austragung von reaktivem Stickstoff und Treibhausgasen sowie einem höheren Energiebedarf als bei pflanzlichen Produkten“, heißt es in der Studie. Konventionell-pflanzliche Produkte müssten 28% teurer sein; bei biologisch-pflanzlichen Produkten fehlen nur noch 6%, um die wahren Kosten abzubilden. „Insbesondere umweltschonende Praktiken biologischer Produktion wie der Verzicht auf mineralischen Stickstoffdünger beim Pflanzenanbau sowie ein geringerer Einsatz von industriell produziertem Kraftfutter bei der Nutztierhaltung führen in allen untersuchten Lebensmittelkategorien zu geringeren externen Kosten und Preisaufschlägen im Vergleich mit konventionellen Produktionspraktiken“, schreiben die Autoren.

„Es kann nicht angehen, dass die Kosten für ökologische Schäden bei der Lebensmittelproduktion nicht eingepreist sind und stattdessen von der Allgemeinheit bezahlt werden müssen“, kritisiert Stephanie Weigel von der Tollwood GmbH, die die Studie mit der Schweisfurth Stiftung in Auftrag gegeben hat. „So werden die Verbraucher an der Nase herumgeführt. Wenn die Lebensmittel im Supermarkt mit dem wahren Preis ausgezeichnet wären, würden viel mehr Menschen zu Bio-Produkten greifen, die dann kaum mehr teurer wären als konventionell erzeugte.“ Am deutlichsten schrumpft der Preisunterschied zwischen biologisch und konventionellen Produkten tierischen Ursprungs, besagt die Studie: „Während sich die Erzeugerpreise um 1,62€ pro kg tierischen Produkts unterscheiden bleibt nach Internalisierung der externen Kosten lediglich eine Preisdifferenz von 0,88€ pro kg tierischen Produkts.“ Ein Liter Biomilch ist vor Berücksichtigung externer Effekte um 21 Cent teurer als konventionelle Milch, doch unter Einbeziehung der versteckten Kosten liegt der Unterschied nur noch bei 13 Cent. „Ausgehend von unseren Ergebnissen und dem ‚polluter pays principle‘ der UN folgend müssten insbesondere Produkte aus konventioneller Nutztierhaltung deutlich mehr kosten, also dies aktuell in Deutschland der Fall ist“, lautet das Fazit von Dr. Gaugler. (ab)

12.09.2018 |

UN: Klimakrise lässt Zahl der Hungernden weiter ansteigen

FotoIndien
UN: gesunde Nahrung für alle! (Foto: CC0)

Die Zahl der Hungernden ist 2017 erneut gestiegen: 821 Millionen Menschen litten weltweit an Unterernährung und damit jeder Neunte. Dies geht aus einem am Dienstag von fünf UN-Organisationen gemeinsam veröffentlichten Bericht hervor. Als Hauptursachen macht „The State of Food Security and Nutrition in the World 2018“ neben Konflikten und Wirtschaftsflauten vor allem Klimaschwankungen und -extreme aus. Besonders brisant ist, dass die Landwirtschaftsorganisation FAO, der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), das Welternährungsprogramm (WFP), UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation den dritten Anstieg in Folge vermelden müssen: Die Zahl der Hungernden befindet sich nun wieder auf dem Niveau von vor einem Jahrzehnt. „Dieser Rückschritt ist eine eindeutige Warnung, dass schnell mehr getan werden muss, um bis 2030 das 2. UN-Entwicklungsziel – eine Welt ohne Hunger – zu erreichen“, heißt es in ihrer Pressemitteilung. Auch die Zahl jener, bei denen die Ernährungsunsicherheit einen Krisenzustand erreicht hat, stieg zwischen 2016 und 2017 von 108 auf 124 Millionen Menschen. „Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Dabei beträgt das weltweite Vermögen 300 Billionen Dollar – das ist inakzeptabel und unverzeihlich“, sagte WFP-Exekutivdirektor David Beasley auf der Pressekonferenz in Rom.

Der Großteil der weltweit Hungernden lebt mit 515 Millionen Menschen immer noch in Asien (63%), gefolgt von Afrika mit 256,5 Millionen (31%) und Lateinamerika und der Karibik mit 39,3 Millionen. Die Situation verschlechtert sich in Südamerika und den meisten Regionen Afrikas, während in Asien der zuletzt rückläufige Trend erheblich ins Stocken geriet. Doch nicht nur die absolute Zahl der Hungernden stieg, auch ihr Anteil an der wachsenden Weltbevölkerung kletterte von 10,8% auf 10,9%. Die prozentual am stärksten von Unterernährung betroffene Region bleibt Afrika: Dort leidet jeder Fünfte an Unterernährung, in Ostafrika sind es gar 31,4%. In Asien hungert fast jeder Achte (11,4%), in Lateinamerika und der Karibik sind es 6,1% der Bevölkerung.

