Nachrichten

27.01.2016 |

Forscher fordern Bindung von Agrarzahlungen an ökologische Leistungen

Weide
In vielerlei Hinsicht wertvoll (Foto: Saarblitz/Flickr.com)

Ökosystemleistungen sollten stärker in Entscheidungen über die Nutzung und Entwicklung ländlicher Räume einfließen und Zahlungen der Agrarpolitik gezielter an die Bereitstellung von Leistungen für die Gesellschaft geknüpft werden. Das fordert der am 20. Januar erschienene Fachbericht „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“, der die Dienste der Natur aus wirtschaftlicher Sicht bewertet und untersucht, wie die Multifunktionalität ländlicher Räume bewahrt und gefördert werden kann. „Eine Investition in die Natur ist eine Investition in die Zukunft“, betonte Studienleiter Prof. Dr. Bernd Hansjürgens vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). „Verlieren wir wichtige Ökosystemleistungen, führt das zu hohen volkswirtschaftlichen Kosten.“ Denn eine nur auf Produktivität ausgerichtete Landwirtschaft führe zu Emissionen von Klimagasen und einer übermäßigen Belastung der Gewässer und Meere. Multifunktionale Agrarlandschaften dagegen reduzieren Belastungen und erhalten das Naturkapital, teilte das UFZ mit. Der Bericht untersucht sowohl den Nutzen, der durch den Schutz, die nachhaltige Nutzung oder die Wiederherstellung der biologischen Vielfalt und der Ökosysteme entsteht, als auch die Kosten, die ihr Verlust verursachen würde. Professor Hansjürgens nennt ein Beispiel: „Der fortschreitende Grünlandumbruch in Deutschland führt beispielsweise pro Hektar und Jahr zu gesellschaftlichen Folgekosten zwischen 440 und 3.000 Euro. Den Grünlandverlust zu stoppen ist nicht nur eine naturschutzfachliche Aufgabe, sondern vor allem auch eine volkswirtschaftlich sinnvolle Investition. Artenreiches Grünland trägt erheblich zur Erhaltung unserer biologischen Vielfalt bei.“ Auch den volkswirtschaftlichen Nutzen von Gewässerrandstreifen in Niedersachsen nahmen die Forscher genauer unter die Lupe und stellten fest, dass die ökonomisch bezifferbaren positiven Auswirkungen dieser Maßnahme für den Boden- und Hochwasserschutz, das Landschaftsbild oder die biologische Vielfalt die Kosten um das 1,8-fache übersteigen. Doch die derzeitige Ausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU setze noch keine ausreichenden Anreize für die Erbringung ökologischer Leistungen und den Schutz der Natur. „Wir unterstützen daher die Forderung, die Direktzahlungen in der ersten Säule der Agrarpolitik als rein flächenbezogene Subventionierung abzuschaffen und dafür verstärkt Mittel in der zweiten Säule der Agrarumweltpolitik (Agrarumweltmaßnahmen) als ‚echte’ Honorierung zusätzlicher öffentlicher Leistungen der Landwirtschaft effizient einzusetzen“, so Berichtsleiterin Prof. Dr. Christina von Haaren von der Leibniz Universität Hannover. (ab)

25.01.2016 |

Im Urin: Umweltbundesamt warnt vor steigender Glyphosatbelastung der Bevölkerung

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Glyphosat: Auf dem Acker, im Urin (Foto: Chafer/Flickr.com)

