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22.01.2018 |

33.000 Menschen demonstrieren in Berlin für die Agrarwende

Demo
33.000 Menschen zogen durch Berlin (Foto: Alexander Puell/www.wir-haben-es-satt.de)

Tausende Menschen haben am Samstag in Berlin für eine Agrarwende hin zu einer bäuerlichen und ökologischeren Landwirtschaft demonstriert. Angeführt von 160 Bauern mit ihren Traktoren zogen rund 33.000 Menschen unter dem Motto „Der Agrarindustrie die Stirn bieten!“ vom Hauptbahnhof über Alt-Moabit und das Regierungsviertel bis hin zum Brandenburger Tor. Die aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten Teilnehmer protestierten – teilweise auch als Kühe, Schweine oder Bienen verkleidet – für eine bäuerlich-ökologischere Landwirtschaft, gesundes Essen, artgerechte Tierhaltung, globale Bauernrechte und gerechten Welthandel. Zu der Demo aufgerufen hatte „Wir haben es satt!“, ein breites Bündnis aus 100 Umwelt-, Verbraucher-, Landwirtschafts- und Entwicklungsorganisationen. Der Protestzug findet schon seit 2011 jedes Jahr zum Auftakt der Agrarmesse Grüne Woche und der internationalen Agrarministerkonferenz in Berlin statt.

Die Demonstranten forderten die künftige Bundesregierung auf, mit mehr Mut und Tempo die längst überfällige Agrar- und Ernährungswende einzuleiten. Umwelt, Tiere und Bauernhöfe verzeihen keinen weiteren Stillstand, verkündeten die Veranstalter. „Die industrielle Land- und Ernährungswirtschaft verursacht lokal und global Probleme für Bauern, Klima, Tiere und Umwelt“, sagte Jochen Fritz, Sprecher von „Wir haben es satt!“. „Der Umbau hin zu einer umwelt-, tier- und klimafreundlichen Landwirtschaft, in der Bauern gut von ihrer Arbeit leben können, darf von der Politik nicht weiter aufgeschoben werden.“ Konkrete Forderungen für die nächste Legislaturperiode sind – neben dem Glyphosat-Ausstieg und einem Umbau der Tierställe – die Kennzeichnungspflicht bei tierischen Lebensmitteln, ein Verbot von Reserve-Antibiotika in der Tierhaltung und faire Marktregeln zum Schutz von Bauernhöfen. Die Veranstalter kritisieren, dass trotz des Bewusstseinswandels bei vielen Verbrauchern, die verstärkt Wert auf gutes Essen und eine artgerechte Tierhaltung legen, die Politik weiter eine Agrarindustrie nähre, die auf Kosten von Umwelt, Klima und Tieren produziert. „Damit wir alle nicht langfristig die Zeche dafür zahlen, muss die GroKo den Spieß jetzt umdrehen. Diejenigen, die nachhaltig produzieren und essen, müssen belohnt werden“, fordert Fritz.

Doch der Protest wendet sich auch gegen die EU-Agrarpolitik. Die Zahlung von EU-Agrarsubventionen an außerlandwirtschaftliche Investoren, die immer mehr Bauern den Boden unter den Füßen wegkaufen, müsse sofort beendet werden, fordern die Veranstalter. Es brauche eine grundlegende Reform der EU-Agrarpolitik. „Diejenigen, die umwelt- und klimaschonenden Ackerbau betreiben und Tiere artgerecht halten, müssen durch Direktzahlungen unterstützt werden, nicht wer am meisten Flächen besitzt“, sagte Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. „Die Bäuerinnen und Bauern sind bereit, aber die Politik muss den Rahmen schaffen. Gerade die kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betriebe braucht das Land.“ Um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen, veranstalteten viele Demonstranten auf mitgebrachten Kochtöpfen ein kaum zu überhörendes Konzert. (ab)

17.01.2018 |

Kritik an EPA: Schluss mit Patenten auf konventionell gezüchtete Pflanzen

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Keine Patente auf Sonnenblumen! (Foto: A. Beck)

Das Europäische Patentamt (EPA) erteilt weiterhin Patente auf Pflanzen und Tiere aus konventioneller Züchtung. Rund 25 dieser Patente wurden 2017 vergeben, unter anderem auf Salat, Zwiebeln, Tomaten, Kartoffeln, Gurken, Sonnenblumen, Sorghum und Soja. Das geht aus einem Bericht des Bündnisses „Keine Patente auf Saatgut!“ hervor, der am 16. Januar veröffentlicht wurde. „Wenn dieser gegenwärtige Trend nicht gestoppt wird, werden Konzerne wie Bayer, Monsanto, DowDu-Pont, Syngenta und andere Konzerne mehr und mehr Macht bekommen, darüber zu entscheiden, was in Europa und anderen Regionen der Welt angebaut und geerntet und als Lebensmittel zur Verfügung gestellt wird“, warnt der Bericht. Die Zahl der Patentanmeldungen auf konventionelle Züchtungen hat in den letzten 10 bis 15 Jahren stetig zugenommen: Das Bündnis berichtet von über 1500 Anmeldungen und mehr als 200 erteilten Patenten in diesem Bereich.

