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14.12.2017 |

Klimawandel wird deutsche Landwirtschaft stark beeinträchtigen

Dürre
Heiße Sommer, bedrohte Ernten (Foto: CC0)

Der Klimawandel wird die Landwirtschaft in Deutschland hart treffen, wenn in der internationalen Klimapolitik nicht aktiv gegengesteuert wird. Darauf machen Klimaforscher der Universität Hohenheim aufmerksam, die Anfang Dezember die Ergebnisse eines Forschungsprojektes vorstellten. Machen wir weiter wie bisher und die Treibhausgasemissionen verbleiben auf dem aktuellen Niveau, sehen die Prognosen düster aus: Heftige Starkregenereignisse drohen und die durchschnittliche Jahrestemperatur könnte auf fast 4 Grad Celsius ansteigen. Dies hätte verheerende Folgen, warnen die Wissenschaftler. Hitzeperioden würden zunehmen, während Kälteperioden seltener würden oder gar ganz ausblieben. „Das wäre ein Desaster“, betont Klimaforscher Prof. Dr. Volker Wulfmeyer von der Uni Hohenheim. „Viele Menschen würden schwere gesundheitliche Probleme bekommen und auch die Landwirtschaft geriete in Schwierigkeiten.“ So könnte der Anbau von ertragreichem Winterweizen problematisch werden, weil dieser zum Wachstum auf eine Frostperiode angewiesen ist. Werden die Klimaziele jedoch konsequent umgesetzt, würde die Erwärmung im 21. Jahrhundert nur rund 1 °C betragen. Über drei Jahre hinweg hatten die Experten in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt eine umfassende Datenbasis geschaffen, um die Folgen des Klimawandels für die Bundesrepublik simulieren zu können. Neben der Stuttgarter Uni waren auch die BTU Cottbus-Senftenberg, das Climate Service Center Germany, der Deutsche Wetterdienst, das Deutsche Klimarechenzentrum und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung beteiligt.

Neben den steigenden Temperaturen würden auch ausbleibende oder zu starke Niederschläge Landwirte in Deutschland vor große Probleme stellen. Im Winter gäbe es vermehrt Niederschläge, doch aufgrund des Temperaturanstiegs würden Hochdruckgebiete aus Sibirien zurückgedrängt, während mehr atlantische Tiefdruckgebiete Einzug hielten, erklärt Prof. Dr. Wulfmeyer. Die wärmeren Temperaturen brächten mehr Regen statt Schnee. „Schnee dient aber als Speicher, der bei der Schneeschmelze im Frühjahr die Grundwasservorräte auffüllt, Regen dagegen wird rasch in die Meere abgeführt. „Wir müssen uns auf mehr Hochwasser im Winter einstellen“, warnt Dr. Viktoria Mohr vom Projektteam. Auch die Grundwasservorräte würden zurückgehen. Im Sommer wäre es trockener und die ausbleibenden Niederschläge könnten die Ernten gefährden. Während der Nordosten mit einem blauen Auge davonkommen könnte, drohen vor allem dem Südwesten Deutschlands häufigere Trockenperioden mit mehr als 14 Tagen ohne Regen. Die Forscher richten daher einen eindringlichen Appell an die Politik, den Ausstoß von Treibhausgasen entsprechend dem Klimaschutzabkommen zu reduzieren. Denn wenn alle Vereinbarungen konsequent umgesetzt werden, so ihre gute Nachricht, sei das in Paris vereinbarte Zwei-Grad-Ziel immer noch erreichbar. (ab)

12.12.2017 |

Wilde Reis-, Yams- und Weizenarten vom Aussterben bedroht

Reis
Roter Reis - bald verschwunden? (Foto: CC0)

Die Intensivierung der Landwirtschaft und die zunehmende Verstädterung bedrohen die wilden Verwandten von Reis, Weizen und Yams. Das teilt die Weltnaturschutzunion (IUCN) am 5. Dezember bei der Vorstellung ihrer aktualisierten Roten Liste vor. Für die Liste, auf der vom Aussterben bedrohte Pflanzen- und Tierarten stehen, wurde erstmals auch untersucht, wie es um die wilden Verwandten unserer Nutzpflanzen bestellt ist. Berücksichtigt wurden 26 Arten von wildem Weizen, 25 Reisarten und 44 wilde Vertreter der Yamswurzel. Die Experten kamen zu dem Ergebnis, dass drei wilde Reisarten, zwei wilde Verwandte des Weizens und 17 Yams-Arten vom Aussterben bedroht sind. „Die aktualisierte Rote Liste schlägt Alarm bezüglich ihres Rückgangs und unterstricht die Dringlichkeit, etwas dagegen zu unternehmen – um unserer eigener Zukunft willen“, sagte IUCN-Generaldirektorin Inger Andersen in einer Presseerklärung.