Das Umweltbundesamt warnt vor einer zunehmenden Belastung der Bevölkerung mit dem Unkrautvernichter Glyphosat. Eine am 21. Januar veröffentlichte Landzeitstudie hatte eine deutliche Anreicherung von Glyphosat im Urin der Testpersonen festgestellt. Um die Belastung mit Glyphosat zu ermitteln, hatte die Behörde 400 archivierte Urinproben von Studentinnen und Studenten aus der Umweltprobenbank des Bundes analysieren lassen. Das Ergebnis: Während das Herbizid 2001 lediglich im Urin von 10% der Teilnehmer nachweisbar war, waren im Jahr 2015 bereits 40% der Proben belastet. 2013 wurde Glyphosat sogar bei knapp 60% der Testgruppe gefunden. Zwar liege der höchste gemessene Wert um den Faktor 1.000 niedriger als die EU-Lebensmittelbehörde EFSA für gefährlich hält. Doch im Gegensatz zur EFSA hatte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO im März 2015 Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ eingestuft. „Folgt man der IARC-Bewertung, kann derzeit keine Entwarnung gegeben werden. Insbesondere der in den Proben beobachtete Anstieg wäre dann als besorgniserregend einzustufen“, schreibt das Umweltbundesamt. UBA-Präsidentin Maria Krautzberger sieht weiteren Forschungsbedarf: „Wir müssen die Datenlage zur Belastung beim Menschen verbessern. Insbesondere bei Kindern wissen wir bisher kaum etwas. Dazu läuft im UBA bereits eine Studie. Wir sollten Glyphosat auch nicht isoliert betrachten, sondern die eingesetzten Produkte umfassender untersuchen. Heißt: Glyphosat mitsamt der anderen Stoffe bewerten, die zugesetzt werden, damit es auf dem Acker überhaupt wirkt.“ Dass nicht nur Landwirte mit Glyphosat belastet sind, hatte schon 2013 der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland getestet: In einer stichprobenartigen europaweiten Untersuchung waren Glyphosat-Rückstände im Urin von Großstädtern in 18 Ländern nachgewiesen worden, die Proben von 70% der Briten, Polen und Deutschen fielen positiv aus. Glyphosat ist das meistverkaufte Pestizid in Deutschland. 2014 wurden nach Angaben der Bundesregierung rund 5330 Tonnen Glyphosat an Landwirte und etwa 95 Tonnen an nicht-berufliche Verwender abgegeben. Das Umweltbundesamt plädiert nun für eine deutliche Verringerung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft – nicht nur aufgrund möglicher Gefahren für die menschliche Gesundheit: „Der Pflanzenschutz mit Chemie ist einer der Hauptgründe für den Verlust der biologischen Vielfalt auf unseren Äckern. Dass es anders geht zeigt der Ökolandbau, der weitgehend auf Pflanzenschutzmittel verzichtet“, so Krautzberger. Denn die Ackergifte wirken sich nicht nur auf die Schädlinge aus: Der massive Einsatz von Glyphosat und anderen Herbiziden vernichte auch Ackerkräuter und Insekten und beraube so viele Tiere ihrer Nahrungsgrundlage. Das Umweltbundesamt will zudem eine Debatte darüber anstoßen, wer für die Kosten aufkomme, die der chemische Pflanzenschutz durch Schäden an Umwelt und Gesundheit anrichte. Bislang sei das vor allem der Steuerzahler, so das UBA. Daher sei eine Abgabe auf Pflanzenschutzmittel erwägenswert, denn sie würde das Verursacherprinzip einführen. (ab)

20.01.2016 |

EPA widerruft Monsanto-Patent auf konventionell gezüchtete Melone

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Keine Monsanto-Melonen (Foto: Ton Rulkens/Flickr.com)

