Nachrichten

02.11.2015 |

Wurststreit: WHO-Krebsbehörde rät zur Reduzierung des Fleischkonsums

Wurst
Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Der Verzehr von verarbeitetem Fleisch wie Wurst oder Schinken kann das Risiko für Darmkrebs erhöhen, warnte die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation WHO am 26. Oktober und riet zur Senkung des Fleischkonsums. Die Meldung schlug hohe Wellen, die Fleisch- und Wurstindustrie reagierte empört und warf der WHO Panikmache und die Verunsicherung der Verbraucher vor. Eine Arbeitsgruppe von 22 Experten aus zehn Ländern hatte mehr als 800 Studien zum Zusammenhang von Fleischkonsum und dem Risiko für verschiedene Krebsarten ausgewertet. Die IARC stufte verarbeitetes Fleisch, das z.B. durch Salzen, Fermentieren, Räuchern oder Pökeln haltbar gemacht wurde, als „krebserregend für den Menschen“ ein (Gruppe 1), da „ausreichende Beweisen“ vorlägen, dass regelmäßiger Verzehr Darmkrebs verursachen kann. Den Experten zufolge erhöht der tägliche Konsum von 50 Gramm verarbeitetem Fleisch die Gefahr, an Darmkrebs zu erkranken, um 18%. „Für Menschen bleibt das Risiko, Darmkrebs aufgrund des Konsums von verarbeitetem Fleisch zu entwickeln, gering, aber das Risiko steigt mit der verzehrten Fleischmenge“, erläuterte Dr. Kurt Straif von der Krebsbehörde. „Angesichts der hohen Zahl an Menschen, die verarbeitetes Fleisch essen, ist die globale Auswirkung auf Krebsneuerkrankungen von Bedeutung für das Gesundheitswesen.“ Den Verzehr von rotem Fleisch – also Muskelfleisch von Rind, Schwein, Lamm, Pferd oder Ziege – stuften die Experten als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ ein (Gruppe 2A), da es hierfür nur „begrenzte Beweise“ gebe. Die Gruppen sagen nichts über die Höhe des Krebsrisikos aus, sondern geben lediglich Aufschluss darüber, wie gut wissenschaftlich belegt ist, dass ein Stoff Krebs auslösen kann. So finden sich in Gruppe 1 neben verarbeitetem Fleisch auch Tabakrauch und Asbest. Während jedes Jahr eine Million Menschen an durch Rauchen verursachtem Lungenkrebs sterben, sind nur 34.000 Todesfälle auf Krebs durch den Verzehr von verarbeitetem Fleisch zurückzuführen. Auch wenn die IARC bereits in ihrer Pressemitteilung betonte, dass die konsumierte Fleischmenge entscheidend sei, reagierten Fleischhersteller und -liebhaber so aufgebracht, dass die WHO am Donnerstag erneut mitteilte: „Die jüngste IARC-Bewertung fordert die Menschen nicht auf, kein verarbeitetes Fleisch mehr zu essen, sondern weist darauf hin, dass ein geringerer Verzehr dieser Produkte das Krebsrisiko vermindern kann.“ Der Streit um die Wurst veranlasste auch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, seinen Senf dazuzugeben: „Niemand muss Angst haben, wenn er mal eine Bratwurst isst! Die Menschen werden zu Unrecht verunsichert, wenn man Fleisch mit Asbest oder Tabak auf eine Stufe stellt.“ Der Ruf nach einer Reduzierung des Fleischkonsums aus gesundheitlichen Gründen ist nicht neu: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät schon lange, pro Woche nicht mehr als 300 - 600 Gramm Fleisch und Fleischerzeugnisse zu verzehren, also maximal 30 Kilogramm im Jahr. Doch den meisten Deutschen ist das wurst – sie verschlingen im Schnitt mehr als die doppelte Menge. (ab)

26.10.2015 |

Syrisches Saatgut aus Saatgutbank in der Arktis erwacht zu neuem Leben

Seeds
Schöne Saatgutvielfalt (Foto: Carol VanHook/Flickr.com)

