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15.04.2021 |

Zwei Szenarien für die Zukunft unserer Ernährungssysteme

Weg
Wohin geht die Reise? (Foto: CC0)

Wie wird sich die Welt im Jahr 2045 ernähren und Landwirtschaft betreiben? Bestimmen bald nur noch große Agrarkonzerne, Künstliche Intelligenz und digitale Technik, wie jeder Zentimeter Acker rund um den Globus bestellt wird, oder gelingt der Zivilgesellschaft eine Transformation unserer Agrar- und Ernährungssysteme? Mit dieser Frage befassen sich führende Expert*innen auf dem Gebiet in einem Bericht, der am 30. März erschien. „A Long Food Movement? Transforming Food Systems by 2045” ist der Titel der 176 Seiten starken Zukunftsvision, die mehrere Autor*innen und eine Beratergruppe erarbeiteten. Abgesegnet und herausgegeben haben den Bericht IPES-Food, ein internationales Expertengremium für nachhaltige Lebensmittelsysteme, und die kanadische ETC Group, die sich mit den sozioökonomischen und ökologischen Folgen neuer Technologien befasst. Die Zukunft kann für den Planeten, die Menschen und das Ernährungssystem ganz unterschiedlich aussehen, je nachdem, in welche Richtung wir gehen. Den aktuellen Trend sieht Hauptautor Pat Mooney von der ETC Group kritisch: „Die Schlüssel zu unserem Ernährungssystem werden gerade an Datenplattformen, Private-Equity-Firmen und E-Commerce-Giganten übergeben. Dies ist die Schreckensvision für die Zukunft unserer Ernährung und des Planeten – es sei denn, die Zivilgesellschaft wehrt sich.“

Im ersten Szenario beleuchten die Autor*innen unter dem Schlagwort ‘Agribusiness as usual?’, wie die Lebensmittelsysteme im Jahr 2045 aussehen könnten, wenn das Agribusiness ungehindert seine Ziele verfolgen kann. Agrarkonzerne würden dann die Ernährungssysteme dominieren, die Zerstörung der Umwelt würde sich beschleunigen und die Ernährungssicherheit von Milliarden Menschen könnte von unerprobten Technologien abhängen, die von gewinnorientierten Unternehmen verwaltet werden. Der Bericht widmet sich aktuellen Trends der technologischen Entwicklung und Unternehmenskonsolidierung, prognostiziert aber auch drei künftige Entwicklungen, die die Lebensmittelsysteme bis 2045 prägen könnten, wenn sich das Agrobusiness durchsetzt. Den ersten Trend nennen die Autor*innen „Präzisionsgesteuerte Ökosysteme und das Internet der landwirtschaftlichen Dinge“. Sie prognostizieren, dass Algorithmen die Wachstumsbedingungen jedes fruchtbaren Quadratmeters Erde genau bestimmen werden. Nutzpflanzen und -tiere werden für diese Bedingungen maßgeschneidert und verändert werden. Künstliche Intelligenz (KI) wird dann eingesetzt, um Ökosysteme so umzugestalten, dass sie eine optimale Leistung erbringen, und Robotertraktoren und Drohnen werden so schnell eingeführt, wie es die digitale Infrastruktur erlaubt.

Beim zweiten Trend geht es um „Logistikkorridore, Ressourcenkonflikte und die neue Datengeopolitik“: Künftig werden viele Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen gedrängt werden, Land, Ressourcen und Daten in die Hände jener zu legen, die diese Technologien liefern und bereit sind, Ernten im Voraus zu kaufen. Mächtige Konzerne und Regierungen werden Ressourcen und die Versorgung mit Nahrungsmitteln über riesige Wirtschaftskorridore kontrollieren. Die Freihandelsabkommen der 2020er und 2030er Jahre werden vor allem dazu dienen, Zugang zu Ressourcen und die Rechte von Unternehmen auf Datenverwertung zu sichern. Da Lebensmittel als strategischer Vorteil angesehen werden, droht eine neue Welle von Land-, Meeres- und Ressourcengrabbing. Beim dritten Trend („Extremes Nudging, personalisierte Ernährung und neue Grenzen bei der Gestaltung des Esserlebnisses“) stehen die Verbraucher im Fokus: Daten aus alltäglichen Transaktionen (digitale Geldbörsen bis hin zu automatisierten Lebensmitteldiensten) werden zunehmend mit online gesammelten Informationen kombiniert, um die Essgewohnheiten der Menschen zu tracken und manipulieren und so die Esskulturen neu zu gestalten.

Doch es gibt ja auch noch eine hoffnungsvollere Perspektive: Im zweiten Szenario unter dem Schlagwort ‚Civil Society As Unusual‘ stellen sich die Autor*innen eine Welt vor, in der es der Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen gelingt, Finanzströme, Governance-Strukturen und Ernährungssysteme von Grund auf zu verändern. Das würde voraussetzen, dass diese Bewegung – von Basisorganisationen bis zu internationalen NGOs, von Bauerngruppen bis hin zu Kooperativen und Gewerkschaften – in den nächsten 25 Jahren tiefere, breitere und effektivere Kooperationen als je zuvor entwickelt, die kollektive Aktivitäten und übergreifende Strategien beinhaltet. „Die Zivilgesellschaft und die sozialen Bewegungen müssen Jahrzehnte vorausdenken. Wir müssen auf künftige Schocks vorbereitet sein. Weder kurzfristige Aktionen noch langfristige Planung können warten. Deshalb brauchen wir eine langfristige Ernährungsbewegung“, sagte Lim Li Ching von Third World Network, die an dem Bericht mitgewirkt hat.

Dieses zweite Szenario umfasst vier miteinander verknüpfte Pfaden der Reform und Transformation der Ernährungssysteme: (1) Vielfalt, Agrarökologie und Menschenrechte als Basis der Ernährungssysteme (2) Transformation von Governance-Strukturen, (3) Veränderung der Finanzströme und (4) Überdenken der Art der Zusammenarbeit von NGOs. Die Autoren beschreiben außerdem 13 strategische Möglichkeiten innerhalb dieser Pfade, die auf dem beruhen, was bereits geschieht oder erreichbar ist. Zu den Schlüsselstrategien gehört die Umlenkung von Geldern, die bisher in die Subventionierung der Haupt-Agrarrohstoffe, Forschungsausgaben und Nischen-Budgetlinien fließen, hin zu kleinen Lebensmittelproduzent*innen. Um Gelder für Forschung und Entwicklung auf nachhaltige Ernährungssysteme umzulenken, müsste die „Ernährungsbewegung“ den Druck auf bilaterale Geber erhöhen, bei Forschungsprojekte im globalen Süden auf Agrarökologie zu setzen, die Mission der internationalen Agrarforschungszentren (CGIAR) neu auszurichten und ihre eigenen Agrarforschungsprogramme zu reformieren.

Zudem müsse der Wandel hin zu kürzeren Lieferketten und ethischem Konsum beschleunigt werden. Wenn die Lebensmittelbewegung Erfolg hat, würden im Jahr 2045 bis zu 50% der Lebensmittel aus lokalen und regionalen Lieferketten stammen. Die Autoren prognostizieren außerdem, dass bis zu 80% der Menschen in reicheren Bevölkerungsgruppen bis dann von einer fleischlastigen auf eine vegetarische oder flexitarische Ernährung umgestellt haben. Apps werden es den Verbrauchern ermöglichen, schnell und transparent festzustellen, ob ein Produkt aus nachhaltiger Produktion stammt oder von einem „Business-as-usual“-Konzern. Weitere Schlüsselstrategien sind die Erhebung von Steuern auf Junk Food, giftige Stoffe, CO2 und die Gewinne multinationaler Konzerne sowie das Ergreifen von Sofortmaßnahmen zur Ernährungssicherung, die Priorität haben vor Regeln für Handel oder zum Schutz geistigen Eigentums. Hungersnöte, Mangelernährung und Umweltzerstörung könnten 2045 als kriminelle Verstöße international geahndet werden.