Keine Melone für Monsanto: Das Europäische Patentamt (EPA) hat ein Patent des US-Agrarriesen auf eine konventionell gezüchtete Melone widerrufen. Mehrere Organisationen hatten gegen das Patent EP 1962578 Einspruch eingelegt. Monsanto meldete damit Ansprüche auf eine Melone an, die eine ohne den Einsatz von Gentechnik gezüchtete natürliche Resistenz gegen ein bestimmtes Virus aufweist, das zum Vergilben der Pflanzen führt und so die Erträge mindert. In einer öffentlichen Verhandlung am 20. Januar wurde das Patent nun aus technischen Gründen widerrufen. Das EPA begründete die Entscheidung damit, dass Monsanto nicht präzise genau beschrieben habe, wie man die Melonen züchten könne. Diese Nacharbeitbarkeit sei aber die Voraussetzung für ein Patent. Monsanto hatte das Patent im Jahr 2006 angemeldet und 2011 erhalten. Das Resistenzgen wurde allerdings zum ersten Mal in einer 1961 katalogisierten indischen Melonenpflanze gefunden, die seit 1966 öffentlich zugänglich ist. „Monsantos Patent auf Melonen ist ein klarer Fall von Biopiraterie. Die natürliche Resistenz hat nicht Monsanto erfunden, sie wurde vielmehr in indischen Melonen entdeckt. Jetzt behauptet Monsanto, es sei eine Erfindung, andere Melonen mit dieser Resistenz zu züchten. Doch wenn jemand etwas kopiert, ist das noch lange keine Erfindung“, so Francois Meienberg von der Erklärung von Bern, die gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft, Bund Naturschutz in Bayern e.V., Gesellschaft für Ökologische Forschung, Greenpeace, Kein Patent auf Leben!, dem Verband Katholisches Landvolk und der Zukunftsstiftung Landwirtschaft den Einspruch eingelegt hatte. Doch das Patent ist nicht nur eine Verletzung des indischen Gesetzes zum Schutz der biologischen Vielfalt, wie auch die indische Regierung vor der Anhörung dem EPA per Brief mitteilte, sondern auch europäischer Patentgesetze: „Das Patent basierte auf konventioneller Züchtung und beanspruchte Pflanzensorten. Beides darf laut europäischer Patentgesetze nicht patentiert werden. Die Erteilung des Patentes war ein klarer Rechtsbruch“, sagt Christoph Then für die internationale Koalition Keine Patente auf Saatgut!. Doch das sieht das EPA anders. Die Große Beschwerdekammer entschied im März 2015 in einer umstrittenen Grundsatzentscheidung zu den Präzedenz-Patenten auf Tomate und Brokkoli, dass grundsätzlich „biologische Verfahren zur Züchtung von Pflanzen“ nicht patentierbar sind, allerdings jedoch die daraus entstandenen Pflanzen und Früchte. Erst kürzlich erteilte die Behörde dem Schweizer Agrarriesen Syngenta Patente auf eine samenlose Paprika und eine Tomate mit besonders vielen gesundheitsförderlichen Flavonolen. Womöglich ist im Melonenfall daher das letzte Wort noch nicht gesprochen, wenn Monsanto Beschwerde einlegt. „Der Widerruf des Patents ist ein wichtiger Erfolg, aber das generelle Problem kann nicht durch Einsprüche am EPA gelöst werden. Die Politik muss dafür sorgen, dass Gesetze korrekt angewendet und Verbote nicht ausgehebelt werden. In Deutschland liegt die Verantwortung bei Justizminister Heiko Maas“, betont Christoph Then. (ab)

19.01.2016 |

Soziale Ungleichheit wächst: 62 Menschen besitzen so viel wie die halbe Welt

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Ärmere Hälfte: Slum in Indien (Foto: Dieter Zirnig/Flickr.com)

Die weltweite Ungleichheit erreicht neue Extreme: Die reichsten 62 Menschen des Planeten besitzen so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen. Das zeigt ein neuer Bericht von Oxfam, der im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums im Schweizer Davos veröffentlicht wurde. Demnach hat sich das Vermögen der ärmsten 3,5 Milliarden Erdenbewohner seit 2010 um eine Billion US-Dollar verringert – und das, obwohl im selben Zeitraum die Weltbevölkerung um 400 Millionen Menschen wuchs. Gleichzeit haben die 62 Superreichen ihr Reichtum um mehr als eine Halbe Billion auf 1,76 Billionen Dollar vermehrt, eine Zunahme um 44%. Oxfam stützte die Berechnungen auf die Forbes-Liste der Milliardäre. Das Reichtum, das dem der halben Weltbevölkerung entspricht, verteilt sich jedes Jahr auf immer weniger Taschen: 2010 entfiel es noch auf 388 Superreiche, im letzten Jahr waren es immerhin noch 80 Personen. „Es ist einfach nicht hinnehmbar, dass die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung so viel besitzt wie gerade mal ein Dutzend superreiche Menschen, die in einen Bus passen würden“, empörte sich Winnie Byanyima, Exekutivdirektorin von Oxfam International. Sie kritisiert, dass die Explosion des Vermögens der Superreichen auf Kosten der Mehrheit und vor allem der ärmsten Menschen der Welt erfolge. Denn auch wenn die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, sich zwischen 1990 und 2010 halbiert habe, sei das durchschnittliche Jahreseinkommen der ärmsten 10 Prozent in den letzten 25 Jahren nur um 3 Dollar gestiegen – für jeden einen Cent pro Tag. Insbesondere Frauen seien überproportional von sozialer Ungleichheit betroffen. Oxfam sieht dringenden Handlungsbedarf, um das im September verabschiedete UN-Nachhaltigkeitsziel, die extreme Armut bis 2030 auszumerzen, zu erreichen. „Wir können nicht weiterhin zulassen, dass hunderte Millionen Menschen Hunger leiden, während die Ressourcen, die genutzt werden könnten, um ihnen zu helfen, von den Superreichen aufgesaugt werden“, so Byanyima. Als einen Grund für diese Entwicklung benennt Oxfam die unzureichende Besteuerung von großen Vermögen und Kapitalgewinnen sowie die Verschiebung von Gewinnen in Steueroasen. Investitionen von Unternehmen in Steuerparadiesen seien zwischen 2000 und 2014 um das Vierfache gewachsen. Entwicklungsländern gingen so jährlich mindestens 100 Milliarden US-Dollar an Steuereinnahmen verloren. „Konzerne dürfen sich nicht länger aus ihrer Verantwortung stehlen“, fordert auch Tobias Hauschild, Referent für Entwicklungsfinanzierung bei Oxfam Deutschland. „Sie müssen ihre Gewinne dort versteuern, wo sie sie erwirtschaften. Die Politik muss die Anliegen der Bevölkerungsmehrheit über die Interessen der Superreichen stellen.“ (ab)

