Nachricht

29.07.2021 |

Erdüberlastungstag: Natürliche Ressourcen für 2021 sind „verbraucht“

Ressourcen
Die Belastungsgrenze ist erreicht (Foto: CC0)

Nur sieben Monate hat die Menschheit gebraucht, um das Kontingent der Erde an nachhaltig nutzbaren Ressourcen für das gesamte Jahr auszuschöpfen. Am 29. Juli ist daher „Earth Overshoot Day“ und den Rest des Jahres leben wir wieder auf Pump und strapazieren das Ressourcenbudget der Natur über das regenerierbare Maß hinaus. Das zeigen Berechnungen der internationalen Nachhaltigkeitsorganisation „Global Footprint Network“, die den Erdüberlastungstag jährlich neu berechnet. 2020 hatte die Corona-Pandemie das Datum auf den 22. August nach hinten rücken lassen im Kalender, doch mit der Verlangsamung des Raubbaus an der Natur ist nun wieder Schluss, die Wirtschaft erholt sich und der Ressourcenhunger wächst erneut. „Falls Sie daran erinnert werden müssten, dass wir uns in einer klimatischen und ökologischen Notsituation befinden, dann tut dies der Earth Overshoot Day“, sagte Susan Aitken, die Bürgermeisterin von Glasgow, wo im Herbst die UN-Klimakonferenz COP26 stattfinden wird. Steffen Vogel von der deutschen Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch kommentierte: „Wir erleben nun den befürchteten Rebound-Effekt, das sprunghafte Wiederansteigen der Emissionen nach dem Höhepunkt der Pandemie. Dass der Ressourcenverbrauch trotz Anhalten der Pandemie schon dieses Jahr wieder fast das Niveau von 2019 erreicht, zeigt: Wir brauchen dringender denn je ein Umsteuern in der Klima- und Ressourcenpolitik. COVID-19-Konjunkturprogramme müssen unbedingt auf nachhaltige Wirtschaftsweisen ausgerichtet werden.“

Die Berechnungen des ‚Global Footprint Network‘ basieren auf den „National Footprint & Biocapacity Accounts“ (NFA), die sich auf UN-Datensätzen stützen. Für die Festlegung des Erdüberlastungstages werden zwei Größen gegenübergestellt: einerseits die biologische Kapazität der Erde zum Aufbau von Ressourcen sowie zur Aufnahme von Müll und Emissionen und andererseits der ökologische Fußabdruck – der Bedarf an Acker-, Weide- und Bauflächen, die Entnahme von Holz, Fasern oder Fisch, aber auch der CO2-Ausstoß und die Müllproduktion. 1970 überstieg der Ressourcenverbrauch erstmals die Biokapazität der Erde, Anfang der 90er Jahre war der Erdüberlastungstag bereits im Oktober erreicht und 2018 fiel der Tag mit dem 25. Juli auf den frühesten bisher berechneten Termin. Dem Netzwerk zufolge ist die erneute Beschleunigung der Übernutzung der Ressourcen vor allem auf eine Erhöhung der CO2-Emissionen um 6,6% gegenüber 2020 zurückzuführen. Zudem schrumpfte die globale Biokapazität der Wälder um etwa 0,5%, was größtenteils auf die zunehmende Abholzung von Wäldern im Amazonasgebiet zurückzuführen ist. Allein in Brasilien gingen 1,1 Millionen Hektar Wald letztes Jahr verloren. Schätzungen für 2021 deuten auf einen Anstieg der Abholzung um bis zu 43% im Vergleich zum Vorjahr hin, teilte das ‚Global Footprint Network‘ mit.

Den Ressourcenhunger führt das Netzwerk auch mithilfe des „Verbrauchs an Erden“ vor Augen: Um den Konsum der Menschheit nachhaltig zu decken, wären rein rechnerisch rund 1,7 Erden notwendig. Würden alle Länder so haushalten wie Deutschland, wären sogar 2,9 Erden nötig. Bei einer Lebensweise wie in den USA bräuchte die Weltbevölkerung fünf Erden und für Australien wären es 4,6 Planeten. Würden hingegen alle Menschen so wirtschaften wie Indien, kämen wir mit 0,7 Erden aus. Daher war der nationale Erdüberlastungstag 2021 in den USA bereits am 14. März und in Deutschland am 5. Mai. Doch eines zeigt die Verlangsamung im Vorjahr: Durch ein anderes Wirtschaften und Konsumieren kann der Ressourcenverbrauch auf ein verträglicheres Maß reduziert werden. „Letztes Jahr, als die Pandemie die Welt heimsuchte, haben die Regierungen gezeigt, dass sie schnell handeln können. Rasch wurden Vorschriften und außerordentliche Ausgaben bewilligt“, betonte das ‚Global Footprint Network‘. „Der ‚perfekte Sturm‘ von Klimawandel und Ressourcenknappheit, der sich zusammenbraut, erfordert von Entscheidungsträgern das gleiche Maß an Wachsamkeit und schnellem Handeln.“

Von der deutschen Politik wünscht sich Germanwatch einen entschlossenen Klimaschutz: „Auf die nächste Bundesregierung kommen sowohl auf EU-Ebene als auch beim Ergreifen wirksamer Maßnahmen zum Erreichen der verbesserten deutschen Klimaziele große Aufgaben zu”, sagte Audrey Mathieu, Referentin für EU-Klimapolitik bei Germanwatch. „Um die ständige Überdehnung der Grenzen des Planeten zu stoppen, brauchen wir auch eine engere internationale Kooperation auf mehreren Ebenen. So muss die Bundesregierung jetzt zum Beispiel mit ihren europäischen Partnern die Umsetzung des European Green Deal beschleunigen“, fordert Mathieu. Zudem müssten mit zentralen Schwellenländern Klimapartnerschaften zum zügigeren Umstieg Richtung Klimaneutralität auf- und ausgebaut werden. Das ‚Global Footprint Network‘ sieht auch Städte und Kommunen in der Verantwortung: „Durch ihre Infrastruktur und ihre Regulierungsbefugnisse haben Stadtregierungen bedeutende Möglichkeiten, Ressourceneffizienz zu fördern und damit die Zukunft der Städte zu gestalten. Eine zu späte Anpassung birgt enormes Risiko. Darum wird Klimahandeln zur existentiellen Notwendigkeit für Städte, unabhängig von internationalen Vereinbarungen.

Doch was kann jede und jeder Einzelne tun? „Allein mit Veränderungen im persönlichen Lebensstil ist es unmöglich, den Erdüberlastungstag weit genug nach hinten zu schieben. Aber jede Veränderung beginnt mit einem ersten Schritt und den macht man am besten im eigenen Leben“, betont Johannes Küstner, Referent für Bildung bei Brot für die Welt. Für den zweiten Schritt hin zum gesellschaftlichen Wandel hat das evangelische Hilfswerk mit Germanwatch in Ergänzung zum Konzept des Fußabdrucks den „Handabdruck“ entwickelt. „Der Handabdruck steht für die Hebel, die jede und jeder von uns selbst in Bewegung setzen kann, um Nachhaltigkeit in Mobilität, Ernährung, Energie, Finanzen oder Ressourcennutzung zum neuen Standard zu machen. Das geht am Arbeitsplatz, in der Schule oder Uni, im Verein oder in der Kommune sowie auf Landes- und Bundesebene“, erklärt Marie Heitfeld von Germanwatch. Zu den Themenfeldern Nachhaltige Mobilität, Wirtschaft und Arbeit, Energie und Rohstoffnutzung sowie Ernährung und Landwirtschaft haben die Organisationen Vorschläge zusammengestellt, wie man auf allen Ebenen aktiv werden kann. So kann sich jeder und jede dafür engagieren, dass im Sport- oder Musikverein bei Veranstaltungen nachhaltige Produkte auf dem Teller und Buffet landen, sich an der eigenen Schule oder Hochschule für die Gründung eines Tausch- oder Leihladens einsetzen für Gegenstände, die nicht alle selbst besitzen müssen, oder sich bei der Arbeit dafür starkmachen, dass Bahnreisen der Vorzug vor dem Flieger gegeben wird. (ab)

27.07.2021 |

Welternährungsgipfel: Hunderte NGOs boykottieren Pre-Summit

FSS4P
Alternativgipfel: Food Systems 4 People

Seit Montag findet in Rom der Vorgipfel zum UN Food Systems Summit (UNFSS) statt – allerdings ohne die Beteiligung vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen und mit dem Thema befassten Wissenschaftler*innen. Denn die Organisation des Welternährungsgipfels 2021, der im September in New York abgehalten wird, steht heftig in der Kritik. Die Missachtung der Rechte und Perspektiven der von Hunger und Armut Betroffenen, mangelnde Transparenz und der übermäßige Einfluss der Agrarindustrie auf die Agenda des Gipfels sind nur einige der Gründe, weshalb im Vorfeld zahlreiche Nichtregierungsorganisationen weltweit, Wissenschaftler*innen und der aktuelle und ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung Bedenken äußerten. Nun haben mehr als 300 NGOs aus allen Teilen der Welt ihren Boykott des vom 26. bis 28. Juli stattfindenden Pre-Summits erklärt, da der Gipfel zu stark von Unternehmen beeinflusst werde und es an Transparenz und Rechenschaftsmechanismen mangle. Sie halten stattdessen seit Sonntag online einen Gegengipfel ab, die “People’s Counter-Mobilization to Transform Corporate Food Systems”. Auch die deutsche Beteiligung in Rom fällt dürftig aus: MISEREOR, Brot für die Welt, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), FIAN und INKOTA kündigten in einer gemeinsamen Pressemitteilung an, dem Vorgipfel fernzubleiben.