Durch das Beschreiten dieser vier Pfade der von der Zivilgesellschaft angeführten Transformation des Lebensmittelsystems könnten insgesamt 4 Billionen US-Dollar von der industriellen Lebensmittelproduktion auf Ernährungssouveränität und Agrarökologie umgeschichtet werden. Eingerechnet sind hier $720 Milliarden an Subventionen für große Rohstoffproduzenten und 1,6 Billionen an Einsparungen im Gesundheitswesen durch ein hartes Vorgehen gegen Junk Food. Unter diesem Szenario würden 75% der Treibhausgasemissionen der Ernährungssysteme vermieden werden. „Die Zivilgesellschaft kann und muss sich verändern“, schlussfolgern die Autoren*innen. „Die Geschichte zeigt, dass sich Menschen fast über Nacht anpassen können, wenn sich die Notwendigkeit oder Gelegenheit ergibt. (...) Die gewaltigen Veränderungen, die die Gesellschaft durch die Anpassung an COVID-19 erfahren hat (...) zeigen, dass künftig alles möglich ist.“ (ab)

29.03.2021 |

Peak Meat: Fleischkonsum in Europa sinkt ab 2025

Burger
Veggie-Burger sind im Kommen (Foto: CC0)

Der Markt für pflanzliche Fleischersatzprodukte boomt und in Europa und Nordamerika könnte schon 2025 „Peak Meat“ erreicht sein – der Punkt, an dem der Konsum von tierischen Proteinen rückläufig sein wird. Dies hätte beträchtliche Vorteile für die Umwelt. Das geht aus einer Marktanalyse der Unternehmensberatung Boston Consulting Group und des Investment-Unternehmens Blue Horizon hervor, die am 23. März erschien. Demnach könnte der Markt für Alternativprodukte zu herkömmlichen Fleisch-, Milch-, Ei- und Fischerzeugnissen von aktuell 13 Millionen Tonnen pro Jahr auf 97 Millionen Tonnen in 2035 wachsen und würde so einen Marktanteil von 11% erreichen – gegenüber 2% im Jahr 2020. Sollte die technologische Entwicklung von Ersatzprodukten schneller voranschreiten und bessere Rahmenbedingungen entstehen, wie CO2-Steuern und eine Umschichtung von Subventionen, könnte der Anteil noch höher ausfallen. „Das letzte Domino-Steinchen könnte fallen, wenn der Gesetzgeber den Anstoß dazu gibt. Höhere Kohlenstoffpreise und die Unterstützung von Landwirten bei der Umstellung von der Tierhaltung auf alternative Eiweißquellen könnten den Verbrauch bis 2035 auf 22% ansteigen lassen“, heißt es in dem Papier. „Bei diesem Tempo würden Europa und Nordamerika bis 2025 den ‚Peak Meat‘ erreichen und der Verbrauch von tierischem Eiweiß würde dann in diesen Märkten tatsächlich zu sinken beginnen.“ In anderen Weltregionen würde sich der Konsum von Fleischprodukten zwar verlangsamen, aber noch nicht zurückgehen.

Den Marktexperten zufolge wird pflanzlichen Ersatzprodukten erst dann der Durchbruch gelingen, wenn sie dem Original das Wasser reichen können. „Proteinalternativen könnten dem tierischen Protein in puncto Geschmack, Textur und Preis bald entsprechen. Wir erwarten, dass das Gleichziehen eine neue Wachstumswelle auslösen wird und so den aktuell noch recht jungen Markt in den Mainstream katapultiert, was erhebliche Vorteile für die Umwelt mit sich bringt und ein noch schnelleres Wachstum ermöglicht“, sagt Benjamin Morach von der Boston Consulting Group. Für pflanzliche Alternativen wie Burger, Milchprodukte und Eiersatzprodukte auf Basis von Soja, Erbsen und anderen Proteinen könnte der Durchbruch 2023 oder früher anstehen, während Alternativen aus Mikroorganismen, wie Pilzen, Hefen und einzelligen Algen, 2025 perfektioniert sein könnten. Direkt aus tierischen Zellen gezüchtete Alternativen könnten 2032 an das Original heranreichen.

Die Umstellung auf pflanzliche Alternativen würde messbare, positive Auswirkungen auf die Umwelt haben und könnte einen Beitrag zum Erreichen mehrerer UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) leisten, wie nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster (SDG 11) und Kein Hunger (SDG 2). Allein der Umstieg auf pflanzliche Fleisch- und Eialternativen könnten bis 2035 mehr als eine Gigatonne CO2 einsparen. Das entspricht der Menge an Emissionen, die Japan in einem einzigen Jahr ausstößt. Im Vergleich zu tierischen Proteinen verursachen pflanzliche Ersatzprodukte nur ein Achtel der CO2-Menge, die für ein Kilo Hähnchenfleisch nötig ist. Für Eiersatz fällt nur ein Drittel der CO2-Menge an. Alternativen zu Rindfleisch verursachen nur ein Zwölftel und zu Schweinefleisch nur ein Neuntel der Emissionen. Der Umstieg auf pflanzliche Alternativen würde bis 2035 zudem 39 Milliarden Kubikmeter Wasser einsparen – damit könnte London 40 Jahre lang versorgt werden. Außerdem würden 240.000 Quadratkilometer Land frei werden, das bisher benötig wurde, um Tiere zu halten und ihre Futtermittel zu produzieren. Das ist eine Fläche so groß wie das Vereinigte Königreich. Durch das Freiwerden dieser Flächen in den nächsten 15 Jahren könnte die Artenvielfalt gesteigert werden, da einst intensiv genutzte Flächen wieder naturnaher gestaltet werden könnten.

Doch die Frage bleibt, wer vom Boom der Ersatzprodukte profitieren wird. Bereits heute sind es vor allem große Fleischkonzerne, die ihre Produktpalette um Ersatzprodukte erweitert haben oder, wie BCG es beschreibt, „sich selbst als ‚Protein‘-Unternehmen neudefinieren, ihre eigenen Ersatzprodukte herstellen und vermarkten.“ Der Markt für Alternativen zu Fleisch, Eiern, Milchprodukten und Fisch könnte bis 2035 auf 290 Milliarden US-Dollar anwachsen. Daher rührt auch das Interesse der Unternehmensberater an dem Thema. Die Proteintransformation nehme gerade erst Fahrt auf, heißt es in der Marktanalyse. „Das Spielfeld der alternativen Proteine ist weit offen und der Fortschritt ereignet sich schnell. Es besteht eine echte Chance für Investoren, die frühzeitig einsteigen, wichtige Akteure für die Zukunft der Ernährung zu werden.“ (ab)

22.03.2021 |

UN-Bericht: Wasser muss ein höherer Stellenwert zukommen

Wasser
Wasser - nicht wegzudenken aus der Landwirtschaft (Foto: CC0)

Es mangelt vielfach an Bewusstsein für den wahren Wert von Wasser, wodurch die kostbare Ressource weltweit viel zu oft als selbstverständlich angesehen, privatisiert, verschmutzt und verschwendet wird. Darauf macht der Weltwasserbericht 2021 aufmerksam, der anlässlich des Weltwassertages am 22. März veröffentlicht wurde. Der von der UNESCO im Auftrag der Vereinten Nationen verfasste Bericht betont, dass Wasser einen höheren Stellenwert erhalten müsse – und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis. Denn genau hier bestehe ein Missverhältnis: Es sei zwar das Bewusstsein vorhanden, dass sauberes Wasser die Grundlage für Gesundheit, Hygiene, Landwirtschaft und Industrie ist und sicheres Wasser und sanitäre Dienstleistungen ein Menschenrecht sind, doch im politischen Alltag fehlen Aufmerksamkeit und Investitionen für die Ressource. „In Sonntagsreden sind wir uns über den Wert des Wassers einig, im Alltag vergessen wir ihn. Man kann die Bedeutung von Wasser eben nicht mit dem Preis der Bereitstellung für Industrie, Landwirtschaft und Haushalte gleichsetzen. Vor allem muss auch berücksichtigt werden, welchen Wert Wasser für Ökosysteme und damit als menschliche Lebensgrundlage hat. Eine echte Transformation ist erforderlich“, fordert Ulla Burchardt, Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission. Das sei besonders wichtig vor dem Hintergrund von zunehmender Wasserknappheit, Bevölkerungswachstum und Klimawandel.