Denn der Verlust dieser wild wachsenden Arten könnte zulasten der künftigen Ernährungssicherheit gehen: „Gesunde, artenreiche Ökosysteme sind elementar für unsere Fähigkeit, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren und das zweite UN-Nachhaltigkeitsziel – die Beseitigung des Hungers in der Welt bis 2030 – zu erreichen“, fügte Andersen hinzu. „Der von der IUCN belegte Druck auf die wilden Verwandten unserer Feldfrüchte gefährdet die genetische Vielfalt, die in der Zucht von modernem Saatgut von Bedeutung sein könnte“, kommentierte Christoph Heinrich, WWF-Vorstand Naturschutz, die Veröffentlichung der Roten Liste. „Wir nehmen uns den Spielraum, für unsere Ernährung wichtige Pflanzen durch Forschung und Züchtung gegen immer extremer werdende klimatische Bedingungen und deren Folgen zu wappnen“, fügte er hinzu. Dadurch würden künftige Generationen möglicherweise wichtiger Optionen beraubt, um ihre Ernährung zu sichern.

Die Abholzung von Wäldern, Verstädterung und wachsender Druck durch die Intensivierung der Landwirtschaft, besonders durch Überweidung und die übermäßige Nutzung von Pestiziden, sind die Hauptfaktoren für die Gefährdung wilder Pflanzenarten. „Ein übermäßiger Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden sowie der fortschreitende Landnutzungswandel bedrohen nicht nur wildlebende Pflanzen- und Tierarten, sondern auch die Ernährungssicherung von morgen“, betonte Heinrich. Daher dürfe die Landwirtschaft der Zukunft nicht weiter abhängig sein von wenigen Pflanzensorten, künstlichen Düngern und synthetischen Pflanzenschutzmitteln. Die Weltnaturschutzunion fordert vor allem aber auch verstärkte Bemühungen zur Bewahrung wilder Pflanzensorten. Sie verweist auf eine kürzlich veröffentlichte Studie, wonach 72% der wilden Verwandten unserer Nutzpflanzen nicht ausreichend in Saatgutbanken aufbewahrt werden. Auch die in-situ-Erhaltung in der Natur stelle eine große Herausforderung dar. Der Schutz der wilden Sorten sei jedoch nicht nur von unschätzbarem Wert für die Zukunft unserer Ernährung, sondern generiere schon heute einen hohen ökonomischen Wert: Laut IUCN bringen die wilden Verwandten unserer Nutzpflanzen der Weltwirtschaft jedes Jahr 115 Milliarden US-Dollar ein. (ab)

07.12.2017 |

Kohlenstoffreiche Böden - die Basis für Klimaschutz und Ernährung

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Böden sind die Basis unserer Ernährung (Foto: CC0)

Böden sind von enormer Bedeutung für den Klimaschutz und die Welternährung. Daher ist es höchste Zeit, die Anstrengungen zum Schutz dieser wertvollen Ressource zu intensivieren. Die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO nutzte den Weltbodentag am 5. Dezember, um auf die vielen Leistungen aufmerksam zu machen, die gesunde Böden erbringen und neue Zahlen zu den globalen Bodenkohlenstoffvorkommen zu veröffentlichen. „Böden sind die Grundlage der Landwirtschaft, hier haben Lebensmittel ihren Ursprung“, sagte die stellvertretende FAO-Generaldirektorin Maria Helena Semedo. „Die Bewahrung dieser wichtigen Funktionen und Ökosystemdienstleistungen der Böden zur Förderung der Lebensmittelproduktion und Erhöhung der Widerstandsfähigkeit gegenüber einem sich verändernden Klima erfordert nachhaltige Praktiken des Bodenmanagements“, betonte Semedo. Organische Substanz im Boden, mit Kohlenstoff als Hauptbestandteil, ist wichtig für die Gesundheit und Fruchtbarkeit von Böden, die Wasserinfiltration und die Speicherfähigkeit, aber auch für unsere Ernährung. Fast 95% aller Lebensmittel stammen von Böden und weltweit werden fast 80% des durchschnittlichen Kalorienverbrauchs pro Kopf durch Pflanzen gedeckt, die direkt in Böden gewachsen sind. Doch die Böden der Welt fungieren auch als die wichtigste terrestrische Kohlenstoffsenke und reduzieren so Treibhausgase in der Atmosphäre.

