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24.09.2020 |

Buch: Wie die Transformation unserer Ernährungssysteme gelingt

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Cover des Buches

Die COVID-19-Pandemie bringt große Ungerechtigkeiten und ein Systemversagen der heute vorherrschenden Landwirtschafts- und Ernährungssysteme schonungslos ans Licht. Sie haben sich beschleunigt im Laufe des vergangenen Jahrzehntes, das wohl als die destruktivste Periode globaler Landwirtschaft und Ernährung in die Geschichte eingehen wird. In ihrem neuen Buch „Transformation of our food systems – the making of a paradigm shift“ beschreiben 40 internationale Expertinnen und Experten Entwicklungen und Meilensteine seit Veröffentlichung des „Weltagrarberichts“ (IAASTD) der Vereinten Nationen, der einen Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung des globalen Ernährungssystems einleitete.

„Weiter wie bisher ist keine Option“ war die provokante Botschaft von mehr als 400 Autorinnen und Autoren des 2009 im Auftrag der UNO und der Weltbank erstellten „International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development“ (IAASTD). Dieser sogenannte „Weltagrarbericht“ ist die bis heute umfassendste Bestandsaufnahme der globalen Landwirtschaft. Heute sind sich die meisten internationalen Vertreter*innen von Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft der Welt einig, dass unsere Ernährungssysteme grundlegend transformiert werden müssen. Nur so können sie den enormen Herausforderungen von heute und morgen widerstehen: der Klima- und der Biodiversitätskrise, der Erschöpfung natürlicher Ressourcen sowie der zunehmenden Unter- und Fehlernährung und deren gesundheitlichen Auswirkungen. Denn das vergangene Jahrzehnt war die vielleicht destruktivste Periode der globalen Ernährungssysteme für die Ökosysteme, aber auch für das soziale und kulturelle Gefüge ländlicher Gemeinschaften weltweit.

40 Landwirtschafts- und Ernährungsexpertinnen und -experten, die meisten von ihnen bereits am IAASTD beteiligt, beschreiben die Entwicklung der Diskussion und der Realität unserer Ernährungssysteme des letzten Jahrzehntes in ihrem gemeinsamen Buch „Transformation of our food systems – the making of a paradigm shift“ (Umgestaltung unserer Ernährungssysteme – die Entstehung eines Paradigmenwechsels). 13 internationale wissenschaftliche Folgeberichte und UN-Abkommen werden von an diesen Prozessen Beteiligten vorgestellt und erläutert. In 15 Beiträgen beschreiben dazu ehemalige IAASTD-Autor*innen die wichtigsten Entwicklungen im Laufe der vergangenen Dekade, die auch mit 13 Infografiken illustriert werden. Das Buch kam auf Initiative von Hans Herren, Träger des Welternährungspreises und ehemaliger Ko-Präsident des IAASTD, und Benny Haerlin, einem NGO-Vertreter im IAASTD-Büro und langjährigen Ernährungs- und Agraraktivisten, zustande. Sie wurden von einem 16-köpfigen Beirat unterstützt.

„Diese Mischung internationaler Ansichten und Perspektiven ist eine Fundgrube für Entscheidungstragende, Aktivistinnen, Wissenschaftler und Praktikerinnen vom Feld bis zum Teller“, so Benny Haerlin. „Es beschreibt die Unausweichlichkeit der Transformation, zeigt wie sie gelingen kann und wo sie bereits stattfindet.“ Das Buch richtet sich auch an das in diesem Jahr virtuell ausgerichtete hochrangige Treffen des UN-Welternährungsausschusses (Committee on World Food Security, CFS). Erstmals steht hier Mitte Oktober die Agrarökologie im Mittelpunkt der Diskussion, in der es auch um einen „besseren Wiederaufbau“ („build-back-better“) nach COVID-19 geht. „Dieses Buch zeigt aus verschiedenen Perspektiven, dass der agrarökologische Ansatz das wichtigste, umfassendste und innovativste Konzept für eine nachhaltige Transformation unserer Ernährungssysteme ist“, sagt dazu Hans Herren. „Das ist auch unsere besorgte und kritische Botschaft an den sogenannten Food Systems-Gipfel im kommenden Jahr, der zurzeit unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen organisiert wird“.

11.09.2020 |

Anpassung an den Klimawandel: Studie belegt Potenzial der Agrarökologie

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Agrarökologisch produzierende Kleinbauern in Kenia (Foto: Peter Lüthi/Biovision)

Die Agrarökologie birgt großes Potenzial, um die Landwirtschaft an den Klimawandel anzupassen und Agrarökosysteme widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels zu machen. Das ist die Botschaft einer Studie, die im August von der UN-Welternährungsorganisation FAO und der Schweizer Stiftung Biovision veröffentlicht wurde. Die Auswirkungen des Klimawandels stellen Bäuerinnen und Bauern weltweit vor enorme Herausforderungen. Dürren, Unwetter und Überschwemmungen bedrohen ihre Existenz und Ernährungssicherheit. In Subsahara-Afrika, das im Fokus der Studie steht und wo aktuellen Zahlen der FAO zufolge ohnehin schon 22% der Bevölkerung chronisch unterernährt sind, trifft es Landwirte besonders hart: Unregelmäßige Regenzeiten, Dürren, Stürme und Überflutungen zerstören immer häufiger ihre Ernten und damit ihre Lebensgrundlage. Unsere Ernährungssysteme müssen dringend nachhaltiger und widerstandsfähiger gestaltet werden, betonen die Autoren. „Die vorliegende Studie (…) liefert solide Beweise dafür, dass vielfältige agrarökologische Systeme, die auf lokalen Gemeinschaften aufbauen, die Widerstandsfähigkeit gegen den Klimawandel erhöhen“, schreiben René Castro von der FAO und Frank Eyhorn, Geschäftsführer von Biovision, im Vorwort zum Bericht. „Die Agrarökologie ist kein Patentrezept, aber sie liefert dringend benötigte Impulse und Prinzipien, um Ernährungssysteme im Einklang mit den UN-Nachhaltigkeitszielen umzugestalten.“

Die Studie führt die Ergebnisse drei verschiedener Analysen zusammen: Die Autoren untersuchten zum einen die Rolle der Agrarökologie in der internationalen Klimapolitik, insbesondere im Rahmen der Prozesse der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC). Zum anderen wurde eine Metaanalyse von wissenschaftlichen Peer-Review-Studien zu Agrarökologie und Klimawandel vorgenommen und drittens zwei Fallstudien ausgewertet, die sich die institutionellen Rahmenbedingungen für Agrarökologie in Kenia und im Senegal sowie die Widerstandsfähigkeit agrarökologischer Systeme im Feld ansehen. Laut der Meta-Analyse gibt es robuste wissenschaftliche Belege, die zeigen, dass agrarökologische Methoden, einschließlich des Ökolandbaus, die Klimaresistenz erhöhen. Das liegt daran, dass sie auf Schlüsselelementen aufbauen, die für die Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel wichtig sind. „Agrarökologie erhöht die Anpassungsfähigkeit und verringert die Verletzlichkeit von Agrarökosystemen, vor allem durch verbesserte Bodengesundheit, Biodiversität und hohe Diversifizierung von Arten und genetischen Ressourcen innerhalb landwirtschaftlicher Produktionssysteme“, heißt es in der Studie. So tragen agrarökologische Methoden etwa zur Erhöhung der organischen Bodensubstanz (Kohlenstoffbindung) bei. „Gesunde Böden sind der Schlüssel für eine nachhaltige Landwirtschaft und für Ernährungssysteme, welche mit den Herausforderungen des Klimawandels umgehen und Ernährungssicherheit garantieren können“, sagte der Mitautor der Metaanalyse Adrian Müller vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), das zur Studie beigetragen hat. „Die Umsetzung der Agrarökologie in die Praxis und der biologische Landbau haben solche gesunden Böden zur Folge und verdienen deshalb umfassende Förderung.“