17.01.2016 |

23.000 Menschen demonstrieren in Berlin für eine Agrarwende

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Auftakt der Demonstration (Foto: Volker Gehrmann/WHES)

Tausende Menschen haben am Samstag in Berlin für eine Agrarwende hin zu einer bäuerlichen und ökologischeren Landwirtschaft demonstriert. Angeführt von mehr als hundert Traktoren zogen rund 23.000 Menschen unter dem Motto „Wir haben Agrarindustrie satt! Keine Zukunft ohne Bäuerinnen und Bauern“ vom Potsdamer Platz zum Bundeskanzleramt. Die Polizei sprach von 13.500 Menschen. Die aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten Teilnehmer protestierten für eine umwelt- und klimafreundliche Form der Landwirtschaft ohne Gentechnik, die die Strukturen im ländlichen Raum erhält, artgerechte Tierhaltung ermöglicht und das Recht auf Nahrung aller Menschen weltweit sichert. Manche Demonstranten waren als Kühe oder Schweine verkleidet und wandten sich mit Transparenten mit der Aufschrift „Mein Schwanz bleibt ganz“ oder „Mein Schnabel bleibt meine Gabel“ gegen die Haltungsbedingungen großer Fleischbetriebe. Auch gegen das geplante EU-Freihandelsabkommen TTIP mit den USA richteten sich zahlreiche Banner. Zu der anlässlich der Grünen Woche bereits im sechsten Jahr stattfindenden Demonstration aufgerufen hatte ein breites gesellschaftliches Bündnis von über 100 Organisationen aus Landwirtschaft, Imkerei, Natur-, Tier- und Verbraucherschutz, Entwicklungsorganisationen und dem Lebensmittelhandwerk. „Wir wollen diesen Schulterschluss zeigen zwischen Verbraucherinnen und Verbrauchern und Bäuerinnen und Bauern. Die Bauern sind bereit, neue Wege zu gehen. Wir wollen ökologischere Landwirtschaft, wir wollen artgerechte Tierhaltung“, sagte Jochen Fritz, Landwirt und Sprecher der Demonstrations-Bündnisses der Tagesschau. „Die aktuelle Agrarpolitik zielt nur auf eine Steigerung der Exporte, dadurch sinken die Preise“, sagte der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Georg Janßen. Doch das hat nicht nur Folgen für die Landwirte in Europa: „In Burkina Faso unterbieten Milchexporte aus Europa den heimischen Milchpreis mittlerweile um über 60 Prozent. Diese Politik verursacht Armut und Hunger. Deswegen müssen wir die Exporte zu ‚Dumpingpreisen‘ in Länder des globalen Südens, die die Lebensgrundlage der Bauern vor Ort zerstören, sofort stoppen“, forderte Kerstin Lanje, Agrarexpertin von Misereor. Bereits am Vormittag hatten sich am Hauptbahnhof rund 500 Bauern unter dem Motto „Wir machen Euch satt“ zu einer Gegenkundgebung versammelt. Sie fühlen sich durch die Kritik der Tierschutz- und Umweltverbände diffamiert: „Wir haben in Deutschland immer noch eine bäuerliche Landwirtschaft, die angeprangerten Agrarfabriken gibt es nicht“, so ein Sprecher. Das sieht das ‚Wir haben es satt‘-Bündnis jedoch anders. „Die Landwirtschaft steht an einem Scheideweg. Entweder die Bauern gehen den Weg gemeinsam mit der Zivilgesellschaft oder mit der Agrarindustrie und Konzernen wie Tönnies, Wiesenhof und großen Molkereien. Jetzt muss die Politik die Weichen für eine Agrarwende stellen“, so Fritz im Interview mit der Tagesschau. (ab)