Der Bericht offenbart, dass Unterernährung vor allem in Ländern auftritt, die besonders anfällig für Klimaextreme sind - und noch stärker dort, wo landwirtschaftliche Systeme sehr empfindlich auf Niederschlags- und Temperaturschwankungen und starke Dürren reagieren und die Existenz eines großen Anteils der Bevölkerung von der Landwirtschaft abhängt. „Der Mehrheit der Menschen, die besonders gefährdet sind durch Klimaschocks und Naturkatastrophen, sind die weltweit 2,5 Milliarden Kleinbauern, Hirten, Fischer und von Wäldern abhängige Menschen, die Nahrung und Einkommen aus erneuerbaren natürlichen Ressourcen beziehen“, so die Autoren. Veränderungen des Klimas beeinträchtigen schon heute die Produktion wichtiger Getreidesorten wie Weizen, Reis und Mais in tropischen und gemäßigten Regionen. Ohne eine Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegen Klimaschwankungen sei davon auszugehen, dass sich die Lage angesichts steigender und extremer werdender Temperaturen weiter verschlimmere. „Wenn wir bis zum Jahr 2030 eine Welt ohne Hunger und Mangelernährung erreichen wollen, ist es zwingend notwendig, dass wir unsere Maßnahmen beschleunigen und ausweiten. Nur so können wir die Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit von Ernährungssystemen und Erwerbsmöglichkeiten stärken, damit die Menschen für Klimaschwankungen und Wetterextreme gerüstet sind“, heißt es im Vorwort.

Doch der Bericht hält noch weitere schlechte Nachrichten bereit: Weltweit sind immer noch 151 Millionen Kinder unter fünf Jahren aufgrund chronischer Unterernährung zu klein für ihr Alter (stunted), die meisten von ihnen in Afrika und Asien. Dazu kommen 50,5 Millionen Kinder unter fünf, die aufgrund von Mangelernährung zu wenig für ihre Größe wiegen (wasting). Gleichzeitig nehmen Übergewicht und Fettleibigkeit rund um den Globus immer stärker zu: 2016 waren 672,3 Millionen Erwachsene fettleibig, ihr Anteil an der Weltbevölkerung stieg von 11,7% im Jahr 2012 auf 13,2%. „Am größten ist das Problem in Nordamerika, aber es ist besorgniserregend, dass selbst in Afrika und Asien, wo der Anteil am geringsten ist, ein Aufwärtstrend zu verzeichnen ist“, schreiben die Chefs der fünf UN-Organisationen. Der Bericht fordert die Umsetzung und Ausweitung von Programmen für besseren Zugang zu nahrhaften Nahrungsmitteln, um den generationenübergreifenden Zyklus der Mangelernährung zu durchbrechen. Es seien Marktregulierungen nötig, die vom Konsum ungesunder Lebensmittel abhalten, gemeinsam mit Politiken, die die Verfügbarkeit und den Verzehr gesunder Nahrung förderten. „Es muss ein nachhaltiger Wandel hin zu einer ernährungsbewussten Landwirtschaft und entsprechenden Ernährungssystemen vollzogen werden, um sichere und qualitativ hochwertige Nahrungsmittel für alle zu garantieren“, schlussfolgern die Autoren. (ab)

31.08.2018 |

Supermärkte ignorieren Wasserrisiken in der Lieferkette

Obst
Wasserrisiken im Herkunftsland - meist kein Thema für deutsche Supermärkte (Foto: CC0)

Das meiste Obst und Gemüse wird in Deutschland importiert - oft aus Regionen mit Wasserknappheit. Doch im Lebensmitteleinzelhandel fehlt es an Bewusstsein für das Wasserrisiko. Das ergab eine Umfrage der Naturschutzorganisation WWF unter 17 Unternehmen. Befragt wurden neben den klassischen Vollsortimentern auch Discounter, Bio- und Online-Händler zu ihren Obst- und Gemüselieferketten. Das Ergebnis: Supermärkte kennen in der Regel die Wasserrisiken ihrer Produkte kaum, wählen Produktzertifizierungen nicht nach nachhaltigen Wasserkriterien aus und auch für Branchenorganisationen spielt das Thema bisher kaum eine Rolle. „In den Obst- und Gemüseabteilungen deutscher Supermärkte stammt die Ware oft aus trockenen Regionen mit künstlicher Bewässerung. Und auch andere Lebensmittel sind durstig“, erklärte Johannes Schmiester, Süßwasser-Experte vom WWF Deutschland. „Doch in den Chefetagen der deutschen Supermarktketten wird das Thema bislang noch ausgeklammert. Dabei trägt der Lebensmitteleinzelhandel eine große Verantwortung – seine Einkaufsentscheidungen beeinflussen die Verfügbarkeit und Qualität von Wasser in den weltweiten Anbaugebieten.“

