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07.11.2018 |

Patent auf konventionell gezüchteten „geköpften Brokkoli“ widerrufen

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Endlich frei: der geköpfte Brokkoli (Foto: CC0)

Das Europäische Patentamt (EPA) hat das umstrittene Patent auf den „geköpften Brokkoli“ aus herkömmlicher Züchtung widerrufen. Das teilte heute das Bündnis „Keine Patente auf Saatgut!“ mit, dessen Einspruch gegen das Patent nun von Erfolg gekrönt wurde. Das Patent war dem inzwischen von Bayer aufgekauften US-Konzern Monsanto 2013 erteilt worden und erstreckte sich auf einen aufgrund seines höheren Wuchses leichter erntbaren Brokkoli – und zwar das Saatgut, den geernteten (‚geköpften‘) Brokkoli sowie „Brokkolipflanzen, die in einem Brokkolifeld gezogen werden“. Das Bündnis, dem Organisationen von A wie Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) bis Z wie Zukunftsstiftung Landwirtschaft angehören, demonstrierte daraufhin 2014 unter dem Motto „Freiheit für den Brokkoli!“ vor dem EPA in München und legte Widerspruch ein. Denn die Erteilung von Patenten auf konventionell, also ohne Gentechnik, gezüchtete Pflanzen verstößt gegen das EU-Patentrecht, das Patente auf Pflanzen und Tiere, „die aus im Wesentlichen biologischen Verfahren“ gewonnen wurden, untersagt. Das sah das EPA jedoch anders: 2015 entschied seine Große Beschwerdekammer zunächst in einer Grundsatzentscheidung zum „Brokkoli-Patent“, dass Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere zulässig sind, auch wenn die Züchtungsverfahren als solche nicht patentierbar sind.

Das Patentamt erteilte daher munter weiter Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen. Auf Druck der EU und Zivilgesellschaft beschloss das EPA 2017 jedoch neue Regeln für die Auslegung, wonach keine Patente auf Pflanzen und Tiere mehr erteilt werden dürfen, wenn diese aus üblichen Züchtungsverfahren wie Kreuzung und Selektion hervorgehen. Der jetzige Widerruf stützt sich darauf und schlussfolgert, dass „im vorliegenden Fall die beanspruchten Brokkoli-Pflanzen nur durch ein im Wesentlichen biologischen Verfahren, das Kreuzung und Selektion umfasst, erhalten werden können“. Es ist der erste derartige Widerruf. „Das ist ein wichtiger Erfolg für das breite gesellschaftliche Bündnis gegen Patente auf Pflanzen und Tiere. Ohne unseren Einsatz wären die Regeln am EPA nicht verändert worden und das Patent wäre immer noch gültig“, erklärte Ruth Tippe von „Kein Patent auf Leben!“. „Die großen Konzerne wie Bayer, Syngenta und BASF sind mit ihrer Strategie gescheitert, die herkömmliche Züchtung von Pflanzen und Tieren über das Patentrecht zu monopolisieren“.

Allerdings gebe es noch immer große Schlupflöcher im Patentrecht, warnt das Bündnis. Denn nach der Neuregelung sind Pflanzen und Tiere patentierbar, bei denen genetische Veranlagungen und zufällige Mutationen identifiziert werden, die für die Züchtung wichtig sind. Das zeigen die Patente auf Gerste und Bier für die Brauereikonzerne Carlsberg und Heineken. Die 2016 vom EPA gewährten Patente umfassen Gerstenpflanzen aus konventioneller Züchtung, ihre Verwendung im Brauverfahren sowie das daraus gebraute Bier. Die Patente basieren auf zufälligen Mutationen im Genom der Gerste. Getreidekörner wurden mit Chemikalien in Kontakt gebracht, um eine größere Bandbreite an genetischen Variationen hervorzurufen. Dann wurden daraus spezifische Mutationen, deren Nutzen bereits bekannt war, durch Standardverfahren selektiert. Erst im Oktober 2018 hatte das EPA Einsprüche gegen die Patente zurückgewiesen und diese lediglich eingeschränkt. „Wir sehen den Beginn einer Entwicklung, die eine freie Pflanzenzucht in naher Zukunft unmöglich machen kann. Derartige patentierte Mutationen könnten in jeder Nutzpflanze versteckt sein“, warnte Johanna Eckhardt vom Bündnis. „Hier muss die Politik jetzt erneut aktiv werden“, fordert auch Tippe. (ab)

02.11.2018 |

WWF: Wirbeltierbestände schrumpften seit 1970 um 60%

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Tiere und Habitate schwinden (Foto: CC0)

Der Ressourcenhunger der Menschheit übersteigt die Regenerationsfähigkeit des Planeten und lässt die natürlichen Reserven und die biologische Vielfalt in besorgniserregendem Maße schwinden. In den letzten rund 40 Jahren schrumpften die Wirbeltierbestände um 60%. Das zeigt der Ende Oktober veröffentlichte „Living Planet Report 2018“, den die Naturschutzorganisation WWF gemeinsam mit der Zoologischen Gesellschaft London erstellte und an dem 59 Autoren von insgesamt 26 Institutionen mitwirkten. „Die schrumpfenden Wildtierzahlen und natürlichen Habitate sind ein Indikator für die enormen Auswirkungen und den Druck, den wir auf den Planeten ausüben, wodurch das lebendige Gefüge beschädigt wird, das uns versorgt: die Natur und die Biodiversität“, erklärte Marco Lambertini, Generaldirektor von WWF International. In den letzten Jahrzehnten haben menschliche Aktivitäten die Lebensräume und die natürlichen Ressourcen, auf die Wildtiere und die Menschheit angewiesen sind, wie Ozeane, Wälder, Korallenriffe, Feuchtgebiete und Mangroven, stark beeinträchtigt. 20% des Amazonasgebiets ist in nur 50 Jahren verschwunden, während die Erde in den letzten 30 Jahren ungefähr die Hälfte der Korallen einbüßte.

Als Messlatte für den Zustand der biologischen Vielfalt dient der „Living Planet Index“ (LPI), der auf Daten zu 16.704 untersuchten Populationen von 4005 Wirbeltierarten weltweit basiert. Er belegt, dass das Artensterben an Fahrt aufnimmt: Zwischen 1970 bis 2014 schwanden im Schnitt 60% der Bestände an Fischen, Vögeln, Säugetieren, Amphibien und Reptilien, während der Rückgang im Zeitraum 1970 bis 1995 „nur“ 30% betrug. Besonders stark betroffen waren Süßwasser-Arten, deren Bestände seit 1970 um 83% schrumpften. Das Artensterben ist vor allem ausgeprägt in Süd- und Zentralamerika. Dort sanken die Wirbeltierbestände um 89% gegenüber 1970. „Deutschland hat am erschütternden Rückgang der biologischen Vielfalt weltweit maßgeblich Anteil. Für unseren Lebensstil fallen in Südamerika, Afrika oder Asien Bäume, verschmutzen Flüsse, schwinden Tierbestände oder sterben Arten ganz aus“, prangert Jörg-Andreas Krüger vom WWF Deutschland an.