Auf dem UN-Vorgipfel kommen Staats- und Regierungschefs sowie Delegierte aus mehr als 100 Ländern zusammen, um das eigentliche Hauptevent im September vorzubereiten, auf dem über die Zukunft der Ernährungssysteme und der Landwirtschaft diskutiert wird. Die Vereinten Nationen wollen dort Fortschritte bei den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) machen, indem bei den Ernährungssystemen angesetzt wird, die eng mit globalen Herausforderungen wie Hunger, Klimawandel, Armut und Ungleichheit verknüpft sind. Auf der Webseite brüstet sich die UN damit, dass der Vorgipfel auch Jugendliche, Landwirte, indigene Völker und die Zivilgesellschaft einbeziehe, doch das sehen viele dieser Gruppen anders. „Mit seiner Vielzahl an Diskussionsforen erweckt der Gipfel den Eindruck großer Inklusivität. Doch dieser Eindruck täuscht“, kritisiert Paula Gioia von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). „Das Machtgefälle zwischen Agrarkonzernen und kleinen- und mittelständischen Lebensmittelerzeuger*innen wird nicht berücksichtigt.“ Sie befürchtet, dass die Stimmen der Bäuerinnen und Bauern, die im Zentrum der Ernährungssysteme stehen und stehen müssen, überhört zu werden drohen.

Der diesjährige Welternährungsgipfel wurde initiiert durch eine Partnerschaft zwischen der UN und dem Weltwirtschaftsforum, dem die 1000 führenden Unternehmen der Welt angehören. Allein das sollte aufhorchen lassen. „Im März 2020 schrieben 550 Organisationen (...) an UN-Generalsekretär António Guterres, um ihn zu warnen, dass der Gipfel nicht an das Erbe vergangener Welternährungsgipfel anknüpft, die einst von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) einberufen wurden“, erinnern Elizabeth Mpofu und Edgardo Garcia vom Internationalen Koordinationskomitee der Kleinbauernsorganisation „La Via Campesina“ in einem Artikel für Al Jazeera. „Die FAO erhielt von ihren Mitgliedsstaaten das Mandat, diese Veranstaltungen zu organisieren, und sie sorgte für die aktive Teilnahme der Zivilgesellschaft durch parallele, selbstorganisierte Foren.“ Doch für den UNFSS 2021 gab es kein solches Mandat. Die deutschen NGOs und Hilfswerke kritisieren, dass der Gipfel ohne die Einbeziehung des für Welternährungsfragen zuständigen UN-Komitee (CFS) angestoßen wurde. „Schlüsselpositionen wurden mit Führungskräften der umstrittenen ‚Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika‘ besetzt, die eng mit der Agrarindustrie zusammenarbeitet. Wiederholte Versuche der zivilgesellschaftlichen Organisationen im CFS, Struktur, Prozess und Ergebnisse des UN-Ernährungsgipfels demokratischer und auf Basis einer Verwirklichung des Rechts auf Nahrung zu gestalten, blieben ohne Erfolg“, kritisieren sie in ihrer Pressemitteilung. „Wir sehen in diesem Vorgehen mangelnde Transparenz, die zu Lasten der einfachen Produzent*innen und Konsument*innen gehen könnte“, betont Lutz Depenbusch, Referent für Landwirtschaft und Ernährung bei MISEREOR. Der ganze Ansatz des Gipfels berge zudem die Gefahr, dass gegensätzliche Ernährungssysteme gleichberechtigt nebeneinandergestellt würden. „Im CFS gefasste Beschlüsse für eine Priorisierung agrarökologischer Landwirtschaftsmodelle würden dadurch wieder in Frage gestellt und eine nachhaltige Transformation der Ernährungssysteme um Jahre zurückgeworfen“, so Depenbusch.

Auch Elizabeth Mpofu und Edgardo Garcia sind besorgt: „Der UNFSS ermöglicht eine größere Unternehmenskonzentration, fördert nicht nachhaltige globalisierte Wertschöpfungsketten und den Einfluss der Agrarindustrie auf öffentliche Institutionen.“ Sie kritisieren, dass die Leitung des Gipfels fest in den Händen von ‚Experten‘ liege, die als entschiedene Verfechter der industriellen Landwirtschaft bekannt sind, und dass einige Staaten, in denen viele dieser große multinationale Konzerne angesiedelt sind, die Agenda bestimmen. Zwar sei es den Organisatoren des Gipfels gelungen, die Teilnahme eines kleinen Teils der globalen Zivilgesellschaft sicherzustellen und dies als Beweis für den inklusiven Charakter des Gipfels anzupreisen, doch der Gipfel sei weit davon entfernt, partizipativ zu sein. „Wenn es darum geht, die Zukunft unseres Ernährungssystems zu definieren, raten Sie mal, wer von der UN eingeladen wird, um den Plan, die Prinzipien und den Inhalt des globalen Gipfels zu konzipieren und zu konstruieren. Es sind die großen Agrarkonzerne!”, schreiben Mpofu und Garcia. Dies stößt auch den deutschen Organisationen bitter auf: „Der aktuelle Prozess stellt die Interessen der Agrar- und Ernährungsindustrie über menschenrechtliche Verpflichtungen. Das ist fatal, weil das Menschrecht auf Nahrung damit entwertet wird“, sagt Astrud Lea Beringer von der Menschenrechtsorganisation FIAN. „Dies hat mehr als 500 Nichtregierungsorganisationen aus der ganzen Welt dazu bewogen, dem UN Gipfel fernzubleiben und einen internationalen Gegengipfel zu organisieren.“ (ab)

14.07.2021 |

UN: Corona lässt Zahl der Hungernden auf 811 Millionen steigen

Marktfrau
Gesunde Nahrung - für viele unerschwinglich (Foto: CC0)

Dramatische Rückschritte im Kampf gegen Unter- und Mangelernährung vermeldet der am 13. Juli von fünf UN-Organisationen veröffentlichte Welternährungsbericht. Angetrieben durch die Corona-Pandemie kletterte die Zahl der unterernährten Menschen weltweit im Jahr 2020 auf bis zu 811 Millionen – jeder Zehnte hungert! Laut der aktuellen Ausgabe des „The State of Food Security and Nutrition in the World” blieb der Anteil der hungernden Menschen an der Weltbevölkerung in den letzten fünf Jahren weitgehend gleich, während 2020 ein deutlicher Anstieg erfolgte. „Die letzten vier Ausgaben dieses Berichts offenbaren eine ernüchternde Realität: Die Welt ist weder bei der Erreichung des Unterziels 2.1 der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs), das ganzjährig für alle Menschen den Zugang zu sicheren, nährstoffreichen und ausreichenden Nahrungsmitteln sicherstellen will, noch bei der Erreichung des SDG-Unterziels 2.2, alle Formen der Mangelernährung zu beenden, grundsätzlich vorangekommen,“ schreiben die Leiter*innen der Welternährungsorganisation FAO, des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung, des UN-Kinderhilfswerks UNICEF, des Welternährungsprogramms und der Weltgesundheitsorganisation im gemeinsamen Vorwort zum Bericht. Selbst wenn sich die weiterhin erhofften Fortschritte einstellen, werden im Jahr 2030 voraussichtlich immer noch 660 Millionen Menschen hungern, 30 Millionen davon aufgrund der langfristigen Folgen der Corona-Pandemie – ein klägliches Scheitern der internationalen Gemeinschaft!

Den Autor*innen zufolge war es aufgrund von COVID-19 besonders schwierig, verlässliche Schätzungen für 2020 zu erstellen. Daher wird in der diesjährigen Ausgabe des Berichts erstmals eine Spanne für die Anzahl der Hungernden angegeben (720 bis 811 Millionen). Zieht man den mittleren Wert (768 Millionen) heran, so waren im Jahr 2020 rund 118 Millionen Menschen mehr von Hunger betroffen als noch im Vorjahr – betrachtet man den oberen Wert, waren es sogar 161 Millionen mehr. Beim Blick auf die regionale Verteilung verwenden die UN-Organisationen den mittleren Wert: Von den 768 Millionen Unterernährten lebten mehr als die Hälfte (54,4%) bzw. 418 Millionen in Asien, gefolgt von Afrika mit 281,6 Millionen (36,7%) und Lateinamerika und der Karibik mit 59,7 Millionen (7,8%). Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Hunger leidenden Menschen in Asien um 57 Millionen, in Afrika um 46 Millionen und in Lateinamerika und der Karibik um 14 Millionen. Auch der Anteil der chronisch Unterernährten an der wachsenden Weltbevölkerung stieg innerhalb von nur einem Jahr deutlich an, von 8,4% auf 9,9% in 2020. Die prozentual am stärksten von Unterernährung betroffene Region mit dem schnellsten Zuwachs ist Afrika: Dort hungern fast 21% der Bevölkerung, während es 2019 noch 18% waren. Besonders besorgniserregend ist die Situation in Ostafrika, wo mehr als ein Viertel der Bevölkerung (28,1%) unterernährt ist, sowie in der Unterregion „Mittelafrika“, der die UN Länder wie Tschad und die Demokratische Republik Kongo zurechnet, und wo 31,8% der Bevölkerung Hunger litt. In Asien hungern 9% der Bevölkerung, während in Lateinamerika und der Karibik 9,1% der Menschen betroffen waren.

