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15.04.2018 |

Vor 10 Jahren: Weltagrarbericht forderte Kurswechsel in der Landwirtschaft

Foto Chairs
Ko-Vorsitzende Judi Wakhungu, Hans Herren sowie IAASTD-Direktor Bob Watson 2008

Vor zehn Jahren am 15. April 2008 war es soweit – der Weltagrarrat verkündete in einer Presseerklärung das Ergebnis seiner vier Jahre andauernden Arbeit: Die Art und Weise, wie die Welt Lebensmittel anbaut, muss sich radikal ändern, damit Armut und Hunger besiegt werden können – nur so kann es gelingen, eine wachsende Weltbevölkerung in Zeiten des Klimawandels zu ernähren und den sozialen und ökologischen Kollaps zu vermeiden. So lautete die Kernbotschaft des International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development (IAASTD), bekannt als Weltagrarbericht. Im Auftrag der Weltbank und der UN hatten über 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Disziplinen und Kontinente den Wissensstand über die globale Landwirtschaft, ihre Geschichte und Zukunft zusammengefasst. Sie befassten sich mit der Frage, wie durch die Schaffung, Verbreitung und Nutzung von landwirtschaftlichem Wissen, Forschung und Technologie Hunger und Armut verringert, ländliche Existenzen verbessert und gerechte, ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Entwicklung gefördert werden kann. Ihre Antwort lieferten sie in einem 600-seitigen globalen Bericht, fünf regionalen Berichten, einem Synthese-Bericht sowie in von Regierungsvertretern auf einer mehrtägigen Sitzung in Johannesburg Absatz für Absatz abgestimmten Zusammenfassungen, die am 11. April 2008 von rund 60 Regierungen angenommen wurden.

Der Bericht konstatiert, dass die industrielle Landwirtschaft die Lebensmittelproduktion erheblich steigern konnte, jedoch nicht alle gleichermaßen davon profitierten: Kleinbauern, Landarbeiter, ländliche Gemeinden und die Umwelt bezahlten dafür einen unzumutbar hohen Preis. „Weiter-wie-bisher ist keine Option – es schadet den Armen, es wir nicht funktionieren“, sagte IAASTD-Direktor Professor Robert Watson 2008. „Wir müssen anerkennen, dass weltweit immer mehr Lebensmittel produziert werden, aber dies nicht allen zugutekam.“ Er warnte vor einem blinden Produktionsstreben: „Ein Weiter-wie-bisher würde bedeuten, dass die Umwelt weiter zerstört wird und Arm und Reich immer stärker auseinanderdriften. Es würde uns eine Welt bescheren, in der keiner mehr leben will.“ Der Bericht forderte daher die Schaffung eines institutionellen, wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmens, um Produktivität mit der Bewahrung der natürlichen Ressourcen, wie Böden, Wasser, Wälder und Biodiversität, unter einen Hut zu bringen.

Der Weltagrarbericht räumt mit dem Mythos der Überlegenheit industrieller Landwirtschaft aus volkswirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Sicht gründlich auf und unterstreicht die bedeutende Rolle von Kleinbauern für die Welternährung. „Chancen bieten jene kleinbäuerlichen Systeme, die eine hohe Wasser-, Nährstoff- und Energieeffizienz aufweisen und die natürlichen Ressourcen und Biodiversität bewahren, ohne den Ertrag zu opfern“, ist eines der 22 Schlüsselergebnisse der globalen Zusammenfassung. Der Bericht forderte mehr Investitionen für Kleinbauern, um so den Hunger zu bekämpfen. „Das Erzielen von bedeutenden Fortschritten für die Armen erfordert das Eröffnen von Möglichkeiten für Innovation und Unternehmergeist, speziell ausgerichtet auf Bauern und Landarbeiter, denen es an Ressourcen mangelt“, lautet eine weitere Erkenntnis. „Dies erfordert zugleich Investitionen in Infrastruktur sowie die Förderung des Zugangs zu Märkten, Handelsmöglichkeiten, Berufsausbildung, landwirtschaftlichen Beratungsdiensten, Kapital, Krediten, Versicherungen und natürlichen Ressourcen wie Land und Wasser.

Die zivilgesellschaftlichen Gruppen, die am IAASTD-Prozess beteiligt waren, begrüßten die Aussagen des Weltagrarberichts, auch wenn sie nicht mit allen Schlussfolgerungen zufrieden waren, auf die sich die Regierungsvertreter geeinigt hatten. „Heute beginnt eine neue Epoche der Landwirtschaft“ überschrieben sie hoffnungsvoll ihre englische Pressemitteilung vom 15. April 2008. Die NGOs, zu denen z.B. Greenpeace, das Pestizid-Aktionsnetzwerk oder das Third World Network gehörten, nannten den Bericht ein „ernüchternde Abrechnung mit der industriellen Landwirtschaft“, die zu fundamentalen Veränderungen in der Landwirtschaft aufrufe, „um rasant steigenden Preisen, Hunger, sozialer Ungerechtigkeit und ökologischen Desastern Einhalt zu gebieten“. Ein Ausweg aus der Krise in der Landwirtschaft biete „die volle Einbeziehung lokalen und indigenen Wissens, die Stärkung von Frauen, die die Hauptlast landwirtschaftlicher Arbeit in den Entwicklungsländern tragen, und ein Forschungsschwerpunkt auf kleinbäuerliche und agrarökologische Anbaumethoden“. Die NGOs appellierten an Regierungen, internationale Organisationen und die Zivilgesellschaft, die Empfehlungen des Weltagrarberichts rasch umzusetzen. Ein Jahrzehnt ist seither vergangen – es ist also an der Zeit, an die Kernbotschaften dieses einmaligen Prozesses zu erinnern und Bilanz zu ziehen, wie es aktuell um die Umsetzung bestellt ist. (ab)

11.04.2018 |

Symposium: Agrarökologie im großen Stil für Agrar- und Ernährungswende

Farmer
FAO: Kleinbauern müssen bei Ausweitung der Agrarökologie im Zentrum stehen (Foto: CC0)

Die Agrarökologie erntet immer mehr Beachtung – nicht zuletzt, da eine Vielzahl von Positivbeispielen aus aller Welt das enorme Potenzial agrarökologischer Methoden belegen. Sie muss jedoch weiter gefördert und ausgeweitet werden, damit eine Transformation der Ernährungs- und Agrarsysteme und das Erreichen der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) gelingt. Das ist eine der Hauptbotschaften, die vom 2. Internationalen Agrarökologiesymposium ausgeht, das vom 3. bis 5. April in Rom stattfand. Das wachsende Interesse an Agrarökologie zeigt der Andrang auf der Veranstaltung: Über 700 Teilnehmende aus aller Welt tummelten sich bei der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), darunter Vertreterinnen und Vertreter von 72 Regierungen, 350 zivilgesellschaftlichen Gruppen und sechs UN-Organisationen.