13.01.2016 |

Studie: Industrielle Landwirtschaft heizt Artenschwund auf den Äckern an

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Immer seltenerer Gast auf dem Acker (Foto: Ian/Flickr.com)

Um die Artenvielfalt in Europas Agrarlandschaften ist es schlecht bestellt, denn die industrielle Landwirtschaft verdrängt mit ihrem Einsatz von Chemie, engen Fruchtfolgen, hoher Technisierung und überzogener Düngung viele Tier- und Pflanzenarten aus ihrem Lebensraum. So lautet das Fazit der Studie „Die (un-)heimliche Arten-Erosion“, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Autor Stephan Börnecke wertete für die Bestandsaufnahme zahlreiche Studien und Berichte von Wissenschaftlern, Naturschutzorganisationen und Behörden aus. Der schleichende Artenschwund betreffe Insekten, Vögel, Säugetiere, aber auch Pflanzen wie Wildkräuter. So hätten sich die Bestände von 15 der 20 heimischen Brutvögel in landwirtschaftlich genutzten Lebensräumen kontinuierlich reduziert, bei drei Arten habe sich der Bestand seit 1980 gar mehr als halbiert. Vorzeigearten wie Kranich, Seeadler, Uhu oder Wanderfalke würden zwar „gehätschelt“, doch für „Allerweltsarten“ sehe es schlecht aus: So sei etwa in Hessen der Feldgrashüpfer aus der Agrarlandschaft, von der er abhängig ist, binnen weniger Jahre praktisch verschwunden. Genauso stelle sich die Lage der Blütenpflanzen der Agrarlebensräume dar: „Einzelne Arten haben seit den 1950er Jahren mehr als 99 Prozent ihres Bestands eingebüßt“, zitiert der Autor eine vom Umweltbundesamt beauftragte Studie. Eine Hauptursache für die fortschreitende Abnahme der Biodiversität sei die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft. „Der ‚saubere Acker’, auf dem nur lebt, was dem kurzfristigen Profit nützt, ist für die Biodiversität ein fatales Leitbild der Landwirtschaft, weil es unmittelbar das Lebensrecht aller Nicht-Kulturarten in Frage stellt und damit zur Destabilisierung des immer artenverarmteren Öko-Systems beiträgt“, schreibt Börnecke. Die Studie geht mit der EU-Agrarpolitik und der Umsetzung der EU-Ziele zur Sicherung der Artenvielfalt hart ins Gericht. Die EU habe im Prinzip relativ ehrgeizige Biodiversitätsziele, doch mit den jetzigen Maßnahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) würden diese mit Sicherheit verfehlt. Die GAP sei nur um ein Quäntchen verändert worden, da unter anderem selbst in den ohnehin viel zu klein bemessenen ökologischen Vorrangflächen sogar Pestizide eingesetzt werden dürfen. So lasse sich Biodiversität nicht bewahren. Der Europa-Abgeordneten Martin Häusling (Grüne), der die Studie in Auftrag gegeben hat, fordert daher eine komplette Neuausrichtung der GAP. Zahlungen dürfe es nur noch für Landwirte geben, deren Methoden ein Höchstmaß an ökologischer Verträglichkeit und Tiergerechtheit beinhalten. Der Ökolandbau solle Leitbildfunktion erhalten. Zudem müsse der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft schnellstmöglich verringert werden. Das Zulassungsverfahren müsse strenger und die Entwicklung von chemiefreien Push-und Pull-Systeme sowie die Beratung zum biologischen Pflanzenschutz gefördert werden. Denn „mit dem Tunnelblick auf ein „Immer Mehr“ an Produktion scheint die aktuelle landwirtschaftliche Praxis völlig vergessen oder verdrängt zu haben, dass sie mitten in den Natur stattfindet, ja ein Teil von ihr ist – trotz sämtlicher technischer Optimierungs- und Überlistungsversuche“, gibt Häusling im Vorwort der Studie zu bedenken. (ab)