Die zwei Fallstudien zeigen, dass bäuerliche Betriebe, die sich in Kenia und Senegal an agrarökologischen Projekten beteiligten, widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels sind als Betriebe aus der Kontrollstichprobe und sie besser Krisenzeiten bewältigen und ihre Familien ernähren konnten. Die Studie ergab auch, dass es der interdisziplinäre und systemische Charakter der Agrarökologie ist, der ihr Transformationspotenzial ausmacht. Doch genau darin liege auch die Herausforderung: Agrarökologie ist wissensintensiv und um sie in der landwirtschaftlichen Ausbildung, Beratung und Forschung voranzubringen, bedarf es geeigneter Strategien. Heutige Gesetze, Politikinstrumente und Strategien greifen hier in der Regel jedoch zu kurz. Die Studie enthält auch Empfehlungen, wie das Potenzial der Agrarökologie voll ausgeschöpft werden kann. Angesichts der soliden Wissensbasis müsse darauf hingewirkt werden, dass sie als tragfähige Anpassungsstrategie an den Klimawandel anerkannt wird. Positiv zu vermelden sei bereits, dass die Agrarökologie an Schwung gewinnt: Immer mehr Länder und Interessenvertreter mit unterschiedlichen Hintergründen würden die Agrarökologie und verwandte Ansätze als ein vielversprechendes Mittel betrachten, u.a. als relevanten Ansatz in den internationalen Agrar-Klima-Diskussionen. Zudem empfehlen die Autoren, die Hindernisse für die Verbreitung der Agrarökologie entschlossen anzugehen: Ein verbesserter Zugang zu Wissen und Verständnis für systemische Ansätze müsse in allen Sektoren und unter allen Stakeholdern auf allen Ebenen gefördert werden. „Die Politik muss ein günstiges Umfeld und gleiche Ausgangsbedingungen schaffen, um die Übernahme agrarökologischer Prinzipien zu fördern. Eine evidenzbasierte Politikgestaltung ist daher das Gebot der Stunde“, betonen Castro und Eyhorn im Vorwort. Zudem braucht es den Autoren zufolge weitere vergleichende Forschung zu Agrarökologie. „Die Entscheidungsträgerinnen und -träger sind jetzt gefragt, die Weichen neu zu stellen – und zwar in Richtung Agrarökologie“, fordert Eyhorn. (ab)

26.08.2020 |

Wissenschaftlicher Beirat fordert Transformation des Ernährungssystems

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Eine nachhaltigere und gesündere Ernährung ist nötig (Foto: CC0)

In Deutschland braucht es dringend einen Umbau des Ernährungssystems und eine integrierte Politik für eine nachhaltigere Ernährung, um nationale und internationale Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Das ist die Botschaft eines Gutachtens, das der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) am 21. August an Bundesministerin Julia Klöckner übergab. „Es geht um einen politischen Paradigmenwechsel. Die gegenwärtige Gestaltung unserer Ernährungsumgebungen macht es Konsumenten und Konsumentinnen sehr schwer, sich nachhaltiger zu ernähren“, sagt WBAE-Vorsitzender Professor Harald Grethe von der HU Berlin. Hier hinke die Bundesrepublik im europäischen und teils auch im globalen Vergleich hinterher, da die Verantwortung zu stark auf das Individuum verlagert werde und viele verfügbare Steuerungsinstrumente ungenutzt blieben, schreiben die 18 Expertinnen und Experten. „Wir benötigen stärkere politische Steuerungsimpulse für die Unterstützung nachhaltigerer Konsumentscheidungen.” Ihr Fazit lautet: „Eine umfassende Transformation des Ernährungssystems ist sinnvoll, sie ist möglich und sie sollte umgehend begonnen werden.“

Zunächst definiert das Gutachten vier zentrale Zieldimensionen einer nachhaltiger Ernährung (Gesundheit, Soziales, Umwelt und Tierwohl) und beschreibt die aktuellen Probleme. Gemessen an seinem Wohlstand stehe Deutschland bezüglich ernährungsbezogener Gesundheitsindikatoren (z. B. hoher Anteil von übergewichtigen oder fettleibigen Menschen) nur mittelmäßig da. „Armut korreliert deutlich mit ernährungs(mit)bedingten gesundheitlichen Beeinträchtigungen“, heißt es. Im Bereich Soziales existiere zwar eine weitreichende Arbeits- und Sozialgesetzgebung in Deutschland, doch zugleich gebe es Hinweise auf Umsetzungsdefizite, gerade im Bereich der Saison- und Leiharbeitskräfte sowie in der Schlachtindustrie und Gastronomie. In der globalen Lieferkette bei Agrarprodukten seien Zwangsarbeit, schwerwiegende Formen der Kinderarbeit und andere Verletzungen häufig. Auch Umweltprobleme gibt es zuhauf: „In der Wertschöpfungskette für Lebensmittel (…) treten vermeidbare negative ökologische Effekte auf, insbesondere hinsichtlich Biodiversität, Überschüssen an reaktiven Stickstoffverbindungen und Treibhausgasemissionen“ schreiben die Wissenschaftler. Die Verlagerung des Konsums auf umwelt- und klimaverträglichere Lebensmittel, z.B. durch eine Reduktion des Konsums tierischer Produkte und von Lebensmittelverschwendung, ist noch ausbaufähig. Beim Tierwohl seien in den letzten Jahren zwar Einzelschritte in Richtung eines Umbaus der landwirtschaftlichen Tierhaltung hin zu mehr Tierschutz erfolgt. Doch eine umfassende, von politisch legitimierten Entscheidungsträgern verabschiedete Strategie, die auch die Finanzierung umfasst und damit größere Fortschritte ermöglicht, fehle noch.

Basierend auf seiner Analyse spricht der WBAE neun Empfehlungen für eine Transformation des Ernährungssystems aus, die mit politischen Instrumenten umgesetzt werden sollen, die besser als bisher aufeinander abgestimmt und deutlich eingriffstiefer sein müssen. 1. soll ein Systemwechsel in der Kita- und Schulverpflegung herbeigeführt werden, u.a. durch eine beitragsfreie und qualitativ hochwertige Verpflegung. 2. soll der Konsum tierischer Produkte global verträglich gestalten werden. Das Motto lautet „Weniger und besser”. Das soll durch ein umfassendes Programm gelingen, das u.a. den reduzierten Mehrwertsteuersatz für tierische Erzeugnisse abschafft und perspektivisch eine Nachhaltigkeitssteuer einführt. Zudem soll ein verpflichtendes Klimalabel für Lebensmittel entwickelt und eine Infokampagne zur Sensibilisierung der Verbraucher für die Klimabilanz tierischer Produkte durchgeführt werden. 3. sollten Preisanreize deutlich verstärkt und ungesunde bzw. nicht nachhaltige Produkte teuer werden, z.B. durch eine Verbrauchssteuer auf zuckerhaltige Getränke, die mit dem Zuckergehalt steigt. Hierdurch entstehende finanzielle Spielräume für Investitionen in nachhaltigere Ernährung, z.B. durch eine Steuerrückzahlung für ärmere Haushalte, eine Mehrwertsteuersenkung für Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte oder den Umbau hin zu einer tierfreundlicheren Nutztierhaltung. „Die so dringend nötige ökologische Transformation wird nur akzeptiert werden, wenn wir sie sozialverträglich gestalten“, so Professor Grethe. „Es ist ärgerlich, wenn in der politischen Debatte etwa um CO2-Steuern oder die Besteuerung des Konsums tierischer Produkte vorgeschoben wird, das sei nicht möglich, weil einkommensschwachen Haushalten nicht zuzumuten.“ Denn es gebe viele Modelle, um diese Haushalte zu entlasten, etwa durch pauschale Transferzahlungen.

Viertens müssen den Verbrauchern verlässliche Informationen bereitgestellt werden, um Wahlmöglichkeiten zu schaffen. Dazu müsse eine wirksame Labelpolitik entwickelt werden und die Werbeumgebung nachhaltiger gestaltet werden, z.B. durch eine Einschränkung von an Kinder gerichtete Werbung für nicht oder wenig gesunde Lebensmittel oder eine verpflichtende Angabe des Nutri-Scores in der Lebensmittelwerbung. Fünftens müsse nachhaltigere Ernährung als das „New Normal“ gelten. Kleinere Portionsgrößen müssten dafür zum Standard gemacht werden, die Bevölkerung zum Trinken von mehr Leitungswasser statt zuckerhaltigen Getränken animiert und Lebensmittelabfälle effizient reduziert werden. Sechstens müssten Angebote in öffentlichen Einrichtungen verbessert und Großküchen nachhaltiger gestaltet werden.