Das EPA hatte im Juni 2017 in Reaktion auf den Druck der EU und Zivilgesellschaft neue Regeln für die Auslegung der europäischen Patentrechte beschlossen. Diese untersagen – anders als bei gentechnisch veränderten Pflanzen – eigentlich Patente auf Pflanzen und Tiere, „die aus im Wesentlichen biologischen Verfahren“, das heißt konventioneller Züchtung, stammen. Doch das EPA legte dies anders aus: Seine Große Beschwerdekammer entschied 2015 in der „Brokkoli“-Grundsatzentscheidung, dass Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere weiterhin zulässig sind, auch wenn die Züchtungsverfahren als solche nicht patentierbar sind. Im Juni regelte der Verwaltungsrat jedoch neu, dass durch konventionelle Züchtung gewonnene Pflanzen und Tiere von der Patentierbarkeit ausgeschlossen sind. Damals hatte „Keine Patente auf Saatgut!“ schon vor Schlupflöchern gewarnt. Denn nach der Neuregelung sind Pflanzen und Tiere patentierbar, bei denen genetische Veranlagungen und zufällige Mutationen identifiziert werden, die für die Züchtung wichtig sind.

Ein Beispiel sind die Patente auf Gerste und Bier für die Brauereikonzerne Carlsberg und Heineken. Die 2016 vom EPA gewährten Patente umfassen Gerstenpflanzen aus konventioneller Züchtung, ihre Verwendung im Brauverfahren sowie das daraus gebraute Bier. Die Patente basieren auf zufälligen Mutationen im Genom der Gerste. „Getreidekörner wurden mit Chemikalien in Kontakt gebracht, um eine größere Bandbreite an genetischen Variationen hervorzurufen. Dann wurden daraus spezifische Mutationen, deren Nutzen bereits bekannt war, durch Standardverfahren selektiert“, erklärt der NGO-Bericht. Die Getreidekörner sind angeblich besser zum Bierbrauen geeignet, das Bier soll seinen frischen Geschmack länger bewahren. Andere 2017 vom EPA erteilten Patente betreffen Sonnenblumen mit einer Herbizidresistenz, die mit oder ohne Gentechnik erzielt werden kann, oder Salat mit einer durch zufällige Mutationen erzielte Resistenz gegen rötlich-braune Fleckenbildung. „Derartige Patente haben nichts mit dem ursprünglichen Kern des Patentrechts zu tun oder mit der Idee, einen fairen Anreiz für Innovation und Erfindungen zu liefern. Oft basieren diese Patente nur auf der Grundlage von trivialen technischen Entwicklungen und sind nichts anderes als ein rechtlicher Trick, um die Grundlagen unserer Ernährung in das „geistige Eigentum“ einiger großer Konzerne zu verwandeln“, so der Bericht.

Die Saatgut-Konzerne versuchen gar, ihr Geschäftsfeld noch auszuweiten: Syngenta will, dass bestehende Beschränkungen im Patentrecht abgeschafft werden und hat daher eine Beschwerde beim EPA eingereicht, die am 17. Januar verhandelt wird. Aber auch der Widerstand gegen die EPA-Vergabepraxis wächst. „Keine Patente auf Saatgut!“, der Weltdachverband des Ökolandbau IFOAM und der Zusammenschluss der EU-Bauernverbände COPA/ COGECA hat die EU-Kommission in einem gemeinsamen Brief zum Handeln aufgefordert. Zudem wurde unter anderem Einspruch eingelegt gegen die Patente auf Gerste und Bier für Carlsberg und Heineken. „Patente auf konventionelle Züchtung werden die Situation von Landwirten, Gemüseanbauern und Züchtern dramatisch verändern“, warnen die Organisationen hinter „Keine Patente auf Saatgut!“. „In Zukunft werden Landwirte, Gemüseanbauer oder Züchter, die keine Verträge mit den Patentinhabern unterzeichnen, keinen Zugang zu patentiertem Saatgut haben – weder für den Anbau noch für die Vermehrung oder weitere Züchtung.“ Sie fordern, dass die Politik die großen Konzerne daran hindern muss, die Grundlagen unserer Ernährung noch weiter zu monopolisieren.“ (ab)