Der Bericht enthält nicht nur Schätzungen zu chronischer Unterernährung, sondern auch zu moderater Ernährungsunsicherheit: Demnach hatte 2020 rund 2,37 Milliarden Menschen keinen ganzjährigen Zugang zu angemessener Nahrung und waren gezwungen, aus Mangel an Geld oder anderen Ressourcen Abstriche bei der Qualität und/oder Menge der Nahrungsmittel zu machen, die sie zu sich nehmen. Gegenüber dem Vorjahr war dies ein Anstieg um fast 320 Millionen Menschen. Fast 12 % der Weltbevölkerung (928 Millionen Menschen) waren 2020 von schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen, was bedeutet, dass ihnen die Nahrungsmittel ausgingen, sie Hunger litten und im extremsten Fall tagelang nichts zu essen hatten. Das waren 148 Millionen Menschen mehr als noch 2019. Insgesamt nahm die moderate oder schwere Ernährungsunsicherheit im letzten Jahr so stark zu wie in den letzten fünf Jahren zusammen. „Leider deckt die Pandemie weiterhin Schwachstellen in unseren Ernährungssystemen auf, die das Leben und die Lebensgrundlage von Menschen auf der ganzen Welt bedrohen, insbesondere von den am meisten gefährdeten Menschen und jenen, die in fragilen Kontexten leben“, schreiben die Leiter*innen der fünf UN-Organisationen im Vorwort. In vielen Teilen der Welt habe die Pandemie zu einer Rezession geführt und den Zugang zu Nahrung gefährdet. Doch auch andere Faktoren stecken hinter den jüngsten Rückschlägen im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung. „Dazu gehören Konflikte und Gewalt in vielen Teilen der Welt sowie klimabedingte Katastrophen überall“, heißt es dort weiter. Aber auch die hohe und anhaltende Ungleichheit, die sich in vielen Ländern noch verstärkt hat, habe die Lage verschärft.

Auch bei weiteren Indikatoren, die der Bericht jedes Jahr unter die Lupe nimmt, sieht die Lage verheerend aus: Mangelernährung mit all ihren verschiedenen Ausprägungen blieb weiterhin stark verbreitet und traf besonders Kinder hart. Im Jahr 2020 waren schätzungsweise 149 Millionen Kinder unter fünf Jahren zu klein für ihr Alter (‚stunted‘), mehr als 45 Millionen galten als ausgezehrt und damit zu dünn für ihre Körpergröße (‚wasted‘) und fast 39 Millionen waren übergewichtig. Auch hier betonen die Verfasser*innen des Berichts, dass das wahre Ausmaß noch weitaus schlimmer sein könnte, da Corona-Abstandsregelungen die Datenerhebung erschwerten. „Mangelernährung bei Kindern ist weiterhin eine Herausforderung, vor allem in Afrika und Asien. Auch die Fettleibigkeit bei Erwachsenen nimmt weiter zu, wobei weder auf globaler noch auf regionaler Ebene eine Trendwende in Sicht ist“ – so räumten die UN-Chefs das Scheitern im Kampf gegen die Mangelernährung im Vorwort ein. (ab)

12.07.2021 |

Welternährungsgipfel: Aufruf zu echter Nachhaltigkeit statt Greenwashing

Aufruf
Ein Aufruf zur Transformation

Mehr als 800 zivilgesellschaftliche Organisationen, Bauernverbände und Agrar- und Ernährungsexpert*innen haben an Regierungen und Unternehmen appelliert, sich für eine tatsächlich nachhaltige Landwirtschaft einzusetzen. Sie fordern, Agrarökologie, ökologische und regenerative Landwirtschaft ganz oben auf die Agenda des UN-Welternährungsgipfels (Food Systems Summit) zu setzen, der im September in New York stattfinden wird, und prangern „Greenwashing“ und mangelnde Transparenz im Vorfeld des Gipfels an. Der am 7. Juli veröffentlichte Aufruf wurde initiiert von IPES-Food, einem internationalen Expertengremium, dem auch mehrere einst am Weltagrarbericht beteiligte Wissenschaftler*innen angehören, sowie vom Bio-Dachverband IFOAM-Organics International, Agroecology Europe, FiBL Europa und Regeneration International. Unterzeichnet haben Organisationen aus allen Regionen der Welt, darunter auch die Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Die Unterzeichner betonen die Notwendigkeit einer Transformation der Ernährungs- und Agrarsysteme, um echte Nachhaltigkeit und die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) zu erreichen. Sie appellieren an Regierungen, Unternehmen und die Zivilgesellschaft, sich zu 13 zentralen Nachhaltigkeitsprinzipien für diese Transformation zu bekennen. Zudem werden anhaltende Versuche einiger Akteure kritisiert, den Begriff nachhaltige Landwirtschaft für sich zu vereinnahmen. „Im Vorfeld dieses UN-Gipfels haben bestimmte Gruppen mit der Bedeutung von Nachhaltigkeit ein falsches Spiel getrieben“, warnte einer der Initiatoren des Aufrufs, Emile Frison von IPES-Food.

Die Unterzeichner fordern Regierungen und Unternehmen auf, dem ‚schädlichen‘ Status quo in der globalen Landwirtschaft ein Ende zu setzen. „Die heute vorherrschenden Agrar- und Ernährungssysteme, die größtenteils von einer industriellen Logik der Skaleneffekte, Intensivierung, Spezialisierung und Vereinheitlichung angetrieben werden, sorgen weder für Ernährungssicherheit noch für eine angemessene Ernährung für alle. Sie führen uns gefährlich über die ‚Planetarischen Grenzen‘ hinaus, innerhalb derer sich die Menschheit weiter sicher bewegen kann, und untergraben so ihre eigene Grundlage“, heißt es in dem Aufruf. „Die konventionelle Landwirtschaft – mit ihrer starken Abhängigkeit von chemischen Inputs – hat Millionen Menschen im Stich gelassen“, erklärt Frison. „Sie laugt die Böden weiter aus, schadet der Artenvielfalt, heizt den Klimawandel an und zerstört Existenzen.“ Die Verfasser des Appells argumentieren, dass diese Herausforderungen nicht allein durch schrittweise Verbesserungen des aktuellen industriellen Modells bewältigt werden können. Stattdessen sei ein kühner Paradigmenwechsel nötig, um Agrar- und Ernährungssysteme neu zu gestalten. Eine Reform der Lebensmittelsysteme sei eine entscheidende Voraussetzung dafür, um die SDGs, die Ziele des Pariser Klimaabkommens und des Übereinkommens über die biologische Vielfalt zu erreichen und die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der Bauern und anderer Menschen, die in ländlichen Gebieten arbeiten, zu achten. „Ehrlich gesagt wird uns nichts anderes als eine Transformation der Ernährungssysteme in Sicherheit bringen“, betont Frison.

Das Dokument schlägt Agrarökologie, eine ökologische und regenerative Landwirtschaft als Alternativen vor. „Um aus der aktuellen industriellen Logik auszubrechen, rückt die Agrarökologie zunehmend in den Fokus des Diskurses über die Zukunft der Landwirtschaft und der Ernährungssysteme. Gleichzeitig reagiert der stetig wachsende Bio-Markt auf die steigenden Verbraucherwünsche nach gesunden, nachhaltig produzierten Lebensmitteln“, heißt es darin. „Alternative Begriffe wie regenerative Landwirtschaft, ökologischer Landbau und andere werden in verschiedenen Weltregionen aufgegriffen – sie eint der Versuch, die Agrar- und Lebensmittelsysteme auf eine integrierte Weise zu verändern.“ Laut Paola Migliorini von Agroecology Europe, einer der Initiatoren des Aufrufs, arbeiten diese Ansätze mit der Natur statt gegen sie. Die internationale Datenlage spreche für sie und könne nicht länger ignoriert werden. Diese unterschiedlichen Ansätze haben eine gemeinsame Basis, die auf 13 Prinzipien gründet, die in einem Bericht des High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition (HLPE), einem hochrangigen Expertengremiums des UN-Ausschusses für Welternährungssicherung (CFS), 2019 veröffentlicht wurden. Die unterzeichnenden Organisationen und Einzelpersonen fordern daher die Teilnehmer*innen des UN-Welternährungsgipfels auf, alle 13 vom HLPE dargelegten Prinzipien anzunehmen.

Die ersten beiden Prinzipien lauten Recycling und Reduzierung von Inputs: Nutze bevorzugt lokale, erneuerbare Ressourcen und schließe so weit wie möglich Ressourcenkreisläufe von Nährstoffen und Biomasse, und verringere oder vermeide die Abhängigkeit von zugekauften Inputs und erhöhe die Selbstversorgung. Weitere Prinzipien befassen sich mit Boden- und Tiergesundheit: „Sichere und verbessere die Gesundheit und Funktionsfähigkeit der Böden für ein besseres Pflanzenwachstum, vor allem durch das Management organischer Substanz und die Steigerung der biologischen Aktivität des Bodens“ und „stelle Gesundheit und Wohlergehen der Tiere sicher“, empfahl das HLPE. Das fünfte Prinzip fordert die Erhaltung und Verbesserung der Artenvielfalt, der funktionalen Vielfalt und der genetischen Ressourcen. Synergie als sechstes Prinzip zielt darauf ab, positive ökologische Wechselwirkungen, Synergie, Integration und Komplementarität zwischen den Elementen von Agrarökosystemen (Tiere, Pflanzen, Bäume, Boden und Wasser) zu fördern. Das siebte Prinzip strebt eine wirtschaftliche Diversifizierung in der Landwirtschaft an und soll sicherstellen, dass Kleinbauern größere finanzielle Unabhängigkeit und Möglichkeiten zur Wertschöpfung erlangen und zugleich in die Lage versetzt werden, auf die Nachfrage der Verbraucher zu reagieren. Weitere Prinzipien sind die gemeinsame Schaffung von Wissen, soziale Werte und Ernährungsgewohnheiten, Fairness, Konnektivität, die Verwaltung von Land und natürlichen Ressourcen sowie Partizipation.