Als Hauptursachen für das Artensterben werden die Übernutzung von Arten – direkt durch Wilderei oder indirekt z.B. durch Beifang in der Fischerei – und eine nicht nachhaltige Landwirtschaft angeführt. „Von allen Pflanzen, Amphibien, Reptilien, Fischen, Vögeln und Säugetieren, die seit 1500 n.Chr. ausgestorben sind, nahmen 75% durch Übernutzung, landwirtschaftlichen Aktivitäten oder beides Schaden“, heißt es im Bericht. Invasive Arten und Krankheiten, deren Ausbreitung durch Handel und Transport gefördert werden, stellen eine weitere Gefahr dar. Auch Umweltverschmutzung bedroht Arten, wenn deren Lebensräume davon betroffen sind (z. B. bei einer Ölpest). Doch auch der Klimawandel spielt eine wachsende Rolle und wirkt sich bereits auf Ökosysteme und Arten aus.

Der Bericht befasst sich auch mit dem Wert der Natur für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen sowie für Gesellschaften und Volkswirtschaften. Weltweit stellt die Natur Dienstleistungen für die Menschheit im Wert von rund 125 Billionen US-Dollar pro Jahr bereit und versorgt uns mit frischer Luft, sauberem Wasser, Nahrungsmitteln, Energie, Medikamenten und anderen Produkten und Materialien. Von Rohstoffen, Wasser, Lebensmitteln, Arzneimitteln und Energie bis hin zu Bestäubung, Bodenbildung sowie Schutz vor Fluten, Stürmen und Erosion – die natürlichen Systeme der Erde sind überlebenswichtig für uns alle, betont der WWF. „Wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen“, mahnt Krüger. Allein Bestäuber sind für die Erzeugung von Lebensmitteln im Wert von 235 bis 577 Milliarden US-Dollar pro Jahr verantwortlich. Doch ein sich veränderndes Klima, intensive landwirtschaftliche Praktiken, invasive Arten und aufkommende Krankheiten haben sich auf ihr Vorkommen, ihre Vielfalt und Gesundheit ausgewirkt. „Die Natur hat unsere Gesellschaften und Volkswirtschaften jahrhundertelang still und leise unterstützt – und tut es auch heute noch. Im Gegenzug haben wir die Natur und ihre Dienstleistungen als selbstverständlich erachtet und nichts gegen den rasant zunehmenden Verlust der Natur unternommen“, beklagt Lambertini.

„Wir müssen schleunigst umdenken, wie wir die Natur nutzen und wertschätzen – kulturell, wirtschaftlich und auf unserer politischen Agenda“, fügte er hinzu. „Viel Zeit bleibt nicht für die Trendwende, aber sie ist machbar“, sagt auch Krüger. „Dazu müssen wir national und international mutiger und konsequenter handeln.“ Der WWF nennt ein klares Zeitfenster für die Trendwende: „Die Weltgemeinschaft hat mit 2020 ein Schlüsseljahr für die Zukunft der Erde vor sich. Dann steht das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (SDG) ebenso auf dem Prüfstand wie das Klimaabkommen von Paris und das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD). Würden alle vereinbarten Ziele bis 2030 wirklich erreicht, könnte der Richtungswechsel gelingen“, heißt es in der Pressemitteilung des WWF. (ab)

30.10.2018 |

Studie: Kleinbauern profitieren von agrarökologischen Methoden

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Bäuerin in Indien (Foto: CC0)

Agrarökologische Methoden können das Einkommen von Kleinbauernfamilien erhöhen, die Produktivität und Anbauvielfalt ihrer Höfe steigern, Ernährungssicherheit verbessern und sozialen Wandel und die Befähigung von Frauen fördern. Das zeigt eine Mitte Oktober vom katholischen Hilfswerk MISEREOR veröffentlichte Wirkungsforschung für agrarökologische Projekte in semiariden Regionen, die sich auf mehr als 1200 Interviews mit Kleinbauernfamilien stützt. Sie wurde von den drei Partnerorganisationen Centro Sabiá, ENDA Pronat und Swayam Shiksan Prayog über zwei Jahre hinweg durchgeführt und nimmt agrarökologische Projekte im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco, dem Bezirk Fatick im Senegal sowie Osmanabad in Indien unter die Lupe. „Während die industrialisierte Landwirtschaft weiterhin erheblich zur Erderwärmung beiträgt und die Agrarindustrie einseitig auf die Suche nach technologischen Lösungen setzt, passen Kleinbauern in Indien, dem Senegal und Brasilien ihre Anbausysteme längst effektiv an neue Bedingungen an. Auf diese Weise verbessern sie ihr Auskommen, schützen die Umwelt und werden widerstandsfähiger gegen die Folgen des Klimawandels“, fasst MISEREOR-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon die Ergebnisse zusammen.

Die Bäuerinnen und Bauern in allen drei Fallstudien erzielten signifikante Einkommenszuwächse, vor allem aus dem Verkauf landwirtschaftlicher Produkte, dem Verzehr höherwertiger Nahrungsmittel in den Familien und im Hinblick auf das Nettoeinkommen, heißt es in der deutschen Zusammenfassung. Das Medianeinkommen aus dem Verkauf von Agrarprodukten lag für die agrarökologischen Betriebe in Indien um 79% höher als für die Vergleichsgruppe. In Brasilien soll es 177-284% und im Senegal um 36% höher gewesen sein. „Die Studie zeigt, dass selbst Bauern in Trockengebieten, trotz zunehmend schwankender Niederschläge, die Produktivität steigern und ihr Auskommen durch Agrarökologie verbessern konnten“, so Bröckelmann-Simon. „Sowohl weil die Haushalte mehr Lebensmittel für den Eigenverzehr zur Verfügung haben als auch größere Mengen landwirtschaftlicher Produkte verkaufen können.“ Vor allem die ärmsten 10% der Haushalte hätten einen besonders dynamischen Einkommensanstieg verzeichnet. Auch in puncto Produktivität und Vielfalt von Viehhaltung und Ackerbau erzielten die agrarökologisch wirtschaftenden Kleinbetriebe in allen drei Ländern Erfolge. Berichte über gestiegene Erträge pro Hektar für die Hauptanbaupflanzen reichten von 17% mehr als in der Referenzgruppe im Senegal bis hin zu 32% mehr in Indien und einem Plus von 26% bzw. 49% in den untersuchten Regionen in Brasilien.

Was die Ernährungssicherheit angeht, so stellte die Wirkungsstudie Verbesserungen im Hinblick auf Menge und Vielfalt der verzehrten Lebensmittel fest. Fokusgruppen in Brasilien berichteten, dass sich mit der Übernahme agrarökologischer Praktiken ihre Ernährung deutlich verbessert hat, insbesondere durch eine größere Vielfalt und den Verzehr von Obst und Gemüse bei einem gleichzeitigen Rückgang gesundheitlicher Probleme. Indische Kleinbauernfamilien gaben ebenfalls an, dass sie jetzt deutlich mehr verschiedene Nahrungsmittel anbauen und für Getreide und Hirse, Hülsenfrüchte und nicht pflanzliche Lebensmittel sowie Gemüse einen höheren Selbstversorgunggrad haben. Im Senegal fielen die Unterschiede zu Haushalten, die keine agrarökologischen Methoden anwandten, geringer aus.