16.01.2018 |

FIAN: Agrarökologie statt eine den Klimawandel anheizende Agrarpolitik

Klimawandel
Der Klimawandel trifft vor allem jene, die ihn nicht verursacht haben (Foto: CC0)

In Deutschland und weltweit ist eine Agrarpolitik vonnöten, die verhindert, dass die Landwirtschaft den Klimawandel weiter anheizt. Darauf macht die Menschenrechtsorganisation FIAN anlässlich der am 20. Januar in Berlin tagenden Agrarministerkonferenz aufmerksam. Denn der voranschreitende Klimawandel bedrohe die Rechte auf angemessene Nahrung und Wasser vieler Menschen – vor allem jener Bevölkerungsgruppen und in jenen Ländern, die selbst am wenigsten dazu beigetragen hätten. Die globale Durchschnittstemperatur hat sich seit dem vorindustriellen Zeitalter bereits um knapp 1° Celsius erhöht – Tendenz steigend. Dies führt bereits jetzt zu Bodenerosion, Ernteausfällen sowie dem Austrocknen und Versalzen von Wasserquellen, warnt FIAN. Zugleich tragen die industrielle Landwirtschaft und eine veränderte Landnutzung dem Weltklimarat IPCC zufolge direkt zu gut einem Drittel der globalen Klimagasemissionen bei. „Die Erderwärmung führt für viele Menschen im Globalen Süden bereits jetzt zu Hunger und Wasserknappheit. Wenn Staaten angesichts dieser Katastrophe nicht alle erdenklichen Maßnahmen vornehmen, verletzen sie die Menschenrechte auf angemessene Nahrung und Wasser der Betroffenen“, betont FIAN-Referentin Gertrud Falk.

FIAN sieht vor allem Industriestaaten wie Deutschland in der Pflicht, Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Anpassung an den Klimawandel zu ergreifen. „Denn sie tragen durch ihre hohen Treibhausgas-Emissionen maßgeblich zum weltweiten Klimawandel bei“, so Falk. Doch die Aussichten sind nicht gerade rosig. Erst vergangene Woche sorgten CDU, CSU und SPD in den Sondierungsgesprächen für eine Neuauflage der Großen Koalition für Aufregung, als sie sich von dem deutschen Klimaziel für 2020 verabschieden wollten. Es sei unrealistisch, die Emissionen bis dahin um 40% gegenüber 1990 zu senken. Die Süddeutsche bezeichnete die Parteien daraufhin als Klimaversager. Doch auch der Weltklimarat ist skeptisch und scheint nicht mehr davon auszugehen, dass das ehrgeizige 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens zu halten ist. Die globale Erwärmung bis 2100 auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen sei „mit 66-prozentiger Wahrscheinlichkeit jenseits des Erreichbaren“, heißt es Medienberichten zufolge in einem internen Entwurf eines Berichts, der im Herbst erscheinen soll. Vor allem der zu langsam voranschreitende Umbau der Städte, Energiesysteme und der Landwirtschaft lässt die Wissenschaftler daran zweifeln.

Doch die miesen Prognosen sollten nicht zum Aufgeben sondern zu entschlossenem Handeln anregen. FIAN appelliert an die Agrarministerkonferenz, die Weichen auf eine ressourcenschonende und klimafreundliche Landwirtschaft umzustellen. „Agrarökologische Ansätze müssen gefördert werden. Monokulturen und Massentierhaltung dürfen dagegen nicht länger unterstützt werden“, fordert Falk. Dafür geht am 20. Januar in Berlin auch ein breites Bündnis aus zivilgesellschaftlichen Organisationen, Bäuerinnen und Bauern, Verbraucherschützern und Umweltaktivisten auf die Straße. Unter dem Motto „Der Agrarindustrie die Stirn bieten!“ werden wieder Tausende für eine bäuerlich-ökologischere Landwirtschaft, eine artgerechte Tierhaltung und weniger Fleischkonsum, für Ernährungssouveränität und gerechten Welthandel und für eine Landwirtschaft demonstrieren, die Umwelt und Klima schützt. Mit Kochtöpfen ausgestattet wollen die Demonstranten die in Berlin versammelten Agrarminister dazu animieren, bei der Agrarwende mehr Tempo zuzulegen. (ab)