Die 8. Empfehlung lautet: „Landbausysteme weiterentwickeln und kennzeichnen – „Öko und mehr”. Die Förderung des Ökolandbaus solle ausgebaut werden, u.a. mit dem Ziel, die Ertragslücke zwischen ökologischem und konventionellem Landbau zu verringern. „Der WBAE unterstützt in der Gesamtschau eine Förderung des Ökolandbaus und empfiehlt ihn als ein Element eines nachhaltigeren Lebensmittelkonsums, und dies umso mehr, je stärker ein Konsum von Bioprodukten mit einer Reduktion des Konsums tierischer Produkte und einer Verringerung der Lebensmittelverschwendung einhergeht.“ Klar sei aber auch, dass eine Ausdehnung des Ökolandbaus in Deutschland nicht das einzige Instrument sein sollte, um die durch die Landwirtschaft bedingten Umweltprobleme zu lösen. Es seien zudem deutliche Anpassungen in der konventionellen Landwirtschaft notwendig und die Etablierung von Zwischenformen nachhaltigerer Landbausysteme, die bei den Umweltleistungen mit dem Ökolandbau mithalten können, aber höhere Erträge erzielten. Dies könne in zertifizierungsfähige Landbaustandards münden, für die dann ein Label nötig sei. Und 9. müsse das Politikfeld „Nachhaltigere Ernährung” aufgewertet und institutionell weiterentwickelt werden. Das Fazit des Beirates lautet: „Die Realisierung der empfohlenen Maßnahmen erfordert erhebliche staatliche Mehrausgaben.“ Im Verhältnis zu den derzeitigen und künftig erwartbaren hohen sozialen und individuellen (Folge)Kosten unserer gegenwärtigen Ernährung stellen diese Ausgaben jedoch laut dem WBAE eine gesamtgesellschaftlich gebotene Investition dar. Wir können es uns also nicht leisten, die erforderliche Neuausrichtung zu verschieben. (ab)

22.08.2020 |

Erdüberlastungstag: COVID-19 verringert den Ressourcenverbrauch

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Wir verbrauchen immer noch mehr als eine Erde (Foto: CC0)

Auf den 22. August fällt dieses Jahr der „Earth Overshoot Day“ – das Datum, an dem die Menschheit die für 2020 nachhaltig nutzbaren Ressourcen verbraucht hat. Für den Rest des Jahres leben wir wieder auf Pump und strapazieren das Ressourcenbudget der Natur über das regenerierbare Maß hinaus. Das zeigen Berechnungen der internationalen Nachhaltigkeitsorganisation „Global Footprint Network“ und der York University. Aufgrund der Coronakrise hat sich das Tempo der Übernutzung dieses Jahr etwas verlangsamt – 2019 war der Erdüberlastungstag schon am 29. Juli. Die Verschiebung um mehr als drei Wochen nach hinten im Kalender ist die erste Trendwende seit der letzten leichten „Verschnaufpause“ für den Planeten im Jahr 2009. Doch Grund zum Feiern gibt es noch nicht: „Das diesjährige plötzliche Schrumpfen des ökologischen Fußabdrucks darf nicht mit Fortschritt verwechselt werden“, sagte Laurel Hanscom, CEO des Global Footprint Network. Zwar ist der Fußabdruck um fast 10% geschrumpft, doch es sei eine erzwungene Reduzierung, die Leid verursacht habe. Und: Um unseren Konsum zu decken, sind rein rechnerisch immer noch 1,6 Erden nötig. Doch eines zeigt die Verlangsamung: Durch ein anderes Wirtschaften und Konsumieren kann der Ressourcenverbrauch auf ein verträglicheres Maß sinken.

Das Global Footprint Network berechnet den Erdüberlastungstag jährlich neu. Gegenübergestellt werden dabei einerseits die biologische Kapazität der Erde zum Aufbau von Ressourcen sowie zur Aufnahme von Müll und Emissionen und andererseits der ökologische Fußabdruck – der Bedarf an Acker-, Weide- und Bauflächen, die Entnahme von Holz, Fasern oder Fisch, aber auch der CO2-Ausstoß und die Müllproduktion. Der weltweite Overshoot begann in den frühen 1970er-Jahren. Seither hat sich eine ökologische Schuld von 18 Erdenjahren angehäuft, betont das Netzwerk: Dies bedeutet, dass sich unser Planet 18 Jahre vollständig regenerieren müsste, um die Schäden der Übernutzung der natürlichen Ressourcen wieder auszugleichen – falls die Schäden reversibel sind. Doch eine Trendwende ist nach wie vor möglich: „Es gibt viele Lösungswege, die gemeinschaftlich oder individuell angegangen werden können. Wir beeinflussen die Zukunft maßgeblich dadurch, wie wir die Nahrungsmittel produzieren, wie wir uns fortbewegen, wie wir uns mit Energie versorgen, wie viele Kinder wir haben und wie viel Land wir für wilde Tiere schützen“, so das Netzwerk. Würde etwa eine Halbierung der CO2-Emissionen gelingen, wäre der Erdüberlastungstag 115 Tage später. Allein durch das Verschieben des Earth Overshoot Day-Datums um 5 Tage pro Jahr nach hinten würden wir es noch vor 2050 schaffen, wieder innerhalb der Biokapazitäten des einen Planeten zu leben.

Doch das Global Footprint Network nennt fünf Schlüsselbereiche, die das größte Potenzial zur Begrenzung des ökologischen Overshoot bergen: Städte, Energie, Nahrung, Bevölkerung und Planet. Unser Nahrungssystem beansprucht heute bereits über 50% der Biokapazität des Planeten. Daher spiele es eine Rolle, wie und was wir essen. Ernährungsweisen, die weniger CO2-intensiv sind und die biologische Vielfalt schonen, sind nicht nur gesünder, sondern weisen auch einen kleineren ökologischen Fußabdruck auf. Tierische Kalorien sind in der Regel ressourcenintensiver in der Produktion als pflanzliche. Der ökologische Fußabdruck einer ausgewogenen vegetarischen Ernährung ist nach Berechnungen des Netzwerkes etwa 2,5 Mal geringer als der einer vor allem auf tierischen Proteinen beruhenden Ernährungsweise. Die chinesische Regierung hat sich dazu bekannt, bis 2030 den Fleischkonsum zu halbieren. Dies allein würde den Erdüberlastungstag um 5 Tage verschieben, unter anderem auch wegen geringerer Methanemissionen. Auch die Verschwendung von Lebensmitteln belastet den Planeten: Ein Drittel aller produzierten Lebensmittel gelangen immer noch nicht vom Acker auf die Teller der Verbraucher. Ein Halbieren der Lebensmittelabfälle würde den Earth-Overshoot-Day um 13 Tage verschieben.