Vorausgegangen war 2014 ein erstes Symposium zum Thema Agrarökologie bei der FAO, gefolgt von einer Reihe regionaler Treffen. Während FAO-Generalsekretär José Graziano da Silva 2014 noch davon sprach, dass mit dem ersten Forum „ein Fenster für die Agrarökologie in der Kathedrale der Grünen Revolution” geöffnet worden sei, steht nun der nächste Schritt an: „Es ist an der Zeit für eine Umsetzung der Agrarökologie im großen Stil“, sagte da Silva letzten Donnerstag in seinen Schlussbemerkungen. „Es ist uns gelungen, nicht mehr nur darüber zu reden, was Agrarökologie ist, sondern wir haben nun genaue Programmziele, die in den nächsten paar Jahren erreicht werden sollen und zudem eine starke Unterstützung seitens der Zivilgesellschaft und jener Regierungen, die hart daran gearbeitet haben, dass dieses Symposium ein Erfolg wird.“

Der Vorsitzende des diesjährigen Symposiums, Braulio Ferreira de Souza Dias, fasste am Ende der Veranstaltung zusammen, warum der Agrarökologie eine Schlüsselrolle bei der Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen zukommt: Sie biete viele Vorteile und trage etwa zur Verbesserung der Ernährungssicherheit, Diversifizierung der Lebensmittelproduktion, Bewahrung von natürlichen Ressourcen, Biodiversität und Ökosystemfunktionen, Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit, Anpassung an den Klimawandel und dessen Abschwächung und zur Bewahrung traditioneller Wissenssysteme bei. Doch trotz vieler positiver Erfahrungen mit agrarökologischen Methoden in allen Weltregionen mangele es wichtigen Entscheidungsträgern immer noch an Bewusstsein für das Potenzial der Agrarökologie für die Bewältigung vieler Herausforderungen und das Erreichen der SDGs. Der Vorsitzende präsentierte auch seine Vision für die Ausweitung der Agrarökologie sowie eine To-Do-Liste für alle Akteure. Regierungen forderte er dazu auf, den Rahmen für die Förderung von Agrarökologie zu schaffen und „perverse Anreize“ für nicht nachhaltige Landwirtschaft abzuschaffen. „Es ist entscheidend, dass rechtliche und politische Rahmenbedingungen auf eine Art und Weise geschaffen werden, die einen echten Wandel hin zu nachhaltigen Agrar- und Ernährungssystemen auf der Basis von Agrarökologie sicherstellt und die Rechte von Bauern und ihr Zugang zu produktiven Ressourcen wie Land, Wasser und Saatgut respektiert, schützt und gewährleistet.“

In seiner Zusammenfassung forderte Dias die FAO auf, einen ausführlichen 10-Jahres-Aktionsplan für Agrarökologie zu entwickeln und mit der Umsetzung der „Scaling up Agroecology Initiative“ zu beginnen, die auf dem Symposium an den Start ging. In einem 17-seitigen Dokument wurde die Initiative vorgestellt und dargelegt, welche Rolle die Agrarökologie für die Agenda 2030 spielen kann, welche Stolpersteine einer Ausweitung im Wege stehen könnten und welche Chancen sie bietet, was die Kernarbeitsbereiche der Initiative sein werden und wie es der Initiative durch die umfassende Zusammenarbeit eines breiten Spektrums an Akteuren und Institutionen gelingen kann, die Agrarökologie im großen Stil zu verbreiten. FAO-Chef da Silva betonte auch, dass in diesem Prozess Kleinbauern weiterhin eine zentrale Rolle spielen müssen: „Wenn wir von Agrarökologie sprechen, geht es nicht um rein technische Fragen. Ich möchte den sozialen Aspekt unterstreichen: Wenn wir also sagen, dass wir die Rolle der Agrarökologie in der Arbeit der FAO verstärken werden, bedeutet dies, dass wir die Rolle von Familienbetrieben und Kleinbauern, Fischern, Viehhaltern, Frauen und der Jugend stärken werden.“ Na dann los geht's! (ab)

06.04.2018 |

IPBES: Intensivierung der Landwirtschaft in Europa heizt Artensterben an

Feld
Die Intensivierung der Landwirtschaft trägt zum Biodiversitätsverlust bei (Foto: CC0)

Die Artenvielfalt in Europa und Zentralasien nimmt weiter ab. Landnutzungsänderungen sind die Hauptursache für den Verlust an Biodiversität und Ökosystemdienst-leistungen. Aber auch schädliche Subventionen haben die Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft vorangetrieben und so den Biodiversitätsverlust beschleunigt. Das ist die Botschaft des Regionalberichts für Europa und Zentralasien, der vom Weltbiodiversitätsrat IPBES Ende März veröffentlicht wurde – neben drei weiteren Berichten für Amerika, Asien und Pazifik sowie Afrika. Mehr als 550 Experten aus über 100 Ländern trugen drei Jahren lang den aktuellen Stand der Wissenschaft dafür zusammen. Ihr Ergebnis ist erschütternd: Mit Ausnahme einer Handvoll positiver Beispiele werden die Biodiversität und die Fähigkeit der Natur, zum Wohle der Menschen beizutragen, in allen Regionen durch gemeinsame Belastungsfaktoren beeinträchtigt, verringert und zerstört. Dazu gehören veränderte Lebensraumbedingungen, die Ausbeutung und nicht nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen, Luft-, Land- und Wasserverschmutzung, die Zunahme invasiver gebietsfremder Arten und der Klimawandel.