Saatgut aus Syrien, das Ende September einen Bunker im arktischen Eis verließ, ist sicher in Marokko und im Libanon angekommen und soll dort für die Neugewinnung alter Sorten genutzt werden, die im syrischen Bürgerkrieg verloren gingen. Das Internationale Zentrum für Agrarforschung in trockenen Regionen (ICARDA), aus dessen Sammlung die im Saatgut-Tresor „Svalbard Global Seed Vault“ im ewigen Eis einlagerten Samen stammen, bestätigte am 19. Oktober die Ankunft von 128 Kisten mit insgesamt 38.073 Saatgutproben. „Wir sind erfreut, dass wir das Saatgut erhalten konnten, damit ICARDA weiter wertvolle pflanzengenetische Ressourcen zur Verfügung stellen kann (…), um die Arbeit für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt fortzuführen und den durch die Natur und den Menschen verursachten Herausforderungen im Hinblick auf die Ernährung künftiger Generationen zu begegnen“, sagte der Generaldirektor des ICARDA, Dr. Mahmoud Solh. 57 Kisten mit Ackerbohnen, Plattererbsen und wilden Verwandten von Getreide und Hülsenfrüchten wurden nach Libanon verschifft. 71 Kisten mit Kulturweizen, Gerste, Linsen und Kichererbsen gingen nach Marokko. Das Saatgut stammt aus der Genbank in Aleppo, die mehr als 148.000 Saatgutmuster einzigartiger regionaler Landsorten und wilder Verwandter von Gerste, Weizen, Erbsen und Bohnen enthält, die speziell für den Anbau in trockenen Gegenden geeignet sind und somit einen wichtigen Beitrag für die Anpassung an den Klimawandel leisten können. Obwohl die Sammlung noch intakt ist, kann die Saatgutbank aufgrund des Bürgerkriegs ihre Einrichtungen nicht voll nutzen oder Saatgut vermehren und verteilen. Daher werden die Saatgutmuster nun in den Forschungsstationen des ICARDA in Marokko und im Libanon ausgesät, um Sicherheitskopien zu gewinnen. Das neue Saatgut wird für den Wiederaufbau der Sammlung und die Neueinlagerung im Saatgut-Tresor von Spitzbergen verwendet. Außerdem wird es Landwirten, Wissenschaftlern und Züchtern in der Region zur Verfügung gestellt. „Angesichts des schrecklichen Unglücks, das die syrische Bevölkerung erleidet, ist die Abhebung des Saatguts von ICARDA aus dem Saatgut-Tresor eine gute Nachricht. Es zeigt, dass die Maßnahmen, die die Weltgemeinschaft ergreift, um die Kulturpflanzenvielfalt für künftige Generationen zu bewahren, in der Tat funktionieren“, sagte Marie Haga, Leiterin des Crop Trust, der die Arbeit des Saatgutbunkers verwaltet und finanziert. Die aktuelle Lieferung ist der erste Abruf von Saatgut seit der Eröffnung des Tresors im Jahr 2008. Der Svalbard Global Seed Vault bewahrt im Permafrost etwa 860.000 Samen von Kulturpflanzen aus aller Welt auf. (ab)

23.10.2015 |

Syngenta erhält Patent auf Paprika aus konventioneller Züchtung

Paprika
Freiheit für die Paprika (Foto: Joe Shlabotnik/Flickr)