Der Großteil der deutschen Verbraucher kauft Obst und Gemüse im Supermarkt. 80% des Obstes und 67% des Gemüses wird aus dem Ausland importiert. „China, Indien, Ägypten, Türkei, Südafrika, Chile, Peru, die USA und Mexiko sind nur einige der Länder, in denen Wasser ein knappes Gut ist und deren Nahrungsmittel dennoch täglich auf deutschen Tellern landen“, schreibt Jörg-Andreas Krüger, Geschäftsleiter Naturschutz des WWF, im Vorwort des Berichts. „Unsere landwirtschaftlichen Lieferketten reichen in Regionen, die unter Wasserknappheit, -verschmutzung, Überflutungen, schlechter Regulierung und Konflikten um Wasser leiden.“ Jeder im Lebensmitteleinzelhandel umgesetzte Euro hat einen Wasserfußabdruck von rund 47 Liter. Daher sind die Supermärkte durch ihre Nachfrage auch Treiber von Wasserknappheit, -verschmutzung und den damit verbundenen Konflikten in den Anbaugebieten, betont der WWF. Doch das Bewusstsein im Lebensmittelhandel fehlt. „In der Praxis sehen wir ein verantwortliches, strategisches Handeln beim Thema Süßwasser leider bislang nur sehr wenig“, so Krüger.

Der Bericht zeigt, dass die Händler die Herkunft ihrer Obst- und Gemüseware meist bis zur Ebene der Region kennen – dennoch mangelt es an Verständnis für lokale Wasserrisiken in den Flussgebieten. Nur drei der zehn Handelsketten, die antworteten, können ihre Wasserrisiko-Hotspots benennen: Edeka, Netto und Rewe. Ein allgemeines Risikobewusstsein zeigten zumindest Edeka, Aldi Nord, Aldi Süd, Netto und Tegut. Die meisten Handelsketten führen keine regelmäßigen, flächendeckenden und methodisch fundierten Wasserrisikoanalysen durch. Dabei wäre es gar nicht so schwer, die Wassernutzung im Anbau und die daraus entstehenden Probleme in Strategien und Einkaufprozesse einzubeziehen. Als Beispiel nennt der WWF zusätzliche Anforderungen an Produzenten mit hohen Wasserrisiken oder der Verzicht auf Ware aus extrem trockenen Regionen. Doch die meisten Supermärkte sind noch nicht dazu übergegangen, Einkaufsanforderungen anzupassen, Zertifizierungen anzufragen, sich mit den Produzenten in den betroffenen Flussgebieten zu engagieren, Konsumenten aufzuklären und Transparenz herzustellen.

Der WWF fordert den Lebensmitteleinzelhandel auf, ein Bewusstsein für Wasserrisiken in seinen Lieferketten zu entwickeln und Süßwasser strategisch im Unternehmen zu verankern, um das Wasserrisiko zu mindern. Notwendig sei eine bessere Zusammenarbeit mit anderen Akteuren in der Lieferkette, vor allem Landwirten, und Engagement für ein nachhaltigeres Wassermanagement in den betroffenen Flussgebieten. „Durch die große Abhängigkeit vom blauen Gold trägt die Branche, nicht zuletzt aus Eigeninteresse, eine große Verantwortung für den Erhalt nachhaltiger Flussgebiete weltweit“, sagt Krüger. Denn Wasserrisiken in den Herkunftsregionen können mit Lieferausfällen, Preisschwankungen und Reputationsschäden auch die Branche treffen. (ab)

28.08.2018 |

Lebensmittelverschwendung könnte bis 2030 um ein Drittel ansteigen

Aker
Nicht alles gelangt auf die Teller (Foto: CC0)

Die Verschwendung von Lebensmitteln könnte bis zum Jahr 2030 um ein Drittel zunehmen – wenn Regierungen, Verbraucher und Unternehmer nicht entschlossen gegensteuern. Davor warnt die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) in einem neuen Bericht. Aktuell gehen jedes Jahr 1,6 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Wert von 1,2 Billionen US-Dollar verloren oder werden verschwendet. Der Modellrechnung zufolge könnten 2030 jedoch schon 2,1 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Wert von 1,5 Milliarden US-Dollar auf dem Weg vom Acker zum Teller auf der Strecke bleiben. Die BCG prognostiziert nämlich, dass das Ausmaß der Verschwendung vor allem in Asien ansteigen wird, gerade in Schwellenländern mit einer wachsenden Bevölkerung. „Mit wachsendem Wohlstand steigt auch die Nachfrage nach mehr und unterschiedlicheren Lebensmitteln, die nicht lokal angebaut werden. Das wird auch die Verluste und die Verschwendung von Lebensmitteln erhöhen“, erklärte Shalini Unnikrishnan, Mitautorin des Berichts, der britischen Tagszeitung The Guardian.