Der Bericht betont die Notwendigkeit, unsere Vorstellung vom „Wert“ von Wasser auszuweiten und ihn nicht mit „Preis“ oder „Kosten“ zu verwechseln. “Im herkömmlichen wirtschaftlichen Rechnungswesen, das für politische Entscheidungen oft die Grundlage bildet, wird der Wert von Wasser meist nur begrenzt anerkannt, da er häufig wie bei den meisten anderen Produkten durch die bei wirtschaftlichen Transaktionen anfallenden Preise und Kosten ermittelt wird“, heißt es in der deutschen Zusammenfassung des Berichts. „Im Fall von Wasser ist die Beziehung zwischen Preis und Wert jedoch alles andere als klar. Der den Verbrauchern in Rechnung gestellte Preis, falls es überhaupt einen Preis gibt, spiegelt meist den Versuch einer Kostendeckung wider, nicht den gelieferten Wert.“ Daher müssten umfassendere Ansätze der Bewertung entwickelt werden, die auch soziale und kulturelle Dimensionen einbeziehen. Das Defizit aktueller Werkzeuge und Methoden basiere oft auf dem rein ökonomischen Aspekt, doch dies hat den Nachteil, dass andere Aspekte oft unterschätzt oder gar außen vorgelassen werden, die schwer zu beziffern sind. „Wie können wir die Bedeutung von 443 Millionen Schultagen quantifizieren, die aufgrund von mit Wasser in Verbindung stehenden Krankheiten jedes Jahr verpasst werden?“, lautet eine der aufgeworfenen Fragen im Bericht. Der Weltwasserbericht wirbt daher dafür, den Wert von Wasser mit neuen Methoden zu bemessen, um eine bessere Grundlage für konkrete politische Entscheidungen zu erhalten.

Der Bericht stellt aktuelle Methoden und Ansätze zur Bewertung von Wasser in fünf miteinander verbundenen Perspektiven gruppiert vor: (1) Die Bewertung von Umwelt, Natur und Ökosystemen als Quelle von Wasser; (2) die Bewertung wasserwirtschaftlicher Infrastruktur, (3) die Bewertung von Wasserversorgung, Sanitärversorgung und Hygiene (WASH), (4) von Wasser für Ernährung und Landwirtschaft, Energie, Industrie und Gewerbe und (5) weitergehende soziokulturelle Werte von Wasser. Im Kapitel zu Ernährung und Landwirtschaft wird zunächst auf die Bedeutung von Wasser für diesen Bereich hingewiesen. Im weltweiten Schnitt verbraucht die Landwirtschaft 69% der Wasservorräte aus Flüssen, Seen und Grundwasserleitern. Da die Weltbevölkerung weiter wächst, bräuchte es bei unveränderten Trends 50% mehr Bewässerung in der Landwirtschaft bis 2050, doch dafür fehlt das Wasser. Vielerorts wird Wasser zudem ineffizient genutzt - einer der Hauptgründe für Umweltzerstörung, die sich in der Erschöpfung von Grundwasserleitern, der Verringerung des Abflusses von Flüssen, der Zerstörung von Lebensräumen für Wildtiere und Schadstoffbelastung niederschlage. Daher ist in der Landwirtschaft eine viel effizientere Wassernutzung nötig als bisher, was gerade auch eine andere Bewertung von Wasser erforderlich macht.

Dem Bericht zufolge gibt es verschiedene Bewirtschaftungsoptionen, um die vielfältigen Werte von Wasser für die Nahrungsmittelproduktion zu maximieren. Als Beispiele nennen die Autor*innen eine bessere Bewirtschaftung von regengespeisten Anbauflächen, die Bereitstellung von Wasser gerade aus naturnahen und nicht-konventionellen Quellen für die Bewässerung, die Verbesserung der Wassernutzungseffizienz, die Reduzierung der Nachfrage nach Nahrungsmitteln und des damit verbundenen Wasserverbrauchs sowie die Verbesserung des Wissens und des Verständnisses der Wassernutzung für die Nahrungsmittelproduktion. „Höhere Wassersicherheit für die Nahrungsmittelproduktion sowohl in regengespeisten als auch in bewässerten Systemen kann (…) dazu beitragen, Armut zu mindern und Geschlechtergleichstellung zu erreichen“, heißt es in der Zusammenfassung. „Zu den direkten Wirkmechanismen gehören höhere Erträge, ein geringeres Risiko von Ernteausfällen und eine größere Vielfalt des Anbaus, höhere Löhne durch verbesserte Beschäftigungsmöglichkeiten sowie vor Ort eine stabile Nahrungsmittelproduktion und -preise.“ Höhere, stabilere Einkommen tragen dazu bei, den Bildungserfolg und die Fähigkeiten von Frauen zu verbessern und damit ihre aktive Teilhabe an Entscheidungsprozessen zu fördern, so der Bericht. (ab)

19.03.2021 |

Klimaschutz: 450 NGOs fordern Stopp des EU-Mercosur-Abkommens

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Stoppt die Sojawüsten (Foto: CC0)

Am 19.3. ist globaler Klimastreik angesagt und die Bewegung Fridays For Future und Menschen weltweit protestieren wieder für mehr Klimaschutz. Doch schon im Vorfeld erhoben Nichtregierungsorganisationen ihre Stimme gegen einen Deal, der fatale Folgen für das Klima haben könnte: das geplante Handelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten. Ein Bündnis aus rund 450 europäischen und südamerikanischen Organisationen rief am Montag dazu auf, den Vertrag zu stoppen. „Die Ziele und Kernelemente dieses Abkommens stehen in direktem Widerspruch zu Klimaschutz, Ernährungssouveränität und der Wahrung von Menschenrechten und Tierschutz“, warnen sie in ihrer Erklärung „Stopp EU-Mercosur“. Am Montag fand zudem eine Protestaktion vor der Brasilianischen Botschaft in Berlin statt, bei der Vertreter*innen einiger der Organisationen mit Plakaten, Trecker und Sojaschrotsäcken auf die negativen Auswirkungen für Mensch und Umwelt aufmerksam machten, die das Abkommen mit sich bringen würde. Ein zentrales Ziel des Mercosurs ist es, die Importe von Fleisch, Soja und Ethanol in die EU zu erhöhen, während im Gegenzug die Exportbedingungen für die deutsche Automobilindustrie verbessert werden sollen. „Das EU-Mercosur-Abkommen ist ein Paradebeispiel für Klimazerstörung. Wer Autos für Rindfleisch tauscht, verdrängt Artensterben, Klimakrise und Menschenrechtsverletzungen“, kritisiert Ludwig Essig vom Umweltinstitut München.

Das geplante EU-Mercosur-Abkommen steht schon seit Langem auf beiden Seiten des Atlantiks in der Kritik. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Verhandlungen hatten sich im Sommer 2019 die Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay und die EU auf ein Freihandelsabkommen geeinigt, mit dem Zölle in Höhe von mehr als 4 Milliarden Euro pro Jahr wegfallen sollten. Zunächst müssen aber die EU-Regierungen und nationalen Parlamente die von der EU-Kommission ausgehandelte Einigung billigen. Doch hier werden Zweifel und Kritik laut, vor allem angesichts der problematischen Haltung von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro zu Klimaschutz und Menschenrechten und der Bilder von Brandrodungen im Amazonas. Österreich hat bereits sein Veto eingelegt, da das Freihandelsabkommen im Widerspruch zu den Zielen des Green Deal der EU und des Pariser Klimaabkommens stehe, und Vizekanzler und Grünen-Chef Werner Kogler bekräftigte dies Anfang März in einem Brief an die portugiesische EU-Präsidentschaft. Diese hingegen will die Ratifizierung des Abkommens bis Ende Juni abschließen.