Auch deutsche Organisationen mahnen anlässlich des Erdüberlastungstags zu einem Leben und Wirtschaften innerhalb der ökologischen Möglichkeiten des Planeten. BUNDjugend, FairBindung, Germanwatch und NAJU betonen in einer gemeinsamen Pressemitteilung, dass ein ressourcenschonender Weg aus der Coronakrise nötig sei, damit der Erdüberlastungstag auch 2021 weiter nach hinten verschoben werden kann. „Wenn dies kein Einmal-Effekt bleiben soll, müssen die Investitionen zur ökonomischen Erholung nach der Pandemie konsequent an Nachhaltigkeit gekoppelt werden“, sagt Steffen Vogel von Germanwatch. „Unsere Wirtschaft darf nicht länger an Profit ausgerichtet sein, der Klimaziele und Menschenrechte untergräbt. Der Ressourcenverbrauch muss sinken.“ Auch Constantin Kuhn aus dem Vorstand der BUNDjugend drängt auf ein Umsteuern: „Wenn wir jetzt nicht ambitioniert umsteuern, wird sich weltweit auch die Kluft zwischen Arm und Reich weiter verschärfen, die Abfallmengen werden weiter zunehmen und es wird teurer werden, diese Krisen abzuwenden – alles auf dem Rücken unserer und künftiger Generationen.“ (ab)

10.08.2020 |

Rückgang der Bienenbestände bedroht Ernten in Nordamerika

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Bienen sind wichtige Bestäuber (Foto: CC0)

Die Ernteerträge in den USA und Kanada könnten durch den Rückgang der Bestände von Bienen und anderen Bestäubern stark beeinträchtigt werden. Und die wilden Verwandten der Honigbiene sind für einige Nutzpflanzen von größerer Bedeutung als bisher gedacht, schreibt ein Team von Wissenschaftlern in der Fachzeitschrift „Proceedings of the Royal Society B“. Die Studie unter der Leitung der Rutgers University in New Jersey warnt, dass der Mangel an Bestäubern vor allem zu geringeren Erträgen bei wichtigen Nutzpflanzen wie Äpfeln, Kirschen und Blaubeeren führen könnte. „Wir haben festgestellt, dass viele Nutzpflanzen beschränkt bestäubt werden, was bedeutet, dass die Produktion höher wäre, wenn die Blüten verstärkt bestäubt würden“, sagte die Hauptautorin, Dr. Rachael Winfree von der Rutgers University. „Zudem zeigte sich, dass Honigbienen und Wildbienen eine vergleichbare Bestäubungsleistung erbringen.“ Den Autoren zufolge ist die Studie die erste, die den Beitrag der wildlebenden Bestäuber für die Befruchtung von Nutzpflanzen in den USA so umfassend bewertet.

„Die Bestäubung durch Insekten ist eine kritische Ökosystemdienstleistung, die für die Produktion der meisten Nutzpflanzen notwendig ist, einschließlich jener, die essentielle Mikronährstoffe liefern, und sie ist daher für die Ernährungssicherheit von elementarer Bedeutung“, heißt es in dem Artikel. Allein in den USA beläuft sich der Produktionswert von auf Bestäubung angewiesenen Nutzpflanzen auf über 50 Milliarden US-Dollar im Jahr. Das Schrumpfen der Bestände der Westlichen Honigbiene und ihrer wilden Verwandten bedeutet nicht nur Verluste für die Artenvielfalt, sondern auch für das Einkommen der Landwirte. Wenn die Bestände bestimmter Bestäuber abnehmen, sinken die Erträge aber nur, wenn es den Pflanzen auch an Bestäubung mangelt. Um mehr Informationen hierzu zu erhalten, ermittelten die Forscher daher für sieben Nutzpflanzen landesweit, ob die Bestäubungsleistung leidet. Im Rahmen eines von der Michigan State University koordinierten Projekts erhoben sie Daten zur Bestäubung und zum Ertrag von Äpfeln, Heidelbeeren, Süß- und Sauerkirschen, Mandeln, Wassermelonen und Kürbis. „Für jede Kulturpflanze wählten wir Studienfarmen in wirtschaftlich für die landesweite Produktion wichtigen Anbaugebieten dieser Kulturpflanzen aus, sodass diese Betriebe in Bezug auf Anbaubedingungen, Bestäubergemeinschaften und Betriebspraktiken repräsentativ für das Gros der Produktion waren“, erläutern die Autoren im Studiendesign.

Die Forscher fanden heraus, dass Äpfel, Süß- und Sauerkirschen sowie Heidelbeeren nachweislich beschränkt bestäubt werden, was darauf hindeutet, dass die Erträge derzeit niedriger sind, als sie sein könnten, wenn es mehr Bestäuber gäbe. Zudem stellten sie fest, dass Wild- und Honigbienen für die meisten Nutzpflanzen eine vergleichbare Bestäubungsleistung erbrachten, selbst in Regionen mit intensiver Landwirtschaft. Der Anteil der Besuche von Honigbienen oder Wildbienen war jedoch je nach Kulturpflanze unterschiedlich hoch. Wildbienen waren die häufigsten Besucher (74,6%) bei Kürbissen, ignorierten aber Mandelbäume komplett. Zudem waren sie bei Kirsche und Apfel stärker vertreten, bei Heidelbeere hingegen weniger. Die Studie beziffert auch den ökonomischen Wert von Honig- und Wildbienen basierend auf ihrem relativen Bestäubungsanteil. Die Forscher schätzten den Wert der Bestäubungsleistung von Honigbienen bei den untersuchten Nutzpflanzen auf jährlich 6,4 Milliarden Dollar, wobei allein 4,2 Milliarden auf die Mandelproduktion entfielen. Wildbienen schufen einen Produktionswert von 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr. „Auf nationaler Ebene schätzten wir den Wert der wilden Bestäuber am höchsten bei Äpfeln ein mit einem Wert von $1,06 Milliarden, mit einem erheblichen Wert auch bei Süßkirsche ($145 Millionen), Wassermelone ($146 Mio.), Kürbis ($101 Mio.), Heidelbeere ($50 Mio.) und Sauerkirsche ($32 Mio.)“, heißt es in der Studie. Den Wert, den wilde Bestäuber bei allen bestäuberabhängigen Nutzpflanzen schaffen, ist natürlich deutlich höher.

Die Studie legt nahe, dass die Erträge gesteigert werden könnten, wenn Praktiken angewandt würden, die zur Erhaltung und Vermehrung von Wildbienen beitragen, wie z.B. die Verbesserung der Lebensräume mit blühenden Bäumen, Sträuchern und Wildblumen, oder indem andere Bestäuber als nur Honigbienen zum Einsatz kommen. Auch höhere Investitionen in Honigbienenvölker wären eine Option. „Die Bewirtschaftung des Lebensraums für einheimische Bienenarten und/oder die Aufstockung des Honigbienenbestands würde die Bestäubungsrate erhöhen und könnte die Pflanzenproduktion steigern“, sagte Rachael Winfree. Damit die Felder weiterhin bestäubt werden, empfiehlt die Professorin den Landwirten, ihre Betriebe umzustellen, „sodass Wildbienen dort leben können“. Das könne durch den Verzicht von Pestiziden gelingen, die giftig für Bienen sind, sagte sie der Presseagentur AFP. Pestizide kommen in den USA jedoch in Mengen zum Einsatz. Die Studie gibt Daten wieder, wonach Betriebe in den USA jedes Jahr 9 Milliarden Dollar für Pestizide ausgeben. „In Fällen, in denen die Bestäubungsleistung begrenzt ist, wird es kaum einen Nutzen bringen, große Summen für die Schädlingsbekämpfung auszugeben“, betonen die Autoren. (ab)

23.07.2020 |

Wissenschaftler fordern mehr Agrarökologie für die Artenvielfalt

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Die Landwirtschaft birgt Bedrohung und Potenzial für die Artenvielfalt (Foto: CC0)

Die Bewahrung der Artenvielfalt kann nur mit einer nachhaltigen Landwirtschaft gelingen, betont ein Team von Wissenschaftlern am 20. Juli in der Fachzeitschrift „Nature Ecology and Evolution“ und fordert die Einbeziehung agrarökologischer Prinzipien in internationale Biodiversitätsstrategien. Dieses Thema steht im kommenden Jahr in China auf der Agenda, wenn sich die Staatengemeinschaft Covid-19-bedingt ein Jahr später als geplant zur 15. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) trifft, um das globale Biodiversitätsrahmenwerk für die Zeit nach 2020 zu verabschieden. Dieses soll konkrete Ziele enthalten, mit deren Hilfe die Artenvielfalt bewahrt werden soll. Die Forscher um Hauptautor Prof. Dr. Wanger von der Universität Göttingen fordern nun, agrarökologische Grundsätze in das Global Biodiversity Framework (GBF) aufzunehmen: „Wir plädieren dafür, dass Erhaltungsmaßnahmen in Agrarlandschaften, die auf agroökologischen Prinzipien beruhen (…), im GBF in den drei Aktionsziele für 2030 aufgenommen werden“, schreiben sie. Denn „es ist weithin anerkannt, dass es eines agrarökologischen Wandels bedarf, um nachhaltigere Ernährungssysteme zu erreichen.“ Mehr als 360 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt stimmen dieser Ansicht zu und haben den Artikel bereits unterzeichnet.

