Gentechnik und Biotechnologie

Als die Weltbank 2003 den Weltagrarbericht initiierte, war eines ihrer erklärten Ziele, den Streit um den Einsatz gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft durch einen breiten wissenschaftlichen Konsens beizulegen. Dieses Ziel wurde verfehlt. Die Wissenschaftler waren sich letztlich nur darüber einig, dass sie sich nicht einig sind in Bezug auf die Chancen und Risiken dieser Technologie.„Zwei Sichtweisen zur bestmöglichen Nutzung moderner Biotechnologie für Entwicklung und Nachhaltigkeit stehen sich innerhalb des Weltagrarberichts gegenüber. Die erste argumentiert, eine Überregulierung der modernen Biotechnologie behindere das Tempo und die volle Entfaltung ihrer Vorteile und könne die Verteilung der Produkte an die Armen verlangsamen. Die zweite Position argumentiert, dass die weitgehend privatwirtschaftliche Kontrolle moderner Biotechnologie perverse Anreizsysteme schafft und die Fähigkeit der öffentlichen Hand schwächt, Wissen, Forschung und Technologien zu schaffen und einzuführen, die dem Gemeinwohl dienen.“ (Synthese, S. 43) Erkenntnisschübe in der Molekularbiologie haben seit der Entdeckung des genetischen Codes (DNA) unser Verständnis der Natur revolutioniert. Es entstand ein neues Bild von Lebewesen als Informationssystemen, deren Funktionen mithilfe von Computern scheinbar analysiert und gezielt manipuliert werden können. Je tiefer die Genomforscher jedoch vordringen in das komplexe Zusammenspiel von DNA, RNA und Proteinen, von Genetik und Epigenetik, Erbgut und Umwelt, desto unübersichtlicher wird die Lage.

Der Weltagrarbericht sieht in dem weiten Feld moder- ner Biotechnologie enormes Potenzial für Landwirt- schaft und Ernährung. Der Anbau gentechnisch veränderter Organismen (GVO), deren genetische Informationen künstlich verändert wurden, macht davon nur einen kleinen, wenn auch sehr umstrittenen Teil aus. Die Herstellerfirmen verdienen gut an den GVO und verkaufen sie im Paket mit den passenden Pestiziden. Umsatz machen sie mit großflächigen, besonders pestizidintensiven Monokulturen von Mais, Soja, Baumwolle und Raps. Nur zwei Gentechnik- Eigenschaften werden dabei in großem Maßstab genutzt: Die künstliche Resistenz gegen Totalherbizide erlaubt den Einsatz von Spritzmitteln in jedem Wachstumsstadium und in beliebigen Mengen. Die gentechnisch eingebaute Insektengiftigkeit durch Bt-Toxine erspart den Einsatz chemischer Insektizide – beides freilich nur auf Zeit.

Was der Weltagrarbericht vorhersagte, ist mittlerweile Realität: Die Natur passt sich an. Immer mehr Unkräuter trotzen ebenfalls den Herbiziden. Deshalb vervielfachte sich der Herbizideinsatz auf Gentechnik- flächen und macht einen ganzen Cocktail von Giften erforderlich. Auch Insekten werden resistent gegen die Bt-Toxine. Zudem nutzen andere, gegen Bt unempfind- liche Arten frei gewordene Fressplätze und werden mit zusätzlichen Insektiziden bekämpft. Vielleicht auch deshalb, weil das für ihre Hersteller geschäfts- schädigend wäre, wird dieses klassische Dilemma des chemischen Kampfes gegen Organismen, die durch Monokulturen zur Plage werden, durch gentechnische Methoden nicht gelöst. >>mehr

Fakten & Zahlen

Nach Angaben der Gentechnik-Lobbyorganisation ISAAA betrug die Gentechnik-Anbaufläche 2014 rund 181,5 Millionen Hektar - 3,7% mehr als 2013. Der Löwenanteil entfällt auf fünf Länder: Die USA mit 73,1 Millionen Hektar (40%), gefolgt von Brasilien (42,2 Millionen Hektar bzw. 23%), Argentinien (24,3 Millionen Hektar bzw. 13%), Indien und Kanada (11,6 Millionen Hektar bzw. 6,3%).

Der FAO zufolge gibt es weltweit 4,9 Milliarden Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche und 1,4 Milliarden Hektar Ackerland. Die 181.5 Millionen Hektar, auf denen 2014 GVO wuchsen, machen somit lediglich 3,7% der landwirtschaftlichen Nutzfläche und 12,9% des Ackerlandes aus.

Der wirtschaftliche Erfolg des Anbaus von gentechnisch veränderten Saaten in Regionen wie Argentinien und den USA basiert zu großen Teilen darauf, dass dort weder Koexistenz-Maßnahmen noch ein Resistenz-Management vorgeschrieben sind.

Resistenz gegenüber Schädlingen und Herbizidtoleranz sind die zwei Eigenschaften, auf die sich das Gentechnik-Geschäft konzentriert, angeblich um den Pestizideinsatz zu reduzieren. In der EU betreffen 43 von 49 Anträgen auf Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen diese Merkmale. In den USA wurden 15 von 23 noch ausstehenden Anträgen für herbizidtolerante und insektenresistente Pflanzen gestellt.

Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Stratus Agri-Marketing vergrößerten sich die Flächen, auf denen in den USA herbizidresistente 'Superunkräuter' wachsen, 2012 um 51% auf 24 Millionen Hektar. Die Hälfte der befragten Landwirte hat gegen Glyphosat resistente Unkräuter auf ihren Feldern.

2011 wurden in Südafrika auf einer Fläche von 2,3 Millionen Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut. Laut der South African National Seed Organisation waren 77% des Saatgutes für Mais, 100% für Baumwolle und 78% für Soja gentechnisch verändert. Von 2008 bis Februar 2012 hat die zuständige südafrikanische Behörde insgesamt 1.458 GVO-Zulassungen erteilt, von denen 76% auf die drei größten Saatgutkonzerne des Landes, Monsanto, Pioneer Hi-Bred und Pannar, entfielen.

Für gentechnisch veränderten Mais und Soja stieg der Ertrag in den letzten 30 Jahren um den Faktor 1,7 während sich die Preise für das Saatgut ums Fünffache erhöhten.

Grundlagen

  • FAO Die Position der UN-Landwirtschaftsorganisation zu Biotechnologie
  • EFSA European Food Safety Authority Informationsportal der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit zu GVOs
  • BVL Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zu Gentechnik
  • BfN Bundesamtes für Naturschutz zu Agro- Gentechnik und Naturschutz
  • testbiotech e.V. Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie

Bewegung

Literatur

Videos: Gentechnik

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Genfood auf dem Vormarsch - Wie die Lobby Druck macht

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