Es bleibt abzuwarten, ob diese 13 Prinzipien tatsächlich so wie gefordert eine Rolle auf dem UN-Gipfel spielen werden. Für Louise Luttikholt von IFOAM - Organics International wäre das allerdings eine große Chance, um mit dem Stillstand und Status quo zu brechen: „Wenn es den Entscheidungsträgern und Wirtschaftsvertretern wirklich um gesunde Böden, gesunde Pflanzen, Tiere und Menschen oder gar um das Pariser Abkommen geht, dann ist dies eine einmalige Gelegenheit, sich unter einem Banner zu vereinen und sich zu diesen Prinzipien zu bekennen.“ Der Gipfel wird nach einem vorbereitenden Gipfel in Rom Ende Juli im September in New York stattfinden. In den letzten Monaten erntete er heftige Kritik von zivilgesellschaftlichen Gruppen aus aller Welt, die mangelnde Transparenz im Vorfeld der Veranstaltung anprangerten. In einem am 7. Juli veröffentlichten Papier warnte IPES-Food zudem, dass der Gipfel auch dazu genutzt werde, eine neue Art der Entscheidungsfindung voranzutreiben, die viele Stimmen in den Ernährungssystemen ausschließen könnte. Das Papier bezieht sich auf den Vorschlag, ein neues Gremium, einen „IPCC für Ernährung', zu schaffen, um Entscheidungen über die Zukunft der Ernährungssysteme zu optimieren. Die Verfasser befürchten, dass solch ein neues Gremium, so wie es derzeit geplant ist, das Risiko birgt, eine verengte Sichtweise der Wissenschaft durchzusetzen und demokratische Debatten zu unterbinden. Die Arbeit des HLPE, der bereits wissenschaftliche Leitlinien für Regierungen bereitstellt und dabei verschiedene Kenntnisse und Perspektiven aus dem gesamten Lebensmittelsystem berücksichtigt, würde so untergraben werden. (ab)

30.06.2021 |

Rechnungshof: EU-Agrarpolitik trägt nicht zum Klimaschutz bei

Guelle
Die EU-Emissionen müssen sinken (Foto: CC0)

Ein neuer Bericht des Europäischen Rechnungshofs stellt der bisherigen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU ein Armutszeugnis in Sachen Klimaschutz aus: Die Emissionen aus der EU-Landwirtschaft gingen seit 2010 nicht zurück, obwohl 2014 bis 2020 über 100 Milliarden Euro und damit mehr als ein Viertel aller EU-Agrarausgaben in den Klimaschutz gesteckt wurden. Der Bericht erschien am 21. Juni, nur wenige Tage, bevor sich EU-Parlament, Mitgliedsstaaten und Kommission am 25. Juni auf den künftigen Fahrplan für die GAP nach 2023 und ein weitgehendes Weiter-So in der Agrarpolitik einigten. Im Sonderbericht 16 stellt der „Hüter der EU-Finanzen“ fest, dass die meisten von der EU-Agrarpolitik geförderten Maßnahmen zur Abmilderung des Klimawandels nur ein geringes Klimaschutzpotenzial haben und die GAP kaum Anreize setze für Maßnahmen, die in diesem Bereich besonders wirksam wären. „Die EU spielt eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, den Klimawandel im Agrarsektor einzudämmen, weil sie Umweltstandards festlegt und die meisten Agrarausgaben der Mitgliedstaaten mitfinanziert“, sagte Rechnungshofmitglied Viorel Ştefan. „Bei der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik sollte mehr Gewicht auf die Verringerung landwirtschaftlicher Emissionen gelegt und transparenter gemacht werden, wie diese Politik zum Klimaschutz beiträgt“, mahnte er an.

Die Prüfer des Rechnungshofs, der über die Sparsamkeit, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der EU-Ausgaben wacht, untersuchten für den Sonderbericht, ob mit der GAP im Zeitraum 2014-2020 Verfahren zur Eindämmung des Klimawandels unterstützt wurden. Dabei nahmen sie sich drei wichtige Quellen von Treibhausgasemissionen vor: Viehhaltung, Verwendung von chemischen Düngemitteln und Dung sowie die Nutzung von Ackerflächen und Grünland. Zudem verglichen sie, ob die GAP in diesem Zeitraum bessere Anreize für den Einsatz wirksamer Klimaschutzverfahren bot als in der Förderperiode 2007-2013. In der EU ist die Landwirtschaft für 10,3% aller Emissionen verantwortlich. Die Emissionen aus der Viehhaltung machen rund die Hälfte der landwirtschaftlichen Emissionen aus, heißt es in dem Bericht, und hier gab es seit 2010 keinen Rückgang zu verbuchen. Würden noch die Emissionen aus der Produktion und dem Import von Tierfutter in die EU hinzugerechnet, wäre der Anteil der Emissionen aus der Viehhaltung deutlich höher. „Die Emissionen aus der Viehhaltung stehen direkt im Zusammenhang mit der Größe des Viehbestands“, heißt es in dem Bericht, doch die GAP ziele weder darauf ab, den Viehbestand zu begrenzen, noch biete sie den Landwirten Anreize dahingehend. Im Gegenteil fördere die GAP den Absatz tierischer Erzeugnisse, deren Verzehr seit 2014 nicht rückläufig ist. Im Zeitraum 2014-2018 blieb der Verzehr von Milchprodukten in der EU mit 109 Kilogramm unverändert, während der Konsum von Schweinefleisch um 2% auf 34 Kilo und der von Geflügel um 10% auf 21 Kilo kletterte. Auch bei Eiern war mit 12 Kilo ein Plus von 15% zu verzeichnen.

Die Emissionen aus chemischen Düngemitteln und Dung, die fast ein Drittel der Emissionen aus der Landwirtschaft ausmachen, stiegen zwischen 2010 und 2018. Den höchsten Anstieg gab es mit mehr als 30% in Bulgarien, Tschechien, Ungarn, Rumänien und in der Slowakei zu vermelden. Nur in Griechenland und Zypern ging der Düngereinsatz zurück. Zwar unterstütze die GAP Verfahren, die den Einsatz von Düngemitteln reduzieren könnten, wie etwa den Bio-Landbau und den Anbau von eiweißreichen Körnerfrüchten, doch Auswirkungen dieser Verfahren auf die Treibhausgasemissionen seien unklar. Weitere Verfahren, um die Düngemittelmenge zu reduzieren, seien hingegen kaum finanziell gefördert worden.

In Bezug auf die Flächennutzung untersuchten die Prüfer, ob die bisherige GAP zu einer Verringerungen der Emissionen aus der Landnutzung und einem Anstieg der Kohlenstoffspeicherung auf Grün- und Ackerland beitrug. Hier stellten sie fest, dass die EU-Agrarpolitik sogar klimafeindliche Maßnahmen unterstützt, etwa durch Zahlungen an Landwirte, die entwässerte Torfflächen landwirtschaftlich nutzen. In der EU erstrecken sich Torfflächen auf 24 Millionen Hektar und sie machen 20-25% des gesamten Kohlenstoffsspeichers in Böden in der EU aus. EU-weit werden 4 Millionen Hektar Torfflächen als Acker- oder Grünland genutzt und damit gerade einmal 2% der gesamten Acker- und Grünlandfläche in der EU, doch dies verursacht 20% aller EU-Emissionen aus der Landwirtschaft. Deutschland, Polen und Rumänien verursachen die meisten CO2-Emissionen durch die Trockenlegung von Mooren. Dem Rechnungshof zufolge hätte aus Mitteln für die Entwicklung des ländlichen Raums die Wiederherstellung von Torfflächen gefördert werden können, doch das sei nur selten erfolgt. Im Vergleich zur GAP 2007-13 habe sich die Unterstützung für Maßnahmen zur Kohlenstoffbindung wie Aufforstung, Agroforstwirtschaft und Umwandlung von Ackerland in Grünland zudem nicht erhöht.

Der Rechnungshof stellte auch fest, dass „sich die sogenannten Cross-Compliance-Vorschriften und die Maßnahmen zur Entwicklung des ländlichen Raums im Vergleich zum vorangegangenen Zeitraum kaum verändert haben, obwohl sich die EU ehrgeizigere Klimaziele gesetzt hatte. Die Greening-Maßnahmen, mit denen die Umweltleistung der GAP verbessert werden sollte, hätten den Landwirten keine Anreize für wirksame klimafreundliche Maßnahmen geboten und deren Auswirkung auf das Klima seien daher nur marginal. Die Prüfer empfehlen der EU-Kommission nun, entschlossen zu handeln, damit durch die GAP die Emissionen aus der Landwirtschaft gesenkt werden. Zudem müssten Schritte ergriffen werden, um Emissionen aus bewirtschafteten entwässerten organischen Böden zu verringern und die EU müsse regelmäßig über den Beitrag der GAP zum Klimaschutz berichten. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im EU-Parlament, pflichtet dem Rechnungshof bei: Solange die GAP-Maßnahmen „keine konsequenten Vorschläge zum Abbau der Tierzahlen mit ihren enormen Soja-CO2-Emissionsimporten, zum Moor und Grünlandschutz und zur Besserstellung der Weidehaltung beinhalten, werden die größten Emissionsquellen auch nicht verringert“, betonte er in einer Pressemitteilung. Und wenn der größte Anteil an landwirtschaftlichen Emissionen, der durch die Herstellung und Anwendung von Mineraldünger entsteht, einfach unthematisiert bleibe, weil die Herstellung der Industrie zugerechnet wird, führe dies nicht zu einer „ehrlichen Klimabilanz der europäischen Landwirtschaft“. (ab)

16.06.2021 |

IPCC/IPBES: Klima, Biodiversität und soziale Gerechtigkeit gemeinsam denken

Palmen
Gut für Klima und Biodiversität? (Foto: CC0)

Der Verlust der biologischen Vielfalt und der Klimawandel bedrohen zunehmend die Natur und die Lebensgrundlagen unzähliger Menschen weltweit. Doch bisherige politische Strategien nehmen diese Probleme nur isoliert in Angriff und können negative Auswirkungen auf die Natur und deren Ökosystemleistungen für den Menschen haben, bemängeln 50 weltweit führende Biodiversitäts- und Klimaexpert*innen. Sie hatten im Dezember 2020 an einem viertägigen virtuellen Workshop teilgenommen, der vom Weltbiodiversitätsrat IPBES und vom Weltklimarat IPCC einberufen wurde, um Synergien und Zielkonflikte zwischen dem Schutz der Artenvielfalt und der Abschwächung und Anpassung an den Klimawandel zu untersuchen. Der Ergebnisbericht wurde nun am 10. Juni präsentiert. Eine der Hauptbotschaften: Der Kampf gegen die Erderwärmung und für eine nachhaltige Entwicklung wird nur gelingen, wenn die Menschheit die Themen Klimaschutz, Biodiversität und soziale Gerechtigkeit fortan gemeinsam denkt und bei politischen Entscheidungen auf allen Ebenen in ihren Wechselwirkungen gleichrangig berücksichtigt. „Für eine nachhaltige, sozial gerechte Entwicklung menschlicher Gemeinschaften ist beides essenziell: eine möglichst geringe globale Erwärmung und eine artenreiche, produktive und widerstandsfähige Natur“, betonte Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner, Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut des Helmholtz-Zentrums für Polar- und Meeresforschung.