Die Organisationen aus den Mercosur-Staaten und der EU, darunter auch knapp 50 Organisationen aus Deutschland, fordern dagegen einen Stopp des Handelsabkommens. Es gehöre zu einer überholten Handelspolitik des 20. Jahrhunderts, das den Planeten zerstört, und diene Konzerninteressen auf Kosten der planetarischen Grenzen, unhaltbarer sozialer Ungleichheiten und des Tierschutzes, erklären sie. Die NGOs befürchten, dass das Freihandelsabkommen die Artenvielfalt des Amazonas, des Cerrado und des Gran Chaco weiter beeinträchtigen wird. Wenn mehr Fleisch, Soja und Ethanol in die EU exportiert wird, drohe eine weitere Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes, der bereits jetzt durch Brände und Abholzungen bedroht ist. Doch nicht nur die Wälder sind in Gefahr: „Das Handelsabkommen wird sowohl in Europa als auch in Südamerika Lebensgrundlagen zerstören und Kleinbauernfamilien und Arbeiter in die Knie zwingen“, heißt es in der Erklärung. „Es erhöht den Handel mit Agrarrohstoffen auf der einen und den Handel mit umweltschädlichen Autos auf der anderen Seite, und stellt daher eine unmittelbare Bedrohung für Arbeitsplätze in den Mercosur-Ländern dar. Es führt die Pfadabhängigkeit der südamerikanischen Volkswirtschaften als billige Exporteure von Rohstoffen fort, die durch die Zerstörung lebenswichtiger natürlicher Ressourcen gewonnen werden, anstatt die Entwicklung gesunder, diversifizierter und widerstandsfähiger Ökonomien zu fördern.“

Die Organisationen warnen auch, dass die Ratifizierung des Abkommens ein verheerendes politisches Signal aussenden würde, dass schreckliche Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit den Lieferketten, die in diesem Abkommen angelegt sind, akzeptabel seien. Sven Hilbig, Handelsexperte von Brot für die Welt, fürchtet, dass das EU-Mercosur-Abkommen die Menschenrechtslage in Brasilien noch weiter verschärfen würde. „Besonders betroffen wären Indigene und Kleinbauern, die durch die Regierung Bolsonaro vertrieben werden, um Platz für Sojaanbau und Rohstoffausbeutung zu schaffen.“ Er verweist darauf, dass nach Einschätzung der Vereinten Nationen Menschenrechte in Brasilien bereits jetzt systematisch durch die Regierung Bolsonaro mit Füßen getreten werden. „Wenn die Friedensnobelpreisträgerin EU eine wertegeleitete Handelspolitik verfolgen will, darf dieses Abkommen nicht zustande kommen.“ Laut einer EU-weiten repräsentativen Umfrage von September 2020 sieht das offenbar auch die Mehrheit der Bevölkerung so: 75% der von YouGov Befragten äußerten, dass der Deal gestoppt werden müsse, wenn er zu Abholzungen und Umweltzerstörung führe. (ab)

12.03.2021 |

Bericht: Konzerne umgehen Verbot von Patenten auf konventionelle Züchtung

Saat
Ein kostbares Gut (Foto: CC0)

Saatgutkonzerne umgehen weiterhin das Verbot der Patentierung konventionell gezüchteter Pflanzen und Tiere, indem sie Schlupflöcher im europäischen Patentrecht geschickt ausnutzen. Das zeigt ein neuer Bericht des Bündnisses „Keine Patente auf Saatgut!“, der am 11. März in Berlin dem Bundesministerium für Justiz übergeben wurde. Und es ist nicht der erste Bericht, der diese Praxis dokumentiert.

Die Mitgliedsorganisationen forderten Bundesjustizministerin Christine Lambrecht auf, endlich Maßnahmen gegen die Patentierung von Pflanzen und Tieren zu ergreifen, wie dies im Koalitionsvertrag angekündigt wurde. „Patente auf Pflanzen und Tiere lehnen wir ab“, heißt es dort unmissverständlich. „In Europa sind Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere verboten. Eine entsprechende Regelung wurde 2020 von der Großen Beschwerdekammer, der höchsten rechtlichen Instanz des EPA, bestätigt“, heißt es in der Pressemitteilung von „Keine Patente auf Saatgut!“. Doch bei der Umsetzung dieser Verbote gebe es erhebliche Probleme: „Nach der gegenwärtigen Praxis werden auch Pflanzen mit zufälligen genetischen Veränderungen als patentierbare Erfindungen angesehen. Es gibt bereits zahlreiche Beispiele, die zeigen, wie rechtliche Schlupflöcher dazu genutzt wurden, um Patente auf Gerste und Bier, auf Melonen oder auch auf Salat aus konventioneller Züchtung zu erteilen.“

Für den neuen Bericht wurden Patentanträge auf Pflanzen im Bereich der konventionellen Züchtung unter die Lupe genommen, die bei der WIPO (Weltorganisation für geistiges Eigentum) gestellt und 2020 veröffentlicht wurden. Die Patente könnten vom Europäischen Patentamt (EPA) in den nächsten Jahren erteilt werden – unter anderem Patente auf Gurken, Tomaten, Brokkoli, Weizen, Sojabohnen und Melonen. Die Anträge kamen von großen Saatgutkonzernen wie BASF, KWS und Corteva (DowDupont). In den Patentanträgen werden die Grenzen zwischen konventioneller Züchtung und gentechnischen Eingriffen systematisch verwischt, beklagt „Keine Patente auf Saatgut!“. Patente, die auf gentechnisch veränderte Pflanzen (oder Tiere) erteilt werden, können sich so auch auf Pflanzen und Tiere erstrecken, die aus konventioneller Züchtung stammen und vergleichbare züchterische Eigenschaften aufweisen. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass in den letzten 10 Jahren rund hundert Patentanträge pro Jahr angemeldet wurden, die die konventionelle Züchtung betreffen. Aus den Zahlen zu Patenterteilungen im Bereich der Biotechnologie könne man ableiten, dass rund 30-50 Prozent der Anträge bewilligt werden, heißt es in der deutschen Zusammenfassung der Recherche. Einige dieser Patente könnten einige Dutzend oder auch über hundert Pflanzensorten betreffen.

„In Europa sind schon jetzt über tausend Sorten von entsprechenden Patenten betroffen. Werden diese Patente nicht gestoppt, kann das schwerwiegende Auswirkungen für Züchtung, Landwirtschaft und VerbraucherInnen haben“, sagt Christoph Then für „Keine Patente auf Saatgut!“. Die Patentinhaber können den Zugang zu den Pflanzen kontrollieren und behindern, der für die weitere Züchtung benötigt wird. Die Politik muss jetzt die Gefahr für die Zukunft unserer Ernährung abwenden.“ Auch Katherine Dolan von Arche Noah warnt: „Die Patentierung verschafft globalen Konzernen Monopolrechte auf die Grundlagen unserer Lebensmittel. Wenn es so weitergeht, werden bald nur wenige Konzerne bestimmen, was wir anbauen, kaufen und letztendlich essen dürfen und zu welchem Preis.“ Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), sieht die Bundesregierung in der Pflicht, nun endlich zu handeln. „Es ist Aufgabe der Politik, für klare Regeln zur Einhaltung der bestehenden Verbote zu sorgen. Die Bundesregierung hat nur noch wenige Monate Zeit, um hier im Sinne des Koalitionsvertrages für mehr rechtliche Klarheit zu sorgen“ und darauf hinzuwirken, die rechtlichen Schlupflöcher zu stopfen. „Konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere dürfen nicht länger patentiert werden!“, fordert Janßen. (ab, www.weltagrarbericht.de)

08.03.2021 |

Gleichberechtigung ist Schlüssel zur Ernährungssicherheit

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Doppelbelastung für Frauen in der Landwirtschaft (Foto: CC0)

Ohne die Gleichberechtigung von Frauen und Mädchen wird es bei der Hungerbekämpfung kaum Fortschritte geben. Ernährungsunsicherheit und Hungersnöte werden weiter bestehen und die Erholung von den Folgen der COVID-19-Pandemie wird ungleich ausfallen, wenn nicht mehr Frauen in ländlichen und städtischen Gebieten an Führungspositionen mit größerer Entscheidungsgewalt gelangen. Dies ist die Botschaft der drei UN-Ernährungsorganisationen anlässlich des Internationalen Frauentags. Das diesjährige Motto lautet entsprechend „Frauen in Führungspositionen: Das Erreichen einer gleichberechtigten Zukunft in einer COVID-19-Welt“. Die Leiter der Welternährungsorganisation (FAO), des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) und des Welternährungsprogramms (WFP) betonen, dass die COVID-19-Pandemie Frauen überproportional stark getroffen hat und bereits bestehende Verwundbarkeiten verschärft hat, da viele Frauen aufgrund der Krise geringere wirtschaftliche Möglichkeiten haben und schlechteren Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln, während gleichzeitig ihre Arbeitsbelastung gestiegen und geschlechtsspezifische Gewalt eskaliert ist. Die Stärkung von Frauen und Bäuerinnen ist daher wichtig, damit sie zur Erholung von der Pandemie beitragen können und es gelingt, Armut zu bekämpfen, die Produktivität zu steigern und die Ernährungssicherheit zu verbessern. „Frauen und Mädchen können eine entscheidende Rolle bei der Reaktion auf die COVID-19-Pandemie und insbesondere bei der Umgestaltung unserer Agrar- und Ernährungssysteme spielen“, sagte FAO-Generaldirektor QU Dongyu. „Wir müssen alle zusammenarbeiten, um die notwendigen Veränderungen anzustoßen, um Frauen und Mädchen zu stärken, gerade in ländlichen Gebieten.“