Ein weiterer Vorteil: Für Bäuerinnen in agrarökologischen Haushalten ergaben sich mehr Möglichkeiten zur Partizipation und zur Förderung von eigenen Fähigkeiten. „In Indien waren Frauen aus agrarökologischen Haushalten zu einem höheren Grad in verschiedenen einschlägigen Gruppierungen organisiert und von den Frauen, die eine Ausbildung als Führungskraft unterlaufen hatten, war jede Vierte in einer führenden Rolle tätig, 22% leiteten Ausbildungen zur Agrarökologie“, so die Zusammenfassung. In Brasilien wirkten Frauen aus agrarökologischen Betrieben stärker in strukturierten Organisationen wie Stadtrat, Kooperativen und Parteien mit.

„Gewiss muss eingestanden werden, dass es immer noch Grenzen und Herausforderungen gibt. Gleichwohl liefern die Studien zur Arbeit von MISEREORs Partnerorganisationen und der agrarökologischen Familienbetriebe überzeugende Beweise dafür, dass die Agrarökologie ein solides Rückgrat für eine transformative und faire ländliche Entwicklung darstellen kann“, lautet das Fazit. Im Einklang mit anderen aktuellen Studien, wissenschaftlichen Publikationen und der internationalen Forderung nach Agrarökologie unterstützt die Studie den Autoren zufolge den Aufruf nach signifikant mehr Unterstützung für agrarökologische Landwirtschafts- und Ernährungssysteme mit einer größeren Vielfalt. „Agrarökologische Ansätze haben großes Potenzial, Treibhausgase zu reduzieren, Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt zu steigern und widerstandsfähige Lebensgrundlagen zu schaffen. Sie greifen die Ursachen von Hunger, Armut und Ungleichheit bei der Wurzel und sind damit nicht nur ein Schlüssel zur Umsetzung der Agenda 2030, sondern auch zur Erreichung unserer Klimaziele“, betont Martin Bröckelmann-Simon. „Auch die deutsche Entwicklungs- und Agrarpolitik muss agrarökologische Ansätze konsequent fördern, will sie diese Ziele erreichen.“ (ab)

24.10.2018 |

Studie: 10 Milliarden Menschen innerhalb der planetaren Grenzen ernähren

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Gesündere Ernährung, mehr Gemüse! (Foto: CC0)

Auch eine Welt mit 10 Milliarden Menschen kann innerhalb der planetaren Grenzen satt werden - wenn sich die Art und Weise ändert, wie wir uns ernähren und Lebensmittel produzieren. Das besagt eine Studie, die am 10. Oktober im Fachjournal Nature erschien. Eine weltweite Umstellung auf eine gesunde und verstärkt pflanzliche Ernährung, die Halbierung von Lebensmittelverlusten und -verschwendung sowie die Verbesserung landwirtschaftlicher Praktiken sind Maßnahmen zur Verringerung der Umweltauswirkungen unseres Lebensmittelsystems, schreibt das internationale Forscherteam. „Den Ernährungssektor grüner machen oder unseren Planeten aufessen – das steht heute auf der Speisekarte zur Auswahl“, sagt Johan Rockström, einer der Autoren. Die Wissenschaftler quantifizierten, wie sich Nahrungsmittelproduktion und -konsum auf die Belastungsgrenzen des Planeten auswirken, die einen sicheren Handlungsraum für die Menschen beschreiben, jenseits dessen die lebenswichtigen Systeme der Erde instabil werden könnten. „Das Ernährungssystem ist ein Haupttreiber für den Klimawandel, Landnutzungsänderungen, die Übernutzung der Süßwasserressourcen und die Verschmutzung aquatischer und terrestrischer Ökosysteme durch übermäßige Stickstoff- und Phosphoreinträge“, heißt es im Abstract. Den Autoren zufolge könnten die Umweltauswirkungen des Lebensmittelsystems zwischen 2010 und 2050 um 50-90% steigen, da wachsende Bevölkerungszahlen und Einkommen einhergehen mit einer Ernährung mit hohem Fett-, Zucker- und Fleischanteil, und so die planetaren Grenzen überschreiten.

Die Studie kombiniert Umweltgesamtrechnungen mit einem Modell des globalen Ernährungssystems, das die Produktion und den Konsum von Lebensmitteln einbezieht. Mit diesem Modell analysierten die Forscher mehrere Optionen, die das Ernährungssystem innerhalb der Umweltgrenzen halten könnten. „Um die Nahrungsmittelproduktion innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen und damit innerhalb eines sicheren Handlungsraums für die Menschheit zu halten, können wir drei Dinge tun: mehr gesundes Gemüse und weniger Fleisch essen, systematisch Lebensmittelverschwendung vermindern, und landwirtschaftliche Technologien und Management wie z.B. bei Bodenbearbeitung oder Düngerrecycling verbessern“, so Rockström. Der bloße Übergang zu einer stärker pflanzlichen „flexitarischen“ Ernährung könnte die Treibhausgasemissionen aus der landwirtschaftlichen Produktion ungefähr halbieren und auch Umweltauswirkungen, etwa durch Düngereinsatz und die Nutzung von Ackerland und Süßwasser, um ein Zehntel bis zu einem Viertel reduzieren. „Wenn es um die Ernährung geht so sind umfassende Politiken und Geschäftsansätze wesentlich, um eine Umstellung auf eine gesunde Ernährung mit mehr pflanzlichen Lebensmitteln für eine große Zahl an Menschen möglich und attraktiv zu machen“, sagt der Hauptautor der Studie, Dr. Marco Springmann von der Universität Oxford. „Wichtige Aspekte beinhalten Programme in Schulen und am Arbeitsplatz, wirtschaftliche Anreize und Kennzeichnung, sowie eine Ausrichtung von nationalen Ernährungsempfehlungen am aktuellen wissenschaftlichen Stand zu gesunder Ernährung und den Umweltauswirkungen unserer Ernährung“, fügte er hinzu.

Zudem braucht es eine Verbesserung landwirtschaftlicher Praktiken und Technologien, um den Druck auf die Agrarflächen sowie durch Süßwasserentnahme und Düngereinsatz zu begrenzen. „Eine Verbesserung landwirtschaftlichen Technologien und Bewirtschaftungsformen erfordert mehr Investitionen in öffentliche Infrastruktur, die richtigen Anreizsysteme für Landwirte, einschließlich Unterstützungsmechanismen, damit die besten verfügbaren Praktiken angewandt werden, und eine bessere Regulierung, z.B. des Düngereinsatzes und bei der Wasserqualität“, sagte Mitautorin Line Gordon. Schließlich müssen Lebensmittelverluste und -verschwendung halbiert werden, um den Umweltfußabdruck in Grenzen zu halten. Bei einer weltweiten Halbierung der Verschwendung würde sich die Umweltauswirkung des Ernährungssystems um bis zu 16% reduzieren. „Das Angehen von Lebensmittelverlusten und -verschwendung erfordert Maßnahmen in der ganzen Lebensmittelkette, von Lagerung und Transport über Verpackung und Kennzeichnung bis hin zu Veränderungen bei Gesetzgebung und Geschäftspraktiken, wodurch Müllvermeidung in den Versorgungsketten gefördert wird“, sagt Mitautor Fabrice de Clerck. „Keine einzelne Lösung ist ausreichend, um das Überschreiten der planetaren Grenzen zu vermeiden. Aber wenn sie alle gemeinsam umgesetzt werden, ist es unseren Forschungsergebnissen zufolge möglich, die wachsende Weltbevölkerung nachhaltig zu ernähren“, schlussfolgert Dr. Springmann. (ab)