Erstmals arbeiteten Expert*innen des Weltklimarates und des Weltbiodiversitätsrates gemeinsam an Lösungen für diese eng miteinander verflochtenen Probleme. Der Bericht wurde jedoch nicht wie andere IPCC- oder IPBES-Publikationen durch die Vollversammlungen der Institutionen offiziell verabschiedet. Die Autor*innen unterstreichen, dass die engen Wechselwirkungen die Politik vor enorme Herausforderungen stellen. „Wenn die internationale Gemeinschaft ihre Klima-, Naturschutz- und Entwicklungsziele erreichen möchte, wird sie nicht umhinkommen, die Belange des Klimas, der Natur und die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung im Dreiklang zu denken. Das heißt, Aufgabenstellungen werden komplexer, weil zum Beispiel Klimaschutzideen, die für sich betrachtet vielversprechend sind, im Hinblick auf die Natur und die lokale Bevölkerung weitreichende Nachteile mit sich bringen können“, sagt Ko-Autor und Biodiversitätsexperte Prof. Dr. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

Der Bericht führt zahlreiche Beispiele für die negativen Folgen von einseitig gedachten Klimaschutzkonzepten für Mensch und Umwelt an. Eines davon ist der großflächige Anbau von Bioenergiepflanzen, der zum Beispiel beim Anbau von Soja und Ölpalmen oft mit der Abholzung tropischer Regenwälder einhergeht. „Der Anbau von Bioenergiepflanzen (einschließlich Bäumen, mehrjährigen Gräsern und einjährigen Feldfrüchten) in Monokultur auf großen Landflächen schadet den Ökosystemen, reduziert die Palette der Ökosystemleistungen und verhindert, dass zahlreiche Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals /SDGs) erreicht werden“, heißt es in der deutschen Übersetzung des Berichts. Die Konkurrenz um Flächen und die Verdrängung lokaler Landnutzungsformen kann hier zu Problemen führen. „Angesichts des anhaltenden Hungers in vielen Regionen der Welt und der Notwendigkeit, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, sind solche Szenarien unrealistisch, die für das Jahr 2050 jährliche CO2 Aufnahmeraten durch Bioenergie (einschließlich Kohlenstoffabscheidung und -speicherung) in der Größenordnung des heutigen Kohlenstoffspeichers aller Landökosysteme prognostizieren. Dafür wäre eine Landfläche von der mehr als 1,5-fachen Größe Indiens erforderlich“, so die Expert*innen. Zudem könne der intensive Anbau von Bioenergiepflanzen auch die Artenvielfalt und Ökosystemleistungen in angrenzenden Land-, Süßwasser- und Meeresökosystemen negativ beeinflussen, z.B. durch Dünger und Pestizide.

Auch großflächige Baumpflanzungen in Ökosystemen, die historisch gesehen keine Wälder waren, können schädlich für die biologische Vielfalt sein. Dasselbe gilt für Wiederaufforstungen mit Monokulturen, insbesondere mit exotischen Baumarten, die zudem die Ausbreitung von Schädlingen und Krankheiten fördern können. Baumplantagen können ebenfalls mit Flächen konkurrieren, die für die Produktion von Nahrungsmitteln genutzt werden können, und die lokale Bevölkerung verdrängen oder ihren Zugang zu Land einschränken. Des Weiteren stellen technologiebasierte Maßnahmen, die wirksam zur Minderung des Klimawandels beitragen können, dem Bericht zufolge unter Umständen eine ernsthafte Gefahr für die biologische Vielfalt dar. Erneuerbare Energien im Verkehrs- und Energiesektor seien zwar wichtige Optionen zur Abmilderung des Klimawandels, aber sie sind derzeit noch auf den Abbau von Mineralien an Land und im Meer angewiesen. Dazu gehören zum Beispiel Seltene Erden, die in Windturbinen, Elektroautos und Akkus eingesetzt werden und für die es bisher mitunter noch keine sauberen Entsorgungs- und Wiederverwendungstechnologien gebe. Auch technische und technologische Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel können negative Folgen für die Natur und deren Ökosystemleistungen für den Menschen haben. Besonders bedenklich seien etwa technische Maßnahmen zum Schutz vor Überschwemmungen und Dürren, wie der Bau von Talsperren oder von Deichen zum Schutz der Küsten vor einem steigenden Meeresspiegel. Andere technologische Maßnahmen wiederum können der biologischen Vielfalt hingegen nützen: Verbesserungen in der Bewässerungstechnologie und beim Wassermanagement können zum Beispiel die Fähigkeit landwirtschaftlicher Systeme erhöhen, mit Wasserstress umzugehen. Gemeinsam mit Maßnahmen zur Verbesserung der Bodengesundheit kann so erreicht werden, dass weniger Wasser aus Flüssen und Bächen entnommen werden muss.

Der Bericht beschränkt sich nicht nur auf die Kritik an fehlgeleiteten Maßnahmen, sondern macht auch Vorschläge, was konkret getan werden muss, um Klima- und Artenschutz voranzubringen. Auch die Landwirtschaft kann hier einen Beitrag leisten. „Durch nachhaltige Land- und Forstwirtschaft können die Anpassungsfähigkeit und die biologische Vielfalt von Nutzflächen verbessert werden. Beide Maßnahmen erhöhen zudem die Kohlenstoffspeicherung in Acker- und Waldböden sowie in der dazugehörigen Vegetation und tragen so zu einer Reduktion der Treibhausgasemissionen auf den entsprechenden Flächen bei“, heißt es in der Zusammenfassung. „Dazu gehören Maßnahmen wie die Diversifizierung der angebauten Nutzpflanzen und Waldarten, Agroforstwirtschaft und Agrarökologie. Eine verbesserte Bewirtschaftung von Ackerland und Weidesystemen, wie z.B. Bodenschutz und die Reduzierung des Düngemitteleinsatzes, bietet laut dem Bericht ein jährliches Klimaschutzpotenzial von 3-6 Gigatonnen Kohlendioxid-Äquivalent“, ist der IPBES-Pressemitteilung zum Bericht zu entnehmen. „Eine klimaschonende Landnutzung ist machbar, wenn wir bei unseren Entscheidungen beachten, wie viel der jeweilige Naturraum zu leisten vermag und durch welche Nutzungsformen möglichst viele Menschen von der Natur profitieren“, betont auch Prof. Dr. Josef Settele. Es kann aber nicht nur bei der Produktion von Lebens- und Futtermitteln, Fasern oder Energie angesetzt werden, sondern auch auf der Nachfrageseite. Dazu gehören z.B. die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung und Abfällen durch jeden Einzelnen und die Umstellung der Ernährung auf mehr pflanzliche Kost – insbesondere in reicheren Ländern.

Die Politik müsse zudem auch schädliche Subventionen abschaffen, die zu Aktivitäten führen, die sich negativ auf die biologische Vielfalt auswirken, da sie z.B. Abholzung oder Überfischung begünstigen. Besondere Erfolgsaussichten hätte den Expert*innen zufolge eine Klima- und Naturschutzpolitik, die mit der Verbesserung sozialer Gerechtigkeit einhergeht. „Es gilt, die Armut weltweit zu bekämpfen und die Verteilungsgerechtigkeit zu erhöhen“, betont Hans-Otto Pörtner. „Vielen Menschen bleibt aufgrund ihrer sozialen und wirtschaftlichen Not gar nichts anderes übrig, als ihren Lebensunterhalt durch Jagd, illegale Fischerei, Goldsuche oder aber durch andere Aktivitäten zu bestreiten, die zum flächendeckenden Raubbau an der Natur beitragen.“ Sie aus dieser Notlage zu befreien, wäre ein erster wichtiger Schritt für nachhaltigen Klima- und Naturschutz. Künftig, so lautet ein Fazit der Wissenschaftler*innen, müssten sich alle politischen Entscheidungen daran messen lassen, inwiefern sie bestmögliche Resultate für das Klima, die Biodiversität und die Menschen vor Ort erzielen. „Die Belege sind eindeutig: Eine nachhaltige Zukunft für Mensch und Natur weltweit ist weiterhin möglich, doch es bedarf eines transformativen Wandels durch schnelles und umfassendes Handeln“. Dieser transformative Wandel erfordere „eine Neubewertung und Umverteilung der Nutzen und Kosten von Maßnahmen sowie den Wandel von individuellen und kollektiven Werten im Umgang mit der Natur.“ Ein Beispiel sei die Abkehr vom Konzept des wirtschaftlichen Wachstums, hin zu einem Konzept, das gesellschaftliche Entwicklung danach bemisst, ob Wohlstand gleichmäßig verteilt ist, und das die vielfältigen Werte der Natur angemessen berücksichtigt. (ab)

