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14.10.2021 |

Welthungerindex offenbart Rückschritte bei der Hungerbekämpfung

WHI Karte
Welthunger-Index 2021 © Welthungerhilfe

Die weltweite Ernährungslage ist besorgniserregend und beim Kampf gegen den Hunger sind herbe Rückschläge zu verzeichnen. Das zeigt der Welthunger-Index (WHI) 2021, der am Donnerstag von der Welthungerhilfe präsentiert wurde. Langwierige gewaltsame Konflikte, die Auswirkungen des Klimawandels und die Corona-Pandemie haben dazu beigetragen, dass die Welt bei der Hungerbekämpfung deutlich vom Kurs abgekommen ist und das Ziel, den Hunger bis 2030 weltweit zu beseitigen, voraussichtlich verfehlen wird. Weltweit hungern nach UN-Angaben etwa 811 Millionen Menschen und 41 Millionen leben am Rande einer Hungersnot. „Unsere Befürchtungen im letzten Jahr haben sich leider bestätigt. Hungersnöte sind zurück und multiple Krisen lassen die Zahl der Hungernden immer weiter steigen. Die Corona-Pandemie hat die angespannte Ernährungslage in vielen Ländern des Südens noch einmal verschärft und Millionen Familien haben ihre Existenzgrundlage verloren. Die größten Hungertreiber bleiben aber Konflikte und der Klimawandel. Die Ärmsten und Schwächsten werden von den Folgen des Klimawandels besonders hart getroffen, obwohl sie am wenigsten dazu beitragen“, sagte Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe.

Der Welthunger-Index wird jedes Jahr von der Welthungerhilfe und Concern Worldwide herausgegeben. Die diesjährige Ausgabe wertete Daten zur Ernährungslage von 135 Ländern aus und fasst im Index vier Indikatoren zusammen: Der Anteil der Unterernährten an der Bevölkerung gemessen an der Deckung des Kalorienbedarfs, den Anteil von Kindern unter fünf Jahren, die an Auszehrung leiden (zu niedriges Gewicht im Verhältnis zur Körpergröße) oder die wachstumsverzögert sind (zu geringe Körpergröße im Verhältnis zum Alter, ein Anzeichen für chronische Unterernährung) sowie die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf. Darauf basierend wird der WHI-Wert auf einer 100-Punkte-Skala ermittelt, wobei 100 der schlechteste Wert ist. Die Lage jedes Landes wird als niedrig, mäßig, ernst, sehr ernst oder gravierend eingestuft. Für 116 Länder lagen 2021 verlässliche Daten zu allen Indikatoren vor, während 19 Länder eine unvollständige Datenlage aufwiesen, sodass kein WHI-Wert berechnet werden konnte. Demnach ist in fast 50 Ländern die Hungersituation nach wie vor ernst, sehr ernst oder gravierend. In Somalia herrscht eine gravierende Hungersituation. In den fünf Ländern Zentralafrikanische Republik, Tschad, Demokratische Republik Kongo, Madagaskar und Jemen ist die Hungersituation sehr ernst und wird in vier weiteren Ländern – Burundi, Komoren, Südsudan und Syrien – vorläufig als sehr ernst bewertet. Für 31 Länder wird das Ausmaß an Hunger als ernst und für weitere sechs Länder vorläufig als ernst eingestuft.

Doch die Welthungerhilfe zeichnet auch ein düsteres Bild für die nächsten Jahre. Wenn sich die aktuellen Trends fortsetzen, wird die Weltgemeinschaft das Agenda 2030-Ziel, den Hunger in der Welt bis 2030 vollständig zu besiegen, nicht erreichen können. Für 47 Länder ist demnach ausgeschlossen, dass sie bis 2030 ein niedriges Hungerniveau erzielen werden. Davon befinden sich 28 in Afrika südlich der Sahara, während die übrigen Länder in Südasien, Westasien, Nordafrika, Ost- und Südostasien, Lateinamerika und der Karibik liegen. Zwar zeigen die WHI-Werte eine Verbesserung der globalen Hungerlage seit 2000, doch die Fortschritte verlangsamen sich. Während der globale WHI-Wert zwischen 2006 und 2012 um 4,7 Punkte von 25,1 auf 20,4 sank, fiel er seither nur noch um 2,5 Punkte. „Nach Jahrzehnten des Rückgangs steigt die weltweite Verbreitung von Unterernährung, einem der vier Indikatoren des WHI. Diese Entwicklung könnte ein Vorzeichen dafür sein, dass sich auch andere Hungerindikatoren umkehren“, heißt es im Bericht. Die aktuellsten Prognosen der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO stützen die negativen Prognose bezüglich des Erreichens des 2. UN-Nachhaltigkeitsziels: Unter Berücksichtigung der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie werden voraussichtlich 657 Millionen Menschen (fast 8% der Weltbevölkerung) im Jahr 2030 unterernährt sein – etwa 30 Millionen mehr als ohne die Pandemie.

Im Fokus des diesjährigen Berichts steht die fatale Wechselwirkung von Konflikten und Hunger. Die Anzahl der gewaltsamen Konflikte hat in den letzten Jahren wieder zugenommen. In acht von zehn Ländern mit einer sehr ernsten oder gravierenden Hungersituation tragen Konflikte maßgeblich zum Hunger bei. „Mehr als die Hälfte aller unterernährten Menschen lebt in Ländern, die von Gewalt, Konflikt und Fragilität geprägt sind. Wo Krieg herrscht, werden Ernten, Felder und wichtige Infrastruktur zerstört. Die Menschen verlassen ihre Dörfer aus Angst vor Kämpfen und Übergriffen und sind auf humanitäre Hilfe zum Überleben angewiesen. Wo Hunger und Armut herrschen, nehmen aber auch Konflikte zu“, erklärt Thieme. Sie fordert tragfähige politische Konfliktlösungen und eine Stärkung des Rechts auf Nahrung: „Der Einsatz von Hunger als Kriegswaffe muss endlich konsequent sanktioniert werden.“ Doch auch der Klimawandel ist ein Hungertreiber. „Bereits jetzt verschärft der Klimawandel die Ernährungsunsicherheit durch höhere Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und häufigere Extremwetterereignisse; und die Auswirkungen sind weitverbreitet, rasant und intensivieren sich“, schreiben die Autoren des Berichts. Die Hungersituation ist in jenen Ländern deutlich schlechter, die besonders anfällig für typische Klimafolgen wie Regen- und Temperaturextreme sind, insbesondere in stark von der Landwirtschaft abhängigen Volkswirtschaften. „Die Klimakrise ist eine Frage der Gerechtigkeit. Daher brauchen wir auf der anstehenden Klimakonferenz im November in Glasgow klare und verbindliche Ziele für die Reduzierung des CO² Ausstoß sowie finanzielle Unterstützung für die Förderung von Klimaresilienz“, fordert Thieme.

Auch Entwicklungsminister Gerd Müller fordert im Vorfeld des Welternährungstags am 16. Oktober ein entschlossenes Vorgehen im Kampf gegen den Hunger und den Klimawandel. „Wo Menschen ihre Lebensgrundlagen verlieren und nichts mehr zu essen haben, verlassen sie ihre Heimat und es kommt zu Verteilungskonflikten. Und vor allem in Konfliktgebieten breitet sich der Hunger aus“, sagte er der Augsburger Allgemeinen. Dieser Teufelskreis drehe sich etwa im Jemen, in der Sahel-Region oder im Krisenbogen um Syrien immer weiter. „Wir müssen Hunger- und Armutsbekämpfung endlich als vorausschauende Friedenspolitik verstehen und ganz oben auf die Agenda der Weltpolitik setzen“, so der scheidende Minister. Schon vor Jahren sagte der Schweizer Soziologe und einstige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler: „Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet“. Müller wählt in seinem Appell ähnliche Worte: „Über 800 Millionen Menschen leiden Hunger. Am Welternährungstag verhungern 15.000 Kinder, so wie an jedem anderen Tag. Das ist ein unglaublicher Skandal. Die Erde verfügt über genug Ressourcen, alle zu ernähren. Hunger ist Mord. Denn wir haben das Wissen und die Technologie, alle Menschen satt zu machen.“ (ab)

28.09.2021 |

Ernährungsgipfel gescheitert: Zwei Jahre Energie und Ressourcen in die falschen Bahnen gelenkt

UNFSS
Der UN-Generalsekretär eröffnet den 2021 United Nations Food Systems Summit (Credit: UN Photo/Eskinder Debebe)

Erste Stellungnahme der Mitglieder des Arbeitskreises Landwirtschaft und Ernährung (AGLE) des Forums Umwelt und Entwicklung (FUE) zum Welternährungsgipfel des UN-Generalsekretärs

Seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie im Winter 2019 ist die Anzahl der Hungernden weltweit drastisch angestiegen. Umweltkatastrophen häufen sich, die Klimakrise spitzt sich weiter zu, es gibt immer mehr bewaffnete Konflikte und Kriege. Zusammen führen sie zu vermehrten Hungerkatastrophen in der Zivilbevölkerung. Die UN hätte längst die überfällige Trendwende einleiten müssen, doch der am 23. September 2021 ausgerichtete Welternährungsgipfel des UN-Generalsekretärs António Guterres (UN Food Systems Summit, UNFSS) in New York hat dieses Ziel deutlich verfehlt.

Der Gipfel hat weder das Recht auf Nahrung aller Menschen ins Zentrum gestellt noch gezielt die von Hunger und Armut betroffen Gruppen angehört. Entscheidungen mit den Menschen zu treffen hätte bedeutet, alle Energie in die globale Koordinierung der Bewältigung der Covid-19-Pandemie und ihrer Folgen zu stecken – etwa durch die Hilfe für 120 Millionen Menschen, die seit dem Jahr 2020 zusätzlich an chronischem Hunger leiden. Mit den Menschen Entscheidungen zu treffen hätte auch bedeutet, denen eine prominente und kritische Stimme zu geben, die von Umweltkatastrophen, der Klimakrise sowie von Konflikten und Kriegen aktiv bedroht sind und von der internationalen Staatengemeinschaft viel zu lange im Stich gelassen wurden und nun weiter werden.

Stattdessen hat der Gipfel noch mehr Platz für die profitorientierten Interessen von Konzernen und Banken geschaffen und philanthropische Organisationen in erster Reihe die Agenda mitbestimmen lassen. Dabei sind sie häufig genau die Akteure, die ein intensives industrielles Landwirtschaftsmodell und eine wachsende Konzernmacht fördern und verantworten – und damit gleichzeitig zu den Hauptverursachern der globalen Ernährungs- und Klimakrise zählen.