Das Europäische Patentamt (EPA) hat dem Schweizer Agrarkonzern Syngenta ein Patent auf eine konventionell gezüchtete Paprika erteilt. Dieses umfasst die Verwendung der Paprika als Lebensmittel, die Pflanzen selbst, deren Anbau und Ernte sowie das Saatgut. Syngenta erhebt den Patentanspruch auf eine kernlose Paprika – oder in Amtsdeutsch auf eine „männlich-sterile Hybridpaprikapflanze, die an der ganzen Pflanze normal aussehende essbare samenlose Früchte bildet, wobei die samenlosen Früchte dadurch gekennzeichnet sind, dass sie zu mindestens 95% samenlos sind“. Das Patent EP2166833B1, das am 14. Oktober veröffentlicht wurde, erstreckt sich auf die Verwendung von Paprikafrüchten „als Frischprodukt, als frisch geschnittenes Produkt oder für die Verarbeitung, wie zum Beispiel die Konservenindustrie“. Nichtregierungsorganisationen und die Biobranche reagierten empört auf die erneute Erteilung eines Patents auf Pflanzen aus konventioneller Zucht, da die europäischen Patentgesetze die Patentierung von Verfahren zur konventionellen Züchtung verbieten. Das EPA erteilt dennoch Patente auf Pflanzen, züchterische Merkmale sowie Saatgut und die Ernte, die aus dieser Züchtung stammen. Erst im August hatte Syngenta ein Patent auf eine konventionell gezüchtete Tomate erhalten. „Schritt für Schritt übernehmen die Saatgutkonzerne die Kontrolle über unsere Nahrungsmittel“, kommentierte Christoph Then für die internationale Koalition Keine Patente auf Saatgut!. „Sollen wir in Zukunft erst um Erlaubnis fragen, bevor wir eine Paprika aufschneiden? Auf jeden Fall kann Syngenta andere daran hindern, diese Paprika anzubauen, zu ernten, als Nahrungsmittel zu verkaufen oder für die weitere Züchtung zu nutzen, wenn die Firma das will“, so Then. Auch der Geschäftsführer des Bio-Spitzenverbandes BÖLW, Peter Röhrig, sieht durch derartige Patente die Innovation in der Pflanzenzucht gefährdet: „Züchter und Landwirte brauchen den freien Zugriff auf die genetische Vielfalt aller Pflanzensorten und Tierrassen. Das bestehende Sortenschutzrecht reicht völlig aus, um die geistige Leistung zu schützen, die in dieser Arbeit steckt. Patente blockieren die Weiterentwicklung, auf die wir in der Landwirtschaft weltweit dringend angewiesen sind.“ Der Bundesregierung, die sich im Koalitionsvertrag zum Einsatz für ein europaweites Verbot von Patenten auf Pflanzen und Tiere verpflichtet hat, wirft „Keine Patente auf Saatgut!“ Untätigkeit vor. Statt auf eine seit Langem angekündigte europäische Initiative gegen die Patentierung von Lebensmitteln zu warten, könnten die Regierungen über den Verwaltungsrat des EPA, die politische Kontrollinstanz des Amtes, selbst aktiv werden, um die großzügige Vergabepraxis des EPA zu stoppen, das sich aus Gebühren für die Prüfung und Erteilung von Patenten finanziert. (ab)