Ernährungssicherheit und Geschlechterungleichheit sind eng mit bereits im Kindesalter einsetzenden Benachteiligungen verbunden. In vielen Ländern erleben Jungen und Mädchen eine ganz unterschiedliche Kindheit, mahnen die UN-Organisationen. Jungen essen zuerst, bekommen mehr auf den Teller als ihre Schwestern, helfen weniger im Haushalt mit und heiraten später. Viele Mädchen werden schon in einem Alter verheiratet, in dem sie eigentlich noch die Schulbank drücken sollten. „Auf der Welt leben mehr als 1,1 Milliarden Mädchen unter 18 Jahren, die das Potenzial haben, die größte Generation von weiblichen Führungspersönlichkeiten, Unternehmerinnen und Verändererinnen zu werden, die je die Chance hatte, sich für eine bessere Zukunft einzusetzen. Dennoch sind Frauen und Mädchen nach wie vor mit hartnäckigen strukturellen Einschränkungen konfrontiert, die sie daran hindern, ihr Potenzial voll zu entfalten, und sowohl ihr Leben zu verbessern als auch in ihren Haushalten und Gemeinden positive Veränderungen zu bewirken“, so QU Dongyu weiter. „Aus unserer Arbeit auf der ganzen Welt wissen wir, dass die Hungerraten sinken, wenn Frauen und Mädchen einen besseren Zugang zu Informationen, Ressourcen und wirtschaftlichen Möglichkeiten erhalten und ihre eigenen Entscheidungen selbstbestimmt treffen können, und sich die Ernährung nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihre Familien, Gemeinden und Länder verbessert“, erklärt David Beasley, Exekutivdirektor des Welternährungsprogramms.

Mehr Mitbestimmung für Frauen ist besonders wichtig in ländlichen Gebieten in den Entwicklungsländern, wo die Stimmen der 1,7 Milliarden Frauen und Mädchen, die dort leben, oft überhört werden. 60% der Frauen in Südasien und Subsahara-Afrika arbeiten in der Landwirtschaft, doch sie haben weniger Zugang zu Ressourcen und Dienstleistungen als Männer – sei es zu Land, Finanzen, Schulungen, Betriebsmitteln oder Ausrüstung. Untersuchungen zufolge könnten Landwirtinnen, wenn sie den gleichen Zugang zu produktiven Ressourcen hätten wie Männer, die Erträge um 20 bis 30% und die gesamte landwirtschaftliche Produktion um 2,5 bis 4% steigern. Diese Menge würde ausreichen, um 100 bis 150 Millionen hungernde Menschen zu ernähren. Zusätzlich zu ihrer landwirtschaftlichen Arbeit tragen Frauen auch die Last der Hausarbeit und sind für die Versorgung ihrer Familien verantwortlich – Aufgaben, die während der COVID-19-Pandemie noch zugenommen haben. Zugleich sind Frauen stärker von den sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie betroffen. Viele haben ihre Existenz verloren oder ihr Einkommen hat sich drastisch verringert. „Es ist daher entscheidend, in Frauen auf dem Land zu investieren und sich dafür einzusetzen, dass sie eine führende Rolle spielen und stärker in die Gestaltung der Zeit nach der Pandemie einbezogen werden, damit ihre Perspektiven und Bedürfnisse angemessen berücksichtigt werden“, sagt IFAD-Präsident Gilbert F. Houngbo. Nur so sei es möglich, bessere Lebensmittelsysteme aufzubauen, in denen es einen gleichberechtigten Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln und eine angemessene Existenzgrundlage für alle gebe. (ab)

19.02.2021 |

Bio boomt: Anbaufläche, Zahl der Betriebe und Nachfrage wächst

Boom
Bio befindet sich im Aufwind (Foto: CC0)

Die Nachfrage nach Bioprodukten und die ökologisch bewirtschaftete Fläche steigt – in Deutschland und weltweit. Das zeigen neue Zahlen, die auf dem Mitte Februar virtuell stattfindenden Branchentreffen BIOFACH präsentiert wurden. Rund um den Globus wurden 2019 mehr als 72,3 Millionen Hektar Land ökologisch bewirtschaftet – ein Anstieg um 1,6% gegenüber dem Vorjahr. Das zeigt der Bericht „The World of Organic Agriculture“, der vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL und IFOAM – Organics International veröffentlicht wurde. Ausgewertet wurden Daten zum Ökolandbau in 187 Ländern. Die Bioanbaufläche nahm demnach 2019 um 1,1 Millionen Hektar zu. Das Länder-Ranking führt Australien mit einer absoluten Bioanbaufläche von 35,7 Millionen Hektar an, danach kommen Argentinien und Spanien mit 3,7 bzw. 2,4 Millionen Hektar. Die Hälfte der ökologisch bewirtschafteten Fläche (35,9 Millionen Hektar) liegt aufgrund des Spitzenreiters Australien in Ozeanien, gefolgt von Europa mit 16,5 Millionen (23%) und Lateinamerika mit 8,3 Millionen Hektar (11%). In allen Regionen nahm die Biolandwirtschaftsfläche zu mit Ausnahme von Asien, wo ein Flächenrückgang in China verzeichnet wurde.

Beim weltweiten Anteil des Ökolandbaus ist mit 1,5% natürlich noch deutlich Luft nach oben, doch einige Länder sind schon deutlich weiter: Liechtenstein liegt mit einem Bioanteil von 41% an der Gesamtfläche an der weltweiten Spitze vor Österreich (26,1%), São Tomé und Príncipe (24,9%), Estland (22,3%) und Schweden (20,4%). Die Spitzenposition haben einige der Länder vor allem auch einem hohen Anteil an ökologisch bewirtschaftetem Dauergrünland zu verdanken. Bei der ökologisch bewirtschafteten Ackerfläche liegt in Europa in absoluten Zahlen Frankreich vorne mit 1,3 Millionen Hektar, gefolgt von Italien mit 1 Million Hektar und Deutschland mit 700.000 Hektar. Weltweit gab es dem Bericht zufolge 2019 rund 3,1 Millionen Bioproduzenten. Davon sollen 1,36 Millionen in Indien, 210.353 in Uganda und 203.602 in Äthiopien leben. Die Autorinnen und Autoren verweisen jedoch darauf, dass die genauen Zahlen schwer zu ermitteln sind, da einige Länder nur die Anzahl der Unternehmen, Projekte oder Erzeugergemeinschaften melden, die jeweils viele einzelne Produzenten umfassen können, sodass die Gesamtzahl noch höher sein könnte. Etwa 51% der Bioproduzentinnen und -produzenten leben in Asien, während 27% in Afrika und 14% in Europa ackern.

Der globale Markt für Bioprodukte wird für 2019 auf umgerechnet 106 Milliarden Euro geschätzt. Hier sind die USA führend mit einem Umsatz von 44,7 Milliarden Euro, gefolgt von Deutschland mit 11,9, Frankreich mit 11,3 und China mit 8,5 Milliarden Euro. Der französische Markt für Bioprodukte legte am stärksten zu mit einem Plus von 13,4%. Den höchsten Anteil an Bioprodukten am Gesamtmarkt hingegen hat Dänemark mit 12,1%. In der Schweiz betrug der Marktanteil 10,4% und in Österreich 9,3%. Die Dänen und Schweizer griffen für Biolebensmittel am tiefsten in die Tasche mit 344 bzw. 338 Euro in 2019. „Das Jahrbuch spiegelt das weltweite Vertrauen der Menschen in den biologischen Landbau und dessen Bedeutung für die Ernährung, die Umwelt und eine nachhaltige Entwicklung herausragend wider“, sagte Knut Schmidtke, Direktor für Forschung, Extension & Innovation bei FiBL Schweiz. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie bilden die Zahlen noch nicht ab, doch COVID-19 hat in vielen Ländern zu einem deutlichen Anstieg der Nachfrage nach Bioprodukten geführt. „Wir erwarten, dass wir die Auswirkungen der Pandemie auf den Biosektor mit den Daten für 2020 sehen, die in einem Jahr vorliegen werden“, sagt Helga Willer, die für FiBL die Herausgabe des statistischen Jahrbuchs verantwortet.