Wir, Mitglieder der Arbeitsgruppe Landwirtschaft und Ernährung (AGLE) des Forums Umwelt und Entwicklung (FUE) kritisieren die Struktur, Leitung, Gestaltung und Durchführung des Gipfels sowie die geplante Fortführung der Gipfelagenda und -strukturen, sowohl in der UN wie auch auf regionalen und nationalen Ebenen. Als Teil des internationalen Zivilgesellschaftsmechanismus (CSM) haben wir die Bundesregierung über zwei Jahre hinweg kontinuierlich dazu aufgefordert, sich gegen den Ausbau einer Multi-Stakeholder-Struktur stark zu machen und sich für den Erhalt einer inklusiven, menschenrechtsbasierten Steuerung der UN-Ernährungs- und Nahrungsmittelpolitik durch den Welternährungsausschuss (CFS) einzusetzen – vergeblich.

Basierend auf unseren Beobachtungen, der offiziellen Abschlusserklärung des UN-Generalsekretärs sowie den verschiedenen Absichtserklärungen im Rahmen des UN FSS kommen wir zu folgenden ersten Bewertungen:

• Der Gipfel war der erste UN-Ernährungsgipfel, der ohne Mandat der UN-Vollversammlung stattgefunden hat. Seine Ergebnisse haben damit keine normative Verbindlichkeit und sollten dementsprechend als Empfehlungen des UN-Generalsekretärs – nicht mehr und nicht weniger – bewertet werden.

• Der Gipfel hat die starken Machtgefälle zwischen den unterschiedlichen Akteuren im vorherrschenden industriellen Ernährungssystem und die Ursachen dafür missachtet. Es wurde versäumt, Maßnahmen zu deren Überwindung – wie die Regulierung von Konzernmacht und eine grundlegende Umgestaltung des unfairen Handelssystems – zu thematisieren.

• Stattdessen liegt der Fokus auf Produktionssteigerungen und Investitionsmöglichkeiten. Das soll mittels konzerngeprägter digitaler Technologien und Innovationen sowie der sogenannten nature-based production – also Intensivlandwirtschaft mit einem Nachhaltigkeitslabel – geschehen. Deren Finanzierung könnte strukturelle Probleme wie die Sicherung geistiger Eigentumsrechte an Saatgut und Wissen, Daten- und Landraub, insbesondere im globalen Süden, noch weiter verschärfen.

• Der Gipfel hat es insbesondere autokratischen Staaten einfach gemacht, sich hinter den Multi-Stakeholder-Strukturen zu verstecken, um sich ihrer Verantwortung für die Umsetzung des Rechts auf Nahrung zu entziehen. Dies gilt auch für die nationalen Dialoge.

• Die Organisator*innen des Gipfels beabsichtigen, die Multi-Stakeholder-Struktur des Gipfels durch einen Folgeprozess in der UN weiter auszubauen. Damit schwächen sie die Rolle der Staaten als gegenüber der Öffentlichkeit rechenschaftspflichtige Institutionen und entlassen sie aus deren primärer Verantwortung, die kaum thematisiert wird. Stattdessen werden private Akteure, die im kommerziellen Interesse handeln und Einfluss auf öffentliche Politiken nehmen, als Teil der Lösung anerkannt. Es wird missachtet, dass sie großenteils die Verantwortlichen für zentrale globale Probleme sind, wie die Klimakrise und Machtungleichgewichte. Damit verbundene, offensichtliche Interessenskonflikte werden nicht thematisiert.

• In der Abschlusserklärung des Generalsekretärs ist vorgesehen, eine Koordinierungsstelle (hub) für die Umsetzung der Konferenzergebnisse bei den in Rom ansässigen UN-Organisationen (FAO, IFAD, WFP) einzurichten. Zusätzlich soll diese Koordinierungsstelle auch noch von einer intransparenten Champions-Gruppe beraten werden, was eine Fortsetzung der intransparenten und willkürlichen Gipfelstrukturen bedeutet. Solch eine Koordinierungsstelle (hub) steht in direkter Konkurrenz zum erfolgreich arbeitenden UN-Welternährungskomitee (CFS) – dem inklusivsten UN-Gremium, welches für die Koordinierung von Ernährungsfragen in der UN zuständig ist. Denn das CFS ermöglicht durch die darin selbstorganisierte Zivilgesellschaft (CSM), wie Bäuer*innen Fischer*innen, Indigene, ärmere Gemeinschaften und weitere Rechtsträger*innen aus Betroffenengruppen, ein Mitspracherecht über die Inhalte zu Ernährungsproblemen und zum Menschenrecht auf Nahrung. Die Errichtung eines parallelen Gremiums würde dieses Mitspracherecht stark untergraben.

• Außerdem wird aktuell im CFS über die Errichtung einer internen Arbeitsgruppe diskutiert, die Antworten auf die Vorschläge und Ergebnisse im UNFSS geben soll. Diese würde bereits eine Weiterführung des Gipfels in der UN darstellen.

Die Rolle der Bundesregierung

• Die deutsche Bundesregierung hat es bedauerlicherweise verpasst, sich auf dem Gipfel für den Erhalt und die Stärkung des CFS auszusprechen. Im Gegenteil scheint sie die Bildung neuer, mit dem CFS konkurrierender Parallelstrukturen zu unterstützen. Auch das Menschenrecht auf Nahrung, wichtige Grundlage des CFS, wurde von der Bundesregierung beim Gipfel nicht als Handlungsgrundlage genannt.

• Gleichzeitig beteiligt sie sich – inhaltlich und finanziell – an sogenannten Aktionsbündnissen, die im Laufe der Gipfelvorbereitungen entstanden sind. Diese äußerst undurchsichtigen Multi-Stakeholder-Bündnisse beruhen auf einem willkürlichen Zusammenschluss verschiedener Akteure und sollen die Regierungen zu bestimmten Gipfelthemen im geplanten Folgeprozess des UNFSS beraten. Jedoch entstammt weder die Wahl der Gipfelthemen noch die Entstehung dieser Aktionsbündnisse einem legitimen und transparenten Prozess. Diese Aktionsbündnisse sind kontrovers und untereinander widersprüchlich. Ein Beispiel hierfür ist das von der USA vorgeschlagene Aktionsbündnis, Sustainable Productivity Growth for Food Security and Resource Conservation, welches sich aktiv gegen die von der EU im UNFSS beworbene Farm-to-Fork-Strategie der EU richtet[1]. Darüber hinaus sind wichtige Verfahrensfragen der Aktionsbündnisse unklar, etwa wie sie von Selbstverpflichtungen zu Handlungen kommen wollen und wie die Rechenschaftslegung funktioniert.

[1] Den USA und vielen an der Allianz beteiligten Staaten, insbesondere aus Nord- und Südamerika, gehen die Nachhaltigkeitsziele der Farm-to-Fork-Strategie (für die USA zu viel Ökolandbau und Pestizidreduzierung) – die allein von der EU beschlossen wurden, aber global durchgesetzt werden sollen – zu weit. Sie sehen ihre Exportinteressen bedroht. Gleichzeitig verfolgt auch die Farm-to-Fork-Strategie einen Multi-Stakeholder-Ansatz, der stark nach den Interessen der europäischen Agrar- und Ernährungskonzerne ausgerichtet ist. Dies trägt auch dazu bei, das insbesondere für die Zivilgesellschaft wichtige Konzept der Agrarökologie zu verwässern. Grundsätzlich ist auch zu hinterfragen, auf welcher Basis die EU interne Beschlüsse zum globalen Standard erheben will.

Die Mitglieder der AGLE – wie auch zahlreiche soziale Bewegungen und zivilgesellschaftliche Organisationen auf der ganzen Welt – sprechen sich bereits seit Jahren für eine grundlegende Transformation der bestehenden Ernährungssysteme aus, die auf agrarökologischen und menschenrechtsbasierten Prinzipien beruht.

Wir erwarten daher von der Bundesregierung, dass sie sich im Folgeprozess des Gipfels und auch in der nächsten CFS-Plenarsitzung vom 11. – 14. Oktober 2021 gegen die Finanzierung und Weiterführung der Aktionsbündnisse des UNFSS sowie gegen die Etablierung von neuen und parallelen Organisationstrukturen in Rom wie auch einer möglichen Arbeitsgruppe innerhalb des CFS zum UNFSS ausspricht. Dagegen soll sich die Bundesregierung für eine gestärkte Rolle und verbesserte Finanzierung des CFS sowie einem Arbeitsstrang zum Umgang mit den Folgen der Covid-19-Pandemie einsetzen.

Lena Bassermann, INKOTA-Netzwerk

Mireille Remesch, Agrarkoordination

Paula Gioia, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft

Benedikt Härlin, Save our Seeds

Roman Herre, FIAN Deutschland

Stig Tanzmann, Brot für die Welt

06.09.2021 |

UN-Experte: UNFSS setzt auf Konzerne statt Beteiligung der Zivilgesellschaft

Michael Fakhri
Michael Fakhri (Photo: Michael Fakhri/OHCHR)

Der anstehende UN-Welternährungsgipfel (UNFSS) schließt kleinbäuerliche und zivilgesellschaftliche Gruppen aus, verkennt die Ursachen von Hunger und Mangelernährung und befördert die Machtkonzentration von Unternehmen in Ernährungssystemen, anstatt diese anzugehen. Menschenrechte und Rechenschaftspflichten fehlen auf der Agenda des Gipfels gänzlich. Das kritisiert der UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung, Michael Fakhri, in einem kürzlich erschienenen Positionspapier. Der Termin für den Gipfel steht nun: Am 23. September wird in New York im Rahmen der UN-Generalversammlung über die Zukunft der Ernährungssysteme, notwendige Veränderungen und darüber diskutiert, wie die UN-Nachhaltigkeitsziele bis 2030 noch erreicht werden sollen. Ende Juli fand in Rom bereits ein dreitägiger Vorbereitungsgipfel statt. Schon vorab hagelte es seitens der Zivilgesellschaft massive Kritik, da der UNFSS durch eine Partnerschaft zwischen UN und Weltwirtschaftsforum initiiert wurde, dem die größten Unternehmen weltweit angehören, und Dr. Agnes Kalibata, die Präsidentin der umstrittenen Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA), zur UN-Sondergesandten für den Gipfel ernannt wurde. Aber auch die fehlende Einbeziehung der Zivilgesellschaft (abgesehen von einigen handverlesenen Organisationen) und derer, die eine zentrale Rolle für Lebensmittelproduktion und Ernährung spielen, führte dazu, dass hunderte NGOs den Prozess nun boykottieren. „The People’s Summit has arrived!”, prangt jetzt zwar auf der Webseite des Gipfels. Doch UN-Sonderberichterstatter Fakhri wirft dem UNFSS vor, eben nicht dieser Gipfel der Zivilgesellschaft und der Völker zu sein. „Letzte Chance, um den Welternährungsgipfel zu einem wahren People’s Summit zu machen“ lautet daher der Titel seines Papiers, in dem er seine eigenen Beobachtungen zum Prozess und Rückmeldungen von NGOs und UN-Mitgliedsstaaten zusammenfasst und Empfehlungen für den Gipfel und dessen Nachbereitung gibt.