12.01.2016 |

Studie: Dürre und Hitzewellen verringern Getreideernte um 10 Prozent

Getreide
Getreide ohne Dürresorgen (Foto: Sno Shuu/Flickr.com)

Zunehmende Dürren und extreme Hitze haben die Getreideproduktion in den letzten Jahrzehnten bereits stark beeinträchtig und werden künftig eine Bedrohung für Landwirte darstellen – vor allem wenn sie auf Monokulturen setzen. Darauf machen kanadische und britische Forscher im Fachjournal Nature aufmerksam. Ihre Ergebnisse zeigen, dass Dürre sowie extreme Hitzewellen zwischen 1964 und 2007 die Getreideernten in den betroffenen Ländern um 10% bzw. 9% einbrechen ließen, während Kälteeinbrüche oder Überflutungen keinen signifikante Einfluss auf die Ernten hatten. „Wir wussten immer schon, dass Extremwetter Ernteverluste verursacht“, sagt Navin Ramankutty, ein Professor für Ernährungssicherheit an der University of British Columbia in Kanada. „Doch bis jetzt wussten wir nicht exakt, wie viel der weltweiten Produktion aufgrund dieser extremen Wetterereignisse verloren ging und wie dies in den jeweiligen Weltregionen variierte.” Die Forscher werteten Daten der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO für 16 Getreidearten in 177 Ländern aus und untersuchten die Folgen von 2.800 Wetterkatastrophen im Zeitraum 1964 bis 2007. Es zeigte sich, dass sich die Auswirkungen von Dürren auf Getreide wie Mais, Reis und Weizen in den letzten drei Jahrzehnten verstärkten: Ging zwischen 1964 und 1984 noch im Schnitt 6,7% der Getreideernte verloren, zerstörten Dürren zwischen 1985 und 2007 gar 13,7% der Getreideernte. Dürren führten seit 1964 zu Verlusten von insgesamt 3 Milliarden Tonnen Getreide – etwa die Maisproduktion von drei Jahren. Die Schäden fielen in Industrieländer stärker aus als in armen Ländern. Die Produktion in den „technisch fortschrittlichen“ Agrarsystemen Nordamerikas, Europas und Australiens brach bei Dürren im Schnitt um 19,9% ein – doppelt so stark wie im globalen Schnitt. „In den Kornkammern Nordamerikas etwa sind die Anbaumethoden über riesige Gebiete hinweg einförmig. Wirkt sich also eine Dürre auf eine dieser Feldfrüchte aus, werden alle darunter leiden“, erklärt Hauptautor Corey Lesk von der McGill University. „In den meisten Entwicklungsländern hingegen sind die Anbausysteme ein Flickenteppich aus kleinen Feldern mit verschiedenen Pflanzen. Wenn eine Dürre auftritt, werden vielleicht einige der Feldfrüchte zerstört, aber andere könnten es überstehen.“ Die Autoren wollen mit der Studie Einblicke in die Klimafolgen für die Landwirtschaft liefern und dazu beitragen, dass Schwerpunkte im Bereich Landwirtschaft bei der Katastrophenrisikominderung und Strategien zur Anpassung richtig gesetzt werden. Landwirte in reicheren Ländern, die nicht auf die Ernte zur direkten Ernährung angewiesen sind und Zugang zu Ernteausfallversicherungen haben, können es sich erlauben, auf eine Maximierung der Erträge zu setzen, schreiben die Autoren. Doch dieses Risiko einzugehen kann für Bauern in armen Ländern verheerende oder gar tödliche Folgen haben. (ab)

07.01.2016 |

Die Deutschen wollen aufs tägliche Fleisch nicht verzichten

Steak
Kein Verzicht aufs Steak (Foto: KyleWiTh/Flickr.com)