11.06.2021 |

Studie belegt Scheitern der Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika

Corn
Mehr Mais für Afrika? (Foto: bit.ly/AWanga, Anne Wangalachi/CIMMYT, bit.ly/3_CC_BY-NC-SA_2-0)

Den Hunger in Afrika bekämpfen und Kleinbauern ein gutes Einkommen ermöglichen – an diesen Zielen ist die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA) auf ganzer Linie gescheitert. Das zeigt ein neues Papier, in dem deutsche Nichtregierungsorganisationen die Wirkung der auch von der Bundesregierung unterstützten Agrarinitiative bewerten. Darin gelangen die Rosa-Luxemburg-Stiftung, Brot für die Welt, FIAN Deutschland, das Forum Umwelt und Entwicklung und das INKOTA-netzwerk zu dem vernichtenden Urteil, dass AGRA die selbstgesteckten Ziele bei Weitem nicht erreicht hat. Im Jahr 2006 wurde die Allianz von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und der Rockefeller-Stiftung aus der Taufe gehoben. Mit den Patentrezepten der Grünen Revolution – sprich kommerziellem Hochertragssaatgut, Pestiziden und synthetischen Düngemitteln – sollten die Einkommen von 30 Millionen kleinbäuerlichen Haushalten bis 2020 verdoppelt und die Ernährungsunsicherheit in 20 Ländern durch Produktivitätssteigerungen halbiert werden. Um das umzusetzen, mobilisierte AGRA seither über eine Milliarde US Dollar – vor allem von der Gates-Stiftung, aber auch von der US-Regierung, Großbritannien und Deutschland.

Schon 2020 nahmen die deutschen NGOs gemeinsam mit fünf afrikanischen Organisationen die Fortschritte von AGRA genauer unter die Lupe. In der Studie „Falsche Versprechen“ zeigten sie auf, dass die landwirtschaftlichen Erträge in den 13 AGRA-Schwerpunktländern von Programmbeginn 2006 bis 2018 nur um 18% stiegen statt wie angekündigt um 100%. Im Zeitraum vor AGRA betrug die Steigerung 17%, sodass die Erträge auch ohne die Allianz in diesem Maße gestiegen wären. Zudem stellten sie fest, dass sich die Hungersituation in den 13 AGRA-Ländern seit Programmstart verschlechterte. Die Zahl der Menschen, die unter extremem Hunger leiden, erhöhte sich in den AGRA-Jahren um 30%. Nun nahmen sich die Autor*innen AGRA-interne Evaluierungen aus den Jahren 2019/2020 vor, die Anfang 2021 veröffentlicht wurden. Freiwillig rückte die Allianz diese Infos nicht heraus, sondern sie wurde auf Grundlage des „Freedom of Information Act“ in den USA gesetzlich verpflichtet, die eigene Halbzeitbewertung sowie elf weitere Länder-Evaluierungen auf ihrer Webseite zu veröffentlichen. Die Ergebnisse belegen, dass AGRA die ausgelobten Ziele deutlich verfehlt hat. Mit ihrem Ansatz der Grünen Revolution bescherte AGRA den an den Projekten beteiligten Bauern und Bäuerinnen nicht einmal Einkommen, die oberhalb der Armutsgrenze liegen. Erfolgreich war die Allianz hingegen darin, durch das Entsenden von Mitarbeiter*innen oder die finanzielle Unterstützung von Ministerien und Beratungsgremien systematisch Einfluss auf Dünge- und Saatgutgesetzgebung in den AGRA-Partnerländern zugunsten der Agrarindustrie zu nehmen.

In puncto Erträge bestätigt die Analyse der AGRA-Evaluierung, dass diese vergleichsweise gering blieben, wenn (klein)bäuerliche Erzeuger*innen das Input-intensive Paket der Grünen Revolution bestehend aus industriellem Saatgut und künstlichem Dünger verwendeten. AGRA setzt den Schwerpunkt auf Mais. Das wird von den deutschen NGOs ebenfalls kritisiert, da so eine Vielzahl weiterer wichtiger nahrhafter Grundnahrungsmittel vernachlässigt werden. Doch trotz des gesteigerten Einsatzes von Hybridsaatgut und Kunstdünger gelang es AGRA nicht, beim Mais relevante Ertragssteigerungen zu erzielen. In keinem Projektland wurden mehr als drei Tonnen pro Hektar Ertrag erreicht. In Ghana, wo die an den Projekten teilnehmenden Bäuerinnen und Bauern mit im Schnitt 3,5 ha über vergleichsweise viel Ackerland verfügen und 31 kg Kunstdünger pro Hektar einsetzten – also nicht die klassische Kleinbauern-Zielgruppe – lagen die durchschnittlichen Maiserträge bei nur 0,58 Tonnen je Hektar. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der AGRA-Ansatz den an Projekten beteiligten Bauern und Bäuerinnen nicht einmal Einkommen beschert, die oberhalb der Armutsgrenze liegen. Die zusätzlichen Einnahmen der Haushalte in Ghana durch AGRA aus dem Maisverkauf beliefen sich gerade einmal auf 36 US-Dollar im Jahr und das trotz der günstigen Ausgangsbedingungen. In Tansania lag der durchschnittliche Verkaufserlös aus dem Maisverkauf bei 77 US-Dollar pro Haushalt und Jahr. Die offizielle Armutsgrenze in dem Land liegt bei 250 US-Dollar pro Person und Jahr, also bei etwa 500 US-Dollar für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen. Mit dem Verkauf des Mais erwirtschaftet eine Kleinbauernfamilie also gerade einmal rund 15% des notwendigen Einkommens, um überhaupt die Armutsgrenze zu erreichen. „Bei den spärlichen Einkommenszuwächsen sind die oft steigenden Ausgaben für Dünger, Pestizide und Saatgut einfach nicht mit eingerechnet worden“, sagte FIAN-Agrarexperte Roman Herre dem Spiegel, der über die Studie berichtete. Diese zusätzlichen Ausgaben könnten daher sogar zu einem Verlustgeschäft führen.

„Der einzige Bereich, den die AGRA-Gutachter*innen loben, ist AGRAs Einfluss auf politische Reformen zugunsten der Grünen Revolution in den Zielländern der Initiative“, heißt es in der Studie. „Die Evaluierungen zeigen, wie AGRA afrikanische Regierungen systematisch beeinflusst, um Agrargesetzgebungen industriefreundlich zu verändern.“ Unter anderem entsendet AGRA Mitarbeitende in Ministerien oder unterstütze diese oder staatliche Beratungsgremien direkt finanziell. „Die Evaluierungen legen offen, dass AGRA als Resultat ihres finanziellen Engagements ein Gesetz oder eine Verordnung nach AGRAs Vorstellungen anstrebt. Das ist problematisch, denn AGRA nimmt so aktiv Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse souveräner Staaten, deren Aufgabe das Verfassen und der Erlass von Gesetzen ist“, schreiben die NGOs. AGRA habe in allen Zielländern außer Mali an neuen Saatgut- und Düngemittelgesetzen mitgearbeitet – auch in den vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanzierten AGRA-Ländern Burkina Faso und Ghana. Dies geschehe unter anderem mit den Zielen, die Zulassung und Vermarktung von chemischen Düngemitteln zu vereinfachen. Auf Betreiben von AGRA sollen staatliche Kontrollen, etwa bei der Düngemittel-Zulassung in Tansania, abgeschafft oder in die Hände von Konzernen gelegt worden sein. „Durch die industriefreundliche Einflussnahme auf politische Rahmenbedingungen in den AGRA-Ländern werden erhöhte Absatzmöglichkeiten für Produkte der Grünen Revolution gesichert. Hiervon profitieren vor allem internationale Konzerne wie der Düngemittelkonzern Yara, der gleichzeitig Projektpartner von AGRA ist.“ Diese direkte Lobbyarbeit zugunsten von Industrieinteressen stehe im starken Gegensatz zu den offiziellen AGRA-Zielen, da sie Kleinbauern schade, bemängeln die NGOs.

Die Organisationen fordern die Bundesregierung daher auf, die finanzielle und politische Kooperation mit AGRA einzustellen. Von einer geplanten Ausweitung der Zusammenarbeit mit AGRA auf ein weiteres Land, Nigeria, sei abzusehen. „Die Ergebnisse der AGRA-eigenen Evaluierungen belegen das systematische Scheitern von AGRA und unterstreichen erneut, dass es für eine weitere Kooperation der Bundesregierung mit AGRA keine Grundlage gibt“, so die Autor*innen. Die Bundesregierung solle weitere Initiativen zur Förderung der Grünen Revolution einstellen und stattdessen solle „das Recht auf Nahrung als Kompass für die Politik der Bundesregierung dienen und Agrarökologie entschiedener als bisher gefördert werden“. Dafür müsse noch in der laufenden Legislaturperiode ein ambitionierter Aktionsplan zur Förderung der Agrarökologie vorgelegt und deutlich mehr Geld als bisher für agrarökologische Ansätze ausgegeben werden. Zudem kritisieren die NGOs, dass die Unterstützung der Bundesregierung für den von der AGRA-Präsidentin und anderen AGRA-Vertreter*innen mitgestalteten UN-Welternährungsgipfel 2021 ein katastrophales Signal für kleinbäuerliche Erzeuger*innen weltweit sei. Sie appellieren an die Regierung, dem Gipfel keine politische Bedeutung beizumessen und stattdessen für eine bessere Mittelausstattung des Welternährungsausschusses (CFS) in Rom zu sorgen, denn dieser sei von der Weltgemeinschaft legitimiert und von der internationalen Zivilgesellschaft anerkannt als Ort zur Bearbeitung von Fragen der Welternährung. (ab)

19.05.2021 |

Fleischkonsum sinkt, Veggie-Produkte boomen in Deutschland

Veg
Veggieburger sind im Trend (Foto: CC0)

Tofuwürstchen, Sojaschnitzel und vegetarische Brotaufstriche boomen: Die Produktion von Fleischersatzprodukten in Deutschland verzeichnete im letzten Jahr einen enormen Zuwachs, während der Umsatz beim Fleisch leicht zurückging. Das meldete das Statistische Bundesamt (Destatis) am 14. Mai. Im Jahr 2020 stieg die Produktion von Fleischersatzprodukten in deutschen Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr von 60,4 Tausend Tonnen auf etwa 83,7 Tausend Tonnen – ein Zuwachs von rund 39%. Der Wert der Fleischersatzprodukte erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 272,8 auf 374,9 Millionen Euro und legte damit um 37%. Es ist das erste Mal, dass das Statistische Bundesamt mit Vergleichsdaten aufwarten kann, da die Statistik zu Fleischersatzprodukten erst seit 2019 geführt wird. Unter der sperrigen Kategorie „Vegetarische und vegane Lebensmittelzubereitungen, zum Beispiel vegetarischer Brotaufstrich, Tofuprodukte, vegetarische oder vegane Lebensmittel, die dem äußeren Anschein nach Wurst ähneln“ tummelt sich alles von Sojabratlingen über vegane Teewurst und Tofu bis hin zum Seitansteak.