Die Zusammenfassung des Berichts für Europa und Zentralasien skizziert den miserablen Zustand, in dem sich die natürlichen Ökosysteme der Region befinden: Seit 1970 haben sich die Feuchtgebiete um 51% verringert und natürliches und naturnahes Grasland, Moore und Lebensräume in Küsten- und Meeresgebieten sind von Degradation betroffen. „Insgesamt 73% der schutzwürdigen Süßwasserlebensräume in der EU weisen einen ungünstigen Erhaltungszustand auf. Überall in Europa und Zentralasien werden Seen, Teiche und Flüsse verändert oder sie verschwinden ganz infolge von landwirtschaftlicher Intensivierung, Bewässerung und städtischer Entwicklung, in Kombination mit dem Klimawandel“, ist in der Zusammenfassung zu lesen. Die Autoren nennen den Aralsee als Beispiel – einst der viertgrößte See der Welt, der nun fast vollständig verschwunden ist aufgrund der Wasserentnahme für die landwirtschaftliche Bewässerung.

Von den exklusiv in Europa und Zentralasien vorkommenden Arten, die untersucht wurden, sind 28% vom Aussterben bedroht. Besonders gefährdet sind Moose und Lebermoose, von denen die Hälfte zu verschwinden droht. In West- und Zentraleuropa und in den westlichen Teilen Osteuropas sind mindestens 37% der Süßwasserfische, 33% der Süßwasserschnecken und Gefäßpflanzen sowie 23% der Amphibien aktuell vom Aussterben bedroht. Bei etwa 71% der Fischarten und 60% der Amphibien gingen die Bestände im letzten Jahrzehnt zurück – und dies erfasst nur jene Arten, deren Bestandsentwicklung bekannt ist. In Europa und Zentralasien wiesen 42% der terrestrischen Tier- und Pflanzenarten rückläufige Bestände auf. Als Hauptgründe gelten der Verlust von Lebensräumen, Degradation und Verschmutzung – vor allem durch eine nicht nachhaltige Land- und Forstwirtschaft, der Abbau natürlicher Ressourcen und invasive, gebietsfremde Arten. Monokulturen und alle Formen der Homogenisierung der Landschaft, wie die Umwandlung von Wiesen in Ackerland, und die Intensivierung der Landwirtschaft haben das Artenspektrum reduziert.

Die Autoren warnen, dass die Menschheit vor allem die materiellen Beiträge der Natur, wie Nahrung und Energie, gefördert und dabei andere Funktionen vernachlässigt habe. Der Ko-Vorsitzende des regionalen Berichts zu Europa und Zentralasien, Professor Markus Fischer, betont: „Die Menschen in der Region verbrauchen mehr nachwachsende Rohstoffe als die Region produziert.“ In Westeuropa beträgt der ökologische Fußabdruck pro Kopf 5,1 Hektar, während die Biokapazität der Subregion bei 2,2 Hektar liegt. Somit ist Westeuropa auf Nettoimporte nachwachsender Rohstoffe angewiesen und nutzt Unmengen an Ackerland in anderen Regionen, vor allem in Argentinien, Brasilien, China und den USA. „Auch wenn dies durch höhere Biokapazitäten in Osteuropa und den nördlichen Teilen West- und Mitteleuropas etwas ausgeglichen wird“, fügt Fischer hinzu. Doch auf Dauer geht die Rechnung nicht auf: „Verkürzt gesagt brauchen wir derzeit das Naturkapital auf, dabei sollten wir von dessen Zinsen leben“, erklärt er. „Wir haben die Natur in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker dazu getrieben, ein Maximum an einer Leistung, der Produktion zu erreichen, zu Lasten der anderen Leistungen. Das müssen wir rückgängig machen.“

An politischen Handlungsmöglichkeiten mangelt es nicht, lautet die gute Nachricht des Berichts. Dazu müssen Instrumente, wie schädliche Agrar- und Fischereisubventionen, abgeschafft werden, die eine nachhaltigere Produktion verhindern. Auch die Messung des Wohlstands eines Landes am Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit dem stetigen Streben nach Wachstum habe indirekt das Artensterben angeheizt und müsse davon abgekoppelt werden. Dazu benötigt es laut den Autoren tiefgreifende politische Veränderungen und Steuerreformen sowie neue Indikatoren, die das Wohlergehen der Menschen, die Qualität der Umwelt, Beschäftigung und Gleichheit, die Bewahrung der Biodiversität und Umweltdienstleistungen einbeziehen. Zu den politischen Optionen sagte IPBES-Präsident Sir Robert Watson: „Obwohl es keine ‚Patentlösungen’ oder universellen Antworten gibt, haben alle vier Regionalberichte als beste Optionen eine bessere Regierungsführung, die Einbeziehung von Biodiversitätsfragen in sektorale Politiken und Praktiken (z.B. Landwirtschaft und Energie), die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Technologien sowie ein erhöhtes Bewusstsein und Verhaltensänderungen ausgemacht.“ (ab)

03.04.2018 |

Fleischverzehr in Deutschland geht 2017 weiter zurück

Fleisch
Etwas weniger Fleisch landete 2017 auf deutschen Tellern (Foto: CC0)

Die Deutschen essen immer weniger Fleisch: 2017 sank die Verzehrmenge auf 59,7 Kilogramm pro Kopf, wie aus im März veröffentlichten Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) hervorgeht. Damit liegen die Bundesbürger mit etwa 1,1 Kilo Fleisch pro Woche zwar immer noch klar über der von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlenen Höchstmenge von 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurst wöchentlich – vor allem, da es sich bei der Verzehrmenge um einen statistischen Durchschnittswert handelt, der auch Vegetarier und Babies einkalkuliert. Doch der rückläufige Trend der letzten Jahre beim Fleischkonsum setzt sich weiter fort. Vor zehn Jahren verzehrte jeder noch 62,4 Kilogramm Fleisch, 2016 waren es dann nur noch 60,5 Kilo.

Das Lieblingsfleisch der Deutschen bleibt Schwein: 35,8 Kilo aß jeder Deutsche davon im Schnitt. Allerdings ist hier eine sinkende Nachfrage zu verzeichnen. 2007 kamen noch 40,52 Kilo Schweinefleisch auf die Teller. Zunehmender Beliebtheit erfreut sich hingegen Geflügelfleisch: 2017 wurden 12,4 Kilo verzehrt, während es vor zehn Jahren noch 10,7 Kilo waren. Rindfleisch steht auf dem dritten Platz mit 9,9 Kilogramm, ein Plus von 12,8% gegenüber 2007. Der Fleischverbrauch – hier sind der Nahrungsverbrauch, Futter, industrielle Verwertung und Verluste, einschließlich Knochen, einbezogen – betrug im letzten Jahr 87,69 Kilogramm und damit gut 3,5 Kilo weniger als noch vor 10 Jahren.