19.10.2018 |

Bericht präsentiert Erfolgsbeispiele für eine agrarökologische Wende

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Ochsenstärke statt Maschinen (Foto: CC0)

Eine agrarökologische Umgestaltung der Ernährungs- und Agrarsysteme und die Abkehr von der industriellen Landwirtschaft ist keine Utopie, sondern kann in Gemeinden, Regionen oder gar ganzen Ländern erfolgreich gelingen. Das ist die frohe Botschaft des neusten Berichts von IPES-Food (International Panel of Experts on Sustainable Food Systems), einer Expertengruppe unter Vorsitz des ehemaligen UN-Sonderberichterstatters für das Menschenrecht auf Nahrung, Olivier De Schutter, und der Ex-UNICEF-Vertreterin für Kenia, Olivia Yambi. Der diese Woche in Rom präsentierte Bericht stellt sieben Erfolgsbeispiele aus aller Welt für eine agrarökologische Wende vor. Ein erfolgreicher Übergang zur Agrarökologie erfordere Veränderungen in vier Schlüsselbereichen: Produktionsmethoden, Wissensgenerierung und -verbreitung, soziale und wirtschaftliche Beziehungen sowie institutionelle Rahmenbedingungen. Wenn sich auf all diesen Ebenen etwas ändere, verringere sich die Abhängigkeit von den bisherigen Vermittlern von Inputs, Wissen und Marktzugang. So werden Mechanismen, die industrielle Ernährungssysteme am Leben erhalten, durchbrochen und neue nachhaltige Systeme entstehen. „Der Übergang beginnt dann wirklich, wenn sich an verschiedenen Fronten gleichzeitig etwas verändert. Dann entstehen neue Machtverhältnisse und die Logik des Systems verschiebt sich“, erklärt Hauptautor Steve Gliessman.

Eine Fallstudie legt dar, wie es in Kuba gelang, die wirtschaftliche Isolation nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion für eine agrarökologische Wende zu nutzen. Als Reaktion auf die Krise wurde der kleinbäuerliche Agrarsektor in Kuba einer „agrarökologischen Revolution“ unterzogen. Die Bauern konnten die Produktion trotz des weitgehenden Verzichts auf externe Inputs steigern. Zu den Änderungen der Produktionsmethoden gehörten das Ersetzen von Inputs, Anbaudiversifizierung, Fruchtfolgen, Agroforstwirtschaft und die Integration von Ackerbau und Viehzucht. Wissensgenerierung und -verbreitung erfolgte durch eine florierende Campesino-a-Campesino-Bewegung - der Austausch von Bauer zu Bauer. Institutionelle Akteure und Forschungszentren stellten den Landwirten Wissen und z.B. eine große Bandbreite an Saatgut kostenlos bereit. Bauern und Behörden vertieften ihre wissenschaftlichen und fachlichen Kompetenzen durch „Busreisen“ zu verschiedenen Höfen. Zudem erhielten Kleinbauern Infos durch die Genossenschaften, denen die meisten angehörten. Die Agrarökologie wurde auch in den Lehrplänen der Polytechnischen Hochschulen verankert.

Veränderungen in den sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen führten laut IPES-Food zu einer schnellen Ausweitung der Agrarökologie. Eine hochorganisierte bäuerliche Agrarökologie-Bewegung, die von der nationalen Kleinbauernvereinigung (ANAP) vorangetrieben wurde, ermöglichte die Verbreitung von Wissen und schuf Solidarität unter den Bauern. „Die sozialen Beziehungen entwickelten sich auch als Reaktion auf die Modalitäten des Landbesitzes unter dem sozialistischen Regime. Die meisten kubanischen Bauern besitzen ihr Land privat, kultivieren es aber als Teil von Genossenschaften“, so der Bericht. Diese Kooperativen ermöglichten auch den Zugang zu Dienstleistungen, Krediten und den Kauf von Inputs in großen Mengen; Land, Maschinen und Lager befanden sich in gemeinschaftlichem Besitz. Zu den institutionellen Veränderungen gehören die Dezentralisierung des staatlichen Agrarsektors, die Verankerung der Agrarökologie in staatlichen und Forschungseinrichtungen sowie unterstützende Maßnahmen wie die Bodenreform. Schätzungen zufolge betreiben heute rund 300.000 Kleinbauern in Kuba Agrarökologie. Studien deuten darauf hin, dass agrarökologische Praktiken auf 46-72% der kleinen Höfe Anwendung finden, die etwa 60% des in Kuba verzehrten Gemüses, Mais, Bohnen, Früchte und Schweinefleisch produzieren. Zudem florierte die fast chemiefreie urbane Landwirtschaft, die heute größere Städte mit bis zu 70% des frischen Gemüses versorgt. Damit nimmt Kuba eine Vorreiterrolle in der urbanen Landwirtschaft ein.

Ein anderer Leuchtturm ist das „Ökodorf“-Projekt in Chololo, Tansania, das mithilfe agrarökologischer Praktiken erfolgreich den wenigen Regen optimal nutzte, die Bodenfruchtbarkeit verbesserte, die Arbeitslast der Bauern reduzierte und die Qualität des lokalen Saatguts verbesserte. Das Dorf im semiariden Trockengebiet Zentral-Tansanias hatte mit häufigen Dürren, Ernährungsunsicherheit und den Folgen des Klimawandels zu kämpfen. Ein multidisziplinäres Projektteam ermutigte die Dorfbewohner, agrarökologische Methoden anzuwenden und zu verfeinern, von der Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit durch Mist über Regenwassergewinnung bis hin zu optimalen Pflanzzeitplänen. Technische Beratungsgruppen, die Zusammenarbeit von Bauer zu Bauer sowie partizipative Ansätze veränderten die Art der Wissensgenerierung und -verbreitung. Veränderungen im Zusammenleben ergaben sich durch Auszeichnungen, Feierlichkeiten und das Sichtbarmachen von wegweisenden Bauern. Frauen wurden gestärkt durch das Eröffnen neuer Existenzgrundlagen, z.B. Hühnerzucht. Veränderungen der institutionellen Bedingungen gelangen durch die bewusste Ausrichtung des Projekts an der nationalen Klimapolitik. Dank der Einbeziehung lokaler Institutionen rückte Chololo in den Fokus der Politik auf nationaler Ebene und wurde zu einem Modellprojekt für die Anpassung an den Klimawandel. Der agrarökologische Wandel hatte enormen Einfluss auf das Leben der Menschen im Dorf. Am Ende des ersten Projektzyklus 2011-2014 nutzten 54 Prozent der Landwirte und Tierhalter Innovationen zur Anpassung an den Klimawandel, ein deutliches Plus gegenüber den 19 Prozent im ersten Jahr. Die Erträge stiegen zwischen 37,5 und 70 Prozent. Der Anteil der Haushalte, die drei Mahlzeiten pro Tag zu sich nehmen, erhöhte sich von 29 auf 62 Prozent, und die durchschnittliche Dauer der Nahrungsmittelknappheit wurde von 7,3 auf 2,8 Monate reduziert. „Die Fallstudien zeigen, dass Veränderungen nicht immer auf dem Feld beginnen. Der Übergang kann durch gemeinschaftliche Aktivitäten, Partnerschaften zwischen Landwirten und Forschern und sogar durch externe Schocks, die den Status Quo in Frage stellen, eingeleitet werden“, so Steve Gliessman.