Lebensmittelverschwendung und -verluste ereignen sich in allen Stufen der Wertschöpfungskette, doch das Problem ist besonders ausgeprägt am Anfang (Produktion) und am Ende (Verbrauch), betonen die Autoren. In Entwicklungsländern sind vor allem die Produktion und der Abtransport vom Hof kritisch, während es in Industrieländern beim Konsum hakt – im Handel und beim Verbraucher. Der Bericht nennt fünf Hauptursachen: Mangendes Bewusstsein bei Verbrauchern und anderen Akteuren, unangemessene Infrastruktur, Ineffizienz und mangelnde Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren in der Lieferkette sowie schlecht gestaltete Steuerpolitiken und Regulierungsmaßnahmen. Würden diese Defizite angegangen, könnten jedes Jahr Lebensmittelverluste im Wert von 700 Milliarden US-Dollar eingespart werden. Durch die Schaffung von mehr Bewusstsein könnte das Problem um $260 Milliarden verringert werden. Es gibt keine Regelungen, Industriestandards und eine Steuerpolitik, die darauf ausgerichtet sind, die Verschwendung von Lebensmitteln zu verringern oder eine effiziente Umnutzung zu ermöglichen, beklagen die Autoren Die Entsorgung von Lebensmittelabfällen sei sehr günstig und es fehlten Steuerregelungen, die Unternehmen oder Verbraucher für den Abfall, den sie produzieren, zur Kasse bitten. Zudem mangele es an Anreizen für die Reduzierung von Abfällen. Gäbe es diese Bestimmungen und Steueranreize, könnte das Problem der Lebensmittelverschwendung um weitere $110 Milliarden jährlich verringert werden.

„Etwa ein Drittel aller erzeugten Lebensmittel weltweit landen im Müll. Das Problem stellt solch eine Herausforderung dar, dass es in die UN-Nachhaltigkeitsziele aufgenommen wurde“, sagte Mitautor Esben Hegnsholt. „Doch auch wenn es ein gewaltiges Problem ist, können wir heute schon Schritte unternehmen und Maßnahmen ergreifen, die verfügbares Wissen und Technologien nutzen, um Lebensmittelverluste und -verschwendung innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette stark zu verringern.“ Doch echte Fortschritte seien nur möglich sind, wenn Verbraucher, Regierungen, NGOs, Landwirte und Unternehmen alle engagiert und koordiniert an einem Strang ziehen. Die BCG sieht vor allem ein großes Potenzial bei den Unternehmen: „Während es viele Stakeholder gibt, die eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Lebensmittelverlusten und -verschwendung spielen, ist die Rolle der Unternehmen vielleicht am entscheidendsten“, sagte Unnikrishnan. „Unternehmen sind bei jedem Aspekt der Lebensmittelversorgungskette involviert, von der Produktion bis zum Verbrauch, und daher haben ihre Entscheidungen und Maßnahmen eine besonders große Wirkung. Gleichzeit haben sie eine große Expertise, Einblicke in Lösungsmöglichkeiten und das Geld, um diese zu realisieren.“ Letztendlich wirkt sich die Vermeidung der Lebensmittelverschwendung auch positiv auf ihre Bilanz aus, argumentiert die BCG. (ab)

09.08.2018 |

Das System Erde kippt: Wissenschaftler warnen vor Heißzeit

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Eine Heißzeit hätte fatale Folgen für die Landwirtschaft (Foto: CC0)

Die globale Erwärmung könnte sich trotz Maßnahmen zum Klimaschutz aufgrund von Rückkopplungseffekten selbst verstärken, sodass dem Planeten eine „Heißzeit“ droht. Eine im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences” erschienene Studie warnt, dass selbst eine Umsetzung des Klimaschutzabkommens von Paris nicht genügen könnte, um die globale Erwärmung auf 1,5°C bis 2°C zu begrenzen. Denn diese Erwärmung könnte zusätzlich Prozesse des Erdsystems anstoßen – Rückkopplungen – die wiederum die Erde langfristig um 4°C bis 5°C erhitzen und zu einem Meeresspiegelanstieg von 10 bis 60 Metern führen könnten. Das internationale Team von Wissenschaftlern um Hauptautor Will Steffen von der Australian National University (ANU) und Johan Rockström, Direktor des Stockholm Resilience Centre, die bereits mit ihrer Forschung zu den planetaren Belastungsgrenzen für Aufsehen sorgten, fordert daher eine deutliche Beschleunigung des Übergangs zu einer emissionsfreien Weltwirtschaft.