Bei den Feierlichkeiten zum Weltbodentag in Rom präsentierte die FAO auch eine umfassende Weltkarte, auf der die Kohlenstoffvorräte in den Böden rund um den Globus verzeichnet sind. Die Karte zeigt, dass die oberen 30 Zentimeter des Bodens rund 680 Milliarden Tonnen Kohlenstoff enthalten. Das ist mehr als die in der Biomasse von Pflanzen gespeicherte Menge von 560 Milliarden Tonnen. Die FAO berichtet, dass der in Böden gespeicherte Kohlenstoff vor allem in 10 Ländern zu finden ist, die 60% der weltweiten Kohlenstoffbestände auf sich vereinen. Besonders viel Bodenkohlenstoff hält Russland mit 19.6% der globalen Vorräte oder 133 Milliarden Tonnen, gefolgt von Kanada (12,7%), den USA (8,3%), China, Brasilien, Indonesien, Australien, Argentinien, Kasachstan und der Demokratischen Republik Kongo. Die Karte soll politischen Entscheidungsträgern zeigen, wo die kohlenstoffreichsten Böden der Welt liegen, die dringend geschützt werden müssen, und in welchen Regionen besondere Maßnahmen erforderlich sind, um mehr Kohlenstoff in den Boden zu bringen.

Die FAO warnt auch, dass durch die Bodendegradation, die bereits ein Drittel der Böden weltweit betrifft, bereits enorme Mengen Kohlenstoff in die Atmosphäre freigesetzt wurden. Doch wenn diese Böden wieder verbessert würden, könnten bis zu 63 Milliarden Tonnen Kohlenstoff wieder aus der Atmosphäre entfernt und so die Auswirkungen des Klimawandels erheblich verringert werden. „Die Kohlenstoffvorräte zu bewahren – aber sie vor allem auch zu erhöhen – sollte zu einer Verpflichtung werden, denn dies wird es uns erlauben, das volle Potenzial der Böden für die Bekämpfung und Anpassung an den Klimawandel zu entfalten“, sagte Semedo. Die FAO betont, dass Böden mit einem hohen Kohlenstoffgehalt in der Regel produktiver sind, besser Wasser reinigen können und Pflanzen mit optimalen Feuchtigkeitsbedingungen versorgen. Die Erhöhung des Bodenkohlenstoffs durch ein besseres Bodenmanagement könne auch dabei helfen, in trockenen Gebieten die Produktivität zu bewahren. Erreicht werden könne dies durch nachhaltige Praktiken, wie Mulchen, das Pflanzen von Bodendeckern und einer moderaten Bewässerung. Der Schutz der Böden der Welt ist auch für das Erreichen des 15. UN-Nachhaltigkeitsziels von großere Bedeutung. Darin hat sich die internationale Gemeinschaft dazu verpflichtet, Landökosysteme zu schützen, wiederherzustellen und ihre nachhaltige Nutzung zu fördern, Wälder nachhaltig zu bewirtschaften, Wüstenbildung zu bekämpfen, Bodenverschlechterung zu stoppen und umkehren und den Biodiversitätsverlust zu stoppen. (ab)

04.12.2017 |

Studie: Insektizide lassen Zugvögel Orientierung und Gewicht verlieren

Vogel
Zugvögel verlieren durch Imidacloprid die Orientierung und Gewicht (Foto: CC0)

Nicht nur Bienen leiden unter Insektiziden. Eine neue Studie belegt nun, dass zwei weltweit häufig eingesetzte Insektizide Zugvögel orientierungslos machen und zu Gewichtsverlusten führen können. Für die im Fachjournal Scientific Reports erschienene Studie verglichen die kanadischen Forscher die Toxizität von Imidacloprid, das zur Gruppe der Neonicotinoide gehört und schon länger für das Bienensterben verantwortlich gemacht wird, und Chlorpyrifos, ein Phosphorsäureester. Während des Frühjahrszugs fingen sie Exemplare der Dachsammer (Zonotrichia leucophrys) ein, einer amerikanischen Singvogelart, und verabreichten ihnen eine kleine Menge der Insektizide, die nicht ohne Folgen blieb. „Diese Insektizide haben eine starke Auswirkung auf Singvögel. Wir beobachteten erhebliche Gewichtsverluste und die Orientierungsfähigkeit wurde signifikant beeinträchtigt“, sagte die Hauptautorin der Studie, Margaret Eng von der University of Saskatchewan. „Die Wirkung stellte sich ein, wenn nur die Menge von täglich drei bis vier mit Imidacloprid behandelte Rapssamen oder acht Körnchen mit Chlorpyrifos über drei Tage hinweg gefressen wurden.“