17.10.2018 |

Digitalisierung: Profite für Konzerne statt Hilfe für Kleinbauern

Drohne
Drohne auf dem Acker (Foto: CC0)

Die Digitalisierung der Landwirtschaft ist kein wirksames Rezept gegen den Hunger, sondern könnte Kleinbauern noch weiter ins Abseits drängen. Davor warnen das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt und die Menschenrechtsorganisation FIAN anlässlich der Veröffentlichung des „Jahrbuch zum Recht auf Nahrung“. Die diesjährige Ausgabe untersucht, welche Folgen es haben könnte, wenn Finanzmärkte und Agrarkonzerne sich mithilfe der Digitalisierung zunehmend die Kontrolle über Ressourcen wie Boden, Wasser und Saatgut aneignen. „Es besteht die Gefahr, dass die Digitalisierung die Umwandlung öffentlicher Güter wie etwa die Wasserversorgung in international handelbare Waren vorantreibt. Davon haben die Ärmsten der Armen gar nichts, im Gegenteil, ihre Lage würde sich verschlimmern“, erklärt Bernhard Walter, Landwirtschaftsexperte von Brot für die Welt. Zudem fehle armen Bauern das Kapital, um die Vorteile der Digitalisierung nutzen zu können. In Äthiopien etwa seien Bauern durch Wetter-Apps in Schuldenfallen geraten, sagte Walter.

Das Jahrbuch beschreibt, dass dieselben Akteure, die einst die „Grüne Revolution“ mit ihrem Einsatz von Hochertragssorten, Kunstdünger und Pestiziden propagierten und finanzierten, teils selbst das Scheitern des agroindustriellen Systems einräumen. Nun warten sie mit einer neuen „Lösung“ auf, der „vierten industriellen Revolution“. Konzerne sammeln in großem Umfang Daten über Wetter, Böden und Pflanzenwachstum, die sie auswerten und verkaufen. Dünger, Wasser und Pestizide sollen dank neuer Technologien exakter dosiert werden. In ihrem Artikel „Lasst sie doch Daten essen“ beschäftigen sich Trudi Zundel und Silvia Ribeiro von der Nichtregierungsorganisation ETC Group mit den Konsequenzen von „Precision Farming“ für Kleinbauern. „Agrarkonzerne und Hersteller von Landmaschinen investieren kräftig in Präzisionslandwirtschaft, eine von extremer Mechanisierung geprägte Vision in der Agrarproduktion, die durch das Zusammenspiel leistungsstarker neuer digitaler Technologien und der algorithmischen Verarbeitung von Big Data ermöglicht wird“, schreiben sie in der Einleitung zum Artikel. „Während derzeit Fusionen von Agrarkonzernen im Mittelpunkt stehen, die Inputs produzieren, rückt der Punkt näher, an dem Hersteller von Maschinen und Datenplattformen die Zukunft der industriellen Landwirtschaft bestimmen werden.“

Dabei könnten Landwirte das Nachsehen haben, warnen die Autorinnen: „Konzernen wie Deere&Co. oder Monsanto noch mehr Macht einzuräumen ist ein Schritt weg von Ernährungssouveränität, denn es verringert die Wahlmöglichkeit von Bauern, erhöht die Preise für Inputs und schränkt Landwirte darin ein, ihre eigenen Maschinen zu reparieren und warten.“ Zwar waren bisher großflächig wirtschaftende Landwirte im Norden das Zielpublikum für Präzisionslandwirtschaft, doch nun rücken auch Kleinbauern im globalen Süden ins Fadenkreuz. Die Bill & Melinda Gates Stiftung zum Beispiel untersuche aktiv das Potenzial der Präzisionslandwirtschaft, um Big-Data-getriebene Landwirtschaftsmodelle auf kleinen Höfen zu mechanisieren und zu integrieren. Durch neue Tools und Techniken werden marginale Flächen, auf denen heute Kleinbauernfamilien Lebensmittel produzieren, plötzlich interessant für Agrarkonzerne. „Wenn sich die Geschichte wiederholt, könnten Technologien der Präzisionslandwirtschaft in den Händen des Agribusiness als neues Instrumente des Land Grabbing dienen“, befürchten Zundel und Ribeiro. Eine weitere Folge ist der Verlust von Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft: „Die Vision der Präzisionslandwirtschaft ist eine Farm ohne Menschen, die durch Apps verwaltet wird, wofür die Manager nicht einmal physisch vor Ort sein müssen. Die Verlierer hierbei werden Kleinbauern und die 50 Millionen Landarbeiter sein, die in der industriellen Landwirtschaft beschäftigt sind und deren Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen.“

Diese Befürchtungen teilt auch Philipp Mimkes, Geschäftsführer von FIAN Deutschland: „Für die Mehrzahl der bäuerlichen Betriebe bietet die Digitalisierung keine Lösungen an, sondern verschärft noch die Probleme.“ Denn sie vertiefe die Spaltung zwischen armen Bauerngruppen und kapitalkräftigen Agrarunternehmen weiter und werde die Konkurrenz um Land, Wasser und Saatgut weltweit noch verschärfen. „Wichtige Gründe für die hohen Hungerzahlen – die Diskriminierung von Frauen und ländlicher Bevölkerung, Landgrabbing und die erzwungene Öffnung der Agrarmärkte in Entwicklungsländern – lassen sich nicht technisch lösen“, so Mimkes. Das zeige sich beispielsweise in Südamerika, wo die Hungerzahlen seit 2012 wieder steigen. Gleichzeitig produziert die dortige hochtechnisierte Agrarindustrie statt den Hunger vor Ort zu bekämpfen immer gewaltigere Mengen, die jedoch überwiegend exportiert werden – 2016 alleine 70 Millionen Tonnen Getreide und 120 Millionen Tonnen Soja. Der armen Landbevölkerung hilft dies nicht - in den letzten fünf Jahren waren in Lateinamerika 2,2 Millionen Menschen zusätzlich von schwerem Hunger betroffen. (ab)

12.10.2018 |

WHI 2018: Schnellere Fortschritte im Kampf gegen den Hunger nötig

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Die Ernährungslage ist in vielen Ländern mies (Foto: CC0)

Die Bekämpfung des Hungers kommt zu langsam voran: Noch immer ist die Ernährungssituation in 51 Ländern ernst oder sehr ernst. Flucht und Vertreibung leisten einen traurigen Beitrag dazu. Das zeigt der aktuelle Welthunger-Index (WHI), der von der Welthungerhilfe und Concern Worldwide veröffentlicht wurde. Zwar habe es seit der Jahrtausendwende Fortschritte gegeben – die WHI-Werte sanken seit dem Jahr 2000 im globalen Schnitt um 28% und auch die Kindersterblichkeit halbierte sich. Doch die Zahl der Hungernden kletterte 2017 auf 821 Millionen Menschen, wie die Welternährungsorganisation FAO unlängst verkündete. Etwa 124 Millionen Menschen leiden unter akutem Hunger, ein krasser Anstieg gegenüber 80 Millionen vor zwei Jahren. „Wenn das Tempo bei der Bekämpfung des Hungers gleichbleibt, wird es 50 Ländern nicht gelingen den Hunger bis 2030 abzuschaffen“, warnt der Bericht und fordert mehr Anstrengungen bei der Hungerbekämpfung.

