Wissen und Wissenschaft
Auch Wissen ist höchst ungerecht und ineffizient über den Globus verteilt.
Auf der einen Seite steht ein Übermaß an Daten und Informationen, das den Blick auf das Wesentliche eher verstellt. Auf der anderen Seite herrscht bitterer Mangel:
An allgemeiner Bildung und landwirtschaft- licher Ausbildung, an Beraterinnen und Landwirtschaftsschulen.
Es fehlen Wissenschaftler, die sich spezifischen Problemen vor Ort widmen.
Und es fehlt an Kompetenz, das verfügbare Wissen unterschiedlicher Bereiche ergebnis- orientiert zusammen zu bringen, und da einzusetzen wo es gebraucht wird. Angesichts der neuen Herausforderungen, denen wir heute gegenüberstehen, wächst in offiziellen Wissenschats- und Technologie-Organisationen die Erkenntnis, dass das gegenwärtige Konzept von landwirtschaftlichen Wissen, Forschung und Technologie sich ebenfalls anpassen und verändern muss. Weiter wie bisher ist keine Option. Eine Form möglicher Anpassung ist, sich von der Fixierung auf private und öffentliche Wissenschaft als einzigem Ort von Forschung und Entwicklung zu lösen, hin zu einer Demoktratisierung der Wissensproduktion (Synthese, S.18). Wissen, Forschung und Technologie sind ein zentraler Gegenstand des Weltagrarberichts. Ausführlich werden die Geschichte ihrer Errungenschaften und Fehlschläge, ihre Rolle und ihre innere Verfassung aufgearbeitet. Die Autorinnen und Autoren weisen deutlich auch auf die enormen Schäden hin, die durch Wissenschaft und Forschung in der Vergangenheit angerichtet wurden. Und sie verdeutlichen die Verantwortung, die die Wissenschaft selbst für diese Schäden trägt. >>mehr
Ungleiche Investitionen
Dort, wo Wissenschaft und Forschung am dringendsten gebraucht würden, wird seit Jahrzehnten am wenigsten investiert. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft, deren Probleme sich wesentlich von denen der industriellen Landwirtschaft unterscheiden, fristet in der weltweiten wissenschaftlichen Wahrnehmung ein Schattendasein.
Der Weltagrarbericht fordert eine massive Steigerung der öffentlichen Investitionen in landwirtschaftliches Wissen und dessen Vermittlung auf allen Ebenen. Ein wachsender Anteil universitärer Forschungsmittel stammt heute aus privaten Quellen. Sie konzentrieren sich auf wirtschaftlich interessante oder High-Tech-Bereiche wie Satellitenüberwachung, Nanotechnologie und Genomik und weniger auf Tiefenbereiche landwirtschaftlicher Praxis und Ökologie. (...) Häufig gehört zu den Finanzierungsbedingungen das Recht auf patentrechtliche Erstverwertung aller Ergebnisse des Forschungsbereiches. Auch das Veröffentlichungsrecht und der freie Austausch der Forschungsergebnisse werden beschnitten. Dass durch solche Vereinbarungen wissenschaftliche Erkenntnisse als Privateigentum betrachtet werden, verändert die Beziehung unter den Wissenschaftlern und zu ihren Partnern radikal (Global, S. 72).Alles Wissen, das nicht Ergebnis und Bestandteil formaler Wissenschaft ist, wird heute etwas hilflos oder auch herablassend als „traditionelles“ oder „lokales“ Wissen bezeichnet. Dieses praktische Wissen ist das wichtigste Handwerkszeug von Land- und Forstwirtinnen, Hirten, Fischern, Heilern, aber auch von Gärtnerinnen und Handwerkern in aller Welt. Es ist historisch gewachsen und erfasst auf eigene Art häufig komplexe Zusammenhänge, die monokausal denkende Naturwissenschaftler bis heute überfordern können (siehe auch > Agrarökologie).
Fakten & Zahlen
Im subsaharischen Afrika wuchsen die Investitionen und die Personalkapazitäten in der öffentlichen Agrarforschung und -entwicklung nach einem Jahrzehnt der Stagnation in den 1990er Jahren zwischen 2001 und 2008 im Schnitt um 20%. 2008 wurden in der Region 1,7 Milliarden US-Dollar (nach Kaufkraftparität 2005) für Agrarforschung ausgegeben und über 12.000 einer Vollzeitkraft entsprechende Stellen bestanden in diesem Bereich.
Weltweit konzentriert sich öffentliche Forschung und Entwicklung im Agrarbereich auf immer weniger Staaten. Unter den reichen Ländern entfielen im Jahr 2000 allein auf die USA und Japan 54% aller öffentlichen Agrarforschungsinvestitionen, unter den Entwicklungsländern 47% allein auf China, Indien und Brasilien.
Das Subsaharische Afrika ist die einzige Region der Welt, in der formelle Bildung und staatliche Dienste für fast alle Bürgerinnen und Bürger in einer anderen als ihrer Muttersprache stattfinden.
Der Bedarf an Forschung im ökologischen Landbau im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft ist besonders hoch, da diese Form der Landwirtschaft vor allem auf dem Verständnis des organischen Zusammenwirkens aller einen Betrieb prägenden Faktoren beruht. Der ökologische Landbau ist also wissensbasiert und fußt weniger auf dem Einsatz bestimmter externer Betriebsmittel. Umfassendes Know-how ist also der Schlüssel.
Etwa 15.000 verschiedene Pflanzensorten sind als Lebensmittel und Nutzpflanzen bekannt. Heute werden weniger als 2% davon für landwirtschaftliche Zwecke verwendet.
Pflanzenarten sind nicht nur als Genmaterial zu begreifen und ex-Situ (außerhalb des eigentlichen Lebensraumes) in Genbanken zu konservieren, sondern auch in-Situ (am Ort des Anbaus) mit den damit verknüpften kulturellen Ausdrucksformen.