Die Wissenschaftler waren sehr überrascht zu sehen, wie schnell und sensibel die Vögel reagierten, nachdem sie mit den Insektiziden in Kontakt gekommen waren. „Die Vögel zeigten starke Verluste von Körpermasse und Anzeichen akuter Vergiftungserscheinungen, wie Lethargie und Appetitverlust“, sagte Professor Christy Morrissey, die ebenfalls an der University of Saskatchewan arbeitet. „Die Versuche zum Zugverhalten zeigten auch, dass die Vögel völlig dabei scheiterten, sich zu orientieren und ihren Kurs in Richtung Norden abänderten.“ Dies kann dazu beitragen, dass die Vögel ihre Brutstätten erst verspätet erreichen und ihre Kondition stark beeinträchtigt ist. „In der Vergangenheit haben Bauern Insektizide in ein Sprühgerät gegeben und die Felder mit den Insektiziden besprüht. Doch nun haben Landwirte Zugang zu Saatgut, das vielfach bereits mit Neonikotinoiden gebeizt ist“, erklärt Morrissey. „Vögel, die auf ihrer Reise einen Zwischenstopp einlegen, essen möglicherweise diese Samen.“ Ein Sprecher des Imidacloprid-Herstellers Bayer sagte der britischen Tageszeitung The Guardian: „Wissenschaftliche Belege zeigen, dass Imidacloprid minimale Auswirkungen auf die Umwelt hat, wenn es so wie auf dem Etikett angegeben benutzt wird. Das gilt auch für die Aufnahme durch Saatgut fressende Singvögel.“ Er sagte, dass Singvögel in der Regel die Hülle entfernen, in der das Insektizid zu finden sei, und daher höchstwahrscheinlich gar nicht die in der Studie getestete Menge aufnehmen würden. Die Forscher sehen hingegen ein echtes Risiko, dass Saatgut fressende Singvögel, die in der Agrarlandschaft beheimatet sind oder dort einen Stopp auf ihrer Reise einlegen, Insektiziden ausgesetzt sind und zwar in einer Konzentration, die gefährliche Auswirkungen hat. (ab)

29.11.2017 |

EU-Afrika-Gipfel: NGOs fordern Neustart für faire Handelsbeziehungen

Gambia
Tomatenverkäuferin in Gambia (Foto: CC0)

Mehrere Hilfsorganisationen haben einen Appell an Bundeskanzlerin Angela Merkel gerichtet, sich für faire Handelbeziehungen mit Afrika einzusetzen. Vor dem am 29. November beginnenden Gipfeltreffen zwischen der EU und der Afrikanischen Union in Abidjan, Elfenbeinküste forderte etwa das katholische Hilfswerk MISEREOR von Merkel, für gerechte Handelsbeziehungen und faire Investitionspartnerschaften einzutreten. „Nach wie vor werden afrikanischen Ländern politische Maßnahmen auferlegt, die vor allem im Interesse der EU-Staaten sind und nicht dazu beitragen, den Kontinent aus der sozialen und ökonomischen Krise und aus der Abhängigkeit herauszuführen“, kritisiert Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von MISEREOR. So würden von den bereits bestehenden Economic Partnership Agreements statt den afrikanischen Ländern vor allem starke Akteure wie Deutschland profitieren. Solch ungleiche Partnerschaften seien ein Hemmschuh für Entwicklung. „Viele Länder in Westafrika oder im südlichen Afrika müssen Nachteile hinnehmen, weil sie sich gezwungen sehen, ihre Märkte für Exporte aus der EU zu öffnen“, sagte Spiegel. Doch Lebensmittel wie Milchpulver, Tomatenpaste, Geflügel oder Schweinefleisch würden vielerorts die Produkte von Kleinbauernfamilien von den lokalen Märkten verdrängen und diese zerstören. „Wer der afrikanischen Jugend Beschäftigungsperspektiven eröffnen möchte, wie es ja das erklärte Ziel des Gipfels ist, muss für den Schutz und die Stärkung regionaler Märkte sorgen“, erklärte Misereor.