Der Sonderberichterstatter will mit dem Papier den Mitgliedstaaten Anregungen liefern, wie es gelingen kann, dass der Gipfel erfolgreich dazu beiträgt, dass Lebensmittelsysteme den Menschen und dem Planeten dienen und Herausforderungen wie Hunger, Ungerechtigkeit und die COVID-19-Pandemie überwunden werden, und ein „wirklich transformatives, rechtebasiertes und multilaterales Ereignis“ abgehalten wird. Das Dokument wurde am 19. August fertiggestellt, aber mittlerweile scheint Fakhri eher pessimistisch, dass dies noch passieren wird. „Als ich das Papier schrieb, dachte ich, es gäbe noch eine letzte Chance, den Gipfel zu retten. Es ist nun klar, dass dies KEIN Gipfel der Völker ist“, twitterte er jedoch am 4. September. In dem Kurzdossier benennt er vier zentrale Kritikpunkte: Erstens spiele die COVID-19-Pandemie in den Beratungen kaum eine Rolle. „Der Gipfel wurde unmittelbar vor dem Ausbruch von COVID-19 angekündigt. Als sich daraus eine Pandemie entwickelte und die Auswirkungen auf die globalen Ernährungssysteme und die Ernährungssicherheit deutlich wurden, wurden die Ziele des Gipfels nicht an die neue Realität angepasst“, schreibt Fakhri. Er kritisiert, dass der Vorgipfel trotz der verheerenden Folgen der Pandemie nicht einmal eine Veranstaltung dem Thema widmete. Dabei seien multilaterale Maßnahmen nötig, um die Auswirkungen von COVID-19 auf das Recht auf Nahrung aller Menschen anzugehen, gerade der ärmsten, verletzlichsten und am stärksten marginalisierten Personen.

Zweitens hat der UNFSS es Fakhri zufolge versäumt, die eigentlichen Ursachen von Hunger und Mangelernährung zu berücksichtigen. Hunger, Unterernährung und Hungersnöte würden durch politisches Versagen und schlechte Regierungsführung verursacht und nicht durch die Knappheit von Nahrungsmitteln. Der Schwerpunkt des Gipfels liege jedoch darauf, wie die Produktion durch neue Technologien nachhaltig gesteigert werden könne. „Die Herausforderungen, vor denen unsere Ernährungssysteme stehen, liegen jedoch darin, einen besseren und gerechteren Zugang zu gewährleisten: Es geht um die Frage, wie und von wem Lebensmittel produziert werden und wer den größten Nutzen aus ihrer Verarbeitung und ihrem Handel zieht. Selbst auf dem Höhepunkt der Pandemie bestand die größte Bedrohung für die Ernährungssicherheit und die Ernährung nicht darin, dass keine Lebensmittel zur Verfügung standen“, erklärt Fakhri. „Die Menschen hatten weniger Zugang zu angemessenen Nahrungsmitteln, weil sie ihre Arbeit, ihre Lebensgrundlage oder ihr Zuhause verloren hatten“. Zudem schenke der Gipfel jüngsten Fortschritten im Bereich Agrarökologie und territoriale Märkte nicht genügend Aufmerksamkeit, bemängelt Fakhri.

Als drittes Problem nennt der Sonderberichterstatter die Machtkonzentration von Unternehmen, die beim Gipfel der „Elefant im Raum“ bleibt. Transnationale Konzerne beherrschen „den Weltmarkt vom Saatgut bis hin zum Supermarkt“, schreibt er, doch der UNFSS versäume es, „die Rolle und Verantwortung des Unternehmenssektors in den Lebensmittelsystemen anzusprechen“. Denn durch Machtungleichgewicht und -konzentration profitieren transnationale Konzerne, während die Besitzverhältnisse, Menschenrechte und Lebensräume lokaler Gemeinschaften gefährdet sind. Der UN-Experte teilt zudem die von vielen geäußerten Bedenken, dass technologiegetriebene Innovationen und der Fokus auf ein gewisses Wissenschaftsmodell, das auf dem Gipfel promotet wird, die Gefahr bergen, die Bedürfnisse von Kleinbauern weiter zu marginalisieren. „Dieser Ansatz ignoriert die Tatsache, dass Kleinbauern etwa 70% der Lebensmittel produzieren und gleichzeitig die Agrobiodiversität bewahren und für Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel sorgen.“ Er ignoriere auch, dass indigene Völker auf ihrem Land 80% der Artenvielfalt des Planeten bewahren. Bäuerinnen und Bauern, Landarbeiter und indigene Völker rund um den Globus sind der Gnade der Konzerne ausgeliefert, und es ist kein Zufall, dass sie unter Hunger, Unterernährung und Rechtsverletzungen leiden“, heißt es in dem Positionspapier.

Viertens kritisiert Fakhri, dass der Multi-Stakeholder-Ansatz des Gipfels eine Nebelkerze sei, um Partizipation zu verhindern. „Der so genannte Multi-Stakeholder-Ansatz des Gipfels ist weder transparent, noch hat er den betroffenen Gemeinschaften und der Zivilgesellschaft sinnvolle Möglichkeiten zur Beteiligung geboten. Der Entscheidungsfindungsprozess war von oben nach unten und undurchsichtig. Der von Agrarkonzernen, Denkfabriken und Philanthropen beeinflusste Gipfel spiegelte nicht die reiche Geschichte der Partizipation und Inklusivität bei multilateralen UN-Foren wider“, schreibt Fakhri. Bei der Vorbereitung habe eine interaktive und sinnvolle Beteiligung von Basisbewegungen, indigenen Völkern, Kleinbauern, Hirten, Fischern und Menschenrechtsgruppen gefehlt. Darum hätten Millionen Menschen beschlossen, den Gipfel über den Mechanismus für die Zivilgesellschaft und indigene Völker (CSM) des UN-Welternährungsausschusses (CFS) zu boykottieren. Ende Juli wurde ein Alternativgipfel zum offiziellen Pre-Summit veranstaltet.

Der Sonderberichterstatter hat auch Empfehlungen zur Verbesserung des UNFSS-Prozesses parat. Fakhri zufolge sollte die UN-Mitgliedsstaaten weiter mobilisieren und den Gipfel mithilfe eines menschenrechtsbasierten Ansatzes bewerten, der sich auf die sieben Prinzipien Partizipation, Rechenschaftspflicht, Nicht-Diskriminierung, Transparenz, Menschenwürde, Empowerment und Rechtsstaatlichkeit stützt. Er riet davon ab, im Nachgang des UNFSS neue Institutionen zu schaffen. Stattdessen solle das Follow-Up zum Gipfel in den bestehenden multilateralen UN-Foren erfolgen. „Der UN-Welternährungsausschuss sollte der Ort sein, an dem die Ergebnisse des Gipfels letztendlich diskutiert und bewertet werden, indem seine inklusiven Beteiligungsmechanismen genutzt werden.“ Schließlich empfiehlt Fakhri, die Ergebnisse des Gipfels anhand eines Menschenrechtsrahmens zu bewerten. Dazu gehöre das Stellen der Frage, welchen Beitrag die Ergebnisse und alle Folgemaßnahmen und Überprüfungen des Gipfels zur Verwirklichung des Rechts aller auf Nahrung und der Menschenrechte im Allgemeinen leisten. Dazu nennt Fakhri vier Fragen, mit denen überprüft werden kann, ob die Probleme in den vier kritisierten Bereichen angegangen wurden. Zum Thema Unternehmenskonzentration z.B. sei zu beantworten, wie die Ergebnisse des Gipfels auf die Ursachen des Problems eingehen und sicherstellen, dass Unternehmen und andere Akteure für Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft gezogen werden. Was die Partizipation anbelangt, seien die Ergebnisse daran zu messen, inwiefern sie auf einem Verständnis von Handlungsfähigkeit beruhen, das die Kontrolle der Ernährungssysteme in die Hände der Menschen in ihrer Eigenschaft als Träger*innen von Rechten legt. (ab)

09.08.2021 |

IPCC: Folgen des menschengemachten Klimawandels teils schon unumkehrbar

Duere
Dürren werden zunehmen (Foto: CC0)

Der Klimawandel ist eindeutig vom Menschen verursacht, er schreitet rasant voran und Veränderungen wie der Eisverlust in der Arktis oder der Anstieg des Meeresspiegels werden für Jahrhunderte oder gar Jahrtausende unumkehrbar sein. Es drohen wegen der steigenden Temperaturen deutlich mehr extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen und Hitzewellen und bereits in den nächsten 20 Jahren könnte sich die Erde im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter um 1,5 Grad erwärmt haben. Das sind nur einige der düsteren Fakten und Prognosen, die der Weltklimarat (IPCC) in seinem neusten Bericht zusammengetragen hat. Der am 9. August veröffentlichte Beitrag der Arbeitsgruppe I zum Sechsten IPCC-Sachstandsbericht (AR6-WGI) befasst sich mit den naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels. 234 Wissenschaftler*innen aus 66 Ländern haben dafür in den letzten Jahren über 14.000 Studien ausgewertet, mehr als 78.000 Kommentare von Expert*innen und Regierungen gesichtet und auf fast 4.000 Seiten den aktuellsten Wissensstand zusammengefasst. Vom 26. Juli bis 6. August diskutierten dann die Delegierten der 195 IPCC-Mitgliedsländer das Ergebnis auf einer Online-Sitzung und stimmten die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger (SPM) Zeile für Zeile in einem mühseligen Prozess ab.

Der am Montag der Öffentlichkeit präsentierte Bericht lässt keinen Zweifel an den Verursachern des Klimawandels: „Es ist eindeutig, dass der Einfluss des Menschen die Atmosphäre, den Ozean und die Landflächen erwärmt hat. Es haben weitverbreitete und schnelle Veränderungen in der Atmosphäre, dem Ozean, der Kryosphäre und der Biosphäre stattgefunden“, lautet eine der Hauptaussagen des Berichts. Das Ausmaß der jüngsten Veränderungen im gesamten Klimasystem sei „beispiellos“ und viele Veränderungen seien mittlerweile für Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte so gut wie unumkehrbar. So werden die Gletscher Grönlands in diesem Jahrhundert so gut wie sicher weiter schrumpfen, und auch das Sommereis der Arktis wird weiter schwinden. „Wir haben bisher immer gesagt, wir können den eisfreien Zustand der Arktis noch verhindern. Jetzt haben wir zum ersten Mal den Fall, dass es dafür voraussichtlich zu spät ist, und wir nur noch die Häufigkeit von eisfreien Sommern begrenzen können“, erklärt Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI-M), Leitautor des Kapitels über Ozean, Kryosphäre und Meeresspiegel. „Für mich ist das ein Zeichen, wie weit der Klimawandel fortgeschritten ist“, betont Notz.

