Multifunktionalität

Was keinen Preis erzielt, wird auch nicht hergestellt und erhalten. Was als kostenlos gilt, wird oft rücksichtslos benutzt und gering geschätzt. Weil sie anscheinend umsonst zu haben sind, werden einige der wertvollsten Leistungen der Landwirtschaft von einer rein marktwirtschaftlichen Kostenlogik bedroht.
Wo die Zerstörung von Umwelt oder auch von Landschaften und dörflichen Gemeinschaften erschwert und so zu einem Kostenfaktor wird, werden Produktion und Arbeitsplätze verlagert. Umwelt- und Sozialdumping werden zum Konkurrenzvorteil auf dem Weltmarkt.

Öffentliches Geld für öffentliche Güter

In jüngster Zeit haben Wissenschaft und Politik die Multifunktionalität der Landwirtschaft vor allem unter ökologischen Gesichtspunkten grundsätzlich anerkannt. Die Europäische Union und andere Industrieländer beginnen, in Gesetzen, bei Subventionen und auch in der Forschung die vielfältige Rolle der Landwirtschaft stärker zu berücksichtigen. Unter dem Motto „Public money for public goods“ traten Nichtregierungsorganisationen bei der letzten EU-Agrarreform für eine grünere und gerechtere Landwirtschaft ein. Dennoch ist der Begriff innerhalb der Welthandelsorganisation nach wie vor umstritten. Regierungen exportorientierter Länder in Nord- und Südamerika verdächtigen ihn der „Marktverzerrung”. Unternehmen und Vertreter der „reinen Marktlehre” lehnen Eingriffe zum Schutze öffentlicher Güter und Interessen weitgehend ab.„Ökosystem-Leistungen bleiben vom Markt weitgehend unbezahlt. Zu diesen Leistungen zählen Klimaregulierung, Wasserbereitstellung, Abfallbehandlungskapazitäten, das Management von Nährstoffkreisläufen und Wassereinzugs-gebieten und andere. Die Bezahlung von Umweltdienst-leistungen (Payments for environmental services, PES) entgelten ökosystemare Leistungen nachhaltiger Anbaumethoden. PES ist ein politisches Konzept, das die Multifunktionalität der Landwirtschaft anerkennt und Mechanismen für die Wertschätzung und Bezahlung ihrer Vorteile schafft.” (Global, S. 462)

In Industrie- wie auch Entwicklungsländern stehen sich häufig kurzfristige ökonomische Zwänge und längerfristige Nachhaltigkeitsziele sowohl in einzelnen Betrieben, Haushalten und Gemeinden, als auch volkswirtschaftlich scheinbar unversöhnlich gegenüber.„Vielen Haushalten ist klar, dass ihre Entscheidungen kurzsichtig sind. Doch Hunger macht alle Erwägungen über den langfristigen Nutzen natürlicher Ressourcen irrelevant.“ (Global, S. 36)Not, Existenzangst und Konkurrenz- druck führen zu ökologisch und sozial destruktiven Entscheidungen und Verhaltensweisen, selbst gegen die eigene Einsicht und Überzeugung. Umwelt- und Sozialleistungen der Landwirtschaft lassen sich sowohl dadurch fördern, dass sie einen Marktpreis erhalten und bezahlt werden, als auch durch staatliche und kommunale Vorschriften und Verbote. Der Weltagrarbericht nennt Beispiele für beide Optionen, die sich gut ergänzen können und auf ihre jeweilige Effektivität hin geprüft werden müssen.

Chance Multifunktionalität

Für die hoch spezialisierte Wissenschaft ist das Konzept ökonomischer, ökologischer, sozialer und kultureller Multifunktionalität eine ungewohnte Herausforderung. Landwirte und ihre Gemeinden können sie mit ihrem lokalen und traditionellen Wissen und Erfahrungsschatz dabei anleiten. Es ist seit Generationen ihr Kerngeschäft, multifunktional zu denken und zu entscheiden und dabei zur Not auch einmal Äpfel mit Birnen zu vergleichen.
Die Geschichte der Menschheit ist voller gelungener wie warnender Beispiele dafür, wie Zivilisationen die Multifunktionalität ihres Austausches mit der Natur nachhaltig gestalteten oder aber untergingen, weil sie daran scheiterten. Unsere global vernetzte Gesellschaft verfügt zur Bewältigung dieser Herausforderung über einen größeren Erfahrungs- und Wissensschatz als alle Zivilisationen vor uns. Erstmals steht sie allerdings auch dem Risiko globalen Scheiterns gegenüber. Um diesem Risiko zu begegnen, bedarf es der rechtzeitigen und vielfältigen Anpassung an möglichst vielen Orten zugleich. Die Multifunktionalität von Landwirtschaft und Ernährung lässt sich nicht auf deren Einzelaspekte wie Gerechtigkeit, Hunger, Gesundheit, Ressourcen-, Klima- und Artenschutz reduzieren. Sie verlangt vielmehr die hohe Kunst, all diese Aspekte in steter Auseinandersetzung aller Beteiligten auszubalancieren.Um die Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen und auf neue Prioritäten und veränderte Bedingungen zu reagieren, bedarf es eines grundlegenden Richtungswechsels in Wissenschaft, Technologie, Politik und Institutionen, in der Bildungspolitik und bei den Investitionen. Ein solcher Richtungswechsel muss die Multifunktionalität der Landwirtschaft anerkennen und stärker betonen und zugleich der Komplexität landwirtschaftlicher Systeme in ihrem unterschiedlichen sozialen und ökologischen Kontext Rechnung tragen. Neue institutionelle und organisatorische Strukturen müssen eine Integration der Entwicklung und Anwendung von AKST (Agricultural Knowledge, Science and Technology) fördern. Bäuerliche Gemeinden und Haushalte müssen als Produzenten und als Verwalter von Ökosystemen wahrgenommen werden. Veränderte Anreize für alle Akteure der Wertschöpfungskette können helfen, so viele externe Effekte wie möglich zu internalisieren. Entwicklung und Nachhaltigkeit ist am besten gedient, wenn diese politischen und institutionellen Veränderungen sich vor allem auf diejenigen konzentrieren, denen frühere AKST-Konzepte am wenigsten nutzten, das heißt auf arme Bauern, auf Frauen und auf ethnische Minderheiten (Synthese, S. 4-5).

Grundlagen

Bewegung

Literatur


Videos: Multifunktionalität

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Grafiken

  • UNEP Agricultural OutputUNEP Agricultural Output
  • UNEP Multifunctional perspectiveUNEP Multifunctional perspective
  • UNEP Market AccessUNEP Market Access
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