Während in den letzten Jahren bei sinkendem Fleischkonsum im Inland trotzdem immer mehr geschlachtet wurde, zeichnet sich auch hier eine Trendwende ab: Die Fleischproduktion ging 2017 in Deutschland auf 8,48 Millionen Tonnen zurück. 2016 waren es noch 8,72 Millionen Tonnen gewesen. Die Nettoerzeugung, die Ein- und Ausfuhren berücksichtigt, betrug 2017 rund 8,8 Millionen Tonnen und lag damit 2% unter dem Vorjahreswert von 9 Millionen Tonnen. Der Rückgang lag auch daran, dass im letzten Jahr weniger Tiere aus dem Ausland in deutschen Schlachthöfen landeten – die Einfuhrmenge sank von 898.000 Tonnen im Jahr 2016 auf 851.000 in 2017. „Die zunehmenden Auflagen und Kosten für den Umwelt- und Tierschutz lassen laut Experten kaum erwarten, dass die Tierhaltung in Deutschland in nächster Zeit expandieren wird, sodass der Produktionshöhepunkt tatsächlich vorüber zu sein scheint“, schreibt die Branchenzeitschrift „Fleischwirtschaft“.

Auch der deutsche Selbstversorgungsgrad mit Fleisch ist rückläufig: Während er in den letzten Jahren aufgrund der steigenden Produktion und des sinkenden Fleischkonsums immer weiter zunahm – 2015 wurden etwa 20% mehr Fleisch in Deutschland erzeugt als verbraucht – lag der Überschuss im letzten Jahr mit einer Verbrauchsmenge von 7,26 Millionen Tonnen nur noch bei 16%. Lediglich beim Schweinefleisch blieb der Selbstversorgungsgrad mit 120% konstant hoch: 4,9 Millionen Tonnen wurden erzeugt, aber nur 4,1 Millionen Tonnen in Deutschland gegessen. Beim Geflügelfleisch konnten hingegen nur 99% der hierzulande verzehrten Menge aus heimischer Produktion bereitgestellt werden. Überhaupt keinen Appetit hatten die Deutschen jedoch auf Innereien: Der Selbstversorgungsgrad liegt hier bei 1230% und fast alle im Inland anfallenden Innereien werden exportiert. (ab)

29.03.2018 |

Bodendegradation: Bedrohung für die Menschheit und die Artenvielfalt

Dürre
Fruchtbare Böden werden knapper (Foto: CC0)

Der Verlust fruchtbarer Böden gefährdet das Wohlergehen von 3,2 Milliarden Menschen weltweit und lässt den Planeten aufgrund des resultierenden Rückgangs der Artenvielfalt auf das sechste Massensterben zusteuern. Das ist die düstere Botschaft eines UN-Berichts, der am 26. März in Medellín, Kolumbien verabschiedet wurde. Er prognostiziert, dass Bodendegradation und Klimawandel gemeinsam bis 2050 die Ernteerträge im Schnitt 10% einbrechen lassen und bis zu 700 Millionen Menschen dazu zwingen könnten, ihre Heimat zu verlassen. Der Weltbiodiversitätsrats IPBES, ein unabhängiges zwischenstaatliches Gremium, nennt menschliche Aktivitäten, allen voran die Landwirtschaft, als Hauptursache für die Auslaugung der Böden. „Die rasche Ausweitung und nicht nachhaltige Bewirtschaftung von Acker- und Weideland ist die größte direkte Ursache für Bodendegradation und verursacht erhebliche Verluste an Artenvielfalt und Ökosystemleistungen – Ernährungssicherheit, Wasseraufbereitung, Energieversorgung und andere für den Menschen wichtige Beiträge der Natur“, betont der Rat. In vielen Teilen der Welt sei bereits ein kritisches Niveau erreicht. Die Kosten der Bodendegradation beziffern die Experten allein im Jahr 2010 auf 10% des jährlichen Bruttoinlandsprodukts der Welt durch den Verlust von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen.

An dem von 129 IPBES-Mitgliedsstaaten abgesegneten Bericht arbeiteten mehr als 100 führende Experten aus 45 Ländern über drei Jahre lang. Er stützt sich auf mehr als 3.000 wissenschaftliche, staatliche, indigene und lokale Wissensquellen und durchlief ein umfassendes Peer-Review. Die Bodendegradation wird den Autoren zufolge angeheizt durch den konsumgeprägten Lebensstil in den reichen Ländern in Kombination mit wachsendem Konsum in Entwicklungs- und Schwellenländern. „Ein hoher und steigender Pro-Kopf-Verbrauch, verstärkt durch das anhaltende Bevölkerungswachstum in vielen Teilen der Welt, kann zu einer nicht nachhaltigen Ausweitung der Landwirtschaft, zum Abbau natürlicher Ressourcen und Rohstoffe und zu Verstädterung führen – was in der Regel Bodendegradation befördert. Acker- und Weideland bedeckt heute mehr als ein Drittel der Landfläche der Erde. Natürliche Lebensräume wie Wälder, Wiesen und Feuchtgebiete wurden dafür gerodet, gerade in den artenreichsten Ökosystemen der Erde. Bis 2014 wurden mehr als 1,5 Milliarden Hektar natürliche Ökosysteme in Ackerland umgewandelt. „Feuchtgebiete hat es besonders stark getroffen“, sagte Dr. Luca Montanarella, der Ko-Präsident des Berichts. „Seit Beginn der Neuzeit sind 87% der Feuchtgebiete verlorengegangen – davon 54% seit 1900.