Aktuellere Zahlen liefert der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) bereits für Deutschland. Hier vergrößerte sich die Öko-Fläche im Jahr 2020 um 84.930 Hektar auf 1.698.764 Hektar Biofläche – ein Zuwachs von 5,3% gegenüber 2019. In den letzten 5 Jahren haben mehr als 8.000 Betriebe hierzulande auf Bio umgestellt. Mittlerweile gibt es 35.413 Höfe in Deutschland, die ökologisch wirtschaften. Aktuell werden 10,2% aller Landwirtschaftsflächen von Bio-Bauern beackert. „Der Blick auf 2020 und die vergangenen Jahre zeigt: Das 25%-Bio-Ziel, das sich die EU bis 2030 mit der Farm to Fork-Strategie gesetzt hat, ist erreichbar“, sagte der BÖLW-Vorsitzende Felix Löwenstein. Damit in Zukunft genügend Unternehmen die Bio-Chance nutzen können, müsse die Politik die Signale aber entschieden auf Nachhaltigkeit stellen. Seitens der Verbraucher fiel das Signal in Coronazeiten deutlich aus: Der Bio-Markt wuchs 2020 auf insgesamt 14,99 Milliarden Euro – ein Plus von 22% gegenüber dem Vorjahr. Öko legte ungefähr doppelt so stark zu wie der Lebensmittelmarkt insgesamt. Der Bio-Anteil am gesamten Lebensmittelmarkt erhöhte sich 2020 vorläufigen Zahlen zufolge auf 6,4 %. Trotz der positiven Entwicklungen mahnt der BÖLW, dass immer noch viel zu tun sei, um den notwendigen Umbau der Landwirtschaft voranzubringen und all jenen Planungssicherheit zu geben, die sich für eine Umstellung auf Bio entscheiden. „Besonders bei der EU-Agrarpolitik, die mit Milliarden Euro bestimmt, welche Landwirtschaft sich lohnt, braucht es einen Kurswechsel. Mindestens 70% der Gelder müssen in freiwillige Umweltleistungen der Bäuerinnen und Bauern investiert werden“, fordert Löwenstein. (ab)

08.02.2021 |

UN: Artenschutz erfordert weniger Fleisch, nachhaltigere Landwirtschaft

GEmuese
Mehr Gemüse auf den Teller! (Foto: CC0)

Die Artenvielfalt schwindet schneller als je zuvor. Hauptursache ist die Art und Weise, wie die Menschheit sich ernährt und Lebensmittel produziert. Daher muss sich auf den Äckern und den Tellern schleunigst etwas ändern, mahnt ein Bericht der britischen Denkfabrik Chatham House, der vom UN-Umweltprogramm UNEP und der Tierschutzorganisation Compassion in World Farming unterstützt wird. Das am 3. Februar veröffentlichte Forschungspapier betont, dass es dringend einer Reform des Ernährungssystems bedarf, um den Verlust von Tier- und Pflanzenarten zu bremsen und die Zerstörung von Ökosystemen und Lebensräumen aufzuhalten. Die Autor*innen empfehlen drei miteinander verknüpfte Maßnahmen, um diese Transformation des Lebensmittelsystems voranzubringen: „Wir müssen die weltweiten Ernährungsgewohnheiten ändern, Land schützen und für die Natur zur Verfügung stellen und eine Landwirtschaft betreiben, die sich mehr im Einklang mit der Natur befindet und die Biodiversität fördert“, sagt Susan Gardner, Direktorin der UNEP-Abteilung für Ökosysteme. Die Ergebnisse der Studie wurden im Rahmen einer Online-Veranstaltung vorgestellt.

Das Artensterben beschleunigt sich weltweit, warnt der Bericht. Die Rate, mit der Tiere und Pflanzen schwinden, ist heute höher als im Schnitt der letzten 10 Millionen Jahre. Etwa ein Viertel der meisten Tier- und Pflanzenarten ist bereits vom Aussterben bedroht und etwa einer Million weiterer Arten droht dies innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Das globale Ernährungssystem trage die Hauptschuld: Allein die Landwirtschaft gefährde 24.000 der 28.000 vom Aussterben bedrohten Arten. In den letzten 50 Jahren war die Umwandlung natürlicher Ökosysteme für den Ackerbau oder für die Nutzung als Weideflächen Hauptursache für den Verlust von Lebensräumen. „Die größte Gefahr für die Artenvielfalt entstehen durch die Nutzbarmachung von Land – die Umwandlung natürlicher Lebensräume für die Landwirtschaft und die intensive Bewirtschaftung von Land – angetrieben durch die ökonomische Nachfrage nach immer kalorienreicheren, aber nährstoffarmen Nahrungsmitteln, die aus immer weniger im großen Stil angebauten Rohstoffen produziert werden“, sagt Hauptautor Professor Tim Benton, Forschungsdirektor bei Chatham House. „Diese Rohstoffe sind die Basis eines verschwenderischen Lebensmittelsystems, das uns nicht ernährt, die Biodiversität gefährdet und den Klimawandel anheizt.“ Das Lebensmittelsystem ist laut der Studie für etwa 30% der gesamten vom Menschen verursachten Emissionen verantwortlich. Problematisch sei auch, dass die derzeitige Agrarproduktion stark von externen Inputs wie Dünger, Pestiziden, Energie und Wasser abhängig sei sowie von nicht nachhaltigen Praktiken wie Monokulturen und starker Bodenbearbeitung.

Die Reform unseres Ernährungssystems sei daher unerlässlich, um das Artensterben aufzuhalten. Der Bericht nennt drei Hebel, an denen wir drehen können. Erstens müsse sich unsere Ernährungsweise ändern und zwar weg vom Fleisch hin zu einer stärker pflanzlichen Ernährung, da sich die Tierhaltung, so wie sie aktuell betrieben wird, negativ auf die Artenvielfalt, die Landnutzung und die Umwelt auswirkt. „Solch eine Umstellung würde sich auch positiv auf die Gesundheit der Menschen rund um den Globus auswirken und das Risiko von Pandemien verringern. Zudem müsse die globale Verschwendung von Lebensmitteln enorm verringert werden. Kombiniert würden diese Maßnahmen den Druck auf die Ressourcen, einschließlich Land, durch die Reduzierung der Nachfrage verringern“, schreiben die Autoren. Zweitens müsse Land besser geschützt und für die Natur reserviert werden. Am meisten profitiere die Artenvielfalt, wenn wir ganze Ökosysteme erhalten oder wiederherstellen. Deshalb muss die Umwandlung von Land für die Landwirtschaft vermieden werden. Eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten sei notwendig, um Ökosysteme zu schützen oder wiederherzustellen. „Land könnte durch die Umstellung auf eine weniger ressourcenintensive Ernährung tatsächlich eingespart werden“, erklären die Autor*innen. „Somit erfordert die Einsparung von Land nicht immer eine Intensivierung der landwirtschaftlichen Flächen andernorts, um dies zu kompensieren.“

Der dritte Hebel für die Transformation des Ernährungssystems sei der Übergang zu Formen der Lebensmittelproduktion, die Biodiversität fördern, mit weniger Input auskommen und Monokulturen durch Anbaumethoden mit mehreren Kulturen ersetzen. Der Bericht skizziert drei Wege dorthin: Effizienzsteigerung, Ersatz künstlicher Prozesse durch ökologische und Neugestaltung des Systems. Hier gehe es darum zu gewährleisten, dass genügend Nahrung produziert werde, während zugleich die Umweltbelastung verringert werde. Die Autor*innen räumen ein, dass das Konzept der „nachhaltigen Intensivierung“ umstritten sei und oft verwendet werde, um Praktiken zu beschreiben, die alles andere als nachhaltig seien. Eher in Richtung der eingeforderten Reform gehen die Vorschläge, die unter den dritten Weg fallen – der Umstieg auf Produktionsweisen, die Land und andere natürliche Ressourcen grundlegend anders nutzen, wie regenerative Anbaumethoden, der Ökolandbau, Agroforstwirtschaft oder extensive Nutztierhaltungssysteme. „Viele agrarökologische und regenerative Anbausysteme, wie der Ökolandbau, sind von Natur aus vielfältiger und setzen auf Mischkulturen und Fruchtfolgen“, heißt es im Bericht. „Im Allgemeinen bedeutet die Beziehung zwischen Ertrag und Biodiversität, dass solche Systeme tendenziell ertragsärmer sind als die intensive Landwirtschaft.“ Daher führe auch hier kein Weg daran vorbei, dass der Fleischkonsum reduziert werden muss und der Lebensmittelverschwendung Einhalt geboten werden müsse.