20.10.2015 |

Verknappung landwirtschaftlicher Ressourcen heizt Landgrabbing an

Der Verlust oder die Bedrohung wichtiger Grundlagen der Landwirtschaft, wie fruchtbare Böden, Wasser und ein stabiles Klima, könnten das Problem des Landgrabbing weiter verstärken. Davor warnt der Anfang Oktober vom Worldwatch Institute veröffentlichte „Bericht zur Lage der Welt 2015“, eine jährlich erscheinende Publikation zu Nachhaltigkeitsthemen. Landwirtschaftliche Nutzflächen sind weltweit durch Erosion oder Versalzung bedroht. Wasser wird schneller abgepumpt als der Regen die Grundwasserleiter wieder auffüllen kann, wodurch die Lebensmittelproduktion vieler Länder unter Druck geraten wird. Immer mehr Staaten sind als Nettoimporteure von Grundnahrungsmitteln von internationalen Märkten abhängig, schreiben die Autoren. Infolge dieser Entwicklung kaufen oder pachten Staaten und Investoren immer mehr landwirtschaftliche Nutzflächen jenseits ihrer Landesgrenzen und gefährden so die Ernährungssicherheit der Menschen, die diese Flächen einst nutzten. Dem Bericht zufolge haben ausländische Investoren seit dem Jahr 2000 mehr als 36 Millionen Hektar Land, eine Fläche etwa so groß wie Japan, aufgekauft oder gepachtet, meist für landwirtschaftliche Zwecke. Um fast 15 Millionen Hektar Land wird noch gefeilscht. Mehr als die Hälfte der von Landgrabbing betroffenen Flächen liegen in Afrika, gerade in wasserreichen Gegenden wie dem Kongo. Asien ist mit 6 Millionen Hektar ebenfalls beliebt, vor allem Indonesien. Der Bericht betont, dass großflächige Landkäufe meist die Interessen von Kleinbauern übergehen, die das Land häufig schon seit langer Zeit bewirtschaften. Wenn arme Länder ihre Land- und Wasserressourcen an ausländische Investoren und Regierungen ausverkaufen, erhöhe dies zudem ihre Verletzlichkeit, etwa im Falle von Missernten. „Die Bewahrung der Grundlagen der Lebensmittelproduktion – Land, Wasser und Klima, die den Anbau von Feldfrüchten ermöglichen – ist unerlässlich um sicherzustellen, dass Bauern weltweit genügend Nahrung für alle herstellen können“, schreibt Gary Gardner, einer der Verfasser des Berichts. Er betont, dass in Zeiten des Klimawandels und schwindender landwirtschaftlicher Ressourcen mehr Anstrengungen vonnöten sein werden, um diese Grundlagen zu bewahren und die Effizienz im gesamten Ernährungssystem zu erhöhen. Dies können erreicht werden, indem die Lebensmittelverschwendung reduziert, die Wassernutzung effizienter gestaltet, landwirtschaftliche Nutzflächen geschützt und die Produktion von Fleisch und Agrartreibstoffen reduziert werde, die große Mengen Land und Wasser für das benötigte Getreide verschlingt. (ab)

19.10.2015 |

Europas Böden am Limit: Studie fordert besseren Bodenschutz

Boden
Bedroht: Europas Böden (Matthias Ripp/Flickr.com)

Europas Böden sind durch Erosion, intensive Landwirtschaft und Versiegelung bedroht – es ist höchste Zeit für eine europäische Bodenschutzstrategie, um dem „Burn-out“ der Ackerböden entgegenzuwirken. So lautet das Fazit einer von den Grünen im Europaparlament in Auftrag gegebenen Studie, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Die EU-Kommission schätzt, dass allein in der EU durch Erosion jährlich 970 Millionen Tonnen fruchtbarer Boden verloren gehen. Als Hauptursache nennt die Studie die industrielle Landwirtschaft, die durch enge Fruchtfolgen, intensive Düngung, einen hohen Pestizideinsatz sowie der Vernachlässigung von organischem Material zur Verschlechterung der biologischen Vielfalt im Boden und Humusschwund beitrage. Die Uhr bei Bodenverlust zurückzudrehen, sei schwer, da Boden keine schnell nachwachsende Ressource ist. Für einige Flächen in Europa sei es bereits „fünf nach Zwölf“: „Bei vielen Böden geht es inzwischen nicht mehr um Vorsorge und Vermeidung von Schädigungen, sondern um die dringende Wiederherstellung der Bodenfunktionen“, schreibt die Agrarwissenschaftlerin Dr. Andrea Beste, die für die Studie zahlreiche Forschungsprojekte zum Zustand der Böden in Europa zusammengetragen hat. Nach Ansicht der Autorin habe der einzelne Landwirt unter den Bedingungen der aktuellen Agrarpolitik und den auf Weltmarktniveau ausgerichteten Erzeugerpreisen kaum die Chance, neben der Steigerung der Erträge den Kriterien der Schonung des Bodens oder des Naturhaushalts das nötige Gewicht beizumessen. Daher fordert der agrarpolitische Sprecher der Grünen im Europaparlament, Martin Häusling, eine Bodenschutzstrategie für Europa. Deutschland müsse seine Verantwortung für den europäischen Bodenschutz wahrnehmen und die Blockadehaltung gegen eine europäische Boden-Rahmenrichtlinie aufgeben. Zudem braucht es eine komplette Neuausrichtung der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik. Zahlungen dürften nur noch an Landwirte fließen, deren Methoden ein Höchstmaß an ökologischer Verträglichkeit und Tiergerechtheit beinhalten, der Bioanbau müsse Leitbildfunktion erhalten. In das gleiche Horn stößt auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, die am Mittwoch die Abschaffung von flächengebundenen Agrarsubventionen und die Kopplung an Naturschutzauflagen forderte. „Die heute vorherrschende Form der Landwirtschaft ist leider ein Problem für die Natur“, sagte die SPD-Politikerin. Dies gelte nicht für alle Betriebe, aber viele Probleme wie zu hohe Stickstoff-Einträge durch Gülle in die Böden seien immer noch ungelöst. (ab)