Bei allen betrachteten Emissionsszenarien wird die globale Oberflächentemperatur bis mindestens Mitte des Jahrhunderts weiter ansteigen. Eine globale Erwärmung von 1,5 °C und 2 °C werde im Laufe des 21. Jahrhunderts überschritten werden, außer es erfolgten in den kommenden Jahrzehnten drastische Reduktionen der CO2- und anderer Treibhausgasemissionen. Eigentlich hatte sich die Weltgemeinschaft im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 das Ziel gesetzt, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau (1850-1900) auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen, möglichst aber auf 1,5 Grad. Doch bereits jetzt beträgt die Erwärmung laut IPCC im globalen Schnitt rund 1,1 Grad. Zwar besteht immer noch die Chance, den Klimawandel zu begrenzen, aber das würde entschlossenes und schnelles Handeln erfordern: „Die einzige Chance, das eine oder das andere Ziel zu erreichen, ist, wenn wir schnell die Emissionen herunterfahren. Das muss praktisch in diesem Jahrzehnt passieren“, sagt Jochem Marotzke, Direktor am MPI-M und koodinierender Leitautor des Kapitels über die Zukunft des globalen Klimas. „Wir müssen, um die Begrenzung auf 1,5 Grad Erwärmung zu erreichen, bis Mitte des Jahrhunderts die CO2-Emissionen auf Netto-Null reduziert haben.“ Um 2 Grad nicht zu überschreiten, müsste der CO2-Ausstoß bis 2070 auf Netto-Null sinken.

Der Bericht betont auch, dass es auf jedes Zehntel Grad ankommt, denn je wärmer es wird desto heftiger fallen die Folgen und Extremwetterereignisse aus. „Mit jedem zusätzlichen Anstieg der globalen Erwärmung werden die Veränderungen bei den Extremen stärker ausfallen“, heißt es in der Zusammenfassung. „Zum Beispiel wird jede zusätzliche Erhöhung der Erderwärmung um 0,5 °C zu einer deutlich erkennbaren Zunahme der Intensität und Häufigkeit von Hitzeextremen, einschließlich Hitzewellen (sehr wahrscheinlich) und Starkniederschlägen (hohes Vertrauen), sowie zu landwirtschaftlichen und ökologischen Dürren in einigen Regionen (hohes Vertrauen) führen. Bei mehr als zwei Grad dürften extreme Wetterereignisse kritische Toleranzschwellen für die Landwirtschaft und die menschliche Gesundheit überschreiten. „Wir sind dem Klimawandel nicht passiv ausgeliefert, wir steuern ihn. Wir haben nach wie vor die Wahl, in welchem Szenario wir landen werden“, mahnt Notz. Beim UN-Klimagipfel (COP26) in Glasgow im November bietet sich für die Staatengemeinschaft wieder die Möglichkeit, gemeinsam zu handeln. „Das Pariser Abkommen gibt uns den Weg vor, der UN-Klimagipfel in Glasgow in drei Monaten ist der entscheidende Moment, in dem die Weltgemeinschaft liefern muss“, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze anlässlich der Vorstellung des IPCC-Berichts am Montag in Berlin. „Wir brauchen von möglichst vielen weiteren Staaten ambitionierte Klimaziele und bei den offenen Verhandlungspunkten absoluten Einigungswillen.“ Noch sei es nicht zu spät dafür: „Wie wir den Treibhausgasausstoß senken können, wissen wir.“ Das Wissen über das Ausmaß des Klimawandels und Maßnahmen zu seiner Begrenzung sind nicht erst seit diesem Bericht des Weltklimarates vorhanden – doch noch nie haben es die Wissenschaftler*innen so deutlich zu Papier gebracht, welches Unheil droht, wenn die Chance zum Handeln erneut nicht ergriffen wird. (ab)

29.07.2021 |

Erdüberlastungstag: Natürliche Ressourcen für 2021 sind „verbraucht“

Ressourcen
Die Belastungsgrenze ist erreicht (Foto: CC0)

Nur sieben Monate hat die Menschheit gebraucht, um das Kontingent der Erde an nachhaltig nutzbaren Ressourcen für das gesamte Jahr auszuschöpfen. Am 29. Juli ist daher „Earth Overshoot Day“ und den Rest des Jahres leben wir wieder auf Pump und strapazieren das Ressourcenbudget der Natur über das regenerierbare Maß hinaus. Das zeigen Berechnungen der internationalen Nachhaltigkeitsorganisation „Global Footprint Network“, die den Erdüberlastungstag jährlich neu berechnet. 2020 hatte die Corona-Pandemie das Datum auf den 22. August nach hinten rücken lassen im Kalender, doch mit der Verlangsamung des Raubbaus an der Natur ist nun wieder Schluss, die Wirtschaft erholt sich und der Ressourcenhunger wächst erneut. „Falls Sie daran erinnert werden müssten, dass wir uns in einer klimatischen und ökologischen Notsituation befinden, dann tut dies der Earth Overshoot Day“, sagte Susan Aitken, die Bürgermeisterin von Glasgow, wo im Herbst die UN-Klimakonferenz COP26 stattfinden wird. Steffen Vogel von der deutschen Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch kommentierte: „Wir erleben nun den befürchteten Rebound-Effekt, das sprunghafte Wiederansteigen der Emissionen nach dem Höhepunkt der Pandemie. Dass der Ressourcenverbrauch trotz Anhalten der Pandemie schon dieses Jahr wieder fast das Niveau von 2019 erreicht, zeigt: Wir brauchen dringender denn je ein Umsteuern in der Klima- und Ressourcenpolitik. COVID-19-Konjunkturprogramme müssen unbedingt auf nachhaltige Wirtschaftsweisen ausgerichtet werden.“

Die Berechnungen des ‚Global Footprint Network‘ basieren auf den „National Footprint & Biocapacity Accounts“ (NFA), die sich auf UN-Datensätzen stützen. Für die Festlegung des Erdüberlastungstages werden zwei Größen gegenübergestellt: einerseits die biologische Kapazität der Erde zum Aufbau von Ressourcen sowie zur Aufnahme von Müll und Emissionen und andererseits der ökologische Fußabdruck – der Bedarf an Acker-, Weide- und Bauflächen, die Entnahme von Holz, Fasern oder Fisch, aber auch der CO2-Ausstoß und die Müllproduktion. 1970 überstieg der Ressourcenverbrauch erstmals die Biokapazität der Erde, Anfang der 90er Jahre war der Erdüberlastungstag bereits im Oktober erreicht und 2018 fiel der Tag mit dem 25. Juli auf den frühesten bisher berechneten Termin. Dem Netzwerk zufolge ist die erneute Beschleunigung der Übernutzung der Ressourcen vor allem auf eine Erhöhung der CO2-Emissionen um 6,6% gegenüber 2020 zurückzuführen. Zudem schrumpfte die globale Biokapazität der Wälder um etwa 0,5%, was größtenteils auf die zunehmende Abholzung von Wäldern im Amazonasgebiet zurückzuführen ist. Allein in Brasilien gingen 1,1 Millionen Hektar Wald letztes Jahr verloren. Schätzungen für 2021 deuten auf einen Anstieg der Abholzung um bis zu 43% im Vergleich zum Vorjahr hin, teilte das ‚Global Footprint Network‘ mit.

Den Ressourcenhunger führt das Netzwerk auch mithilfe des „Verbrauchs an Erden“ vor Augen: Um den Konsum der Menschheit nachhaltig zu decken, wären rein rechnerisch rund 1,7 Erden notwendig. Würden alle Länder so haushalten wie Deutschland, wären sogar 2,9 Erden nötig. Bei einer Lebensweise wie in den USA bräuchte die Weltbevölkerung fünf Erden und für Australien wären es 4,6 Planeten. Würden hingegen alle Menschen so wirtschaften wie Indien, kämen wir mit 0,7 Erden aus. Daher war der nationale Erdüberlastungstag 2021 in den USA bereits am 14. März und in Deutschland am 5. Mai. Doch eines zeigt die Verlangsamung im Vorjahr: Durch ein anderes Wirtschaften und Konsumieren kann der Ressourcenverbrauch auf ein verträglicheres Maß reduziert werden. „Letztes Jahr, als die Pandemie die Welt heimsuchte, haben die Regierungen gezeigt, dass sie schnell handeln können. Rasch wurden Vorschriften und außerordentliche Ausgaben bewilligt“, betonte das ‚Global Footprint Network‘. „Der ‚perfekte Sturm‘ von Klimawandel und Ressourcenknappheit, der sich zusammenbraut, erfordert von Entscheidungsträgern das gleiche Maß an Wachsamkeit und schnellem Handeln.“

Von der deutschen Politik wünscht sich Germanwatch einen entschlossenen Klimaschutz: „Auf die nächste Bundesregierung kommen sowohl auf EU-Ebene als auch beim Ergreifen wirksamer Maßnahmen zum Erreichen der verbesserten deutschen Klimaziele große Aufgaben zu”, sagte Audrey Mathieu, Referentin für EU-Klimapolitik bei Germanwatch. „Um die ständige Überdehnung der Grenzen des Planeten zu stoppen, brauchen wir auch eine engere internationale Kooperation auf mehreren Ebenen. So muss die Bundesregierung jetzt zum Beispiel mit ihren europäischen Partnern die Umsetzung des European Green Deal beschleunigen“, fordert Mathieu. Zudem müssten mit zentralen Schwellenländern Klimapartnerschaften zum zügigeren Umstieg Richtung Klimaneutralität auf- und ausgebaut werden. Das ‚Global Footprint Network‘ sieht auch Städte und Kommunen in der Verantwortung: „Durch ihre Infrastruktur und ihre Regulierungsbefugnisse haben Stadtregierungen bedeutende Möglichkeiten, Ressourceneffizienz zu fördern und damit die Zukunft der Städte zu gestalten. Eine zu späte Anpassung birgt enormes Risiko. Darum wird Klimahandeln zur existentiellen Notwendigkeit für Städte, unabhängig von internationalen Vereinbarungen.