Die drei Hebel greifen also ineinander und ohne eine Ernährungsumstellung gehe es nicht. Je schneller und entschlossener diese angegangen werden, desto mehr Spielraum biete sich bei den anderen beiden Hebeln. „Die Zukunft der Landwirtschaft muss naturfreundlich und regenerativ sein, und unsere Ernährung muss pflanzenbasierter, gesünder und nachhaltiger werden“, bringt es Philip Lymbery, Geschäftsführer von Compassion in World Farming, auf den Punkt. Der Bericht enthält auch Empfehlungen für Entscheidungsträger bereit, um die Reform des Ernährungssystems umzusetzen, denn das Jahr 2021 biete mit einer Vielzahl an anstehenden hochrangigen Treffen zu den Themen Ernährung, Klima und Biodiversität beste Chancen dafür, den Wandel auf den Weg zu bringen. Ein Beispiel sei der UN-Gipfel zu Ernährungssystemen (United Nations Food Systems Summit - UNFSS) in diesem Jahr. „Im Jahr 2021 bietet sich eine einzigartige Gelegenheit für die Neugestaltung des Lebensmittelsystems“, lautet der optimistische Appell der Herausgeber. (ab)

29.01.2021 |

Weniger Betriebe, größere Fläche, höhere Tierbestände

Landwirtschaft
Die Zahl der kleinen Betriebe sinkt (Foto: CC0)

Immer weniger Landwirtschaftsbetriebe bewirtschaften immer größere Flächen in Deutschland. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Betriebe um 13% gesunken, während die durchschnittliche Hofgröße mit 63 Hektar einen Höchststand erreichte. Besonders viele tierhaltende Betriebe mussten in den letzten zehn Jahren aufgegeben, darunter fast die Hälfte aller Schweinehalter und 40% der Milchbetriebe. Das geht aus der Landwirtschaftszählung 2020 hervor, deren erste Ergebnisse am 21. Januar in Wiesbaden von den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder präsentiert wurden. Demnach sank die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe von 299.100 Betrieben im Jahr 2010 auf nun 263.500, während die landwirtschaftlich genutzte Fläche mit 16,6 Millionen Hektar fast konstant blieb. „Diesem fortlaufenden Rückgang der Betriebszahlen steht ein Anstieg der durchschnittlichen Betriebsgröße entgegen. Bewirtschaftete ein landwirtschaftlicher Betrieb 2010 noch durchschnittlich 56 Hektar Fläche, erhöhte sich diese Fläche in 2020 auf etwa 63 Hektar“, heißt es in einem Statement zur Pressekonferenz. „Damit sind die Betriebe so groß wie nie“, sagte Christoph Unger, Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes. „Entgegen dem Bundestrend geht die durchschnittliche Betriebsgröße in Ostdeutschland jedoch leicht zurück, unter anderem deshalb, weil neue beziehungsweise ausgegründete Betriebe eher geringere Betriebsgrößen aufweisen.“ Da die Erhebungszeiträume vor März 2020 lagen, habe die Corona-Pandemie keinen Einfluss auf die Ergebnisse.

Es gibt in Deutschland immer weniger kleine Höfe. Zwar bewirtschaftet mit 86% noch immer der Großteil der landwirtschaftlichen Betriebe (ca. 225.400 Betriebe) eine Fläche bis maximal 100 Hektar und 45% aller Betriebe haben nicht mehr als 20 Hektar zur Verfügung. Doch 2010 verfügten noch 88,8% der Betriebe über maximal 100 Hektar und damit 40.200 Betriebe mehr. Dagegen stieg die Zahl der Betriebe mit einer landwirtschaftlich genutzten Fläche von über 100 Hektar seit 2010 um etwa 4.500 auf rund 38.100 Betriebe an. Damit bewirtschaften 14% aller Betriebe 62% der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland. Immerhin bremste sich die Geschwindigkeit des Strukturwandels zuletzt leicht ab: Verschwanden zwischen 2010 und 2016 noch jährlich 4000 Betriebe von der Bildfläche, waren es im Zeitraum 2016-2020 „nur“ noch etwa 3.000 Betriebe im Jahr und die Flächenzunahme sank von 0,8 Hektar pro Betrieb auf 0,6 Hektar. Besonders in der Tierhaltung ist der Trend zu immer größeren Betrieben mit höheren Tierbeständen erkennbar, während die Zahl der Betriebe enorm sinkt. Seit 2010 sank der Schweinebestand hierzulande gerade einmal um 4%, während 47% der Schweinehalter aufgaben. Das bedeutet, dass immer mehr Schweine in immer größeren Betrieben gehalten werden: 2010 waren es noch 459 Schweine pro Betrieb, 2020 mit durchschnittlich 827 Schweinen fast doppelt so viel. Die Zahl der Milchviehbetriebe ging im letzten Jahrzehnt um 40% auf 54.100 Betriebe zurück, während der Tierbestand um lediglich 5% abnahm.

Und auch das Bild, das sich in den tierhaltenden Betrieben bietet, ändert sich immer mehr. Die Spezialisierung der verbleibenden Betriebe schreitet voran, vor allem in der Geflügel- und Schweinehaltung. In 10.000 Betrieben wird ausschließlich Geflügel gehalten, doch sie vereinen 70% des gesamten Bestandes auf sich. Das gilt auch für die Schweinehaltung, wo rund 14.200 Betriebe nur noch Schweine halten und zwar 72% des gesamten deutschen Schweinebestands. Was die Haltungsform anbelangt so stieg in der Schweinehaltung der Anteil der Ställe mit Vollspaltenboden von 67% im Jahr 2010 auf 79% im vergangenen Jahr. Bei den Rindern hingegen wurde die Laufstallhaltung von 75% auf 83% ausgebaut. Nur noch 10% aller Haltungsplätze befanden sich 2020 in Ställen mit Anbindehaltung. In der Legehennenhaltung nahmen Freiland- und Bodenhaltung zu, während nur noch 4% aller Plätze auf die Käfighaltung entfallen. Ein wesentlicher Grund hierfür liegt im Verbot und der nahenden Auslauffrist dieser Haltungsform im Jahr 2025, so Destatis.

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes befassen sich auch mit dem Ökolandbau. Demnach hält der Trend zur Umstellung weiter an. Im Jahr 2020 wirtschafteten knapp 26.400 Betriebe bzw. 10% aller Betriebe nach den Regeln des ökologischen Landbaus. Seit 2010 hat ihre Zahl um 60% bzw. 9.900 Betriebe zugenommen. Die ökologisch bewirtschaftete Fläche wuchs um 69% auf 1,6 Millionen Hektar in 2020. Dennoch ist der Anteil der Ökofläche an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche mit 9,6% immer noch meilenweit von den Zielen der Bundesregierung entfernt, den Flächenanteil auf 20% bis 2030 zu erhöhen. Die Zahl der Betriebe mit ökologischer Tierhaltung ist in den letzten zehn Jahren um 43% gestiegen, doch nur 10% aller tierhaltenden Betriebe sind Bio-Betriebe. Beim Geflügel liegt der Anteil nur bei 5% und bei Schweinen gerade einmal bei 1%. In einer am 20. Januar veröffentlichen Bio-Bilanz zog der Bio-Dachverband Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) ein kritisches Fazit zum Abschneiden der Bundesregierung. „Die Bundesregierung hat mit dem Ziel ‚20% Bio bis 2030‘ klargemacht: Es braucht eine starke Ökologische Lebensmittelwirtschaft, um all die drängenden Probleme anzugehen“, sagte BÖLW-Vorsitzender, Felix Prinz zu Löwenstein. „Aber mit einer zukunftsfähigen Agrar- und Ernährungspolitik abzusichern, dass mehr Bauern und Lebensmittelbetriebe auf Öko umstellen können, das fehlt. Ebenso fehlt die Bereitschaft, alle Politikinstrumente, wie die Beschaffung durch die öffentliche Hand oder den Ausbau der Forschung, auf das Bio-Ziel auszurichten.“ (ab)