Der Bericht folgert, dass Bodendegradation wesentlich zum Klimawandel beiträgt. Allein die Entwaldung steuert 10% aller vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen bei. Ein anderer Faktor ist die Freisetzung von Bodenkohlenstoff: Auf das Konto der Bodendegradation gehen jährliche Emissionen von bis zu 4,4 Milliarden Tonnen CO2 weltweit zwischen 2000 und 2009. Dabei könnten Böden aufgrund ihrer Eigenschaft als Kohlenstoffspeicher einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels leisten. Laut den Autoren könnte durch Vermeidung, Verringerung und Umkehrung von Bodendegradation bis 2030 mehr als ein Drittel der Treibhausgasemissionen eingespart werden, die verhindert werden müssen, um die globale Erwärmung auf unter 2°C zu begrenzen. „Bodendegradation, Biodiversitätsverlust und Klimawandel sind drei verschiedene Gesichter der gleichen zentralen Herausforderung: die zunehmend gefährliche Auswirkung unserer Entscheidungen auf die Intaktheit der natürlichen Umwelt“, sagte IPBES-Chef Robert Watson, der auch Direktor des Weltagrarberichts war. „Wir können es uns nicht leisten, diese Bedrohungen isoliert anzugehen – jede einzelne erfordert höchste Priorität und sie müssen zusammen angegangen werden.“

Der Bericht enthält Empfehlungen für den Kampf gegen den Bodenverlust. Nötig seien politische, zwischen den unterschiedlichen Ministerien koordinierte Maßnahmen zur Förderung nachhaltigerer Praktiken des Konsums und der Produktion land-basierte Rohstoffen. Die Autoren raten zur Abschaffung „perverser Anreize“, die Landdegradierung anheizen und im Gegenzug zur Förderung positiver Anreize, die nachhaltiges Landmanagement belohnen: In jedem Ökosystem gebe es Erfolgsbeispiele für Renaturierung und es gebe viele erprobte Praktiken und Techniken, sowohl traditionelle als auch moderne, um die Auslaugung der Böden zu vermeiden und umzukehren. Optionen für Ackerflächen seien z.B. die Reduzierung von Bodenverlust und die Verbesserung der Bodengesundheit, die Nutzung salzresistenter Pflanzen, bodenschonende Landwirtschaft und integrierte Systeme mit Ackerbau, Tierhaltung und Forstwirtschaft. Verbraucher könnten das Vordringen der Landwirtschaft in natürlich Lebensräume vermeiden durch die Umstellung auf Ernährungsweisen, die Böden weniger auslaugen, wie eine Ernährung mit mehr pflanzlichen Lebensmitteln und weniger tierischem Eiweiß aus nicht nachhaltigen Quellen, sowie eine Reduzierung von Lebensmittelverlusten und -verschwendung. „Der Einsatz des ganzen Werkzeugkastens an bewährten Methoden, um Bodendegradation zu stoppen und umzukehren, ist nicht nur nötig, um Ernährungssicherheit zu gewährleisten, den Klimawandel zu reduzieren und die Artenvielfalt zu bewahren“, sagte Dr. Montanarella. „Es ist auch aus wirtschaftlicher Sicht vernünftig und zunehmend dringlich. (ab)

22.03.2018 |

UN für naturbasierte Wasserbewirtschaftung in der Landwirtschaft

Foto
Tröpfchenbewässerung (Foto: ICRISAT, bit.ly/1_CC_BY-NC_2-0, bit.ly/ICRISAT)

Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Gebieten, die von Wassermangel bedroht sind und der Klimawandel wird Konflikte um Wasser verschärfen. Doch Maßnahmen wie Wiederaufforstung, der Schutz von Feuchtgebieten und eine effizientere Wassernutzung in der Landwirtschaft können die Wasserversorgung und -qualität verbessern, lautet die Botschaft des UN-Weltwasserberichts 2018. Rund 3,6 Milliarden Menschen und damit 51% der Weltbevölkerung leben in Gebieten, in denen mindestens einen Monat im Jahr Wasserknappheit herrscht. 2050 könnten es bereits bis zu 5,7 Milliarden Menschen sein. Der Klimawandel wird den globalen Wasserkreislauf weiter verändern: Feuchte Regionen werden in der Regel feuchter und trockene Gebiete noch trockener. Zugleich steigt die globale Nachfrage nach Wasser, in letzter Zeit um etwa 1% pro Jahr – Tendenz steigend. Als Gründe führt der Bericht das Bevölkerungswachstum, wirtschaftliche Entwicklung und veränderte Konsummuster an. „Der Wasserbedarf von Haushalten und Industrie wird dabei voraussichtlich deutlich schneller steigen als der der Landwirtschaft, auch wenn die Landwirtschaft größter Nutzer bleiben wird“, so die Prognose.

Wenn wir so weiter machen wie bisher, drohen akuter Wassermangel und Konflikte ums Wasser, warnt der Bericht und fordert eine nachhaltige Wasserbewirtschaftung. Sein Schlagwort lautet „naturbasierte Lösungen“ – Formen der Wasserbewirtschaftung, die von der Natur inspiriert und unterstützt sind. Dazu gehören etwa der Erhalt und die Renaturierung von Ökosystemen. Doch um die ist es schlecht bestellt: „Zwar sind etwa 30% der weltweiten Landfläche noch bewaldet, doch mindestens zwei Drittel dieser Fläche ist in einem degradierten Zustand. Der Großteil der Böden weltweit, insbesondere der landwirtschaftlich genutzten, befindet sich in mittelmäßigem, schlechtem oder sehr schlechtem Zustand“, schreiben die Autoren. Das hat fatale Folgen für den Wasserkreislauf, da mehr Wasser verdunstet, weniger im Boden gespeichert wird und mehr Wasser an der Oberfläche abfließt. Die Erosion nimmt zu. Naturbasierte Lösungen in der Landwirtschaft könnten dies umkehren.

Die Landwirtschaft muss Ressourcen, vor allem Wasser, effizienter nutzen und ihren ökologischen Fußabdruck reduzieren, fordert der Bericht. Die Lösung sei eine ökologisch nachhaltige Produktion von Nahrungsmitteln: „Sie verbessert Ökosystemleistungen in Agrarlandschaften, etwa durch ein effizienteres Boden- und Vegetationsmanagement.“ Bodenstörungen müssten reduziert, die Bodenbedeckung erhalten und Fruchtfolgen eingehalten werden. Das wirke sich auch positiv auf den Ertrag aus: Umweltfreundlichere Verfahren der Wasserbewirtschaftung könnten die weltweite Agrarproduktion um etwa 20% erhöhen, schätzt der Bericht. „Landwirtschaftliche Systeme, welche Ökosystemleistungen erhalten oder wiederherstellen, können ebenso produktiv sein wie intensive Systeme mit hohem Einsatz“, betont er und verweist auf eine Analyse von Agrarförderprojekten in 57 einkommensschwachen Ländern: Diese ergab, dass die Erträge im Schnitt um 79% stiegen, wenn Wasser effizienter genutzt wird, weniger Pestizide zum Einsatz kommen und die Bodenbedeckung verbessert wird. So konnte etwa in Indien im Bundesstaat Rajasthan nach einer schweren Dürre 1986 durch gezielte Wiederaufforstung und Bodenbearbeitung der Grundwasserspiegel um mehrere Meter angehoben und die landwirtschaftliche Produktivität verbessert werden.