15.10.2015 |

FAO: Sozialprogramme können Kleinbauern aus der Armut befreien

Kleinbäuerin
Sozialprogramme können Kleinbäuerinnen unterstützen (Foto: ICRISAT/Flickr.com)

Öffentliche Sozialleistungen können einen entscheidenden Beitrag zur Hungerbekämpfung leisten, gerade wenn sie an landwirtschaftliche Programme gekoppelt werden, und so den Teufelskreis der Armut in ländlichen Gebieten durchbrechen. Das schreibt die Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen in ihrem Lagebericht „The State of Food and Agriculture 2015“, der am Montag in Rom vorgestellt wurde. In armen Ländern könnten soziale Sicherungssysteme wie Geldtransfers, Schulessensprogramme oder Sachleistungen schutzbedürftigen Menschen einen Ausweg aus Armut und Hunger bieten und die Gesundheit, Bildung und Lebenschancen ihrer Kinder verbessern. „Sozialprogramme ermöglichen Haushalten einen besseren Zugang zu Nahrung, oft auch, indem sie selbst mehr anbauen können, und sichern so eine vielfältigere und gesündere Ernährung. Diese Programme können positive Auswirkungen auf die Gesundheit von Kleinkindern und Müttern haben, Kinderarbeit verringern und zu einem regelmäßigen Schulbesuch beitragen“, sagt FAO-Generaldirektor José Graziano da Silva. Gegenwärtig profitieren bereits 2,1 Milliarden Menschen in Entwicklungsländern von derartigen Programmen, die schon 150 Millionen Menschen aus der Armut befreit haben. Die FAO empfiehlt jedoch, die Programme stärker in ländlichen Gebieten auszuweiten und sie mit Programmen und Ausgaben für die Landwirtschaft zu verknüpfen. Mehr Kohärenz zwischen Sozial- und Agrarpolitik könnte die Wirksamkeit der Programme erhöhen, die Lage von Kleinbauern verbessern und ihnen helfen, besser mit Risiken umzugehen und ihre Produktivität zu steigern. Der Bericht betont, dass entgegen einer oft verbreiteten Annahme Sozialprogramme keineswegs die Eigeninitiative hemmen, sondern den Begünstigten deutlich mehr Chancen eröffnen. Viele Kleinbauern, die sich sonst gezwungen sehen, als schlecht bezahlte Gelegenheitsarbeiter anzuheuern, können stattdessen auf dem eigenen Hof arbeiten, so die FAO. Sozialprogramme führten daher eher nicht zu Abhängigkeiten, sondern sichern das Existenzminimum der Menschen und bieten ihnen mehr Entfaltungsmöglichkeiten. Solche Programme seien als Investition zu betrachten statt als Kostenpunkt. Als bekanntes Beispiel nennt der Bericht das Programm „Bolsa Familia“ in Brasilien, das ein Viertel der Bevölkerung erreicht, Millionen Menschen aus Armut und Hunger befreit hat und gerade einmal 0,5% des Bruttoinlandsprodukts kostet. (ab)

13.10.2015 |

Welthungerindex: Frieden ist Schlüssel zur Hungerbekämpfung

Niger
Unterernährung erkennen: Prävention im Niger (Foto: EC/ECHO/Anouk Delafortrie)