11.01.2018 |

2ºC Erwärmung beschert 25% der Landfläche extreme Trockenheit

Wüste
Bei 2ºC Erwärmung droht der Welt extreme Trockenheit (Foto: CC0)

Mehr als ein Viertel der Landfläche des Planeten könnte von extremer Trockenheit betroffen sein, wenn die globale Erwärmung 2ºC erreicht. Dies würde zu verstärkten Dürren und Waldbränden führen und hätte schwerwiegende Folgen für die Landwirtschaft, betont eine Studie, die Anfang Januar im Fachmagazin „Nature Climate Change” erschienen ist. Bei einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5ºC gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter würden die am stärksten bedrohten Gebiete zumindest vor extremen Veränderungen bewahrt werden. Das internationale Forschungsteam unter Leitung der chinesischen Southern University of Science and Technology (SUSTech) und der britischen University of East Anglia (UEA) untersuchte historische Klimadaten sowie Prognosen von 27 globalen Klimamodellen, sowohl für das 1,5- als auch für das 2-Grad-Szenario. Die Wissenschaftler berechneten, in welchen Gebieten die Aridität, die durch das Verhältnis von Niederschlägen und Verdunstung bestimmt wird, zunehmend wird und ab welchem Temperaturanstieg.

Eine globale Erwärmung um 2ºC würden der Studie zufolge dazu führen, dass viele Gebiete rund um den Globus immer trockener werden. „Die Aridisierung ist eine ernsthafte Bedrohung, da sie Bereiche wie die Landwirtschaft, die Wasserqualität und die Artenvielfalt ernsthaft beeinträchtigen kann. Sie kann auch zu mehr Dürren und Waldbränden führen, ähnlich wie jene, die in Kalifornien wüten”, sagte einer der Autoren, Dr. Chang-Eui Park von der SusTech. Die Studie prognostiziert, dass 20-30 Prozent der Landfläche der Erde von der Ausbreitung arider Verhältnisse betroffen wäre, sobald die Temperaturen um 2 Grad ansteigen. Würde die Erwärmung jedoch noch auf 1,5 Grad beschränkt, würde zwei Drittel der bedrohten Regionen eine erhebliche Austrocknung erspart bleiben. „Die Welt hat sich bereits um 1ºC erwärmt. Wenn wir aber weniger Treibhausgasemissionen in die Atmosphäre ausstoßen, um die globale Erwärmung auf unter 1.5ºC oder 2ºC zu begrenzen, könnten dies die Wahrscheinlichkeit senken, dass viele Teile der Welt wesentlich trockener werden“, sagte Mitautor Prof. Su-Jong Jeong von der SUSTech.

Einem Szenario der Wissenschaftler zufolge könnte die Welt künftig kontinuierlich moderate Trockenperioden erleben, die auch heftigere Dürren nach sich ziehen könnten. Durch den Temperaturanstieg droht sich das Klima vieler Regionen grundlegend zu ändern. Humide Gebiete würden trockener werden und etwa 15% der heute noch halbtrockenen Gebiete könnten sich zu vollariden Regionen wandeln. Dürren haben im Mittelmeerraum, im südlichen Afrika und an der Ostküste Australiens im Laufe des 20. Jahrhunderts bereits deutlich zugenommen. Auch die semi-ariden Gebiete Mexikos, Brasiliens, des südlichen Afrikas und Australiens haben aufgrund der Erderwärmung seit längerer Zeit mit Wüstenbildung zu kämpfen. „Die Weltregionen, die am meisten von einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5ºC profitieren würden, wären Südostasien, Südeuropa, der Süden Afrikas, Zentralamerika und Südaustralien – wo mehr als 20 Prozent der Weltbevölkerung heute leben“, sagte Professor Tim Osborn from von der University of East Anglia. (ab)

09.01.2018 |

Glyphosat erntet Gegenwind in Argentinien: Verbot in Rosario

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Gift aus der Luft (Foto: cdn-pix, crop duster, bit.ly/1_CC_BY-NC_2-0, bit.ly/cdn-pix)

In der Sojarepublik Argentinien nimmt der Widerstand gegen den Unkrautvernichter Glyphosat weiter zu. Nun hat der Stadtrat von Rosario, Argentiniens drittgrößter Stadt, die Verwendung des Herbizids verboten. Am 27. Dezember wurde die Verordnung 9798 im Amtsblatt veröffentlicht, die den Einsatz des weltweit meistverkauften Herbizid-Wirkstoffs auf Feldern, öffentlichen Flächen und privaten Gärten in der Stadt und ihrer Umgebung untersagt. Zumindest vorerst, denn die Agrarverbände laufen Sturm gegen die Entscheidung. Die Provinz Santa Fe ist ein Zentrum des Sojanbaus in Argentinien: Ein grünes Meer aus gentechnisch veränderter Soja bedeckt die Felder, die auch aus der Luft großflächig mit Glyphosat besprüht werden. In der Provinzhauptstadt Rosario und der Umgebung stehen riesige Verarbeitungsanlagen und Silos und von den Hafenterminals der Stadt wird das begehrte Futtermittel vor allem nach Europa oder China verschifft.