Die Forscher untersuchten zehn natürliche Rückkopplungsprozesse, von denen einige mit den sogenannten Kippelementen im Erdsystem verknüpft sind. Werden kritische Schwellen überschritten, könnten diese Kippelemente in grundlegend andersartige Zustände versetzt werden. Durch Rückkopplungen könnten etwa Kohlenstoffspeicher in Kohlenstoffquellen umgewandelt werden, die unkontrolliert Emissionen freisetzen würden. „Zu den kritischen Prozessen gehören insbesondere tauender Permafrost, der Verlust von Methanhydraten vom Meeresboden, eine Schwächung von Kohlenstoffsenken an Land und in den Ozeanen, eine zunehmende bakterielle Atmung in den Ozeanen, das teilweise Absterben des Amazonas-Regenwaldes sowie der borealen Wälder, eine Verringerung der Schneedecke auf der Nordhalbkugel, der Verlust von arktischem und antarktischem Meereis sowie das Schrumpfen der großen Eisschilde“, schreibt das Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), dessen amtierender Direktor Hans Joachim Schellnhuber ebenfalls an der Studie beteiligt war. „Diese Kippelemente könnten sich wie eine Reihe von Dominosteinen verhalten“, erklärt Rockström. „Wird einer von ihnen gekippt, schiebt dieses Element die Erde auf einen weiteren Kipppunkt zu. Es könnte sehr schwierig oder sogar unmöglich sein, die ganze Reihe von Dominosteinen davon abzuhalten, umzukippen. Manche Orte auf der Erde könnten unbewohnbar werden, wenn die „Heißzeit“ Realität würde“, warnt der Forscher.

Schellnhuber betont, dass die Treibhausgasemissionen aus Industrie und Landwirtschaft das Klima und letztlich das ganze Erdsystem aus dem Gleichgewicht bringen. „Im Zentrum stehen hier vor allem die Kippelemente in der globalen Umwelt, die sich – sobald ein bestimmtes Belastungsniveau einmal überschritten ist – grundlegend, schnell und möglicherweise irreversibel verändern könnten.“ Es sei unklar, ob das Klimasystem sicher bei etwa 2°C über dem vorindustriellen Niveau ‚geparkt‘ werden könne, oder ob es, einmal so weit angestoßen, weiter abrutschen würde in ein dauerhaftes Supertreibhaus-Klima. Vor allem die Landwirtschaft würde in solch einem „Hothouse Earth“ bedroht sein. „Agrarsysteme sind extrem verletzlich“, schreiben die Forscher. „Sie basieren auf einer bewährten und vorhersehbaren räumlichen Verteilung von Temperatur und Niederschlag im Verhältnis zur Lage mit fruchtbaren Böden sowie auf eine bestimmte CO2-Konzentration in der Atmosphäre.“ Bei einer stabilen Begrenzung der Erderwärmung könnte noch ein Gleichgewicht zwischen einer Produktionszunahme oder -abnahme je nach Region erzielt werden, da sich menschliche Systeme anpassen. „Doch eine Heißzeit würde sehr wahrscheinlich die Anpassungsgrenzen überschreiten und zu einer erheblichen globalen Abnahme der Agrarproduktion führen, höhere Preise verursachen und die Unterschiede zwischen reichen und armen Ländern noch verstärken.“

Um die Chancen zur Vermeidung einer „Heißzeit“ zu verbessern, brauche es nicht nur eine entschlossene Minderung von Kohlendioxid- und anderen Treibhausgasemissionen. Auch erweiterte biologische Kohlenstoffspeicher, etwa durch ein verbessertes Wald-, Landwirtschafts- und Bodenmanagement, oder die Erhaltung der biologischen Vielfalt sowie Technologien, um der Atmosphäre Kohlendioxid zu entziehen und unterirdisch zu speichern, können eine wichtige Rolle spielen, so die Autoren. Entscheidend sei jedoch, dass diese Maßnahmen auch durch grundlegende gesellschaftliche Veränderungen gestützt werden. (ab)

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