Die Autoren betonen zunächst die bedeutende Rolle der Landwirtschaft, die das Überleben der wachsenden Weltbevölkerung sichert und dafür mehr als ein Drittel der globalen Landmasse einnimmt. „Doch die Umwandlung naturnaher Lebensräume in landwirtschaftliche Nutzflächen und konventionelle landwirtschaftliche Bewirtschaftungsformen, einschließlich des starken Einsatzes von Agrochemikalien, haben negative Auswirkungen auf die biologische Vielfalt“, so die Verfasser. Die Landwirtschaft, so wie sie derzeit praktiziert wird, ist für die Gefährdung von rund 62% aller bedrohten Arten weltweit verantwortlich ist. Doch das muss nicht so sein: „Die Agrarökologie hat das Potenzial, die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft betreiben, zu verändern“, sagt Mitautor Prof. Dr. Teja Tscharntke von der Uni Göttingen. Bei entsprechender Gestaltung könnten Agrarlandschaften den Autoren zufolge sowohl die Ernährung sichern als auch Lebensräume für die biologische Vielfalt bieten, die Vernetzung zwischen Schutzgebieten fördern und die Fähigkeit der Arten erhöhen, auf Umweltbedrohungen zu reagieren. „Die Art und Weise wie wir künftig unser Land nutzen, wird mitentscheiden, ob wir den Verlust an biologischer Vielfalt stoppen können“, betont Prof. Josef Settele, Mitautor und Ko-Vorsitzender des Globalen Berichtes des Weltbiodiversitätsrates IPBES. „Aber die Landwirte allein können das nicht schaffen. Handlungsbedarf besteht für die Politik ebenso wie über die gesamte Versorgungskette – von der verarbeitenden Industrie über den Vertrieb bis hin zu den Verbrauchern.“

Von einer nachhaltigen und diversifizierten Landwirtschaft profitieren dem Artikel zufolge alle, vor allem aber auch die Landwirte. Zum einen verbessern diversifizierte Nutzungskonzepte landwirtschaftlicher Flächen die biologische Vielfalt und die Bestäubung und verringern die Auswirkungen von Krankheitserregern und Schädlingen. Zum andern bieten sie Landwirten eine erhöhte wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit, geringere Abhängigkeit von agrochemischen Betriebsmitteln und in Subsistenzsystemen vielfältigere und nahrhaftere Lebensmittel. Die häufig angeführten Ertragsunterschiede zwischen konventioneller und ökologischer Wirtschaftsweise könnten künftig durch neue Nutzpflanzensorten und kombinierte Anbausysteme weiter verringert werden. „Die Bedeutung der Agrarökologie für die Veränderung der Landwirtschaft und den Schutz der Biodiversität haben viele hochrangige Organisationen in Wissenschaft und Praxis anerkannt“, sagt Prof. Dr. Wanger. Der Artikel verweist für das Verständnis von Agrarökologie dabei vor allem auf einen Bericht des hochrangigen Expertengremiums (HLPE) des UN-Ausschusses für Welternährungssicherung (CFS) von 2019, der sich mit agrarökologischen und anderen innovativen Ansätzen befasst.

Doch um eine ökologische Landwirtschaft voranzubringen, sehen die Wissenschaftler noch die Notwendigkeit, die agrarökologische Forschung zu stärken und zu verändern. Dies sei nur durch weltweit koordinierte Maßnahmen möglich. Die Forschung zu Agrarökologie müsse sich von traditionellen Ansätzen verabschieden und sich zunehmend in globalen Forschungsnetzwerke unter Einbeziehung aller Stakeholder organisieren. Es sei wichtig, mit Landwirten, indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften zusammenzuarbeiten, sie zu unterstützen und auch ihr Wissen und ihre Sichtweisen einzubeziehen. Nur so könnten Maßnahmen definiert werden, die in der Praxis und im Großen und im Kleinen funktionieren. Zudem müssten politische Entscheidungsträger durch leicht zugängliche Beratung in die Lage versetzt werden, Veränderungen herbeizuführen, vor Ort innovative Systeme ins Leben zu rufen und sich dafür einzusetzen, dass Gelder für einen agrarökologischen Wandel bereitgestellt werden. Öffentliche und private Geldgeber müssten dafür gewonnen werden, langfristige Forschungsprogramme zu unterstützen, denn agrarökologische Maßnahmen benötigen einen längeren Zeitrahmen. „Wir hoffen, dass unsere umfassende Forschungsagenda dazu beitragen wird, den Weg zu einer nachhaltigen, diversifizierten Landwirtschaft und zur Erhaltung der Biodiversität in der Zukunft zu beschreiten“, unterstreicht Dr. Tscharntke. (ab)

14.07.2020 |

UN-Bericht: Zahl der Hungernden steigt das fünfte Jahr infolge

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Gesunde Lebensmittel - für viele Menschen unerschwinglich (Foto: CC0)

Rückschritte statt Fortschritte bei der Hungerbekämpfung vermeldet ein am 13. Juli von fünf UN-Organisationen veröffentlichter Bericht: 2019 hungerten weltweit 60 Millionen Menschen mehr als noch vor fünf Jahren. Zugleich sind rund um den Globus verschiedene Formen von Mangelernährung auf dem Vormarsch. „The State of Food Security and Nutrition in the World” (SOFI) schätzt die Zahl der Hungernden für 2019 auf 687,8 Millionen – fast jeder zehnte Mensch weltweit ist chronisch unterernährt. Dem aktuellen Bericht zufolge waren es im Vorjahr noch 678,1 Millionen Menschen. Seit fünf Jahren steigt die Zahl wieder und wenn sich dieser Trend fortsetzt, werden im Jahr 2030 rund 840 Millionen Menschen unterernährt sein, warnen die Experten. Die Folgen der Covid-19-Pandemie sind dabei noch gar nicht einkalkuliert: Bis zu 132 Millionen könnten 2020 dazukommen. Das Erreichen des 2. UN-Nachhaltigkeitsziels (SDG2), wonach bis 2030 Hunger und alle Formen der Mangelernährung besiegt sein sollten, rückt damit in weite Ferne. „Hunger ist das eine. Zudem musste eine wachsende Zahl von Menschen die Menge und Qualität der Lebensmittel, die sie zu sich nimmt, reduzieren“, schreiben die Leiter der Welternährungsorganisation FAO, des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung, des UN-Kinderhilfswerks UNICEF, des Welternährungsprogramms und der Weltgesundheitsorganisation im gemeinsamen Vorwort zum Bericht. Insgesamt hatten 2019 über 2 Milliarden Menschen keinen regelmäßigen Zugang zu sicherer, nahrhafter und ausreichender Nahrung. „ Die Lage könnte sich verschlimmern, wenn wir nicht umgehend und entschlossen handeln“, heißt es weiter.

Die im neusten SOFI-Bericht genannten 690 Millionen Hungernden liegen deutlich unter der in der vorigen Ausgabe für 2018 genannten Zahl von 821 Millionen Unterernährten. Dies liegt den Autoren zufolge an einer verbesserten Datengrundlage. Neue Daten zur Bevölkerungszahl, der Verfügbarkeit von Lebensmitteln und Angaben aus Haushaltsbefragungen ermöglichten für 13 Länder eine Überarbeitung der Schätzungen, darunter auch für China. Dort gelten nun weniger als 2,5% der Bevölkerung als unterernährt, während der Anteil ohne Überarbeitung der Methode auf knapp 10% gestiegen wäre. Da in China ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt, sinkt die absolute Zahl der Hungernden dadurch deutlich und auch rückwirkend bis zum Jahr 2000. „Obwohl China immer noch vor Herausforderungen in den Bereichen Ernährungssicherheit und Ernährung steht, hat es seit der letzten Aktualisierung beeindruckende wirtschaftliche und soziale Entwicklungsfortschritte erzielt, die in früheren Bewertungen nicht berücksichtigt wurden“, erläutern die Autoren. Am generellen Trend ändert die Überarbeitung jedoch nichts: Die Zahl der Hungernden steigt weiter.