25.01.2021 |

Oxfam: Corona macht die Welt noch ungleicher

Slum
Die Ungleichheit verstärkt sich (Foto: CC0)

Die Covid-19-Pandemie hat die soziale Ungleichheit weltweit noch weiter verschärft: Während die 1.000 reichsten Menschen des Planeten ihre coronabedingten Verluste in gerade einmal neun Monaten wieder wettmachten, werden die Ärmsten auch in einem Jahrzehnt noch an den ökonomischen Folgen der Pandemie leiden. Das prognostiziert die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam in einem neuen Bericht, der im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums veröffentlicht wurde, bei dem sich dieses Jahr die Reichen und Mächtigen nur online ein Stelldichein geben. Gleich verteilt ist lediglich, dass als Folge der Corona-Pandemie die wirtschaftliche Ungleichheit erstmals in fast allen Ländern der Welt gleichzeitig anzusteigen droht. Wen es aber trifft und wie heftig, das ist wieder einmal höchst ungleich verteilt. Die Milliardäre dieser Welt profitieren sogar trotz der Pandemie, während die Ärmsten noch weiter abgehängt werden. „Die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich erweist sich als ebenso tödlich wie das Virus“, sagt Tobias Hauschild, Leiter des Teams „Soziale Gerechtigkeit” von Oxfam Deutschland. Während „einige Wenige die Pandemie im Luxus überstehen“, kämpfe über die Hälfte der Menschheit darum, „ihre Rechnungen zu bezahlen und Essen auf den Tisch zu bringen“.

Für den englischen Bericht, zu dem es die deutsche Kurzversion „Das Ungleichheitsvirus“ gibt, hat Oxfam 295 Ökonom*innen aus 79 Ländern befragen lassen, darunter führende Ungleichheitsforscher wie Jeffrey Sachs, Jayati Ghosh und Gabriel Zucman. Insgesamt gehen 87% der Befragten davon aus, dass die Einkommensungleichheit in ihrem Land infolge der Pandemie zunehmen oder stark zunehmen wird. Mehr als die Hälfte befürchtet, dass die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich zunehmen wird. Besonders alarmierend ist, dass zwei Drittel der Ökonom*innen der Ansicht sind, dass ihre Regierung keine Strategie zur Bekämpfung der Ungleichheit habe. Laut dem Bericht hat die Corona-Krise im Globalen Süden zu einem extremen Anstieg des Hungers geführt. Schätzungen zufolge starben bis Ende 2020 jeden Tag mindestens 6.000 Menschen an Hunger, der durch die Folgen der Krise verursacht wurde. So droht die Pandemie, die in den vergangenen Jahrzehnten mühsam erzielten Erfolge bei der Armutsbekämpfung zunichte zu machen. Schon vor Pandemiebeginn musste fast die Hälfte der Menschheit mit weniger als $5,50 am Tag auskommen und gilt damit nach der erweiterten Definition der Weltbank als arm. Die Gesamtzahl dieser Menschen könnte allein im Jahr 2020 noch um 200-500 Millionen gestiegen sein und noch 2030 über dem Vorkrisenniveau liegen. Gut zwei Drittel der Menschen, die aufgrund der Krise verarmen, leben in Süd- und Ostasien sowie der Pazifikregion.

Besonders betroffen von der Krise sind die Menschen, die ohnehin häufig mit Diskriminierung und Ungleichheit zu kämpfen haben. „Menschen in Armut sind dem Corona-Virus am stärksten ausgesetzt. Sie leben häufiger in beengten Verhältnissen, teilweise ohne Wasser und sanitäre Einrichtungen. Viele, insbesondere im informellen Sektor Tätige, können nicht von zu Hause aus arbeiten“, heißt es in der Zusammenfassung. Studien aus Großbritannien zeigten außerdem, dass die Todesrate von an COVID-19 erkrankten Menschen in einkommensschwachen Gegenden doppelt so hoch ist wie in wohlhabenden. Ähnliche Ergebnisse liegen auch für Frankreich, Spanien und Indien vor. Frauen sind wieder einmal am stärksten betroffen, beklagt Oxfam. In den Sektoren, in denen durch die Pandemie besonders hohe Einkommens- und Arbeitsplatzverluste drohen, z.B. in der Gastronomie oder im Büromanagement, sind 49% der berufstätigen Frauen beschäftigt, aber nur 40% der Männer. Frauen stellen weltweit auch etwa 70% der Arbeitskräfte im Gesundheits- und Sozialwesen – wichtige, aber meist schlecht bezahlte Jobs, in denen das Ansteckungsrisiko größer ist. Auch die Hautfarbe hat Einfluss auf das Risiko, an Corona zu erkranken oder zu sterben. In Brasilien etwa ist die Gefahr, an COVID-19 zu sterben, für Menschen mit dunkler Hautfarbe um 40% höher als für weiße Menschen. Auch in den USA sterben weniger Weiße an dem Virus.

Während die Welt die schlimmste Jobkrise seit über 90 Jahren erlebt und Hunderte Millionen ihr Einkommen oder ihre Arbeit verloren haben, hat sich für die Reichsten die Corona-Krise oft schon wieder ausgezahlt: Das Vermögen der (im Dezember 2020) zehn reichsten Männer der Welt ist seit Februar 2019 um fast eine halbe Billion US-Dollar auf $1,12 Billionen gestiegen. Mit diesem Gewinn könnte man die gesamte Weltbevölkerung gegen Covid-19 impfen und sicherstellen, dass niemand durch die Pandemie verarmt, hat Oxfam berechnet. Die drei derzeit reichsten Milliardäre verzeichneten in diesem Zeitraum exorbitante Zuwächse: Elon Musk $131 Milliarden, Jeff Bezos $60 Milliarden und Bernard Arnault $76 Milliarden. Die zehn reichsten Deutschen konnte Ende 2020 ihr Gesamtvermögen gegenüber Februar 2019 um 35% bzw. $62,7 Milliarden steigern. „Konzerne und Superreiche müssen jetzt ihren fairen Beitrag leisten, um die Krise zu bewältigen“, fordert Hausschild. „Aber das reicht nicht aus. Unternehmen, Märkte und Politik sind weltweit so gestaltet, dass kurzfristige Gewinninteressen zu oft über das Gemeinwohl triumphieren. Auf der Strecke bleiben Arbeitsschutz, Löhne und Menschenrechte. Diese zerstörerische Logik müssen wir umdrehen, doch mächtige Wirtschaftsinteressen verhindern bislang den nötigen Wandel.“

Oxfam fordert daher stärkere Unterstützung von Menschen in Armut und die Ausrichtung der Wirtschaft am Gemeinwohl. „Unternehmen müssen so reguliert werden, dass die Interessen aller von Unternehmensentscheidungen Betroffenen berücksichtigt werden“, heißt es in der Pressemitteilung. Es brauche ein effektives, gemeinwohlorientiertes Kartellrecht und sektorspezifische Regulierungen, die eine gerechte Verteilung von Gewinnen innerhalb der Lieferkette und die Einhaltung fairer Handelspraktiken sicherstellen. Gemeinwohlorientierte Unternehmen müssten besonders gefördert werden, etwa durch Bevorzugung bei öffentlicher Beschaffung und Wirtschaftshilfen. Auch am Steuersystem müsse gedreht werden: Kurzfristig müssen Unternehmen und Superreiche angemessen an der Finanzierung des Gemeinwesens beteiligt. Die Steuergelder werden dringend benötigt, um gerade in Ländern des Globalen Südens Menschen in Armut zu unterstützen und öffentlich finanzierte Systeme für Bildung, Gesundheit und soziale Sicherung auszubauen. Hätte man die Extragewinne der 32 globalen Konzerne, die 2020 trotz Pandemie die größten Zuwächse hatten, einmalig besteuert, wären 104 Milliarden US-Dollar zusätzlich verfügbar gewesen. (ab)

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