Doch was kann jede und jeder Einzelne tun? „Allein mit Veränderungen im persönlichen Lebensstil ist es unmöglich, den Erdüberlastungstag weit genug nach hinten zu schieben. Aber jede Veränderung beginnt mit einem ersten Schritt und den macht man am besten im eigenen Leben“, betont Johannes Küstner, Referent für Bildung bei Brot für die Welt. Für den zweiten Schritt hin zum gesellschaftlichen Wandel hat das evangelische Hilfswerk mit Germanwatch in Ergänzung zum Konzept des Fußabdrucks den „Handabdruck“ entwickelt. „Der Handabdruck steht für die Hebel, die jede und jeder von uns selbst in Bewegung setzen kann, um Nachhaltigkeit in Mobilität, Ernährung, Energie, Finanzen oder Ressourcennutzung zum neuen Standard zu machen. Das geht am Arbeitsplatz, in der Schule oder Uni, im Verein oder in der Kommune sowie auf Landes- und Bundesebene“, erklärt Marie Heitfeld von Germanwatch. Zu den Themenfeldern Nachhaltige Mobilität, Wirtschaft und Arbeit, Energie und Rohstoffnutzung sowie Ernährung und Landwirtschaft haben die Organisationen Vorschläge zusammengestellt, wie man auf allen Ebenen aktiv werden kann. So kann sich jeder und jede dafür engagieren, dass im Sport- oder Musikverein bei Veranstaltungen nachhaltige Produkte auf dem Teller und Buffet landen, sich an der eigenen Schule oder Hochschule für die Gründung eines Tausch- oder Leihladens einsetzen für Gegenstände, die nicht alle selbst besitzen müssen, oder sich bei der Arbeit dafür starkmachen, dass Bahnreisen der Vorzug vor dem Flieger gegeben wird. (ab)

27.07.2021 |

Welternährungsgipfel: Hunderte NGOs boykottieren Pre-Summit

FSS4P
Alternativgipfel: Food Systems 4 People

Seit Montag findet in Rom der Vorgipfel zum UN Food Systems Summit (UNFSS) statt – allerdings ohne die Beteiligung vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen und mit dem Thema befassten Wissenschaftler*innen. Denn die Organisation des Welternährungsgipfels 2021, der im September in New York abgehalten wird, steht heftig in der Kritik. Die Missachtung der Rechte und Perspektiven der von Hunger und Armut Betroffenen, mangelnde Transparenz und der übermäßige Einfluss der Agrarindustrie auf die Agenda des Gipfels sind nur einige der Gründe, weshalb im Vorfeld zahlreiche Nichtregierungsorganisationen weltweit, Wissenschaftler*innen und der aktuelle und ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung Bedenken äußerten. Nun haben mehr als 300 NGOs aus allen Teilen der Welt ihren Boykott des vom 26. bis 28. Juli stattfindenden Pre-Summits erklärt, da der Gipfel zu stark von Unternehmen beeinflusst werde und es an Transparenz und Rechenschaftsmechanismen mangle. Sie halten stattdessen seit Sonntag online einen Gegengipfel ab, die “People’s Counter-Mobilization to Transform Corporate Food Systems”. Auch die deutsche Beteiligung in Rom fällt dürftig aus: MISEREOR, Brot für die Welt, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), FIAN und INKOTA kündigten in einer gemeinsamen Pressemitteilung an, dem Vorgipfel fernzubleiben.

Auf dem UN-Vorgipfel kommen Staats- und Regierungschefs sowie Delegierte aus mehr als 100 Ländern zusammen, um das eigentliche Hauptevent im September vorzubereiten, auf dem über die Zukunft der Ernährungssysteme und der Landwirtschaft diskutiert wird. Die Vereinten Nationen wollen dort Fortschritte bei den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) machen, indem bei den Ernährungssystemen angesetzt wird, die eng mit globalen Herausforderungen wie Hunger, Klimawandel, Armut und Ungleichheit verknüpft sind. Auf der Webseite brüstet sich die UN damit, dass der Vorgipfel auch Jugendliche, Landwirte, indigene Völker und die Zivilgesellschaft einbeziehe, doch das sehen viele dieser Gruppen anders. „Mit seiner Vielzahl an Diskussionsforen erweckt der Gipfel den Eindruck großer Inklusivität. Doch dieser Eindruck täuscht“, kritisiert Paula Gioia von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). „Das Machtgefälle zwischen Agrarkonzernen und kleinen- und mittelständischen Lebensmittelerzeuger*innen wird nicht berücksichtigt.“ Sie befürchtet, dass die Stimmen der Bäuerinnen und Bauern, die im Zentrum der Ernährungssysteme stehen und stehen müssen, überhört zu werden drohen.

Der diesjährige Welternährungsgipfel wurde initiiert durch eine Partnerschaft zwischen der UN und dem Weltwirtschaftsforum, dem die 1000 führenden Unternehmen der Welt angehören. Allein das sollte aufhorchen lassen. „Im März 2020 schrieben 550 Organisationen (...) an UN-Generalsekretär António Guterres, um ihn zu warnen, dass der Gipfel nicht an das Erbe vergangener Welternährungsgipfel anknüpft, die einst von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) einberufen wurden“, erinnern Elizabeth Mpofu und Edgardo Garcia vom Internationalen Koordinationskomitee der Kleinbauernsorganisation „La Via Campesina“ in einem Artikel für Al Jazeera. „Die FAO erhielt von ihren Mitgliedsstaaten das Mandat, diese Veranstaltungen zu organisieren, und sie sorgte für die aktive Teilnahme der Zivilgesellschaft durch parallele, selbstorganisierte Foren.“ Doch für den UNFSS 2021 gab es kein solches Mandat. Die deutschen NGOs und Hilfswerke kritisieren, dass der Gipfel ohne die Einbeziehung des für Welternährungsfragen zuständigen UN-Komitee (CFS) angestoßen wurde. „Schlüsselpositionen wurden mit Führungskräften der umstrittenen ‚Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika‘ besetzt, die eng mit der Agrarindustrie zusammenarbeitet. Wiederholte Versuche der zivilgesellschaftlichen Organisationen im CFS, Struktur, Prozess und Ergebnisse des UN-Ernährungsgipfels demokratischer und auf Basis einer Verwirklichung des Rechts auf Nahrung zu gestalten, blieben ohne Erfolg“, kritisieren sie in ihrer Pressemitteilung. „Wir sehen in diesem Vorgehen mangelnde Transparenz, die zu Lasten der einfachen Produzent*innen und Konsument*innen gehen könnte“, betont Lutz Depenbusch, Referent für Landwirtschaft und Ernährung bei MISEREOR. Der ganze Ansatz des Gipfels berge zudem die Gefahr, dass gegensätzliche Ernährungssysteme gleichberechtigt nebeneinandergestellt würden. „Im CFS gefasste Beschlüsse für eine Priorisierung agrarökologischer Landwirtschaftsmodelle würden dadurch wieder in Frage gestellt und eine nachhaltige Transformation der Ernährungssysteme um Jahre zurückgeworfen“, so Depenbusch.

Auch Elizabeth Mpofu und Edgardo Garcia sind besorgt: „Der UNFSS ermöglicht eine größere Unternehmenskonzentration, fördert nicht nachhaltige globalisierte Wertschöpfungsketten und den Einfluss der Agrarindustrie auf öffentliche Institutionen.“ Sie kritisieren, dass die Leitung des Gipfels fest in den Händen von ‚Experten‘ liege, die als entschiedene Verfechter der industriellen Landwirtschaft bekannt sind, und dass einige Staaten, in denen viele dieser große multinationale Konzerne angesiedelt sind, die Agenda bestimmen. Zwar sei es den Organisatoren des Gipfels gelungen, die Teilnahme eines kleinen Teils der globalen Zivilgesellschaft sicherzustellen und dies als Beweis für den inklusiven Charakter des Gipfels anzupreisen, doch der Gipfel sei weit davon entfernt, partizipativ zu sein. „Wenn es darum geht, die Zukunft unseres Ernährungssystems zu definieren, raten Sie mal, wer von der UN eingeladen wird, um den Plan, die Prinzipien und den Inhalt des globalen Gipfels zu konzipieren und zu konstruieren. Es sind die großen Agrarkonzerne!”, schreiben Mpofu und Garcia. Dies stößt auch den deutschen Organisationen bitter auf: „Der aktuelle Prozess stellt die Interessen der Agrar- und Ernährungsindustrie über menschenrechtliche Verpflichtungen. Das ist fatal, weil das Menschrecht auf Nahrung damit entwertet wird“, sagt Astrud Lea Beringer von der Menschenrechtsorganisation FIAN. „Dies hat mehr als 500 Nichtregierungsorganisationen aus der ganzen Welt dazu bewogen, dem UN Gipfel fernzubleiben und einen internationalen Gegengipfel zu organisieren.“ (ab)

14.07.2021 |

UN: Corona lässt Zahl der Hungernden auf 811 Millionen steigen

Marktfrau
Gesunde Nahrung - für viele unerschwinglich (Foto: CC0)

Dramatische Rückschritte im Kampf gegen Unter- und Mangelernährung vermeldet der am 13. Juli von fünf UN-Organisationen veröffentlichte Welternährungsbericht. Angetrieben durch die Corona-Pandemie kletterte die Zahl der unterernährten Menschen weltweit im Jahr 2020 auf bis zu 811 Millionen – jeder Zehnte hungert! Laut der aktuellen Ausgabe des „The State of Food Security and Nutrition in the World” blieb der Anteil der hungernden Menschen an der Weltbevölkerung in den letzten fünf Jahren weitgehend gleich, während 2020 ein deutlicher Anstieg erfolgte. „Die letzten vier Ausgaben dieses Berichts offenbaren eine ernüchternde Realität: Die Welt ist weder bei der Erreichung des Unterziels 2.1 der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs), das ganzjährig für alle Menschen den Zugang zu sicheren, nährstoffreichen und ausreichenden Nahrungsmitteln sicherstellen will, noch bei der Erreichung des SDG-Unterziels 2.2, alle Formen der Mangelernährung zu beenden, grundsätzlich vorangekommen,“ schreiben die Leiter*innen der Welternährungsorganisation FAO, des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung, des UN-Kinderhilfswerks UNICEF, des Welternährungsprogramms und der Weltgesundheitsorganisation im gemeinsamen Vorwort zum Bericht. Selbst wenn sich die weiterhin erhofften Fortschritte einstellen, werden im Jahr 2030 voraussichtlich immer noch 660 Millionen Menschen hungern, 30 Millionen davon aufgrund der langfristigen Folgen der Corona-Pandemie – ein klägliches Scheitern der internationalen Gemeinschaft!