Der Wert der veganen und vegetarischen Alternativen bleibt trotz des Anstiegs weiter hinter den klassischen Fleischprodukten zurück: Der Wert von hierzulande hergestelltem Fleisch und von Fleischerzeugnissen betrug im Jahr 2020 rund 38,6 Milliarden Euro – und damit mehr als das Hundertfache des Wertes der Fleischersatzprodukte. Dennoch waren im Fleischsegment Einbußen zu verzeichnen: „Im Vergleich zum Vorjahr sank der Wert des produzierten Fleisches jedoch um rund 4%“, vermeldet Destatis. 2019 hatte der Wert der Fleischproduktion mit 40,1 Milliarden Euro noch den höchsten Wert in Deutschland seit zehn Jahren erreicht. Dieser Rückgang könnte auch mit der Corona-Pandemie im Zusammenhang stehen, vermuten die Statistiker*innen. Denn einige Fleischbetriebe mussten unter anderem wegen Verstößen gegen Hygieneschutzauflagen und hohen Ansteckungszahlen bei den Beschäftigten vorübergehend schließen.

Nicht nur der Wert der Fleischproduktion, auch der Konsum von Fleisch ist in der Bundesrepublik in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen. Während 1978 ein Haushalt im Schnitt noch gut 6,7 Kilogramm Fleisch im Monat verbrauchte, waren es vier Jahrzehnte später mit rund 2,3 Kilogramm im Jahr 2018 nur noch rund ein Drittel der Menge. Besonders deutlich fiel der Rückgang beim Schweinefleisch aus: 1978 verbrauchte ein deutscher Haushalt noch 3,1 Kilo pro Monat, während es 2018 noch gerade einmal 900 Gramm waren. Der Verbrauch von Rindfleisch sank im selben Zeitraum von 1,5 Kilo auf 600 Gramm, beim Geflügel reduzierte sich die verbrauchte Menge von 1,3 Kilo auf gut 800 Gramm. Zu beachten ist, dass diese Statistik in der Kategorie „Fleisch und Fleischerzeugnisse“ nur der Konsum von frischem Fleisch erfasst (ohne Innereien, einschließlich Hackfleisch). Wurstwaren, Räucher- und Trockenfleisch beziehungsweise anderes konserviertes oder verarbeitetes Fleisch, wie zum Beispiel Fleischsalat oder tafelfertig zubereitetes Fleisch wie Rinderrouladen, werden nicht in diese Kategorie eingerechnet. Aber auch andere Statistiken, die ebenfalls zum Beispiel die Wurstwaren enthalten, zeigen für das Jahr 2020 einen Rückgang an, schreibt die taz.

Die Zahlen zum Fleischkonsum stammen aus der alle fünf Jahre stattfindenden Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS), bei der rund 60.000 private Haushalte Angaben zu Einkommen, Einnahmen sowie ihren Konsumausgaben machen. Ein Fünftel dieser Haushalte führt zudem detaillierte Aufzeichnungen zu den Ausgaben für Nahrungsmittel und den gekauften Mengen. Ebenfalls zu berücksichtigen ist bei der Auslegung der Statistiken, dass die Größe eines Haushaltes sich in den letzten 40 Jahren von durchschnittlich 2,5 Personen pro Haushalt auf 2 Personen im Jahr 2018 verringerte. Fleischwirtschaft.de, ein Branchenmedium der Fleisch- und Fleischwarenindustrie, schreibt, dass die Statistik zudem unberücksichtigt lasse, dass sich die Konsumgewohnheiten in den letzten 40 Jahren maßgeblich verändert hätten und der wachsende Außer-Haus-Verzehr sowie der steigende Convenience-Grad in den Zahlen nicht abgebildet werde. „Der klassische Sonntagsbraten ist nun mal out. Wenn im Alltag gekocht oder gebraten wird, greift man gern auf Küchenfertiges zurück, was eben nicht in die betrachtete Kategorie hineinfällt“, heißt es dort. „Das alles dürfte die auf den ersten Blick erschreckende Bilanz der Statistiker zum Fleischkonsum wohl relativieren.“ Während die Fleischwirtschaft den Rückgang beim Fleischkonsum bedauert, begrüßen andere den Umstieg auf fleischlose Ersatzprodukte. „Die Fleischproduktion ist umstritten, weil sie Leid von Tieren verursacht. Die Erzeugung tierischer Kalorien trägt auch stärker zum Klimawandel bei als die pflanzlicher Lebensmittel. Zudem schädigt beispielsweise zu viel Gülle aus Schweineställen die Artenvielfalt und das Wasser“, fasst die taz die Ergebnisse zahlreiche Studien der letzten Jahre zusammen. (ab)

07.05.2021 |

BASF erhält Patent auf konventionell gezüchtete Wassermelone

Wassermelone
Wem gehört die Wassermelone? (Foto: CC0)

Dieses Mal die Wassermelone: Schon wieder hat das Europäische Patentamt (EPA) ein Patent auf eine Pflanze aus konventioneller Züchtung erteilt und zwar an die Firma Nunhems, die Gemüsesaatgut-Sparte von BASF. Das Patent EP2814316 betrifft eine Wassermelone, die einen buschigen Wuchs hat und daher im Anbau weniger Platz benötigt – oder wie es in der Patentschrift etwas sperrig heißt „Triploide Wassermelonenpflanzen mit einer ‚Bush‘ Wachstumsform“ – und umfasst die Pflanzen, das Saatgut und die Früchte. Das vermeldet das Bündnis „Keine Patente auf Saatgut!“, das schon seit Langem auf die umstrittene Praxis des EPA aufmerksam macht, denn Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen sind in Europa eigentlich verboten. Die Wassermelonenart mit dem praktischen Wuchs wurde in einem Hausgarten entdeckt und die genetische Veranlagung dafür ist zufällig entstanden, wie es in der Patentschrift heißt. Nunhems machte sich lediglich daran, die Pflanzen mittels konventioneller Züchtung von ihren Kernen zu befreien. „Es ist abenteuerlich zu sehen, mit welchen Tricks das EPA arbeitet“, sagt Christoph Then, Sprecher für „Keine Patente auf Saatgut!“. „In der Folge werden jetzt sogar Pflanzen zu Erfindungen erklärt, die in privaten Gärten entdeckt wurden. BASF und das Patentamt profitieren, die Interessen der Öffentlichkeit aber werden hintergangen.“

Das EPA steht schon lange in der Kritik, die europäischen Patentgesetze durch seine eigenwillige Auslegung zu umgehen. Da es auch selbst an der Vergabe von Patenten verdient, habe es Mittel und Wege gefunden, das Verbot, konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere zu patentieren, auszuhebeln, betont das Bündnis in einer Pressemitteilung: „So werden laut einer aktuellen Entscheidung des EPA (G3/19) entsprechende Verbote nur für Patente angewandt, die ab Juli 2017 angemeldet wurden. Die Begründung: Die EU hätte kurz vor diesem Zeitpunkt eine entsprechende Richtlinie neu ausgelegt, die auch vom EPA angewandt wird.“ Doch „Keine Patente auf Saatgut“ kommt in einer 8-seitigen englischen Rechtsanalyse zu einem anderen Ergebnis: „Der Stichtag, ab dem das Verbot gelten soll, wurde willkürlich eingeführt“, so Then. Das Bündnis wirft dem EPA vor, die aktuelle Rechtsauslegung beruhe auf einer „Verdrehung der Fakten“. Tatsächlich stufe die EU Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen schon seit 1998 als unzulässig ein und habe derartige Patente auch nie erlaubt.