Weltweit sind rund 172 Millionen Menschen von bewaffneten Konflikten betroffen – und damit meist auch von Hunger und Unterernährung. Diesen engen Zusammenhang zeigt der Welthunger-Index 2015 auf, der am 12. Oktober in Berlin vorgestellt wurde und aktuelle Zahlen zur weltweiten Hungersituation liefert. Im Jahr 2014 machten sich im Schnitt täglich 42.500 Menschen auf die Flucht, die meisten von ihnen vor bewaffneten Konflikten in Syrien, Afghanistan und Somalia. Etwa 59,5 Millionen Menschen befinden sich aktuell infolge von Konflikten und Verfolgung fernab ihrer Heimat. In Ländern, in denen noch kriegerische Auseinandersetzungen vorherrschen oder erst kürzlich beendet wurden, sind die Werte bei Unterernährung und Kindersterblichkeit im Welthunger-Index am höchsten, etwa in der Zentralafrikanischen Republik oder dem Tschad. „Konflikte wie in Syrien, dem Irak oder dem Südsudan sind die größten Hungertreiber“, warnt Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe. „Mehr als 80% der Flüchtlinge weltweit bleiben in ihrer Heimat oder den Nachbarländern. Sie leiden am stärksten unter der Gewalt und der aussichtslosen Situation. Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit müssen sie täglich um Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung kämpfen.“ In 52 der im Welthungerindex gelisteten 117 Länder werden die Hungerwerte als „sehr ernst“ oder „ernst“ eingestuft. Die meisten der acht Länder, in denen die Lage sehr ernst ist, liegen in Afrika südlich der Sahara. Dass dieses Jahr in keinem Land die Hungersituation als „gravierend“ eingestuft wird, liegt daran, dass für Länder wie Burundi, Kongo, Eritrea, Somalia, Südsudan und Sudan, die in den Vorjahren hohe Hungerwerte vorwiesen, keine Daten vorliegen. Der Bericht vermeldet aber auch Fortschritte bei der Hungerbekämpfung in den „Entwicklungsländern“ seit 2000: Insgesamt sanken die Index-Werte zur Hungersituation um 27%, 17 Länder konnten ihren Hungerwert halbieren, darunter Brasilien, Kirgistan, Peru und Kroatien. Aber auch ehemalige Bürgerkriegsländer wie Angola, Äthiopien und Ruanda weisen nun eine deutlich bessere Ernährungslage auf. Nur wenn es also gelingt, die Ursachen der bewaffneten Konflikte zu beseitigen, betont Bärbel Dieckmann, kann Hunger langfristig besiegt werden. Der Welthunger-Index erscheint bereits zum 10. Mal, in der aktuellen Ausgabe wurden die Indikatoren zur Messung der Hungersituation verbessert. Neben Zahlen zum Anteil der Unterernährten an der Bevölkerung und zu Kindersterblichkeit wird nun auch der Anteil der an Wachstumsverzögerung (stunting) und Auszehrung (wasting) leidenden Kindern einbezogen statt lediglich dem Anteil untergewichtiger Kinder. Stunting ist ein Anzeichen für chronische Unterernährung, Wasting für akute Unterernährung. (ab)

12.10.2015 |

TTIP-Protest: 250.000 demonstrierten für einen gerechten Welthandel

Demo
Abschlusskundgebung (Foto: Jakob Huber/Campact)