Den Autor*innen zufolge war es aufgrund von COVID-19 besonders schwierig, verlässliche Schätzungen für 2020 zu erstellen. Daher wird in der diesjährigen Ausgabe des Berichts erstmals eine Spanne für die Anzahl der Hungernden angegeben (720 bis 811 Millionen). Zieht man den mittleren Wert (768 Millionen) heran, so waren im Jahr 2020 rund 118 Millionen Menschen mehr von Hunger betroffen als noch im Vorjahr – betrachtet man den oberen Wert, waren es sogar 161 Millionen mehr. Beim Blick auf die regionale Verteilung verwenden die UN-Organisationen den mittleren Wert: Von den 768 Millionen Unterernährten lebten mehr als die Hälfte (54,4%) bzw. 418 Millionen in Asien, gefolgt von Afrika mit 281,6 Millionen (36,7%) und Lateinamerika und der Karibik mit 59,7 Millionen (7,8%). Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Hunger leidenden Menschen in Asien um 57 Millionen, in Afrika um 46 Millionen und in Lateinamerika und der Karibik um 14 Millionen. Auch der Anteil der chronisch Unterernährten an der wachsenden Weltbevölkerung stieg innerhalb von nur einem Jahr deutlich an, von 8,4% auf 9,9% in 2020. Die prozentual am stärksten von Unterernährung betroffene Region mit dem schnellsten Zuwachs ist Afrika: Dort hungern fast 21% der Bevölkerung, während es 2019 noch 18% waren. Besonders besorgniserregend ist die Situation in Ostafrika, wo mehr als ein Viertel der Bevölkerung (28,1%) unterernährt ist, sowie in der Unterregion „Mittelafrika“, der die UN Länder wie Tschad und die Demokratische Republik Kongo zurechnet, und wo 31,8% der Bevölkerung Hunger litt. In Asien hungern 9% der Bevölkerung, während in Lateinamerika und der Karibik 9,1% der Menschen betroffen waren.

Der Bericht enthält nicht nur Schätzungen zu chronischer Unterernährung, sondern auch zu moderater Ernährungsunsicherheit: Demnach hatte 2020 rund 2,37 Milliarden Menschen keinen ganzjährigen Zugang zu angemessener Nahrung und waren gezwungen, aus Mangel an Geld oder anderen Ressourcen Abstriche bei der Qualität und/oder Menge der Nahrungsmittel zu machen, die sie zu sich nehmen. Gegenüber dem Vorjahr war dies ein Anstieg um fast 320 Millionen Menschen. Fast 12 % der Weltbevölkerung (928 Millionen Menschen) waren 2020 von schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen, was bedeutet, dass ihnen die Nahrungsmittel ausgingen, sie Hunger litten und im extremsten Fall tagelang nichts zu essen hatten. Das waren 148 Millionen Menschen mehr als noch 2019. Insgesamt nahm die moderate oder schwere Ernährungsunsicherheit im letzten Jahr so stark zu wie in den letzten fünf Jahren zusammen. „Leider deckt die Pandemie weiterhin Schwachstellen in unseren Ernährungssystemen auf, die das Leben und die Lebensgrundlage von Menschen auf der ganzen Welt bedrohen, insbesondere von den am meisten gefährdeten Menschen und jenen, die in fragilen Kontexten leben“, schreiben die Leiter*innen der fünf UN-Organisationen im Vorwort. In vielen Teilen der Welt habe die Pandemie zu einer Rezession geführt und den Zugang zu Nahrung gefährdet. Doch auch andere Faktoren stecken hinter den jüngsten Rückschlägen im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung. „Dazu gehören Konflikte und Gewalt in vielen Teilen der Welt sowie klimabedingte Katastrophen überall“, heißt es dort weiter. Aber auch die hohe und anhaltende Ungleichheit, die sich in vielen Ländern noch verstärkt hat, habe die Lage verschärft.

Auch bei weiteren Indikatoren, die der Bericht jedes Jahr unter die Lupe nimmt, sieht die Lage verheerend aus: Mangelernährung mit all ihren verschiedenen Ausprägungen blieb weiterhin stark verbreitet und traf besonders Kinder hart. Im Jahr 2020 waren schätzungsweise 149 Millionen Kinder unter fünf Jahren zu klein für ihr Alter (‚stunted‘), mehr als 45 Millionen galten als ausgezehrt und damit zu dünn für ihre Körpergröße (‚wasted‘) und fast 39 Millionen waren übergewichtig. Auch hier betonen die Verfasser*innen des Berichts, dass das wahre Ausmaß noch weitaus schlimmer sein könnte, da Corona-Abstandsregelungen die Datenerhebung erschwerten. „Mangelernährung bei Kindern ist weiterhin eine Herausforderung, vor allem in Afrika und Asien. Auch die Fettleibigkeit bei Erwachsenen nimmt weiter zu, wobei weder auf globaler noch auf regionaler Ebene eine Trendwende in Sicht ist“ – so räumten die UN-Chefs das Scheitern im Kampf gegen die Mangelernährung im Vorwort ein. (ab)

12.07.2021 |

Welternährungsgipfel: Aufruf zu echter Nachhaltigkeit statt Greenwashing

Aufruf
Ein Aufruf zur Transformation

Mehr als 800 zivilgesellschaftliche Organisationen, Bauernverbände und Agrar- und Ernährungsexpert*innen haben an Regierungen und Unternehmen appelliert, sich für eine tatsächlich nachhaltige Landwirtschaft einzusetzen. Sie fordern, Agrarökologie, ökologische und regenerative Landwirtschaft ganz oben auf die Agenda des UN-Welternährungsgipfels (Food Systems Summit) zu setzen, der im September in New York stattfinden wird, und prangern „Greenwashing“ und mangelnde Transparenz im Vorfeld des Gipfels an. Der am 7. Juli veröffentlichte Aufruf wurde initiiert von IPES-Food, einem internationalen Expertengremium, dem auch mehrere einst am Weltagrarbericht beteiligte Wissenschaftler*innen angehören, sowie vom Bio-Dachverband IFOAM-Organics International, Agroecology Europe, FiBL Europa und Regeneration International. Unterzeichnet haben Organisationen aus allen Regionen der Welt, darunter auch die Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Die Unterzeichner betonen die Notwendigkeit einer Transformation der Ernährungs- und Agrarsysteme, um echte Nachhaltigkeit und die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) zu erreichen. Sie appellieren an Regierungen, Unternehmen und die Zivilgesellschaft, sich zu 13 zentralen Nachhaltigkeitsprinzipien für diese Transformation zu bekennen. Zudem werden anhaltende Versuche einiger Akteure kritisiert, den Begriff nachhaltige Landwirtschaft für sich zu vereinnahmen. „Im Vorfeld dieses UN-Gipfels haben bestimmte Gruppen mit der Bedeutung von Nachhaltigkeit ein falsches Spiel getrieben“, warnte einer der Initiatoren des Aufrufs, Emile Frison von IPES-Food.

Die Unterzeichner fordern Regierungen und Unternehmen auf, dem ‚schädlichen‘ Status quo in der globalen Landwirtschaft ein Ende zu setzen. „Die heute vorherrschenden Agrar- und Ernährungssysteme, die größtenteils von einer industriellen Logik der Skaleneffekte, Intensivierung, Spezialisierung und Vereinheitlichung angetrieben werden, sorgen weder für Ernährungssicherheit noch für eine angemessene Ernährung für alle. Sie führen uns gefährlich über die ‚Planetarischen Grenzen‘ hinaus, innerhalb derer sich die Menschheit weiter sicher bewegen kann, und untergraben so ihre eigene Grundlage“, heißt es in dem Aufruf. „Die konventionelle Landwirtschaft – mit ihrer starken Abhängigkeit von chemischen Inputs – hat Millionen Menschen im Stich gelassen“, erklärt Frison. „Sie laugt die Böden weiter aus, schadet der Artenvielfalt, heizt den Klimawandel an und zerstört Existenzen.“ Die Verfasser des Appells argumentieren, dass diese Herausforderungen nicht allein durch schrittweise Verbesserungen des aktuellen industriellen Modells bewältigt werden können. Stattdessen sei ein kühner Paradigmenwechsel nötig, um Agrar- und Ernährungssysteme neu zu gestalten. Eine Reform der Lebensmittelsysteme sei eine entscheidende Voraussetzung dafür, um die SDGs, die Ziele des Pariser Klimaabkommens und des Übereinkommens über die biologische Vielfalt zu erreichen und die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der Bauern und anderer Menschen, die in ländlichen Gebieten arbeiten, zu achten. „Ehrlich gesagt wird uns nichts anderes als eine Transformation der Ernährungssysteme in Sicherheit bringen“, betont Frison.

Das Dokument schlägt Agrarökologie, eine ökologische und regenerative Landwirtschaft als Alternativen vor. „Um aus der aktuellen industriellen Logik auszubrechen, rückt die Agrarökologie zunehmend in den Fokus des Diskurses über die Zukunft der Landwirtschaft und der Ernährungssysteme. Gleichzeitig reagiert der stetig wachsende Bio-Markt auf die steigenden Verbraucherwünsche nach gesunden, nachhaltig produzierten Lebensmitteln“, heißt es darin. „Alternative Begriffe wie regenerative Landwirtschaft, ökologischer Landbau und andere werden in verschiedenen Weltregionen aufgegriffen – sie eint der Versuch, die Agrar- und Lebensmittelsysteme auf eine integrierte Weise zu verändern.“ Laut Paola Migliorini von Agroecology Europe, einer der Initiatoren des Aufrufs, arbeiten diese Ansätze mit der Natur statt gegen sie. Die internationale Datenlage spreche für sie und könne nicht länger ignoriert werden. Diese unterschiedlichen Ansätze haben eine gemeinsame Basis, die auf 13 Prinzipien gründet, die in einem Bericht des High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition (HLPE), einem hochrangigen Expertengremiums des UN-Ausschusses für Welternährungssicherung (CFS), 2019 veröffentlicht wurden. Die unterzeichnenden Organisationen und Einzelpersonen fordern daher die Teilnehmer*innen des UN-Welternährungsgipfels auf, alle 13 vom HLPE dargelegten Prinzipien anzunehmen.