Die UN sieht enormes Potenzial in regengespeisten Systemen: „Diese machen den Großteil der derzeitigen Landwirtschaft und gerade der Kleinbetriebe aus und bieten somit den größten Nutzen mit Blick auf Lebensunterhalt und Armutsbekämpfung. Zumindest aus theoretischer Perspektive übersteigen die mit ihnen weltweit realisierbaren Erträge den prognostizierten Anstieg der globalen Wassernachfrage und verringern damit möglicherweise Konflikte zwischen konkurrierenden Nutzungen“, schreiben die Experten. Doch naturbasierte Lösungen würden noch viel zu selten eingesetzt, da die Rahmenbedingungen fehlten. Diese könnten zum Beispiel geschaffen werden durch Zahlungen für Umweltdienstleistungen: Diese böten monetäre und nichtmonetäre Anreize für Gemeinden, Landwirte und Landbesitzer, natürliche Ökosysteme wiederherzustellen, zu schützen und zu erhalten sowie nachhaltige landwirtschaftliche und andere Landnutzungspraktiken einzuführen. Vorteile für die Allgemeinheit wären etwa Hochwasserschutz, Erosionskontrolle und geringere Kosten für die Wasseraufbereitung. Eine Umgestaltung der Agrarpolitik sei nötig: „Dafür muss die gängige Praxis überwunden werden, dass die meisten Agrarsubventionen und wahrscheinlich der Großteil der öffentlichen Mittel sowie fast alle privaten Investitionen in landwirtschaftliche Forschung und Entwicklung darauf ausgerichtet sind, die Intensivierung der konventionellen Landwirtschaft zu fördern, welche die Wasserunsicherheit erhöht“, so die Autoren. (ab)

20.03.2018 |

Agrarexporte: Verbindliche Regeln gegen den Ausverkauf von Wasser gefordert

Soja
Der Sojaanbau in Brasilien verschlingt Unmengen an Wasser (Foto: CC0)

Der hohe Wasserverbrauch für Agrargüter, die Deutschland und die EU importieren, führt teils zu Armut und Vertreibung in den Ländern des Globalen Südens. Darauf macht das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt im Vorfeld des Weltwassertages am 22. März aufmerksam und fordert verbindliche Regeln gegen den Ausverkauf von Wasser und einen nachhaltigen Umgang mit den globalen Wasserressourcen. Die Landwirtschaft ist für 70% der weltweiten Wasserentnahmen verantwortlich. Um die wachsende Weltmarktnachfrage nach Soja für die Fleischindustrie, Zuckerrohr für Biosprit, Baumwolle und Kaffee zu stillen, fließen enorme Wassermengen auf der Südhalbkugel ganzjährig in künstliche Bewässerung. Der intensive Düngemittel- und Pestizideinsatz belastet zudem die Wasserqualität. In vielen Regionen nimmt die Wasserknappheit zu, da die industrielle Landwirtschaft an den Wasserreserven zehrt. Aber auch die voranschreitende Urbanisierung und immer häufigere Dürren infolge des Klimawandels lassen das kostbare Gut knapp werden. „Heute tragen die Länder der Nordhalbkugel vor allem über den Agrarimport und die Ausweitung der intensiven Bewässerungslandwirtschaft erheblich zur Verschwendung und Aufzehrung wertvoller Süßwasserressourcen bei. Das muss sich ändern, gerade in sensiblen Regionen mit Wasserstress, wo mehr Wasser entnommen wird, als sich erneuert“, sagte Andrea Müller-Frank, Referentin für das Recht auf Nahrung bei Brot für die Welt.

Ein Beispiel für den enormen Wasserverbrauch für die Exportlandwirtschaft ist Brasilien, wo gerade vom 18. bis 22. März das Internationale Wasserforum abgehalten wird. Während sich dort Ministerien und multilaterale Organisationen, Wissenschaftler und die Privatwirtschaft versammeln, debattieren Kirchen, NGOs, Indigenengruppen und soziale Bewegungen beim Parallelforum Probleme wie die Privatisierung der staatlichen Wasserversorgung und Wasserknappheit. Brasilien exportiert Unmengen an Rindfleisch, Sojabohnen, Zucker, Kaffee, Baumwolle und andere Agrargüter. Nach Angaben der UNESCO verschlingt die Produktion dieser für den Export bestimmten Erzeugnisse jedes Jahr 112 Billionen Liter Süßwasser – genug, um 45 Millionen olympische Schwimmbecken zu füllen. „Eine der heftigsten indirekten Auswirkungen ist das Austrocknen vieler Flüsse und Bäche, wodurch sich die hydrographische Karte drastisch verändert. Dies ist oft unumkehrbar und verantwortlich dafür, dass viele Gemeinden nicht mehr mit Wasser versorgt werden“, sagte Bruno Pilon von der Kleinbauernbewegung Movimento dos Pequenos Agricultores. Er ist der Ansicht, dass dieses Produktionsmodell zum Scheitern verurteilt ist, da es unter anderem die Desertifikation der Böden beschleunigt. „Es ist sehr widersprüchlich, in einem Land mit den größten Wasserreserven der Welt zu leben, während dieses Produktionsmodell uns den Zugang dazu beschränkt“, kritisiert Pilon.