Das EPA hat zudem weitere Schlupflöcher etabliert: Zufällige genetische Veränderungen gelten demnach gleichermaßen als Erfindungen wie die Gentechnik. Auch diese Auffassung stehe im Gegensatz zur Auslegung der Patentgesetze durch die EU. Beispiele sind erteilte Patente auf Gerste und Bier der Firma Carlsberg, die auf zufälligen Mutationen im Erbgut der Gerste beruhen, oder Patente auf konventionell gezüchtete Zwiebeln und Tomaten. Patent EP2966992 hingegen erstreckt sich auf einen Salat, der auch bei höheren Temperaturen angebaut werden kann. Diese Eigenschaft beruht auf einer zufälligen Mutation im Erbgut und erleichtert die Anpassung an den Klimawandel. Die niederländische Saatgutfirma Rijk Zwaan Zaadteelt hat sich hier die Patentansprüche gesichert, wogegen „Keine Patente auf Saatgut“ Einspruch eingelegt hat. Das Bündnis hat vor diesem Hintergrund eine Petition gestartet, in der das EPA aufgefordert wird, weitere Patenterteilungen auszusetzen, bis die offenen Rechtsfragen geklärt sind. Welche Strategie das EPA weiterverfolgt, könnte sich Anfang Juni in einer öffentlichen Anhörung zeigen, in der das Patent auf Braugerste und Bier (EP2373154) von Carlsberg und Heineken verhandelt werden soll. (ab)

29.04.2021 |

Bayer und BASF: Hochgefährliche Pestizide für die Welt

Pestizide
Gefährlicher Job (Foto: CC0)

Die Agrarchemieriesen Bayer und BASF entwickeln und vermarkten hochgefährliche Pestizidwirkstoffe und -produkte im globalen Süden, die in der EU nicht genehmigt oder oft schon lange verboten sind. Das zeigt eine neue Studie auf, die von der entwicklungspolitischen Organisation INKOTA, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und PAN Germany im Vorfeld der Bayer-Hauptversammlung am 27. April veröffentlicht wurde. Die Autor*innen nehmen insbesondere den Pestizid- und Wirkstoffmarkt in Südafrika, Brasilien und Mexiko genauer unter die Lupe und decken auf, welche Wirkstoffe die beiden deutschen Konzerne in diesen Ländern entwickeln, vermarktet haben und dies teils weiterhin über Umwege tun. Zudem verweisen sie auf die Gefahren, die diese Wirkstoffe für die Umwelt und die menschliche Gesundheit mit sich bringen. „Es ist ein Skandal, dass Pestizidwirkstoffe, die in der EU aus gutem Grund verboten sind, in Deutschland produziert und in Drittländer exportiert werden dürfen“, kritisiert Wiebke Beushausen vom INKOTA-netzwerk. „Wir brauchen einen sofortigen Exportstopp von hochgefährlichen Wirkstoffen aus Deutschland und der EU“, betont sie.

Die Recherchen ergaben, dass Bayer in der Vergangenheit insgesamt 22 extrem- bzw. hochgiftige Pestizidwirkstoffe entwickelt und/oder vermarktet hat. Sieben davon fallen in die Kategorie der extrem giftigen Stoffe (1A) der Weltgesundheitsorganisation WHO und 15 in die Kategorie der hochgiftigen Stoffe (1B). BASF hingegen hat drei hochgiftige Wirkstoffe (1B) entwickelt und/oder vermarktet. Hinzu kommen jeweils vier weitere Bayer- und BASF-Wirkstoffe, die langfristige Gesundheitsschäden hervorrufen können und in der EU verboten sind. Die beiden Konzerne sind also für insgesamt 33 Pestizidwirkstoffe verantwortlich, die eine akute Bedrohung für die menschliche Gesundheit darstellen. Viele dieser Wirkstoffe sind bereits bei geringer Dosierung tödlich, andere gelten als wahrscheinlich krebserregend, erbgutschädigend oder reproduktionstoxisch. Der Studie zufolge lassen sich in Brasilien, Mexiko und Südafrika mindestens acht dieser Wirkstoffe in den Produkt-Portfolios der beiden Unternehmen nachweisen. Dazu gehören u.a. das in der EU als reproduktionstoxisch eingestufte und seit 2018 nicht mehr erlaubte Herbizid Glufosinat sowie das Insektizid Spirodiclofen, das 2016 von der Europäischen Chemikalienagentur ECHA als krebserregend eingestuft und 2020 letztlich vom Markt genommen wurde. „Pestizidwirkstoffe, die in der EU wegen ihrer Giftigkeit verboten sind, dürfen nicht in der Welt verbreitet werden, nur weil damit einige wenige Agrarchemiekonzerne Kasse machen“, so Jan Urhahn, Agrarexperte der Rosa-Luxemburg-Stiftung. „Den Preis dafür bezahlen Bauern und Bäuerinnen sowie Landarbeiter*innen im globalen Süden mit ihrer Gesundheit.“

Auf dem südafrikanischen Markt bietet Bayer 54 eigene Produkte an. Darunter sind auch Produkte, die die in der EU verbotenen Wirkstoffe (Beta-)Cyfluthrin, Spirodiclofen und die als reproduktionstoxisch geltenden Wirkstoffe Triadimenol und Thiacloprid enthalten. Dabei hatte sich der Agrarchemiekonzern bereits im Jahr 2013 verpflichtet, Wirkstoffe der WHO-Kategorien 1A und 1B aus dem Portfolio zu nehmen. (Beta-)Cyfluthrin ist ein Wirkstoff des Bayer-Insektizids Tempo SC, das im großen Stil in den Weinanbauregionen der Provinz Westkap zum Einsatz kommt. (Beta-)Cyfluthrin ist bereits in geringer Dosierung tödlich und das Bayer-Produkt ist gesundheitsschädlich beim Einatmen und kann Haut-, Augen- und Schleimhautreizungen verursachen. Beim Mischen und Sprühen ist unbedingt Schutzausrüstung erforderlich. Doch die Realität auf den Weingütern sieht anders aus. Interviewte Landarbeiter*innen bezeichnen die Schutzkleidung als reine „Dekoration“. Sie sei zwar auf den meisten Farmen vorhanden, werde aber nur einen Tag vor einer Inspektion ausgehändigt und sei danach wieder zurückzugegeben. „In vielen Betrieben findet das Mischen der Pestizide ohne Schutzausrüstung statt, die Pestizide werden oft verschüttet und nicht fachgerecht entsorgt“, berichten die Autor*innen. Die Arbeiter*innen würden dazu angehalten, Etiketten von den Verpackungen zu entfernen, um Kontrollen zu erschweren. „Auf einigen Farmen werden Landarbeiter*innen selbst dann in die Weinberge geschickt, wenn gleichzeitig hochgefährliche Pestizide gesprüht werden“, betont Urhahn. Die Landarbeiter* innen klagten zudem über Husten, juckende Haut und Ausschlag. Die vermeintlich „sichere“ Anwendung von hochgefährlichen Pestiziden im globalen Süden sei eine Illusion, sagt Urhahn: „Den Konzernen ist das bekannt. Trotzdem nutzen sie die schwächeren Regulierungen in den Ländern des globalen Südens aus, um dort mit hochgefährlichen Pestiziden Gewinne auf Kosten von Mensch und Umwelt zu machen.“

Auch in Brasilien sind mindestens neun von Bayer und BASF entwickelte und/oder vermarktete Pestizidwirkstoffe auf dem Markt, die entweder von der WHO als akut toxisch (1B) oder von der EU als reproduktionstoxisch bzw. mutagen oder karzinogen (EU-Kategorie 1B) eingestuft werden. Die beiden Konzerne sind direkt am Verkauf von acht dieser Wirkstoffe beteiligt, indem sie die Wirkstoffe einerseits selbst über eigene Produkte vermarkten, oder wie im Fall von Fenamiphos andererseits den Wirkstoff an andere Unternehmen liefern. Der Studie zufolge liefert Bayer den Wirkstoff Fenamiphos nach Brasilien. „Dafür wird Fenamiphos von Bayer in Japan hergestellt und im Industriepark Belford Roxo im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro formuliert“, heißt es in der Studie. Die Fenamiphos-Produkte werden dann unter dem Namen NEMACUR vermarktet. Ende 2010 habe eine Repräsentanz des US-Unternehmens American Vanguard Corporation (AMVAC do Brasil) die Produktlinie NEMACUR von Bayer übernommen. So gelangt der ursprüngliche Bayer-Wirkstoff über die Pestizidprodukte dieses Herstellers nun weiterhin in Brasilien in Umlauf.

Die Herausgeber fordern die Bundesregierung auf, den Export von solchen Pestizidwirkstoffen aus Deutschland zu verbieten, die in der EU aus Gesundheits- oder Umweltschutzgründen verboten sind und sich für einen EU-weiten Exportstopp einzusetzen. „Dass die Bundesregierung trotz akuten Handlungsbedarfs nicht tätig wird, ist grob fahrlässig“, sagt Beushausen. „Die Doppelstandards im Handel mit Pestizidwirkstoffen sind symptomatisch für eine verantwortungslose Wirtschaftspolitik, die deutsche und europäische Exportinteressen über die Einhaltung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten stellt.“ Zudem brauche es zunächst deutlich mehr Transparenz im globalen Wirkstoffhandel. Allzu oft gelänge es Konzernen, sich hinter dem Geschäftsgeheimnis zu verstecken. So sollten künftig detaillierte Angaben über Herkunft, Menge und Ziel sowohl von Pestizidprodukten als auch von Wirkstoffen, die Unternehmen in andere Länder exportieren, zur Verfügung stehen. Und auch auf globaler Ebene bestehe Handlungsbedarf, um den Konzerne Beine zu machen, sagt Autor Peter Clausing, Toxikologe bei PAN Germany: „Die freiwilligen Selbstverpflichtungen, sind oft nur leere Versprechen. Es braucht ein völkerrechtlich verbindliches, globales Produktions-, Lagerungs- und Exportverbot für hochgefährliche Pestizidwirkstoffe“, so Clausing. (ab)

Unterstützer

Unterstützer von www.weltagrarbericht.de Verlag der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V. Bioland biovision Brot für die Welt Brot für alle Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland Demeter Zukunftsstiftung Entwicklung in der GLS Treuhand Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz Heidehof Stiftung Mission EineWelt Misereor Naturland Public Eye | Erklärung von Bern Rapunzel - Wir machen Bio aus Liebe Swiss Aid, Ihr mutiges Hilfswerk tegut W-E-G Stiftung
English versionEnglish versionDeutsche Version