Die ersten beiden Prinzipien lauten Recycling und Reduzierung von Inputs: Nutze bevorzugt lokale, erneuerbare Ressourcen und schließe so weit wie möglich Ressourcenkreisläufe von Nährstoffen und Biomasse, und verringere oder vermeide die Abhängigkeit von zugekauften Inputs und erhöhe die Selbstversorgung. Weitere Prinzipien befassen sich mit Boden- und Tiergesundheit: „Sichere und verbessere die Gesundheit und Funktionsfähigkeit der Böden für ein besseres Pflanzenwachstum, vor allem durch das Management organischer Substanz und die Steigerung der biologischen Aktivität des Bodens“ und „stelle Gesundheit und Wohlergehen der Tiere sicher“, empfahl das HLPE. Das fünfte Prinzip fordert die Erhaltung und Verbesserung der Artenvielfalt, der funktionalen Vielfalt und der genetischen Ressourcen. Synergie als sechstes Prinzip zielt darauf ab, positive ökologische Wechselwirkungen, Synergie, Integration und Komplementarität zwischen den Elementen von Agrarökosystemen (Tiere, Pflanzen, Bäume, Boden und Wasser) zu fördern. Das siebte Prinzip strebt eine wirtschaftliche Diversifizierung in der Landwirtschaft an und soll sicherstellen, dass Kleinbauern größere finanzielle Unabhängigkeit und Möglichkeiten zur Wertschöpfung erlangen und zugleich in die Lage versetzt werden, auf die Nachfrage der Verbraucher zu reagieren. Weitere Prinzipien sind die gemeinsame Schaffung von Wissen, soziale Werte und Ernährungsgewohnheiten, Fairness, Konnektivität, die Verwaltung von Land und natürlichen Ressourcen sowie Partizipation.

Es bleibt abzuwarten, ob diese 13 Prinzipien tatsächlich so wie gefordert eine Rolle auf dem UN-Gipfel spielen werden. Für Louise Luttikholt von IFOAM - Organics International wäre das allerdings eine große Chance, um mit dem Stillstand und Status quo zu brechen: „Wenn es den Entscheidungsträgern und Wirtschaftsvertretern wirklich um gesunde Böden, gesunde Pflanzen, Tiere und Menschen oder gar um das Pariser Abkommen geht, dann ist dies eine einmalige Gelegenheit, sich unter einem Banner zu vereinen und sich zu diesen Prinzipien zu bekennen.“ Der Gipfel wird nach einem vorbereitenden Gipfel in Rom Ende Juli im September in New York stattfinden. In den letzten Monaten erntete er heftige Kritik von zivilgesellschaftlichen Gruppen aus aller Welt, die mangelnde Transparenz im Vorfeld der Veranstaltung anprangerten. In einem am 7. Juli veröffentlichten Papier warnte IPES-Food zudem, dass der Gipfel auch dazu genutzt werde, eine neue Art der Entscheidungsfindung voranzutreiben, die viele Stimmen in den Ernährungssystemen ausschließen könnte. Das Papier bezieht sich auf den Vorschlag, ein neues Gremium, einen „IPCC für Ernährung', zu schaffen, um Entscheidungen über die Zukunft der Ernährungssysteme zu optimieren. Die Verfasser befürchten, dass solch ein neues Gremium, so wie es derzeit geplant ist, das Risiko birgt, eine verengte Sichtweise der Wissenschaft durchzusetzen und demokratische Debatten zu unterbinden. Die Arbeit des HLPE, der bereits wissenschaftliche Leitlinien für Regierungen bereitstellt und dabei verschiedene Kenntnisse und Perspektiven aus dem gesamten Lebensmittelsystem berücksichtigt, würde so untergraben werden. (ab)

30.06.2021 |

Rechnungshof: EU-Agrarpolitik trägt nicht zum Klimaschutz bei

Guelle
Die EU-Emissionen müssen sinken (Foto: CC0)

Ein neuer Bericht des Europäischen Rechnungshofs stellt der bisherigen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU ein Armutszeugnis in Sachen Klimaschutz aus: Die Emissionen aus der EU-Landwirtschaft gingen seit 2010 nicht zurück, obwohl 2014 bis 2020 über 100 Milliarden Euro und damit mehr als ein Viertel aller EU-Agrarausgaben in den Klimaschutz gesteckt wurden. Der Bericht erschien am 21. Juni, nur wenige Tage, bevor sich EU-Parlament, Mitgliedsstaaten und Kommission am 25. Juni auf den künftigen Fahrplan für die GAP nach 2023 und ein weitgehendes Weiter-So in der Agrarpolitik einigten. Im Sonderbericht 16 stellt der „Hüter der EU-Finanzen“ fest, dass die meisten von der EU-Agrarpolitik geförderten Maßnahmen zur Abmilderung des Klimawandels nur ein geringes Klimaschutzpotenzial haben und die GAP kaum Anreize setze für Maßnahmen, die in diesem Bereich besonders wirksam wären. „Die EU spielt eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, den Klimawandel im Agrarsektor einzudämmen, weil sie Umweltstandards festlegt und die meisten Agrarausgaben der Mitgliedstaaten mitfinanziert“, sagte Rechnungshofmitglied Viorel Ştefan. „Bei der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik sollte mehr Gewicht auf die Verringerung landwirtschaftlicher Emissionen gelegt und transparenter gemacht werden, wie diese Politik zum Klimaschutz beiträgt“, mahnte er an.

Die Prüfer des Rechnungshofs, der über die Sparsamkeit, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der EU-Ausgaben wacht, untersuchten für den Sonderbericht, ob mit der GAP im Zeitraum 2014-2020 Verfahren zur Eindämmung des Klimawandels unterstützt wurden. Dabei nahmen sie sich drei wichtige Quellen von Treibhausgasemissionen vor: Viehhaltung, Verwendung von chemischen Düngemitteln und Dung sowie die Nutzung von Ackerflächen und Grünland. Zudem verglichen sie, ob die GAP in diesem Zeitraum bessere Anreize für den Einsatz wirksamer Klimaschutzverfahren bot als in der Förderperiode 2007-2013. In der EU ist die Landwirtschaft für 10,3% aller Emissionen verantwortlich. Die Emissionen aus der Viehhaltung machen rund die Hälfte der landwirtschaftlichen Emissionen aus, heißt es in dem Bericht, und hier gab es seit 2010 keinen Rückgang zu verbuchen. Würden noch die Emissionen aus der Produktion und dem Import von Tierfutter in die EU hinzugerechnet, wäre der Anteil der Emissionen aus der Viehhaltung deutlich höher. „Die Emissionen aus der Viehhaltung stehen direkt im Zusammenhang mit der Größe des Viehbestands“, heißt es in dem Bericht, doch die GAP ziele weder darauf ab, den Viehbestand zu begrenzen, noch biete sie den Landwirten Anreize dahingehend. Im Gegenteil fördere die GAP den Absatz tierischer Erzeugnisse, deren Verzehr seit 2014 nicht rückläufig ist. Im Zeitraum 2014-2018 blieb der Verzehr von Milchprodukten in der EU mit 109 Kilogramm unverändert, während der Konsum von Schweinefleisch um 2% auf 34 Kilo und der von Geflügel um 10% auf 21 Kilo kletterte. Auch bei Eiern war mit 12 Kilo ein Plus von 15% zu verzeichnen.

Die Emissionen aus chemischen Düngemitteln und Dung, die fast ein Drittel der Emissionen aus der Landwirtschaft ausmachen, stiegen zwischen 2010 und 2018. Den höchsten Anstieg gab es mit mehr als 30% in Bulgarien, Tschechien, Ungarn, Rumänien und in der Slowakei zu vermelden. Nur in Griechenland und Zypern ging der Düngereinsatz zurück. Zwar unterstütze die GAP Verfahren, die den Einsatz von Düngemitteln reduzieren könnten, wie etwa den Bio-Landbau und den Anbau von eiweißreichen Körnerfrüchten, doch Auswirkungen dieser Verfahren auf die Treibhausgasemissionen seien unklar. Weitere Verfahren, um die Düngemittelmenge zu reduzieren, seien hingegen kaum finanziell gefördert worden.

In Bezug auf die Flächennutzung untersuchten die Prüfer, ob die bisherige GAP zu einer Verringerungen der Emissionen aus der Landnutzung und einem Anstieg der Kohlenstoffspeicherung auf Grün- und Ackerland beitrug. Hier stellten sie fest, dass die EU-Agrarpolitik sogar klimafeindliche Maßnahmen unterstützt, etwa durch Zahlungen an Landwirte, die entwässerte Torfflächen landwirtschaftlich nutzen. In der EU erstrecken sich Torfflächen auf 24 Millionen Hektar und sie machen 20-25% des gesamten Kohlenstoffsspeichers in Böden in der EU aus. EU-weit werden 4 Millionen Hektar Torfflächen als Acker- oder Grünland genutzt und damit gerade einmal 2% der gesamten Acker- und Grünlandfläche in der EU, doch dies verursacht 20% aller EU-Emissionen aus der Landwirtschaft. Deutschland, Polen und Rumänien verursachen die meisten CO2-Emissionen durch die Trockenlegung von Mooren. Dem Rechnungshof zufolge hätte aus Mitteln für die Entwicklung des ländlichen Raums die Wiederherstellung von Torfflächen gefördert werden können, doch das sei nur selten erfolgt. Im Vergleich zur GAP 2007-13 habe sich die Unterstützung für Maßnahmen zur Kohlenstoffbindung wie Aufforstung, Agroforstwirtschaft und Umwandlung von Ackerland in Grünland zudem nicht erhöht.