„Besonders stark von Wasserknappheit betroffen sind Kleinbauern. Ihre Existenz hängt davon ab, dass sie genügend Wasser bekommen“, betont auch Andrea Müller-Frank. Brot für die Welt fordert eine bessere zwischenstaatliche Zusammenarbeit in Wasser- und Ernährungsfragen. „Der Zugang zu Wasser muss international gerechter geregelt werden, um die lokale Versorgung mit Trinkwasser und damit die Ernährung langfristig zu sichern“, so Müller-Frank. Brot für die Welt sieht die internationale Gemeinschaft in der Pflicht, verbindliche Regeln zur Reduzierung des Wasserverbrauchs insbesondere in den Agrarlieferketten aufstellen. „Die Versorgung der lokalen Bevölkerung muss Vorrang haben vor der Wassernutzung für Exportgüter“, fordert Müller-Frank. (ab)

16.03.2018 |

Zehn Jahre Saatgutbank: 1 Million Samen lagern in der Arktis

Saatguttresor
Saatguttresor in Spitzbergen (Foto: Matthias Heyde, bit.ly/Heyde, bit.ly/ccbynd20)

Zehn Jahre ist er nun in Betrieb – der Saatgut-Tresor auf der Insel Spitzbergen in der Arktis. Seit der Eröffnung am 26. Februar 2008 wurden über eine Million Saatgutproben eingelagert – pünktlich zum 10. Jubiläum der „Arche Noah der Pflanzen“ wurde diese Marke geknackt. Die Samenbank erhielt eine Lieferung mit mehr als 76.000 neuen Saatgutproben, die im ewigen Eis zwischen dem Festland Norwegens und dem Nordpol nun für die Zukunft sicher verwahrt werden sollen. Insgesamt 1.059.646 Saatgutproben von über 5000 Pflanzenarten erreichten den tief in einem Berg liegenden Bunker und werden dort bei Minus 18 Grad gelagert. Die verschiedenen Sorten sollen so vor einem möglichen Aussterben aufgrund von Naturkatastrophen, Kriegen oder infolge des Klimawandels geschützt werden. „Es ist schlichtweg beeindruckend, dass 1 Million Saatgutproben aus aller Welt nun den Weg zum Svalbard Global Seed Vault gefunden haben“, sagte Norwegens Landwirtschaftminister Georg Dale anlässlich der Jubiläumsfeier. „Dies bestätigt die wichtige Rolle, die der Saatguttresor als weltweite Versicherung für die Lebensmittelversorgung künftiger Generationen und einer stetig wachsenden Weltbevölkerung spielt.“

Zur Zehnjahresfeier brachten Vertreterinnen und Vertreter von 23 internationalen Saatgutbanken 179 Kisten mit den 76.330 neuen Pflanzensamen nach Spitzbergen. So hatte etwa das das World Vegetable Center aus Taiwan, das Internationale Zentrum für landwirtschaftliche Forschung in Trockengebieten (ICARDA) aus dem Libanon und Marokko sowie das Internationale Kartoffelzentrum IPC aus Peru neue Saatgutproben im Gepäck. Darunter befanden sich Rücklagen von wichtigen Nutzpflanzen wie Reis, Weizen und Mais, aber auch Augenbohnen, eine wichtige Proteinquelle in Afrika und Südasien, oder Saatgutproben von Sorghum, Perlhirse und Straucherbse. Eine weniger bekannte Pflanze, von der eine „Sicherungskopie“ eingelagert wurde, ist die Bambara-Erdnuss, die ursprünglich aus Afrika stammt und sich durch eine hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber Trockenheit auszeichnet.

Norwegen hat den Saatgutbunker gebaut. Betrieben und verwaltet wird er von „NordGen“, einem Zusammenschluss von Genbanken der skandinavischen Länder und Islands. Zuständig für die Finanzierung ist der Welttreuhandfond für Kulturpflanzenvielfalt „Crop Trust“, den neben einzelnen Ländern und Stiftungen auch Unternehmen wie Bayer und Syngenta finanzieren, was dem Projekt auch Kritik von Nichtregierungsorganisationen einbrachte. Voll ist der Bunker noch lange nicht: Er hat Kapazitäten für 4,5 Millionen verschiedene Saatgutmuster. Das Saatgut, das einmal den weiten Weg nach Spitzbergen angetreten hat, bleibt in der Regel auch dort. Eine Ausnahme gab es bis dato: ICARDA musste 2015 und 2017 Saatgut aus dem Bunker zurückfordern, darunter Weizen, Lisen, Kichererbsen und andere Pflanzen, da die eigene Saatgutbank in Aleppo aufgrund des Bürgerkriegs in Syrien Schaden genommen hatte. Dank der Rücklagen in Spitzbergen konnte das ICARDA jedoch seine Forschung und Bewahrungsarbeit an den Stützpunkten im Libanon und in Marokko wieder aufnehmen und auch einige der Sorten wieder zurück nach Spitzbergen schicken. Aufgrund der Abhebung liegen insgesamt jedoch aktuell nur 967.216 Samenproben im Tresor.

„Der Svalbard Global Seed Vault ist ein Wahrzeichen für die bemerkenswerten Schutzbemühungen, die jeden Tag rund um die Uhr und den Globus stattfinden – ein Kraftakt zur Bewahrung des Saatguts für unsere Nahrungspflanzen“, sagte die Leiterin des Crop Trust, Marie Haga. „Die Bewahrung solch einer großen Bandbreite von Samen bedeutet, dass Wissenschaftler die Chance haben werden, nahrhafte und klimabeständige Pflanzen zu züchten, die gewährleisten, dass künftige Generationen nicht nur überleben, sondern dass es ihnen gut geht.“ Doch auch der Saatguttresor benötigt Schutz: 2017 ließen ungewöhnlich hohe Temperaturen den Permafrost schwinden und Wasser drang in die Gänge ein. Die Gefrierkammern, in denen das Saatgut lagert, waren nicht betroffen, doch Norwegens Regierung kündigte an, 100 Millionen Kronen in Baumaßnahmen zu stecken, um zu verhindern, dass die Arche Noah des Saatguts infolge des Klimawandels sinkt. (ab)

13.03.2018 |

EPA erteilt Patent auf konventionell gezüchtete Melonen

Melone
Keine Patente auf Melonen! (Foto: CC0)