Die meisten Deutschen wollen auf ihr tägliches Fleisch nicht verzichten: Bei 83% der Bundesbürger kommen mehrmals die Woche Fleischprodukte auf den Tisch. Das zeigt der Ernährungsreport 2016, der vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft am 5. Januar in Berlin vorgestellt wurde. Rund 47% der Männer und 22% der Frauen gaben in der zugrunde liegenden Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa an, jeden Tag ein- oder sogar mehrmals Fleisch und Wurst zu essen. Dazu kommen 42% der Männer und 55% der Frauen, die mehrere Male pro Woche zu Steak, Salami und Co. greifen. Die Männer sind dementsprechend unter den Vegetariern schwach vertreten: Während sechs Prozent der Frauen nie Fleisch oder Wurst essen, ernährt sich nur ein Prozent der männlichen Bevölkerung völlig fleischlos. Obwohl die Mehrheit der Deutschen auf regelmäßigen Fleischkonsum nicht verzichten will, rangiert das Schnitzel auf der Skala der Leibgerichte mit 11% im Mittelfeld. Als Lieblingsgericht nannten 35% der Deutschen Pasta, gefolgt von Gemüse- und Kartoffelgerichten, Fisch und Salat. Die Frauen ernähren sich nach eigenen Angaben deutlich gesünder: 85% der weiblichen Bevölkerung achten darauf, täglich Obst und Gemüse zu essen, während das nur zwei Drittel der Männer tun. Beim Einkauf ist es 76% der Deutschen wichtig, dass die Lebensmittel aus ihrer Region kommen. Für 58 Prozent ist es vor allem entscheidend, dass die Produkte preiswert sind. Dennoch gaben 45% der Befragten an, sie wären auf jeden Fall bereit, mehr Geld für Fleisch auszugeben, das aus artgerechter Haltung stammt. Auch zum Thema Lebensmittelverschwendung wurden die Deutschen befragt: 42% gaben an, mindestens einmal pro Woche Lebensmittel wegzuwerfen. Mit 69% ist der Anteil bei Schülerinnen und Schülern besonders hoch, bei Älteren und Alleinlebenden ist er hingegen besonders niedrig. Hauptgründe für die Entsorgung sind, dass die Lebensmittel verdorben waren (70%), Reste nicht aufgegessen wurden (43%) oder das Mindesthaltbarkeitsdatums (43%) abgelaufen war. Verbesserungspotenzial in der landwirtschaftlichen Lebensmittelproduktion sehen die Deutschen bei der Situation der Landwirte: 86% der Befragten halten es für nötig, dass Bauern besser bezahlt werden. Neun von zehn (88 %) wünschen sich eine artgerechte Haltung von Nutztieren und 70% eine bessere Umweltverträglichkeit der Landwirtschaft. Darüber, dass zwischen den Wünschen der Verbraucher und der in Wirklichkeit in diese Richtung getätigten Kaufentscheidung oft Welten liegen, trifft der Ernährungsreport keine Aussage. (ab)

05.01.2016 |

Saatgutgesetz: Venezuela verbannt Gentechnik vom Acker

Mais
Vielfalt statt Gentechnik (Foto: Jenny Maeling/Flickr.com)

Venezuela hat dem Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen eine klare Absage erteilt: Am 23. Dezember verabschiedete das scheidende Parlament ein neues Saatgutgesetz, bevor am 5. Januar eine oppositionelle Parlamentsmehrheit die Legislative übernimmt. Das aus 71 Artikeln bestehende Gesetz untersagt den Import, Verkauf, die Verbreitung und Verwendung von gentechnisch verändertem Saatgut. Fast drei Jahre lange war das Gesetz debattiert worden, das von Präsident Nicolás Maduro noch im alten Jahr unterzeichnet wurde. Vizepräsident Jorge Arreaza begrüßte die Verabschiedung des „Ley de Semillas“ und teilte mit, es trage zur Förderung der biologischen Vielfalt bei und stärke „die Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität des Landes“. Das Saatgutgesetz sieht die Förderung einer ökologischen Landwirtschaft, den Schutz des traditionellen Saatguts der Bauern und die Ausweitung der venezolanischen Saatgutproduktion vor. Eine eigens dafür eingerichtete Institution soll die Einhaltung des Gesetzes überwachen und Saatgutbestände kontrollieren, damit Verstöße gegen das Gentechnik-Verbot aufgedeckt werden. Außerdem sollen Banken für Saatgut und genetische Ressourcen geschaffen werden. Das Gesetz stützt sich auf Artikel 305 der Verfassung Venezuelas, der festlegt, dass der Staat eine „nachhaltige Landwirtschaft für die umfassende ländliche Entwicklung fördern muss, um die Ernährungssicherheit zu garantieren“. Außerdem verbietet das Gesetz Patente auf Leben: Artikel 4 bezeichnet Saatgut „als Lebewesen und fundamentalen Bestandteil der Mutter Erde“. In seiner wöchentlichen TV-Sendung sagte Maduro, das neue Gesetz schaffe die Grundlagen, um „Lebensmittel unter einem agrarökologischen Modell zu produzieren, dass die Mutter Erde und das Recht unserer Kinder respektiere, gesund aufzuwachsen und sich gesund zu ernähren.“ (ab)