Der Rechnungshof stellte auch fest, dass „sich die sogenannten Cross-Compliance-Vorschriften und die Maßnahmen zur Entwicklung des ländlichen Raums im Vergleich zum vorangegangenen Zeitraum kaum verändert haben, obwohl sich die EU ehrgeizigere Klimaziele gesetzt hatte. Die Greening-Maßnahmen, mit denen die Umweltleistung der GAP verbessert werden sollte, hätten den Landwirten keine Anreize für wirksame klimafreundliche Maßnahmen geboten und deren Auswirkung auf das Klima seien daher nur marginal. Die Prüfer empfehlen der EU-Kommission nun, entschlossen zu handeln, damit durch die GAP die Emissionen aus der Landwirtschaft gesenkt werden. Zudem müssten Schritte ergriffen werden, um Emissionen aus bewirtschafteten entwässerten organischen Böden zu verringern und die EU müsse regelmäßig über den Beitrag der GAP zum Klimaschutz berichten. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im EU-Parlament, pflichtet dem Rechnungshof bei: Solange die GAP-Maßnahmen „keine konsequenten Vorschläge zum Abbau der Tierzahlen mit ihren enormen Soja-CO2-Emissionsimporten, zum Moor und Grünlandschutz und zur Besserstellung der Weidehaltung beinhalten, werden die größten Emissionsquellen auch nicht verringert“, betonte er in einer Pressemitteilung. Und wenn der größte Anteil an landwirtschaftlichen Emissionen, der durch die Herstellung und Anwendung von Mineraldünger entsteht, einfach unthematisiert bleibe, weil die Herstellung der Industrie zugerechnet wird, führe dies nicht zu einer „ehrlichen Klimabilanz der europäischen Landwirtschaft“. (ab)

16.06.2021 |

IPCC/IPBES: Klima, Biodiversität und soziale Gerechtigkeit gemeinsam denken

Palmen
Gut für Klima und Biodiversität? (Foto: CC0)

Der Verlust der biologischen Vielfalt und der Klimawandel bedrohen zunehmend die Natur und die Lebensgrundlagen unzähliger Menschen weltweit. Doch bisherige politische Strategien nehmen diese Probleme nur isoliert in Angriff und können negative Auswirkungen auf die Natur und deren Ökosystemleistungen für den Menschen haben, bemängeln 50 weltweit führende Biodiversitäts- und Klimaexpert*innen. Sie hatten im Dezember 2020 an einem viertägigen virtuellen Workshop teilgenommen, der vom Weltbiodiversitätsrat IPBES und vom Weltklimarat IPCC einberufen wurde, um Synergien und Zielkonflikte zwischen dem Schutz der Artenvielfalt und der Abschwächung und Anpassung an den Klimawandel zu untersuchen. Der Ergebnisbericht wurde nun am 10. Juni präsentiert. Eine der Hauptbotschaften: Der Kampf gegen die Erderwärmung und für eine nachhaltige Entwicklung wird nur gelingen, wenn die Menschheit die Themen Klimaschutz, Biodiversität und soziale Gerechtigkeit fortan gemeinsam denkt und bei politischen Entscheidungen auf allen Ebenen in ihren Wechselwirkungen gleichrangig berücksichtigt. „Für eine nachhaltige, sozial gerechte Entwicklung menschlicher Gemeinschaften ist beides essenziell: eine möglichst geringe globale Erwärmung und eine artenreiche, produktive und widerstandsfähige Natur“, betonte Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner, Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut des Helmholtz-Zentrums für Polar- und Meeresforschung.

Erstmals arbeiteten Expert*innen des Weltklimarates und des Weltbiodiversitätsrates gemeinsam an Lösungen für diese eng miteinander verflochtenen Probleme. Der Bericht wurde jedoch nicht wie andere IPCC- oder IPBES-Publikationen durch die Vollversammlungen der Institutionen offiziell verabschiedet. Die Autor*innen unterstreichen, dass die engen Wechselwirkungen die Politik vor enorme Herausforderungen stellen. „Wenn die internationale Gemeinschaft ihre Klima-, Naturschutz- und Entwicklungsziele erreichen möchte, wird sie nicht umhinkommen, die Belange des Klimas, der Natur und die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung im Dreiklang zu denken. Das heißt, Aufgabenstellungen werden komplexer, weil zum Beispiel Klimaschutzideen, die für sich betrachtet vielversprechend sind, im Hinblick auf die Natur und die lokale Bevölkerung weitreichende Nachteile mit sich bringen können“, sagt Ko-Autor und Biodiversitätsexperte Prof. Dr. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

Der Bericht führt zahlreiche Beispiele für die negativen Folgen von einseitig gedachten Klimaschutzkonzepten für Mensch und Umwelt an. Eines davon ist der großflächige Anbau von Bioenergiepflanzen, der zum Beispiel beim Anbau von Soja und Ölpalmen oft mit der Abholzung tropischer Regenwälder einhergeht. „Der Anbau von Bioenergiepflanzen (einschließlich Bäumen, mehrjährigen Gräsern und einjährigen Feldfrüchten) in Monokultur auf großen Landflächen schadet den Ökosystemen, reduziert die Palette der Ökosystemleistungen und verhindert, dass zahlreiche Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals /SDGs) erreicht werden“, heißt es in der deutschen Übersetzung des Berichts. Die Konkurrenz um Flächen und die Verdrängung lokaler Landnutzungsformen kann hier zu Problemen führen. „Angesichts des anhaltenden Hungers in vielen Regionen der Welt und der Notwendigkeit, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, sind solche Szenarien unrealistisch, die für das Jahr 2050 jährliche CO2 Aufnahmeraten durch Bioenergie (einschließlich Kohlenstoffabscheidung und -speicherung) in der Größenordnung des heutigen Kohlenstoffspeichers aller Landökosysteme prognostizieren. Dafür wäre eine Landfläche von der mehr als 1,5-fachen Größe Indiens erforderlich“, so die Expert*innen. Zudem könne der intensive Anbau von Bioenergiepflanzen auch die Artenvielfalt und Ökosystemleistungen in angrenzenden Land-, Süßwasser- und Meeresökosystemen negativ beeinflussen, z.B. durch Dünger und Pestizide.

Auch großflächige Baumpflanzungen in Ökosystemen, die historisch gesehen keine Wälder waren, können schädlich für die biologische Vielfalt sein. Dasselbe gilt für Wiederaufforstungen mit Monokulturen, insbesondere mit exotischen Baumarten, die zudem die Ausbreitung von Schädlingen und Krankheiten fördern können. Baumplantagen können ebenfalls mit Flächen konkurrieren, die für die Produktion von Nahrungsmitteln genutzt werden können, und die lokale Bevölkerung verdrängen oder ihren Zugang zu Land einschränken. Des Weiteren stellen technologiebasierte Maßnahmen, die wirksam zur Minderung des Klimawandels beitragen können, dem Bericht zufolge unter Umständen eine ernsthafte Gefahr für die biologische Vielfalt dar. Erneuerbare Energien im Verkehrs- und Energiesektor seien zwar wichtige Optionen zur Abmilderung des Klimawandels, aber sie sind derzeit noch auf den Abbau von Mineralien an Land und im Meer angewiesen. Dazu gehören zum Beispiel Seltene Erden, die in Windturbinen, Elektroautos und Akkus eingesetzt werden und für die es bisher mitunter noch keine sauberen Entsorgungs- und Wiederverwendungstechnologien gebe. Auch technische und technologische Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel können negative Folgen für die Natur und deren Ökosystemleistungen für den Menschen haben. Besonders bedenklich seien etwa technische Maßnahmen zum Schutz vor Überschwemmungen und Dürren, wie der Bau von Talsperren oder von Deichen zum Schutz der Küsten vor einem steigenden Meeresspiegel. Andere technologische Maßnahmen wiederum können der biologischen Vielfalt hingegen nützen: Verbesserungen in der Bewässerungstechnologie und beim Wassermanagement können zum Beispiel die Fähigkeit landwirtschaftlicher Systeme erhöhen, mit Wasserstress umzugehen. Gemeinsam mit Maßnahmen zur Verbesserung der Bodengesundheit kann so erreicht werden, dass weniger Wasser aus Flüssen und Bächen entnommen werden muss.

Der Bericht beschränkt sich nicht nur auf die Kritik an fehlgeleiteten Maßnahmen, sondern macht auch Vorschläge, was konkret getan werden muss, um Klima- und Artenschutz voranzubringen. Auch die Landwirtschaft kann hier einen Beitrag leisten. „Durch nachhaltige Land- und Forstwirtschaft können die Anpassungsfähigkeit und die biologische Vielfalt von Nutzflächen verbessert werden. Beide Maßnahmen erhöhen zudem die Kohlenstoffspeicherung in Acker- und Waldböden sowie in der dazugehörigen Vegetation und tragen so zu einer Reduktion der Treibhausgasemissionen auf den entsprechenden Flächen bei“, heißt es in der Zusammenfassung. „Dazu gehören Maßnahmen wie die Diversifizierung der angebauten Nutzpflanzen und Waldarten, Agroforstwirtschaft und Agrarökologie. Eine verbesserte Bewirtschaftung von Ackerland und Weidesystemen, wie z.B. Bodenschutz und die Reduzierung des Düngemitteleinsatzes, bietet laut dem Bericht ein jährliches Klimaschutzpotenzial von 3-6 Gigatonnen Kohlendioxid-Äquivalent“, ist der IPBES-Pressemitteilung zum Bericht zu entnehmen. „Eine klimaschonende Landnutzung ist machbar, wenn wir bei unseren Entscheidungen beachten, wie viel der jeweilige Naturraum zu leisten vermag und durch welche Nutzungsformen möglichst viele Menschen von der Natur profitieren“, betont auch Prof. Dr. Josef Settele. Es kann aber nicht nur bei der Produktion von Lebens- und Futtermitteln, Fasern oder Energie angesetzt werden, sondern auch auf der Nachfrageseite. Dazu gehören z.B. die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung und Abfällen durch jeden Einzelnen und die Umstellung der Ernährung auf mehr pflanzliche Kost – insbesondere in reicheren Ländern.

Die Politik müsse zudem auch schädliche Subventionen abschaffen, die zu Aktivitäten führen, die sich negativ auf die biologische Vielfalt auswirken, da sie z.B. Abholzung oder Überfischung begünstigen. Besondere Erfolgsaussichten hätte den Expert*innen zufolge eine Klima- und Naturschutzpolitik, die mit der Verbesserung sozialer Gerechtigkeit einhergeht. „Es gilt, die Armut weltweit zu bekämpfen und die Verteilungsgerechtigkeit zu erhöhen“, betont Hans-Otto Pörtner. „Vielen Menschen bleibt aufgrund ihrer sozialen und wirtschaftlichen Not gar nichts anderes übrig, als ihren Lebensunterhalt durch Jagd, illegale Fischerei, Goldsuche oder aber durch andere Aktivitäten zu bestreiten, die zum flächendeckenden Raubbau an der Natur beitragen.“ Sie aus dieser Notlage zu befreien, wäre ein erster wichtiger Schritt für nachhaltigen Klima- und Naturschutz. Künftig, so lautet ein Fazit der Wissenschaftler*innen, müssten sich alle politischen Entscheidungen daran messen lassen, inwiefern sie bestmögliche Resultate für das Klima, die Biodiversität und die Menschen vor Ort erzielen. „Die Belege sind eindeutig: Eine nachhaltige Zukunft für Mensch und Natur weltweit ist weiterhin möglich, doch es bedarf eines transformativen Wandels durch schnelles und umfassendes Handeln“. Dieser transformative Wandel erfordere „eine Neubewertung und Umverteilung der Nutzen und Kosten von Maßnahmen sowie den Wandel von individuellen und kollektiven Werten im Umgang mit der Natur.“ Ein Beispiel sei die Abkehr vom Konzept des wirtschaftlichen Wachstums, hin zu einem Konzept, das gesellschaftliche Entwicklung danach bemisst, ob Wohlstand gleichmäßig verteilt ist, und das die vielfältigen Werte der Natur angemessen berücksichtigt. (ab)

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