Der Großteil der weltweit Hungernden lebt in Asien, doch in Afrika steigt die Zahl am schnellsten. Etwa 55,4% der Unterernährten oder 381 Millionen Menschen lebten 2019 in Asien, gefolgt von Afrika mit 250,3 Millionen (36,4%) und Lateinamerika und der Karibik mit 47,7 Millionen (6,9%). 2030 könnte Afrika mit 433 Millionen Unterernährten vor Asien mit 329 Millionen liegen. Auch der Anteil der chronisch Unterernährten an der wachsenden Weltbevölkerung steigt leicht an, von 8,6% im Jahr 2014 auf 8,9% in 2019. Die prozentual am stärksten von Unterernährung betroffene Region ist Afrika: Dort hungern fast 19,1% der Bevölkerung. Besonders besorgniserregend ist die Situation in Ostafrika, wo mehr als ein Viertel der Bevölkerung (27,2%) unterernährt ist. In Asien hungern 8,3% der Bevölkerung, während in Lateinamerika und der Karibik 7,4% der Menschen betroffen sind.

Der Bericht stellt auch fest, dass eine gesunde Ernährung, die Mangelernährung vorbeugen würde, für fast die Hälfte aller Menschen unerschwinglich ist. Die Kosten für eine gesunde Ernährung, die u.a. den Verzehr von mindestens 400g Obst und Gemüse am Tag beinhaltet, übersteigen die auf 1,90 US-Dollar pro Person und Tag festgesetzte internationale Armutsgrenze. Selbst der Preis für die billigsten gesunden Nahrungsmittel ist fünfmal höher als eine rein stärkebasierte Ernährung. Nährstoffreiche Milchprodukte, Obst, Gemüse und proteinreiche Nahrungsmittel (pflanzliche und tierische) gehören weltweit zu den teuersten Lebensmittelgruppen, betonen die Autoren. Den jüngsten Schätzungen nach können sich 3 Milliarden Menschen keine gesunde Ernährung leisten. In Subsahara-Afrika und Südasien gilt dies für 57% der Bevölkerung. „Es ist nicht hinnehmbar, dass sich in einer Welt, die genügend Nahrungsmittel produziert, um alle zu ernähren, mehr als 1,5 Milliarden Menschen keine Ernährung leisten können, die den erforderlichen Gehalt an essentiellen Nährstoffen enthält, und mehr als 3 Milliarden Menschen sich nicht einmal die billigste Form einer gesunden Ernährung leisten können. Menschen ohne Zugang zu gesunder Ernährung leben in allen Regionen der Welt; wir stehen also vor einem globalen Problem, das uns alle betrifft“, schreiben die UN-Organisationen. Der Bericht nennt auch finanzielle Argumente für eine weltweite Umstellung auf eine gesunde Ernährung. Denn die Investitionen dafür könnten durch Einsparungen bei den Gesundheitskosten, die mit ungesunder Ernährung zusammenhängen (2030 voraussichtlich 1,3 Billionen US-Dollar), fast vollständig wieder wettgemacht werden. Zudem ist eine gesündere Ernährung auch gut fürs Klima: Dadurch könnten die ernährungsbedingten sozialen Kosten der Treibhausgasemissionen, die für 2030 auf 1,7 Billionen US-Dollar geschätzt werden, um bis zu drei Viertel gesenkt werden. (ab)

10.07.2020 |

AGRA - leere Versprechungen für Afrikas Kleinbauern

Corn
Mehr Mais für Afrika? (Foto: bit.ly/AWanga, Anne Wangalachi/CIMMYT, bit.ly/3_CC_BY-NC-SA_2-0)

Im Jahr 2006 wurde die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA) von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und der Rockefeller-Stiftung aus der Taufe gehoben, um mithilfe der Landwirtschaft Hunger und Armut in Afrika zu verringern. Mit den Patentrezepten der Grünen Revolution – sprich kommerziellem Hochertragssaatgut, Pestiziden und synthetischen Düngemitteln – sollten die Einkommen von 20 Millionen kleinbäuerlichen Haushalten bis 2020 verdoppelt und die Ernährungsunsicherheit in 20 Ländern durch Produktivitätssteigerungen halbiert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, erhielt AGRA seither über eine Milliarde US Dollar – vor allem von der Gates-Stiftung, aber auch von der Bundesregierung. Die Ziele wurden nach und nach verändert: 2015 verkündete die Allianz, die Produktivität und die Einkommen von nun 30 Millionen kleinbäuerlichen Haushalten bis 2020 verdoppeln zu wollen. Heute ist auf der Webseite nur noch zu lesen, dass die Einkommen und die Ernährungssicherheit von 30 Millionen Kleinbauern in 11 afrikanischen Ländern bis 2021 „verbessert“ werden sollen. Doch eine heute von zivilgesellschaftlichen Organisationen veröffentlichte Studie zeigt, dass AGRA auf ganzer Linie gescheitert ist. 14 Jahre nach Gründung hungern 30% mehr Menschen in den 13 AGRA-Schwerpunktländern und das Verschuldungsrisiko für Kleinbauern hat sich erhöht. Zudem werden traditionelle klimaresistente und nährstoffreiche Nahrungsmittel verdrängt.

Die Studie „Falsche Versprechen“ überprüft den Erfolg von AGRA anhand der selbstgesteckten Ziele und wertet dafür öffentlich zugängliche Informationen aus und stellt eigene Recherchen an. Ein Großteil der Analyse basiert auf einer Studie, für die Wissenschaftler der Tufts University die Agrarproduktion, die Erträge und die Anbauflächen für die wichtigsten Nahrungsmittelpflanzen in den 13 AGRA-Hauptzielländern anhand von Länderdaten untersucht haben. Herangezogen wurden die aktuellsten Zahlen aus der Datenbank FAOSTAT der UN-Welternährungsorganisation (FAO) und das Dreijahresmittel 2016-18 wurde mit dem Zeitraum 2004-06 vor AGRA-Gründung verglichen. Die Bilanz fällt ernüchternd aus. Die anvisierte Verdoppelung der Erträge bei den Hauptanbaupflanzen von AGRA blieb weitgehend aus. In zwölf Jahren AGRA (2006–2018) hat sich die Maisproduktion in den 13 Hauptzielländern um 87% erhöht, doch zugleich wurden die Anbauflächen um 45% ausgeweitet, sodass die Produktivität beim Mais nur um 29% stieg. „Nur in Äthiopien, wo die Erträge um 73% stiegen, ist ein produktivitätsbedingtes Ertragswachstum sichtbar, wie es von der Grünen Revolution versprochen wurde“, heißt es in der Studie. Die führenden AGRA-Maisproduzenten weisen entweder nur ein sehr beschränktes Wachstum der Erträge auf (+7% in Nigeria, +15% in Tansania) oder gar einen Rückgang (-4% in Kenia). „Die Ergebnisse der Studie sind für AGRA und die Propheten der Grünen Revolution vernichtend“, sagt Jan Urhahn, Agrarexperte bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. „Die Ertragssteigerungen für wichtige Grundnahrungsmittel in den Jahren vor AGRA liegen auf einem fast identischen Niveau wie während der Implementierung der AGRA-Programme.“

Beim Ziel der Hungerbekämpfung fällt die Bilanz verheerend aus. Am 13. Juli wird die FAO ihren jährlichen Bericht zur Zahl der unterernährten Menschen weltweit vorlegen und einen erneuten Anstieg verkünden müssen. Gestützt auf die bisherigen Zahlen zeigt der Bericht, dass in den AGRA-Schwerpunktländern die Zahl der Menschen, die unter extremem Hunger leiden, seit 2004-06 von 100,5 Millionen sogar um 30% auf 130 Millionen in 2016-18 gestiegen sind. Vor allem in Nigeria und Uganda ist die Situation übel: Die Hungerzahlen haben sie sich mehr als verdoppelt. Nur in Äthiopien ist die Anzahl hungernder Menschen stark gesunken. Selbst in Sambia, wo die Erzeugung von Grundnahrungsmitteln stark zunahm, ist nur eine minimale Verringerung der ländlichen Armut oder des Hungers zu verzeichnen. „Statt den Hunger zu halbieren, hat sich seit dem Start von AGRA die Lage in den 13 Schwerpunktländern sogar verschlechtert“, sagt Urhahn. „Das ist ein Armutszeugnis für eine Initiative, die mit ihrem Narrativ der Grünen Revolution erheblichen Einfluss auf die Agrarpolitiken in vielen Ländern hat. Höchste Zeit AGRA nicht weiter auf den Leim zu gehen.“