30.12.2015 |

Fleischsteuer: Umweltbundesamt will ökologische, klimagerechte Ernährung fördern

Fleisch
Deutscher Fleischhunger (Foto: Joshua Bousel/Flickr)

Das Umweltbundesamt fordert eine stärkere Besteuerung umwelt- und klimaschädlicher Lebensmittel und Produktionsweisen und will den Konsum tierischer Erzeugnisse und die Verschwendung von Lebensmitteln in Deutschland verringern. Das geht aus der Mitte Dezember veröffentlichten Broschüre „Umwelt, Haushalte und Konsum“ hervor, in dem die Behörde Umweltbelastungen durch die Konsum- und Ernährungsgewohnheiten der Deutschen beleuchtet. „Unsere Klimaschutzziele werden wir nur erreichen, wenn wir auch über unser Konsumverhalten nachdenken. Das macht auch vor liebgewonnenen Gewohnheiten nicht halt“, teilte UBA-Präsidentin Maria Krautzberger mit. „Die Produktion tierischer Produkte, allen voran Fleisch, belastet die Umwelt in hohem Maße – durch Ressourcen- und Flächenverbrauch, aber auch Nitratbelastung von Böden und Gewässern und hohe Treibhausgas-emissionen.“ So entstehen bei der Produktion von einem Kilo Rindfleisch zwischen sieben und 28 Kilo Treibhausgasemissionen, wobei es bei Obst und Gemüse weniger als ein Kilo sind. Bei der Fleischproduktion schlägt zusätzlich die Futtermittelproduktion negativ zu Buche. So werden zum Beispiel für den Sojaanbau in Südamerika große Flächen benötigt, die durch die Abholzung des Regenwaldes geschaffen werden. Zwar sinke der Fleischkonsum in Deutschland leicht, doch der Export stieg stark an. So wurde 2013 im Vergleich zum Jahr 2000 mehr als das Dreifache an Fleisch von Deutschland exportiert. Jedoch sind nicht nur die Emissionen bei der Lebensmittelproduktion ein Problem, sondern auch jene, die beim Transport entstehen. Lange Transportwege zum Beispiel für Erdbeeren im Winter stellen eine Belastung für das Klima dar. Gerade leichtverderbliche Lebensmittel werden mit dem Flugzeug transportiert, welches immer noch die schlechteste Treibhausgasbilanz aufweist. Krautzberger empfiehlt: „Wer beim Einkauf auf saisonale Produkte aus der Region achtet, kann sich vielfältig ernähren und die Umwelt schonen.“ Das Umweltbundesamt appellierte an die Bundesregierung, national eine Vorreiterrolle bei der Transformation des Ernährungssystems einzunehmen. „ Eine ökologische, klimagerechte Ernährung soll durch ökonomische und steuerliche Instrumente privilegiert werden. Dies bedeutet, dass für umwelt- und klimaschädliche Produkte und Verfahren die Mehrwertsteuer erhöht oder entsprechende Steuern erhoben werden sollten. Flankiert werden sollten diese Maßnahmen durch Bildungs- und Beratungsmaßnahmen zur Förderung des nachhaltigen Konsumverhaltens sowie Maßnahmen zur Stärkung des Absatzes von Bioprodukten und zur Entwicklung von Speiseplänen mit reduziertem Angebot tierprodukthaltiger Speisen“, ist in der Broschüre nachzulesen. (ab, L)

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