Spekulation mit Lebensmitteln

Kurz nach der Veröffentlichung des Weltagrarberichts nannte ein interner Bericht der Weltbank Warenterminspekulationen mit Agrarrohstoffen neben der Produktion von Agrartreibstoffen erstmals als wichtigste Ursache der Agrarpreisexplosion von 2008. Er löste in der Wissenschaft einen erbitterten Streit über die Auswirkungen der Spekulation mit Lebensmitteln aus. Seit jeher wurden an Warenterminbörsen Vereinbarungen über künftige Rohstofflieferungen (Futures) zu festgelegten Preisen getroffen. Sie sichern Lieferanten wie Abnehmer gegen allzu heftige Preissprünge etwa durch Wetterkapriolen ab. Liegt der vereinbarte Preis zum Termin über dem aktuellen Preis, freut sich der Verkäufer, liegt er darunter, profitiert der Käufer. Beide können jedenfalls bereits zum Zeitpunkt des Kontraktes mit diesem Preis kalkulieren. Daraus entwickelte sich in den letzten Jahren ein Casino für Anleger und Spekulanten, die mit Weizen, Soja, Mais oder Reis nichts zu tun haben. Der Gegen- stand ihrer Spekulation interessiert sie nicht. Sein Preis soll nur nicht den gleichen Gesetzen folgen wie die Aktienpreise des DAX oder NASDAQ, mit denen sie gleichzeitig spekulieren. So können sie ihr Risiko streuen.

Seit in den 90er Jahren die Liberalisierung der Waren- termingeschäfte in den USA den Einstieg von Finanz- unternehmen in großem Maßstab ermöglichte, sank an der weltweit wichtigsten Börse für Agrarprodukte, der CBOT in Chicago, der Anteil der kommerziellen Händler, die tatsächlich Weizen handeln, erheblich, während der spekulative Handel zunahm. Wurde 2002 hier das Elffache der tatsächlich verfügbaren Weizenmenge gehandelt, war es 2011 bereits das 73-fache der real existierenden Menge. Diese Spekulationsgeschäfte mit Lebensmitteln orientieren sich zwar grundsätzlich an der realen Situation von Angebot und Nachfrage. Die Psychologie der Börse und die Algorithmen der dort den Handel beherrschenden Computer führen allerdings zu immer nervöseren Ausschlägen. Anleger, die auf langfristig steigende Lebensmittel- preise setzen, haben nach Ansicht vieler Beobachter eine preistreibende Wirkung.„IAASTD-Prognosen zum globalen Ernährungssystem sagen eine Anspannung der Lebensmittelmärkte voraus, mit zunehmender Marktkonzentration, rapidem Wachstum globaler Handelsketten in allen Entwicklungsländern, einer Verknappung natürlicher Ressourcen und negativen Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit. Die realen Weltmarktpreise für Getreide und Fleisch steigen in den kommenden Jahrzehnten und werden bisherige Trends dramatisch umkehren.“ (Synthese, S. 22)

Wetten auf den Hunger

Tatsache ist, dass einige Spekulanten reich werden, wenn steigende Getreidepreise für Millionen Familien Hunger und Armut bedeuten. In Deutschland waren daher bis 2013 nach öffentlichen Kampagnen vieler Nichtregierungsorganisationen gegen das „Geschäft mit dem Hunger“ die meisten Finanzinstitute, mit Ausnahme der Deutschen Bank und der Allianz, aus direkten Spekulationen mit Agrarrohstoffen ausgestie- gen. Die Deutsche Bank warb im globalen Hungerjahr 2008 ausgerechnet auf Brötchentüten für ihren DB Platinum Agriculture Euro Fonds mit dem Spruch „Freuen Sie sich über steigende Preise?“. Sie gehört bis heute zu den führenden Lebensmittelspekulanten der Welt. Bestrebungen, gesetzlich wieder Mengenbeschränkung für einzelne Spekulanten einzufüh- ren und für mehr Transparenz zu sorgen, führten bisher zu keinem konkreten Ergebnis. In der von interessierten Kreisen intensiv beeinflussten theoretischen Diskussion gibt es keine Einigung. Preis- sprünge am globalen Markt wiederholen sich dagegen – samt den fatalen Folgen für die Betroffenen.

Fakten & Zahlen

An der CBOT in Chicago, der weltweit wichtigsten Börse für Agrarprodukte, sank der Anteil der kommerziellen Händler, die tatsächlich mit Weizen handeln, von 88% im Jahr 1996 auf 35% in 2008. Das bedeutet, dass 65% der Weizenkontrakte von Finanzspekulanten gehandelt wurden.

Goldman Sachs, Barclays, Deutsche Bank, JP Morgan und Morgan Stanley waren die fünf führenden Investmentbanken weltweit, die zwischen 2010 und 2012 an den globalen Rohstoffmärkten investierten. Allein im Jahr 2012 verdienten sie gemeinsam 1 Milliarde US-Dollar an der Spekulation mit Nahrungsmitteln.

Die globale Nahrungsmittelpreiskrise 2007/2008 hatte mehrere Gründe. Die anfängliche Ursache waren Rahmenbedingungen der Märkte, einschließlich Angebot und Nachfrage bei Agrarrohstoffen, Transport- und Lagerkosten und ein Preisanstieg bei landwirtschaftlichen Betriebsmitteln. Doch ein wesentlicher Anteil des Anstiegs der Preise und der Volatilität bei wichtigen Grundnahrungsmitteln kann nur mit der Entstehung von Spekulationsblasen erklärt werden.

US-Amerikaner geben nur 6,6% ihres Haushaltsbudgets für Lebensmittel aus, die Briten wenden 9,1% der Ausgaben für Lebensmittel auf. In Pakistan oder Kamerun hingegen, wo die Menschen im Schnitt 47,7% bzw. 45,9% des Haushaltssbudgets für Nahrung verwenden, machen sich steigende Lebensmittelpreise stark bemerkbar.

Bewegung

  • Weed arbeitet zum Thema Nahrungsmittelspekulation
  • Oxfam setzt sich gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln ein
  • Foodwatch Die Hungermacher im globalen Rohstoff-Kasino

Literatur

Videos: Spekulation mit Lebensmitteln

Wie funktioniert die Spekulation mit Nahrungsmitteln?

Was ist Hochfrequenzhandel: Film von Weed

Grafiken

Anteil des Haushaltsbudgets, das für Lebensmittel ausgegeben wird

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