Am Samstag haben mehrere Zehntausend Menschen in Berlin gegen das geplante Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den USA (TTIP) sowie Kanada (CETA) demonstriert. Es war die bisher größte Demonstration gegen das Handelsabkommen: Nach Angaben der Veranstalter gingen 250.000 Menschen auf die Straße, die Polizei sprach von 150.000 Teilnehmern. Unter dem Motto „TTIP & CETA stoppen! Für einen gerechten Welthandel“ zog der Demozug bei strahlendem Sonnenschein vom Hauptbahnhof durch die Innenstadt bis hin zur Siegessäule. Mit Fahnen, Großpuppen und Sprechchören brachten die Menschen ihren Protest zum Ausdruck. Zur Demonstration aufgerufen hatte ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis von mehr als 170 Organisationen, darunter Umwelt-, Entwicklungs- und Verbraucherschutzorganisationen sowie Gewerkschaften, Parteien und Kulturschaffende. Die TTIP- und CETA-Kritiker sehen durch die Abkommen europäische Sozial-, Umwelt- und Verbraucherstandards in Gefahr und fürchten eine Schwächung demokratischer Institutionen. „Heute ist ein großer Tag für die Demokratie“, erklärten die Organisatoren. Von der Demonstration gehe eine klare Botschaft aus: „Wir stehen auf gegen TTIP und CETA. Gemeinsam verteidigen wir unsere Demokratie und gehen für gerechten Handel auf die Straße.“ Mit sechs Sonderzügen und mehr als 600 Bussen waren Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet angereist. S-Bahnen konnten vorübergehend nicht mehr am Hauptbahnhof halten, da so viele Menschen auf dem Vorplatz versammelt waren. Die Abschlusskundgebung vor der Siegessäule auf der Straße des 17. Juni begann bereits, als das Ende des Zuges noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht hatte. Geboten wurde ein Bühnenprogramm mit Musik und zahlreichen Reden. „Wir müssen beiderseits des Atlantiks die jeweils höheren Standards verteidigen“, sagte zum Beispiel der Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Hubert Weiger, auf dem Podium. „Wir brauchen endlich ein Handelssystem, welches der Vielfalt auf diesem Planeten gerecht wird, welches Respekt hat vor Mensch, Umwelt und Geschichte. Ein Handelssystem, das den Menschen dient und nicht kurzfristigen Kapitalinteressen.“ Die Organisatoren der Demonstration fordern einen Stopp der Verhandlungen zu TTIP auf Grundlage des jetzigen Mandates und möchten erreichen, dass der vorliegende CETA-Vertrag in der aktuellen Form nicht ratifiziert wird. Bereits am Mittwoch wurden der EU-Kommission mehr als drei Millionen Unterschriften übergeben, die im letzten Jahr im Rahmen der Europäischen Bürgerinitiative „Stop TTIP“ gegen die Abkommen gesammelt worden waren. (ab)

08.10.2015 |

Stiller Hunger: Frauen stärker von Mangelernährung betroffen

Frauen
Oft Frauensache: Familie und Feld (Foto: UN/Milton Grant)

Zwei Milliarden Menschen leiden weltweit unter Mangelernährung - 70 Prozent von ihnen sind weiblich. Darauf macht eine neue Studie von Brot für die Welt zum Thema „Stiller Hunger“ aufmerksam. Um ihren arbeitsreichen Alltag zu bewerkstelligen, brauchen Frauen Kraft und Energie. In armen ländlichen Regionen sind sie es, die die Hauptlasten zur Versorgung ihrer Familien tragen und einen großen Teil kleinbäuerlicher Subsistenzarbeit leisten. Doch bei Millionen Frauen auf der Welt kommt täglich das gleiche auf den Teller: Mais, Maniok oder Reis – wenn überhaupt. Wenn in der Familie Obst, Gemüse und tierische Nahrungsmittel knapp sind, verzichten zuerst die Frauen. Vielen Frauen und Mädchen mangelt es fortwährend an bestimmten essentiellen Mikronährstoffen wie Eisen, Jod und Vitamin A. Jeder zwölfte Mensch ist ein mangelernährter Mann oder Junge, jeder fünfte Mensch weltweit ist eine mangelernährte Frau oder ein Mädchen, ist der Studie zu entnehmen. Besonders hoch ist der Anteil mangelernährter Frauen in Mittel- und Südafrika sowie in Südostasien. Viele von ihnen sind „doppelt diskriminiert“: als Frau und als Kleinbäuerin. „Dieselben Faktoren, die bewirken, dass Frauen stärker als Männer von Hunger und Armut betroffen sind, führen auch zu einer stärkeren Betroffenheit beim „Stillen Hunger“. Patriarchale Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen wirken in den meisten Ländern auf eine Weise, die Frauen den gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Arbeit, Gesundheitsversorgung, Land und anderen Produktionsmitteln verwehrt“, schreibt Carsta Neuenroth, Gender- Referentin bei Brot für die Welt in einem Blogbeitrag zur Studie. Daher müsse sich die Entwicklungspolitik dafür einsetzen, die Armut von Frauen wirksam bekämpfen und ihre Rechte auf Bildung, Arbeit und Gesundheit zu stärken, sodass sie sich und ihre Familien gesund ernähren können. Um Mangelernährung von Frauen und Mädchen zu beseitigen, ist es aus Sicht von Brot für die Welt notwendig, Gesundheits-, Agrar- und Ernährungssysteme so zu reformieren, dass die Ursachen von Mangelernährung unter besonderer Berücksichtigung von Frauen und Mädchen beseitigt werden. Zudem sei es erforderlich, dass internationale Abkommen sowie nationales Recht und Gesetzgebung gewährleisten, dass der gleichberechtigte Zugang von Frauen und Männern zu produktiven Ressourcen sowie betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten und Beschäftigung durchgesetzt wird. (ab)