Die Werte des WHI umfassen drei Dimensionen von Hunger: unzureichende Kalorienaufnahme, Unterernährung bei Kindern (Auszehrung und Wachstumsverzögerung) sowie Kindersterblichkeit. Auf einer 100-Punkte-Skala wird die Hungerlage in einem Land als niedrig (unter 10), mäßig (10 - 19,9), ernst (20- 34,9), sehr ernst (35-49,9) oder als sehr gravierend (<50) eingestuft. „Der Welthunger-Index 2018 zeigt, dass die weltweite Hungersituation nach wie vor in die Kategorie ernst einzustufen ist – und das, obwohl der WHI-Wert von 29,2 im Jahr 2000 auf aktuell 20,9 gesunken ist“, schreiben die Autoren. „Trotz dieser Verbesserungen bleibt die Frage, ob die Welt das Ziel 2 für nachhaltige Entwicklung (SDG) der Agenda 2030 erreichen wird: den Hunger bis 2030 weltweit zu beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung zu gewährleisten und eine nachhaltige Landwirtschaft zu fördern.“ Nur 40 der 119 Länder auf der Hungerrangliste verzeichneten niedrige Hungerwerte – von den 79 Ländern mit mäßiger bis gravierender Hungersituation werden es beim jetzigen Tempo nur 29 Länder schaffen, den Hunger auf ein niedriges Niveau zu drücken.

Dem WHI 2018 zufolge ist die Hungersituation in der Zentralafrikanischen Republik gravierend: Das Land leidet seit 2012 unter Instabilität, religiös motivierter Gewalt und einem Bürgerkrieg. In sechs Ländern sind die Hungerwerte sehr ernst: im Tschad, in Haiti, Madagaskar, Sierra Leone, im Jemen und in Sambia. Ernst ist die Lage in 45 Ländern, darunter Sudan, Afghanistan und Timor-Leste. Einige Länder konnten gar nicht erst in die Liste aufgenommen werden, da nicht für alle WHI-Indikatoren Daten vorliegen. Doch in sieben dieser Länder (Burundi, Demokratische Republik Kongo, Eritrea, Libyen, Somalia, Südsudan und Syrien) sind Hunger und Unterernährung besorgniserregend hoch. Angola, Ruanda, Äthiopien und Myanmar gehören 2018 zu den Vorreitern mit einer Verbesserung des WHI-Wertes um mehr als 45%.

Schwerpunkt des Berichts ist der Zusammenhang zwischen Flucht, Vertreibung und Hunger. In Ländern mit bewaffneten Konflikten ist der Hunger doppelt so hoch wie andernorts. „Schätzungsweise 68,5 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, darunter 40 Millionen Binnenvertriebene, 25,4 Millionen Flüchtlinge und 3,1 Millionen Asylsuchende. Hunger ist eine anhaltende Gefahr, die das Leben zahlreicher vertriebener Menschen bedroht und Einfluss auf die Entscheidungen hat, wann und wohin sie fliehen“, schreibt Gastautorin Laura Hammond von der University of London. Sie kritisiert, dass sich zu Hunger und Flucht Fehlannahmen hartnäckig halten und Politik beeinflussen. So werde Hunger oft als Folge umweltbedingter oder natürlicher Ursachen verstanden, obwohl er – genau wie Flucht und Vertreibung – in der Regel das Ergebnis politischer Prozesse sei. Naturkatastrophen wie Dürren, Überschwemmungen und extreme Wetterereignisse führten nur dann zu Hunger und Vertreibung, wenn Regierungen nicht vorbereitet oder willens seien zu reagieren. Zudem leiste die internationale Gemeinschaft bei Flucht und Vertreibung meist nur humanitäre Hilfe und hoffe, dass die Vertriebenen in Kürze in ihre Herkunftsgebiete zurückkehren können. Doch Vertreibung sei meist ein lang anhaltender Zustand, dem die Menschen über viele Jahre oder Generationen ausgesetzt sind.

Der Bericht betont, dass Hilfe vor allem vor Ort nötig sei. „Die Mehrzahl der Flüchtlinge bleibt in ihrer Heimatregion und braucht dort auch Unterstützung“, betont Welthungerhilfe-Präsidentin Bärbel Dieckmann. „Für die Geflüchteten ist nicht nur die Grundversorgung wichtig, sondern auch die Möglichkeit, dass sie Zugang zu Beschäftigung und Bildung bekommen. Humanitäre Hilfe allein reicht nicht aus.“ Außerdem fordert der WHI die Stärkung der Widerstandsfähigkeit von Vertriebenen, damit ihre Existenzgrundlagen in ihrer Heimat stabilisiert, lokale Märkte unterstützt und die Menschen eigenständig und unabhängig werden. „Hunger, Flucht und Vertreibung sind schmerzhafte Realität für Millionen von Menschen, aber dieser Missstand hat die nationalen Regierungen noch immer nicht zu jener politischen Führung und den Maßnahmen bewegt, die so dringend benötigt werden“, kritisieren Mathias Mogge von der Welthungerhilfe und Dominic MacSorley von Concern Worldwide im Vorwort. Noch beunruhigender sei, dass das Thema Flucht zu einem Blitzableiter für einen neuen politischen Diskurs erwachse, der eher kompromissloser als humanitärer werde. „Der diesjährige WHI ist nicht nur ein erneuter Aufruf zum Handeln gegen Hunger, Flucht und Vertreibung, sondern auch ein dringender Appell zur Wiederbelebung der Menschlichkeit im Umgang mit der erschütternden Tatsache, dass – in einer Welt des Überflusses – nach wie vor die Menschenrechte von Millionen Bedürftigen verletzt werden, die jeden Abend hungrig zu Bett gehen müssen.“ (ab)

09.10.2018 |

IPCC: Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad erfordert Kurswechsel

Dürre
Je wärmer die Welt desto häufiger und intensiver treten Dürren auf (Foto: CC0)

Die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad erfordert „schnelle, weitreichende und beispiellose Veränderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen“, auch in Ernährung und Landwirtschaft. Das ist die unbequeme Botschaft des am 8. Oktober veröffentlichten Sonderberichts des Weltklimarats (IPCC) zum 1,5-Grad-Ziel, für den 91 Autoren aus 40 Ländern über 6.000 wissenschaftliche Studien auswerteten. Im südkoreanischen Incheon hatten die 195 IPCC-Mitgliedsstaaten zuvor Zeile für Zeile eine Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger abgestimmt. „Eine der Kernbotschaften dieses Berichts ist, dass wir schon jetzt die Konsequenzen von einem Grad Erwärmung in Form von mehr Extremwetter, steigenden Meeresspiegeln, schwindendem arktischen Meereis und weiteren Veränderungen sehen“, betonte Panmao Zhai, Co-Leiter der IPCC-Arbeitsgruppe I. Die Klimaforscher schreiben, dass eine Erderwärmung von 1,5 °C wohl schon zwischen 2030 und 2052 erreicht sein wird, wenn sie im aktuellen Tempo voranschreitet.