Der Stadtrat von Rosario hatte das Glyphosatverbot einstimmig am 16. November verabschiedet. Doch schon am 30. November ruderten die Stadträte zurück, nachdem sie in ihrer morgendlichen Sitzung Besuch von einer 16-köpfigen Delegation bestehend aus Mitgliedern verschiedener Agrarverbände erhalten hatten. Als die Sitzung am Nachmittag wiederaufgenommen wurde, hatten 12 Stadträte überraschend ihre Meinung geändert und brachten unter Missachtung des üblichen formalen Prozedere einen neuen Verordnungsentwurf ein, der den Einsatz von Glyphosat weiterhin gestatten würde. „Gerade einmal sechs Stunden Lobbyarbeit der Wirtschaftsmacht haben gereicht, um mehr als die Hälfte des Stadtrats zu überzeugen, sich gegen die Gesellschaft zu stellen“, kritisierte Stadtrat Juan Monteverde. Die Kehrtwende zog den empörten Protest von Bürgern und Umweltverbänden auf sich. Bürgermeisterin Mónica Fein sträubte sich, die ursprüngliche Verordnung zu verkünden, aber sie legte auch kein Veto gegen das Verbot ein. „Die Verordnung ist gültig, sie gilt als erlassen, wenn die Vetofrist verstrichen ist. Dies war der 13. Dezember und es fehlte aus technischer Sicht nur noch die Veröffentlichung“, erklärte Stadtrat Osvaldo Miatello, der den Verbotsantrag einbrachte.

Argentinien ist der weltweit drittgrößte Sojaproduzent nach den USA und Brasilien: Rund 60 Millionen Tonnen Soja werden jährlich produziert, in der Anbausaison 2016/17 wuchs die Pflanze auf etwa 19,2 Millionen Hektar im Land. „Die Landwirtschaft in Argentinien hat in den letzten Jahrzehnten große Veränderungen erlebt und das agroindustrielle Modell verfestigt, das stark auf Soja setzt, die Weizen und Mais verdrängt hat“, erläutert Professor Emilio Satorre von der Fakultät für Agrarwissenschaften der Universität von Buenos Aires (UBA) gegenüber dem Nachrichtenportal IPS News. Auf dem Großteil der Flächen wachsen gentechnisch veränderte Pflanzen. 335 Millionen Liter Pestizide wurden auf Argentiniens Felder im Jahr 2012 versprüht – das letzte Jahr, für das die Behörden noch Zahlen veröffentlichen. Das ist neun Mal so viel wie noch im Jahr 1990. Mehr als 200 Millionen Liter Glyphosat setzen argentinische Landwirte pro Anbausaison ein. Waren 1996 noch drei Liter je Hektar üblich, liegt der Durchschnitt heute bei 12 Litern, in manchen Gebieten noch weit darüber.

Seither häufen sich Berichte über die negativen gesundheitlichen Auswirkungen für Landarbeiterinnen und Landarbeiter sowie Menschen, die in der Nähe von Sojafeldern wohnen. Krebs, Atemwegs- und Hauterkrankungen oder Missbildungen bei Neugeborenen häufen sich. „Wir können nachweisen, dass sich die Todesursachen in den vergangenen 20 Jahren verändert haben“, sagte Damián Verzeñassi, Mediziner und Professor an der Universität Rosario der Deutschen Presse-Agentur. Erst kürzlich machten Wissenschaftler der Fakultät für Medizin, Pharmazie und Biochemie der Universität von Buenos Aires wieder auf die Gesundheitsgefahren aufmerksam und warnten vor der hohen Pestizidbelastung von Landarbeitern. In einer Studie hatten sie belegt, dass argentinische Feldarbeiter in der Provinz La Pampa 25-fach höhere Pestizidwerte im Blut aufwiesen. Doch der Widerstand der Bevölkerung wächst überall im Land, in mehreren Provinzen gibt es Bestrebungen, den Einsatz von Glyphosat zu verbieten. (ab)

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