Und schon wieder hat das Europäische Patentamt (EPA) ein Patent auf konventionelle Züchtung erteilt – dieses Mal auf eine Melone. Im Januar erhielt die niederländische Firma ENZA Zaden ein Patent (EP 2455475) auf Melonen mit einer erhöhten Resistenz gegenüber dem falschen Mehltau (Pseudoperonospora cubensis), wie das Bündnis „Keine Patente auf Saatgut!“ am 7. März mitteilte. Dabei handelt es sich um keine Erfindung, denn die Firma hat lediglich das Erbgut von Pflanzen nach zufälligen Mutationen durchsucht – ohne den Einsatz von Gentechnik. Das Patent beruht also auf konventioneller Züchtung und wäre somit nach europäischem Patentrecht nicht patentierbar. Doch ENZA hat bereits sechs weitere Patente auf Trauben, Gurken, Soja, Zwiebeln, Tomaten und Kartoffeln erhalten, die alle die gleichen Veränderungen im Erbgut aufweisen. „Eine einzige zufällige Mutation reicht aus, um den ganzen Gemüsegarten zu patentieren. Hier geht es offensichtlich nicht um Erfindungen, sondern um Monopolisierung der biologischen Vielfalt, die für die Züchtung der Zukunft benötigt wird“, kritisierte Christoph Then für das Bündnis. Der niederländischen Firma wirft das Bündnis vor, das Patentrecht besonders systematisch zu missbrauchen, da sie in den Allgemeinen Verkaufs- und Lieferbedingungen die Verwendung des patentierten Saatguts auf nur eine Anbausaison beschränkt. „Jeglicher Tausch, jegliche Wiederverwendung, Forschung oder weitere Züchtung ist verboten. Wer Saatgut von ENZA erwirbt, hat diese Bedingungen zu unterschreiben und ist damit automatisch in deren Patente-Falle gefangen“, warnt „Keine Patente auf Saatgut!“.

Die Praxis des EPA, auch konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere zu patentieren, sorgt schon seit Jahren für Ärger. Denn – anders als bei gentechnisch veränderten Pflanzen – sind Patente auf Pflanzen und Tiere, „die aus im Wesentlichen biologischen Verfahren“, das heißt konventioneller Züchtung, stammen, untersagt. Doch das EPA legte dies anders aus und entschied 2015 in der „Brokkoli“-Grundsatzentscheidung, dass Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere weiterhin zulässig sind, auch wenn die Züchtungsverfahren als solche nicht patentierbar sind. Aufgrund des anhaltenden Drucks der EU und der Zivilgesellschaft kam es im Juni 2017 jedoch zu einer Neuregelung des EPA-Verwaltungsrates, die besagt, dass durch konventionelle Züchtung gewonnene Pflanzen und Tiere von der Patentierbarkeit ausgeschlossen sind. Schon damals hatte „Keine Patente auf Saatgut!“ vor Schlupflöchern gewarnt. Denn nach der Neuregelung sind Pflanzen und Tiere patentierbar, bei denen genetische Veranlagungen und zufällige Mutationen identifiziert werden, die für die Züchtung wichtig sind. Und genau hier setzt das Patent für die mehltauresistenten Melonen an. Ein weiteres Beispiel sind die Patente auf Gerste und Bier für die Brauereikonzerne Carlsberg und Heineken. Die 2016 vom EPA gewährten Patente umfassen Gerstenpflanzen aus konventioneller Züchtung, ihre Verwendung im Brauverfahren sowie das daraus gebraute Bier. Die Patente basieren auf zufälligen Mutationen im Genom der Gerste. „Keine Patente auf Saatgut!“ hat bereits Einspruch gegen die Patente auf Gerste und Bier eingelegt. (ab)

08.03.2018 |

Frauen sind besonders stark vom Klimawandel betroffen

Women
Frauen im Globalen Süden produzieren den Großteil der Nahrungsmittel (Foto: CC0)

Der Klimawandel und seine Folgen verstärken die Diskriminierung von Frauen noch weiter, vor allem in ländlichen Regionen des Globalen Südens. Ihre Menschenrechte auf Nahrung und Wasser sind massiv bedroht. Darauf macht die Menschenrechtsorganisation FIAN Deutschland anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März aufmerksam. „Der Klimawandel verstärkt bestehende Mehrfachdiskriminierungen“, erläutert Gertrud Falk, Klimareferentin von FIAN. „Frauen bauen in der Regel die Nahrungsmittel für die Versorgung ihrer Familien an. Wenn die Ernten zurückgehen, stehen vor allem sie unter Druck, dies durch Mehrarbeit und Verzicht auszugleichen.“ Kleinbäuerinnen im Globalen Süden bauen 45-80 Prozent der Nahrungsmittel an und leiden daher besonders unter den Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft. Darüber hinaus sind gemäß dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) 80 Prozent der Menschen, die aufgrund des Klimawandels umsiedeln müssen, Frauen. FIAN nennt als Beispiel die Frauen der ethnischen Gruppe Garifuna in Honduras, Nachfahren westafrikanischer Sklaven. Dürren zerstören immer häufiger ihre Ernten, auch Kokospalmen und Fisch, die Grundlagen ihrer Ernährung, schwinden zunehmend. Dazu kommen noch Landvertreibungen. Viele der Frauen sehen sich dazu gezwungen, in die Städte oder in Nachbarländer abzuwandern in der Hoffnung auf eine bessere Perspektive.

Laut Weltklimarat IPCC hat der Klimawandel vor allem in den Ländern um den Äquator verheerende Folgen für die Landwirtschaft. Böden erodieren durch Dürren und Starkregen und Regenzeiten kommen nicht mehr verlässlich. In Honduras treten die Folgen bereits spürbar zutage. FIAN zitiert den Direktor des honduranischen Verbands der Produzenten von Grundnahrungsmitteln (Prograno), Dulio Medina. Dieser berichtet, dass in den letzten drei Jahren nur jeweils 450.000 Tonnen Mais geerntet wurden, während in guten Erntejahren bis zu 1,1 Millionen Tonnen erzielt werden konnten. Der Klimawandel schreitet voran und die internationale Staatengemeinschaft hat bisher nicht ausreichend darauf reagiert, kritisiert die Menschenrechtsorganisation. Deutschlands neue Regierung habe ihre früheren Klimaschutzziele sogar infrage gestellt – und das, obwohl der Weltklimarats erst jüngst davor warnte, dass die internationalen Klimaschutzmaßnahmen nicht ausreichen.

Ein weiterer Punkt, den FIAN kritisiert, ist das Fehlen von Menschen- und Gleichstellungsrechten in internationalen Klimaverträgen.„Zwar sind Staaten verpflichtet, Menschen- und Frauenrechte in allen Politikfeldern zu achten, zu schützen und zu gewährleisten. Doch weil sie bisher nicht explizit in die Klimaverträge aufgenommen wurden, stellen sie keine Kriterien für Klimaschutz- und Klimaanpassungs-Projekte sowie deren Finanzierung dar“, so Getrud Falk. Daher komme es leider auch beim Klimaschutz oft zu Menschenrechtsverletzungen, zum Beispiel durch Landvertreibungen für Staudamm- und Waldprojekte. (ab)

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