„Jedes Quäntchen mehr an Erwärmung wirkt sich aus, vor allem, weil eine Erwärmung um 1,5 Grad oder mehr das Risiko erhöht, dass die Veränderungen langanhaltend oder irreversibel sein werden, etwa der Verlust von einigen Ökosystemen“, erklärte Hans-Otto Pörtner, Co-Leiter der Arbeitsgruppe II. Daher streicht der Bericht die Notwendigkeit der Begrenzung auf 1,5°C statt auf 2°C heraus. Laut Prognosen fiele der globale mittlere Meeresspiegelanstieg dadurch 10cm geringer aus als bei 2°C und die Wahrscheinlichkeit, dass die Arktis im Sommer eisfrei wäre, würde erheblich sinken. Korallenriffe würden „nur“ um 70 bis 90% schwinden – statt nahezu vollständig – und die Folgen für terrestrische, Süßwasser- und Küstenökosysteme wären nicht ganz so fatal. „Klimabedingte Risiken für Gesundheit, Existenzgrundlagen, Nahrungs- und Wasserversorgung, menschliche Sicherheit und Wirtschaftswachstum werden laut Projektionen bei einer Erwärmung um 1,5 °C zunehmen und bei 2 °C weiter ansteigen“, schreiben die Autoren. Besonders hart trifft es jene, die ohnehin schon benachteiligt sind, zum Beispiel indigene Völker oder lokale Gemeinschaften, deren Existenz von Landwirtschaft und Küstengewässern abhängt. „Eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5°C könnte die Zahl der Menschen, die klimabedingten Risiken ausgesetzt und anfällig für Armut sind, bis 2050 um mehrere Hundert Millionen begrenzen“, betont der Bericht.

Was also tun? Pfade, welche die globale Erwärmung auf 1,5 °C begrenzen, würden schnelle und weitreichende Systemübergänge in den Bereichen Energie, Landwirtschaft, Industrie, Transport, Gebäude und Städte erfordern, heißt es. Der globale CO2-Ausstoß müsste von 2010 bis 2030 um 45% sinken und 2050 bei null liegen. Als Klimaschutz- und Anpassungsoptionen im Bereich Landwirtschaft und Ernährung nennt der Bericht in Kapitel 4 etwa eine verbesserte Nutztierhaltung, effizientere Bewässerung, Agroforstwirtschaft und die Bekämpfung von Lebensmittelverlusten und -verschwendung. Die Autoren lassen keinen Zweifel daran, dass vor allem bei Tierhaltung und Fleischkonsum angesetzt werden muss, denn die Nutztierhaltung verursacht mehr Emission als alle anderen Lebensmittelquellen. Sie entstehen etwa durch Futtermittelproduktion, enterische Fermentation, tierische Abfälle, Landnutzungsänderungen sowie Viehtransport und -verarbeitung. „Es besteht zunehmend Einigkeit darüber, dass die Gesamtemissionen der Ernährungssysteme gesenkt werden könnten, indem die Nachfrage nach Fleisch und anderen tierischen Produkten gezielt angegangen wird, vor allem dort, wo der Konsum höher ist als für die menschliche Gesundheit empfohlen“, so die Autoren. „Eine Umstellung der Ernährung könnte ein Fünftel der Minderung erzielen, die erforderlich ist, um die Erwärmung unter 2°C zu halten.“ (ab)

05.10.2018 |

Studie: Gentechnik-Soja in Südamerika schadet Umwelt und Gesundheit

Soja
Sojawüste in Südamerika statt Artenvielfalt (Foto: CC0)

Der Anbau von Gentechnik-Soja in Südamerika schadet der Umwelt, Artenvielfalt und der menschlichen Gesundheit und steht damit der Verwirklichung der UN-Nachhaltigkeitsziele entgegen. Die EU als wichtiger Importeur hat mit der Nachfrage nach Soja als Futtermittel erheblichen Einfluss auf die Ökosysteme in den Anbauländern und das Leben der ländlichen Bevölkerung. Dies zeigt eine von den Organisationen Germanwatch und Testbiotech Anfang Oktober veröffentlichte Studie. Zwischen 2005 und 2014 stieg die Sojaanbaufläche in Brasilien, Argentinien und Paraguay um 40% oder 15,5 Millionen Hektar, wie aus der UN-Datenbank FAOStat hervorgeht. In Brasilien wuchs die Fläche um 32% auf 30 Millionen Hektar, in Argentinien stieg sie um 37% auf 20 Millionen Hektar und in Paraguay um 78% auf 3,5 Millionen Hektar. Dies geschah meist auf Kosten von ökologisch wertvollem Weideland, Savannen und Regenwald.

Obwohl die Importmengen in den letzten 15 Jahren zurückgingen, geht immer noch ein Viertel der Sojaexporte aus Brasilien, Argentinien, Paraguay, Bolivien und Uruguay in die EU. Sie hatte 2014 einen Anteil von 35% an den gesamten Exporten Paraguays, bei Argentinien waren es 31% und Brasilien 22%. „Auf insgesamt rund 10 Millionen Hektar wird quasi nur für die EU produziert, denn 29 Millionen Tonnen Soja pro Jahr werden in die EU exportiert“, erklärt Tobias Reichert von Germanwatch, der die Studie mitverfasst hat. „Die Soja dient fast ausschließlich als Tierfutter. Die industrielle Massentierhaltung bei uns wirkt sich also direkt und massiv auf Menschen und Natur in Südamerika aus“, fügt Autor Christoph Then von Testbiotech hinzu. Über 90% der in Südamerika angebauten Soja ist gentechnisch so verändert, dass sie gegen das Herbizid Glyphosat resistent ist.

Die Studie untersucht, wie sich der Sojaanbau auf die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) auswirkt, vor allem auf Ziel 3 (Gesundes Leben für alle), Ziel 6 (Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser) und Ziel 15 (Landökosysteme schützen). Sie zeigt, dass die Einführung der Gentechnik-Soja mittelfristig keine wesentliche Einsparung an Pestiziden brachte. Im Gegenteil stieg der Einsatz von Pestiziden durch das Aufkommen herbizidresistenter Unkräuter, mit negativen Folgen für die Wasserqualität und die Gesundheit der Landwirte. In Brasilien und Argentinien werden heute oft mehr als 4,5 Kilo Glyphosat pro Hektar eingesetzt – dreimal so viel wie bei Einführung der Gentechnik-Soja vor rund 20 Jahren. Wegen der Resistenzen werden weitere hochgiftige Herbizide eingesetzt. „Einige Unkräuter sind so resistent gegenüber Glyphosat geworden, dass sie nur mit giftigeren Herbiziden wie Paraquat bekämpft werden können“, so die Studie. Wegen gesundheitlicher Risiken für die Anwender wird der Stoff in der EU nicht mehr eingesetzt. „In Brasilien, Argentinien und Paraguay wird er dagegen großflächig angewendet, in Paraguay zum Teil sogar in höherer Dosis als Glyphosat.“

Der Sojaanbau in Südamerika geht zudem mit massiven Verlusten und Schäden an Ökosystemen (Urwäldern, Grasland und Feuchtgebieten) einher, schädigt die Bodenfruchtbarkeit und fördert Überschwemmungen und mittelfristig die Versalzung der Böden. Im Chaco, der sich über Argentinien, Bolivien und Paraguay erstreckt, wurden zwischen 2000 und 2012 etwa acht Millionen Hektar für die Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzung entwaldet, vor allem für den Sojaanbau. Dies steht SDG 15 mit seinen Unterzielen des Erhalts der Wälder und der biologischen Vielfalt klar entgegen.