Auch die Verdoppelung der Einkommen von 30 Millionen Kleinbauern ist nicht nachweisbar. Obwohl es aufgrund mangelnder Transparenz schwierig ist, genaue Informationen von AGRA zu bekommen, deuten deren Berichte auf eine sehr begrenzte Reichweite in Bezug auf die direkten Zielgruppen hin, heißt es in der Studie. Die jährlichen Länderberichte beziehen sich auf im Projekt „engagierte“ Bäuerinnen und Bauern, ohne genauer zu definieren, was damit gemeint sei. Die Studie zeigt hingegen, dass kleinbäuerliche Erzeuger einem hohen Verschuldungsrisiko ausgesetzt sind. In Sambia und Tansania konnten sie schon nach der ersten Ernte die Kredite für Dünger und Saatgut nicht zurückzahlen. „AGRA ist ein Teufelskreis, der kleinbäuerliche Erzeuger*innen immer weiter in die Armut treibt und dabei ihre natürlichen Lebensgrundlagen zerstört“, sagt die Landwirtschaftsexpertin Mutinta Nketani von der Organisation PELUM Sambia und Mitautorin der Studie. „Die Bäuerinnen und Bauern werden gedrängt, das teure Hybridsaatgut der Konzerne zu kaufen, das nur in Kombination mit Düngemitteln funktioniert, die sich die Menschen eigentlich gar nicht leisten können.“

Die Studie zeigt auf, dass AGRA-Projekte zudem die Wahlfreiheit kleinbäuerlicher Erzeuger einengen was die Auswahl der Anbauprodukte betrifft. Das hat fatale Folgen für die Vielfalt von Nahrungsmitteln: So ging die Hirseproduktion im AGRA-Zeitraum von 2006 bis 2018 in den 13 AGRA-Fokusländern um 24% zurück. Die Sorghum-Produktion nahm nur um 17% zu. In der Zeit vor AGRA wurde fast doppelt so viel Land für den Anbau von Hirse oder Sorghum genutzt wie für den Maisanbau. Trotz der großen Anpassungsfähigkeit an lokale Bedingungen vieler traditioneller Kulturpflanzen und ihrer Bedeutung für eine gesunde Ernährung und die Vermeidung von Mangelernährung dominiert nun der Maisanbau. In dieser Hinsicht untergraben AGRA und andere Programme der Grünen Revolution die Bemühungen von kleinbäuerlichen Produzenten, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Die Herausgeber der Studie fordern das Aus für den Ansatz der Grünen Revolution und eine stärkere Förderung der Agrarökologie. „Angesichts der Ergebnisse der Studie muss die Bundesregierung konsequent umsteuern und jede politische und finanzielle Unterstützung für AGRA unterlassen. Stattdessen sollte sie Agrarökologie und das Menschenrecht auf Nahrung als Kompass für ihre Politik nehmen“, fordert Lena Bassermann, Agrarexpertin von der Entwicklungsorganisation INKOTA. (ab)

30.06.2020 |

EPA-Moratorium beendet: Drohen weitere Patente auf Pflanzen und Tiere?

Salat
Keine Patente auf Salat (Foto: CC0)

Die Hoffnung auf ein eindeutig auslegbares Verbot von Patenten auf Pflanzen und Tiere aus konventioneller Züchtung in Europa hat einen Dämpfer erhalten. Im rechtlichen Theater am Europäischen Patentamt (EPA) in München, das mit der Vergabe dieser Patente regelmäßig für Empörung sorgte, folgt der nächste Akt: Präsident António Campinos hob Anfang Juni ein Moratorium zur Prüfung von Patenten auf Pflanzen und Tiere aus konventioneller Züchtung auf. Dieses war 2019 wegen eines Rechtstreits über die Patentierbarkeit von Pflanzen und Tieren, die nicht mithilfe von Gentechnik gezüchtet wurden, sondern mit herkömmlichen Verfahren – im Fachjargon „im Wesentlichen biologische Verfahren“ genannt – am EPA verhängt worden. Noch Mitte Mai urteilte die Große Beschwerdekammer, die höchste rechtliche Instanz des Patentamtes, in ihrer Stellungnahme „G3/19“, dass Pflanzen und Tiere aus „im Wesentlichen biologischen Züchtungsverfahren unter dem Europäischen Patentübereinkommen nicht patentierbar sind“. Nun heißt es in einer Mitteilung vom 3. Juni: „Der Präsident des EPA hat beschlossen, die Aussetzung von Verfahren mit Wirkung vom 15. Mai 2020 aufzuheben. Die betreffenden Verfahren werden schrittweise wieder aufgenommen.“ Nichtregierungsorganisationen fürchten nun eine neue Welle von Patenten auf Pflanzen und Tiere.

Deswegen appellieren jetzt rund 40 Organisationen an Bundesjustizministerin Christine Lambrecht, dem Hin und Her einen Riegel vorzuschieben. In einem Brief fordert das Bündnis „Keine Patente auf Saatgut!“ die Bundesregierung auf, ihren Platz im Verwaltungsrat des EPA zu nutzen und auf eine klare und korrekte Auslegung der Patentgesetze zu drängen. Zu den Unterzeichnern dieses Briefes gehören zahlreiche deutsche Organisationen von A wie Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) bis Z wie Zukunftsstiftung Landwirtschaft (ZSL). „Wir vertrauen darauf, dass Ministerin Lambrecht tatsächlich aktiv wird, bevor weitere strittige Patente erteilt werden. Dies entspricht nicht nur dem Inhalt des Koalitionsvertrages, sondern betrifft eine grundlegende Frage von Gerechtigkeit und Ethik“, kommentiert Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der AbL. „Das Patentrecht wird sonst dazu missbraucht, um sich Kontrolle über die Landwirtschaft und die Grundlagen unserer Ernährung zu verschaffen.“ Die Organisationen kritisieren, die Bundesregierung habe das Urteil der Großen Beschwerdekammer zwar begrüßt, aber keinerlei weitergehende Initiativen angekündigt.

Das Bündnis moniert, dass die Entscheidung des Präsidenten getroffen wurde, bevor alle entscheidenden Fragen geklärt wurden. Aktuell herrsche Unklarheit darüber, wie herkömmliche Zuchtverfahren definiert sind und es wurden weiterhin Patente auf Pflanzen erteilt, die nicht aus gentechnischen Verfahren, sondern aus zufälligen Prozessen hervorgegangen sind. Beispiele sind erteilte Patente auf Gerste und Bier der Firma Carlsberg, die auf zufälligen Mutationen beruhen, oder Patente auf konventionell gezüchteten Salat, Melonen, Zwiebeln und Tomaten. Patent EP2966992 erstreckt sich auf einen Salat, der auch bei höheren Temperaturen angebaut werden kann. Diese Eigenschaft beruht auf einer zufälligen Mutation im Erbgut und erleichtert die Anpassung an den Klimawandel. Die niederländische Saatgutfirma Rijk Zwaan Zaadteelt will sich diese Ansprüche sichern. „Wenn eine Firma exklusiv jene Eigenschaft in Händen hat, die den Anbau von Salat bei höheren Temperaturen ermöglicht, wird diese Firma in Zukunft bestimmen, welchen Salat wir anbauen und essen können und zu welchem Preis“, warnt Katherine Dolan, Expertin für Saatgutpolitik bei ARCHE NOAH. „Die EuropäerInnen wollen nicht, dass wichtige Kulturpflanzen patentierbar werden und dass die Vielfalt eingeschränkt wird“, so Dolan. „Die Botschaft ist beim EPA nicht angekommen. Also muss die Politik die Regeln des Patentsystems in die Hände nehmen.“