06.10.2015 |

Weltbank: Extreme Armut sinkt, Armutsgrenze angehoben

Slum
Gesicht der Armut: Slum in Indien (Foto: Thomas Galvez/Flickr.com)

Der Anteil der Menschen, die weltweit in extremer Armut leben, wird 2015 nach neusten Berechnungen der Weltbank erstmals die 10%-Marke unterschreiten. Den am Sonntag veröffentlichten Zahlen zufolge galten dieses Jahr 702 Millionen Menschen als extrem arm – etwa 9,6 % der Weltbevölkerung. „Dies ist die beste Geschichte der Welt heute - diese Hochrechnungen zeigen uns, dass wir die erste Generation in der Geschichte der Menschheit sind, die die extreme Armut beenden kann“, gab Weltbank-Präsident Jim Yong Kim freudig bekannt. 2012 lebten noch 902 Millionen Menschen in extremer Armut und damit 12,8 % der Weltbevölkerung, 1990 waren es gar 29 %. Die Weltbank hat zudem die Schwelle angehoben, mit der sie extreme Armut definiert. Lange Zeit galten Menschen als extrem arm, wenn sie nicht mehr als 1,25 Dollar täglich zur Verfügung hatten – ein Wert, der von Wissenschaftlern und Entwicklungsorganisationen seit Langem als zu niedrig kritisiert wurde. Nun hob die Weltbank die Armutsgrenze auf eine Kaufkraft von 1,90 Dollar pro Tag an. Die weltweite Verteilung der Armen hat sich stark verändert: Lebten 1990 noch die Hälfte der extrem armen Menschen in Ostasien und 15% in Afrika südlich der Sahara, ist im Jahr 2015 Subsahara-Afrika das Armenhaus der Welt mit der Hälfte der extrem Armen, während in Ostasien nur noch 12% beheimatet sind. Nicolas Mombrial, Leiter des Oxfam International-Büros in Washington begrüßte die neuen Zahlen der Weltbank, warnte jedoch vor vorzeitigem Jubel: „Die Tatsache bleibt, dass 702 Millionen Menschen heute immer noch in extremer Armut leben. Diese Zahl ist inakzeptabel hoch und es muss noch viel getan werden.“ Dies gilt vor allem, wenn die Weltgemeinschaft ihr Ende September offiziell mit der UN-Agenda 2030 verabschiedetes Ziel erreichen will, bis 2030 die extreme Armut weltweit endgültig zu beseitigen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, bestätigt auch Weltbank-Präsident Kim und warnt, dass eine Verlangsamung des Wachstums der globalen Wirtschaft, aber auch instabile Finanzmärkte, kriegerische Konflikte, die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die Folgen des Klimawandels bisherige Erfolge beeinträchtigen könnten. (ab)

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