Doch auch Gesundheit und Umwelt in Europa sind betroffen: „Die EU bleibt von den negativen Folgen nicht unberührt“, so Tobias Reichert. „Die durch Importsoja ermöglichte Massentierhaltung führt auch in Europa regional zu erheblichen Umweltschäden, zum Beispiel Gewässerbelastung durch Gülle.“ Die Studie verweist zudem darauf, dass Sojabohnen mit Pestizidrückständen belastet sind, die gesundheitsschädigend sein können. In Stichproben wurden 2013 Rückstandsmengen von über 100 Mg Glyphosat pro Kilo Soja gefunden, das Fünffache des erlaubten Grenzwerts. „Es gibt offensichtlich ganz extreme Belastungen für die Umwelt in den Anbaugebieten und gleichzeitig keine ausreichenden Daten, um die gesundheitlichen Risiken der Verfütterung der Gentechnik-Soja zu bewerten. Diese Produktionsprozesse sind völlig aus dem Ruder gelaufen“, kritisiert Christoph Then.

„Die EU muss neue Vereinbarungen mit den südamerikanischen Regierungen treffen. Dabei muss es auch darum gehen, den Handel in anderen Bereichen zu stärken, um die einseitige Abhängigkeit dieser Länder vom Sojaexport zu verringern“, fordert Reichert. „Insgesamt muss die europäische Landwirtschaftspolitik eine Kehrtwende weg von der industriellen Massentierhaltung machen. Dadurch würde die Nachfrage nach Soja deutlich sinken.“ Gleichzeitig müsse überlegt werden, wie mit vielfältigeren und nachhaltigeren Produktionssystemen Wertschöpfung und Beschäftigung in den ländlichen Räumen der Mercosur-Staaten gesteigert werden können. „Dabei sollen auch Vorschläge der Zivilgesellschaft, vor allem von Kleinbauern, indigenen Gemeinden und deren Organisationen aufgegriffen werden, die eine stärker auf Ernährungssicherheit und lokale Kreisläufe ausgerichtete Landwirtschaft fordern, die deutlich größere Synergien zu den SDG bietet“, lautet das Fazit. (ab)

28.09.2018 |

UN-Erklärung: Menschenrechtsrat stärkt Rechte von Kleinbauern

Farmer
Kleinbauernrechte stärken heißt Hunger bekämpfen (Foto: CC0)

Der UN-Menschenrechtsrat hat die Rechte von Kleinbauern gestärkt: Am 28. September wurde die Erklärung für die Rechte von Kleinbauern und -bäuerinnen und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten angenommen. Eine deutliche Mehrheit von 33 Staaten stimmte für die Erklärung; Australien, Ungarn und Großbritannien dagegen. Deutschland gehörte zu den 11 Nationen, die sich der Stimme enthielten. Die Erklärung hält individuelle und kollektive Rechte für Kleinbauern fest, darunter das Recht auf Land, Saatgut und Wasser. Paula Gioia von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und der Europäischen Koordination von Via Campesina (ECVC) bezeichnete die Entscheidung im Menschenrechtsrat ist einen wichtigen Schritt für die Durchsetzung der Menschenrechte: „Die UN-Erklärung ist ein Auftrag an die Staaten, Kleinbauern und ihre Gemeinschaften besser gegenüber den Interessen von Agrarkonzernen zu schützen. Sie stärkt uns darin, die zunehmende Verdrängung von Kleinbauern zu stoppen, Landflucht zu vermeiden, das Klima zu schützen und Ernährungssouveränität zu erlangen.“

Die Erklärung wurde seit 2012 von einer Arbeitsgruppe des UN-Menschenrechtsrats unter dem Vorsitz von Bolivien erarbeitet, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass Kleinbauern und andere Menschen in ländlichen Regionen überproportional von Hunger betroffen sind. Sein Beratender Ausschuss nannte als Hauptgründe dafür Landenteignungen, Vertreibungen und Umsiedlungen; die Diskriminierung von Frauen und Mädchen; fehlende Agrarreformen und Politiken zur ländlichen Entwicklung; niedrige Löhne und fehlende soziale Sicherung sowie die Kriminalisierung von Bewegungen, die für die Rechte von Menschen in ländlichen Regionen eintreten. Die Erklärung bündelt und ergänzt alle Rechte des existierenden Menschenrechtskanons. Sie muss nun noch durch die UN-Generalversammlung verabschiedet werden.

Die Bundesregierung hatte schon in der Arbeitsgruppe gebremst und die Erklärung nicht aktiv unterstützt. Auf der Webseite des UN-Menschenrechtsrats werden als Gründe für die Enthaltung „rechtliche Bedenken in Verbindung mit den Rechten auf Saatgut, Land und eine saubere und gesunde Umwelt sowie Ernährungssouveränität“ genannt. „Das Verhalten der Bundesregierung ist ein Armutszeugnis. Sie hat sich von Anfang an gegen zentrale Inhalte der Erklärung gestellt. Offenbar wollte sie damit die Interessen von Konzernen wie Bayer schützen“, kommentierte Jan Urhahn vom INKOTA-netzwerk, das im Vorfeld mit anderen Organisationen für die Erklärung geworben hatte. „Mit ihrem Verhalten weigerte sie sich, grundlegende Rechte von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen anzuerkennen, wie zum Beispiel das Recht auf Saatgut oder das Recht auf Land. Das widerspricht auch dem Koalitionsvertrag, in dem die Förderung von Kleinbauern zentral verankert ist.“

Die Grüne Bundestagsfraktion hatte einige Tage vor der Abstimmung die Bundesregierung mit einem Antrag noch zur Zustimmung aufgefordert, der jedoch mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und FDP abgelehnt wurde. Das Magazin Topagrar erhielt auf Anfrage nur die schwammige Antwort von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller (CSU), der „deutschen Entwicklungszusammenarbeit“ sei „wie im Koalitionsvertrag festgehalten die Förderung von Kleinbauern äußerst wichtig“. Daran halte sich das BMZ und werde sich auch weiterhin für die Rechte von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen einsetzen. „Die vielen warmen Worte, die Entwicklungsminister Müller zu der Bedeutung von Kleinbauern für die Welternährung spricht, entpuppen sich einmal mehr als heiße Luft“, sagte Maria Heubuch, Abgeordnete des Europäischen Parlaments und Sprecherin für Entwicklungspolitik der Fraktion Die Grünen/EFA. „Ich erwarte, dass Deutschland zur UN-Generalversammlung sein Abstimmungsverhalten überdenkt und sich für die Rechte von Kleinbauern und ihren Familien einsetzt.“ (ab)

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