Die Unterzeichner des Briefes an Lambrecht warnen, dass wegen der fehlenden Rechtsklarheit das EPA den Spielraum habe, Patente auf natürliche Prozesse bzw. Zufallsmutationen zu erteilen. „Neben der Frage, wie ‚im Wesentlichen biologische Verfahren‘ definiert sind, betrifft das auch die Frage, wie der Patentschutz für gentechnische Verfahren so begrenzt werden kann, dass er sich nicht auch auf alle anderen Pflanzen und Tiere mit entsprechenden züchterischen Merkmalen erstreckt. Auch muss sichergestellt werden, dass jegliches Zuchtmaterial und jegliche herkömmliche Zuchtmethode, wie bestimmte Auswahlverfahren, tatsächlich von der Patentierung ausgenommen sind“, heißt es in dem Schreiben. Die Autoren fordern zudem eine Überprüfung, ob das Urteil G3/19 vom Mai konform mit dem Patentrecht ist. Denn vor Juli 2017 widerrechtlich erteilte Patente hätten weiterhin Bestand und angemeldete Patente auf herkömmlich gezüchtete Pflanzen und Tiere, deren Prüfergebnis aussteht, könnten noch erteilt werden. „Nach unserer Recherche könnten davon über 300 Patentanträge betroffen sein. Bisher galt dagegen die Regel, dass Patentanträge und Einspruchsverfahren nach der aktuellen Rechtsauslegung entschieden werden“, schreiben die Organisationen. (ab)

23.06.2020 |

FAO-Prognose fürs Pandemie-Jahr: Weniger Fleisch, mehr Getreide

Fleisch
Die Fleischproduktion sinkt 2020 (Foto: CC0)

Die Covid-19-Pandemie schlägt sich auch auf den Weltagrarmärkten nieder und wird 2020 zu einem Rückgang der globalen Fleischproduktion führen. Insgesamt ist der Agrar- und Lebensmittelsektor jedoch in Corona-Zeiten besser aufgestellt als während der Lebensmittelpreiskrise 2007-2008. Das geht aus einem Bericht der UN-Welternährungsorganisation (FAO) hervor, der am 11. Juni erschienen ist. Der „Food Outlook“ liefert Zahlen und Prognosen zu den meistgehandelten Agrarerzeugnissen, wie Getreide, Ölsaaten, Fleisch, Milchprodukte, Fisch und Zucker. „Die Folgen der Covid-19-Pandemie waren, in unterschiedlichem Ausmaß, in allen von der FAO bewerteten Lebensmittelsektoren spürbar. Obwohl Covid-19 eine ernsthafte Bedrohung für die Ernährungssicherheit darstellt, zeigt unsere Analyse insgesamt, dass sich die Agrarrohstoffmärkte aus globaler Sicht als widerstandsfähiger gegenüber der Pandemie erweisen als viele andere Sektoren. Angesichts der Größe der Herausforderung und der enormen Unsicherheiten, die damit verbunden sind, muss die internationale Gemeinschaft jedoch weiter wachsam und bereit sein, gegebenenfalls zu reagieren“, sagte der Leiter der FAO-Abteilung Handel und Märkte, Boubaker Ben-Belhassen.

Die Weltgetreideproduktion wird 2020 voraussichtlich auf 2,78 Milliarden Tonnen wachsen, ein Anstieg um 2,6% gegenüber dem bisherigen Rekordwert von 2,71 Milliarden Tonnen in 2019. Von den 2,68 Milliarden Tonnen Getreide, die 2019 verwendet wurden, dienten 43% oder 1,1 Milliarden Tonnen als Nahrungsmittel, während 36% an Tiere verfüttert wurde und 21% für andere Zwecke genutzt wurden, etwa für die Herstellung von Industrieprodukten oder Agrartreibstoffen. Die Produktion von Ölsaaten ließ 2019 nach, vor allem bei Soja und Raps. Die Sojaproduktion sank um 7,6% auf 337,9 Millionen Tonnen, da in den USA aufgrund widriger Wetterbedingungen deutlich weniger Soja angebaut wurde und die Erträge hinter den Erwartungen zurückblieben.

Die Weltfleischproduktion ging 2019 erstmals nach Jahren des Wachstums leicht zurück auf 338,9 Millionen Tonnen. Für 2020 erwartet die FAO einen erneuten Rückgang um 1,7% auf 333 Millionen Tonnen. Dies sei dem Einbrechen der Schweinebestände in China und anderen asiatischen Ländern geschuldet, wo die Afrikanische Schweinepest grassiert, sowie Marktstörungen infolge der Covid-19-Pandemie. „Eine Kombination aus COVID-19-bedingten wirtschaftlichen Notlagen, logistischen Engpässen und einem starken Nachfragerückgang im Lebensmittelsektor aufgrund der Lockdowns hat zu einem weltweiten Einbruch der Importnachfrage geführt“, schreiben die Experten. Das hat die Fleischpreise seit Januar um 8.6% einbrechen lassen. Da Restaurants und Caterer zeitweise kein Fleisch mehr benötigten, kam es zu einer Anhäufung von Fleischvorräten, wodurch die Exportverfügbarkeit erhöht wurde, obwohl die Fleischproduktion aufgrund des Arbeitskräftemangels in den Schlachthöfen, der Verarbeitung und Verpackung zurückging. Rein rechnerisch waren für jeden Menschen weltweit im Jahr 2018 noch 44,6 Kilo Fleisch verfügbar. Dieser Wert sank 2019 auf 43,6 Kilo und für das Jahr 2020 rechnet die FAO mit einem weiteren Absinken des Konsums auf 42,4 Kilo.

In einem Extrakapitel befasst sich der Bericht auch mit Parallelen und Unterschieden zwischen der aktuellen Corona-Pandemie und der Lebensmittelpreiskrise 2007-2009. Zunächst stellen die Autoren fest, dass es der Welt im Vergleich zur globalen Nahrungsmittelpreiskrise 2007-08 jetzt besser geht, da die Aussichten für die weltweite Nahrungsmittelproduktion positiv sind, die Nahrungsmittelpreise niedrig und die Lager gut gefüllt sind. Zu Beginn der Corona-Krise befanden sich die Bestände in den Getreidelagern mit 850 Millionen auf dem höchsten Stand seit Jahren und die Lager waren fast doppelt so gut gefüllt als 2007/08 mit 472 Millionen Tonnen. So sei man besser gegen Schocks gewappnet, wie etwa Extremwetterereignisse.

Doch obwohl es weltweit theoretisch genug Nahrung für alle gibt, hat sich der deutliche Rückgang des Wirtschaftswachstums aufgrund der Pandemie zu einem Problem entwickelt: Der Zugang zu Nahrungsmitteln sei für viele Menschen eingeschränkt und sie könnten sich nicht mit genügend und ausreichend nahrhaften Lebensmitteln versorgen. „Nicht alle Länder verfügen über die finanziellen Mittel, um die Auswirkungen der Pandemie zu bewältigen“, schreibt Josef Schmidhuber in dem Sonderfeature. Das gelte vor allem für die Länder, die in hohem Maße von Nahrungsmittelimporten abhängig sind. „Ebenfalls verwundbar sind schockanfällige Länder in Afrika südlich der Sahara, die von anderen Krisen wie Schädlingsbefällen und Krankheiten (Heuschrecken, afrikanische Schweinepest), ungünstigen Wetterbedingungen oder Sicherheitsproblemen (innere Unruhen) heimgesucht werden.“ Dort verlieren die Menschen ihre Einkommensmöglichkeiten und seien mit einer zunehmenden Bedrohung ihrer Lebensgrundlagen konfrontiert. Daher sei internationale Unterstützung unerlässlich, um die gefährdeten Bevölkerungsgruppen dieser Länder zu schützen und eine Verschärfung der Ernährungsunsicherheit zu vermeiden, schlussfolgert der Autor. (ab)

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