Auch der Dachverband für Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) hofft auf einen Neustart der Handelbeziehungen zwischen der EU und der Afrikanischen Union. Ein Kernthema des Gipfels werden gemeinsame Investitionsoffensiven sein, die darauf abzielen, Privatinvestitionen vor allem in Infrastruktur- und Energieprojekte in reformbereiten afrikanischen Ländern zu fördern und damit Beschäftigungsimpulse zu setzen. „Wir erwarten von der Bundesregierung, die europäische Investitionsoffensive so zu lenken, dass vor allem kleine und mittlere afrikanische Unternehmen mehr Jobangebote generieren können“, sagte der VENRO- Vorstandsvorsitzende Bernd Bornhorst. Auch Misereor kritisiert den Fokus auf Infrastruktur oder Großprojekte im Energiesektor und fordert mehr Unterstützung für Kleinstunternehmen und Familienbetriebe. „84 Prozent der Erwerbsbevölkerung arbeiten im so genannten informellen Sektor, also zum Beispiel in Garküchen, als Schuhputzer oder Straßenverkäufer“, erklärte Spiegel. „Ein hohes Wirtschaftswachstum oder der Zufluss von ausländischen Investitionen führt deshalb nicht automatisch zu mehr Beschäftigung.“

Die Hilfsorganisationen betonten, dass gerechte Handelsbeziehungen auch zur Bekämpfung von Fluchtursachen beitragen. „Machen wir uns nichts vor: Die Probleme Afrikas sind auch die Verantwortung Europas. Wir lösen sie nicht durch hochgezogene Mauern“, sagte Bornhorst. „Es muss Schluss sein mit billigen Agrarprodukten aus der EU. Sie vernichten lokale Märkte in Afrika, zerstören Einkommensmöglichkeiten und treiben Kleinbauern in Armut oder in die Migration.“ (ab)

27.11.2017 |

Deutsches Ja entscheidet: EU lässt Glyphosat für weitere fünf Jahre zu

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Zu den in der EU zulässigen Ackergiften gehört bis 2022 auch Glyphosat (Foto: CC0)

Der umstrittene Unkrautvernichter Glyphosat darf in der Europäischen Union weitere fünf Jahre versprüht werden. Dank der Schützenhilfe des amtierenden deutschen Landwirtschaftsministers Christian Schmidt kam im zuständigen Berufungsausschuss der EU-Kommission am Montag die notwendige Mehrheit von mindestens 16 Staaten, die 65% der EU-Bevölkerung vertreten, zustande: Mit Deutschland waren es nun 65,7%. Weitere 17 Länder stimmten für den Kommissionsvorschlag, das Ackergift bis 2022 zu erlauben. Neun Länder - Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, Kroatien, Luxemburg, Malta, Österreich und Zypern – lehnten eine Verlängerung ab, Portugal enthielt sich. Nach einer monatelangen Patt-Situation, in der es keine Mehrheit für oder gegen Glyphosat gab, wie zuletzt vor gut zwei Wochen im zuständigen Fachausschuss, war das deutsche Ja nun das Zünglein an der Waage. Bisher hatte sich die Bundesrepublik enthalten, da sich das CSU-geführte Agrarministerium und das SPD-Umweltministerium nicht einigen konnten. Nun sorgte Schmidt für die nötige Mehrheit – offenbar im Alleingang. Am 15. Dezember wäre die Zulassung für Glyphosat, den Hauptwirkstoff von Monsantos Verkaufsschlager Roundup Ready, ausgelaufen.

Umweltministerin Barbara Hendricks reagierte empört: „Genau zwei Stunden vor Beginn der Sitzung des Berufungsausschusses, nämlich heute um 12:30 Uhr, habe ich gegenüber dem Kollegen Schmidt telefonisch eindeutig erklärt, dass ich mit einer Verlängerung der Zulassung von Glyphosat weiterhin nicht einverstanden bin, auch nicht unter bestimmten Konditionen“, erklärte Hendricks. Doch dann stimmte er dafür. Das Votum begründete er damit, dass die EU-Kommission „sich ohnehin für die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat entschieden“ hätte. Nun hätte er zumindest „wichtige Bedingungen durchsetzen“ können, während die Kommission den Wirkstoff ohne Auflagen verlängert hätte, argumentierte er gegenüber der „Rheinischen Post“. Laut Schmidt handelt es sich hierbei um die „Stärkung der Rolle von Biodiversität und Tierschutz“, weitere Aufklärung im Hinblick auf die gesundheitlichen Gefahren für den Menschen und eine „Prüfung der Optimierungsmöglichkeiten des Genehmigungsverfahrens für Pflanzenschutzmittelwirkstoffe“. Der Alleingang Schmidts vergiftet nun erheblich die Stimmung zwischen SPD und Union vor anstehenden Gesprächen über eine mögliche Regierungsbildung. SPD-Fraktionschefin Nahles sprach von einem „massiven Vertrauensbruch“.

Auch Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA im EU-Parlament, zeigte sich entsetzt über die Verlängerung der Zulassung und Deutschlands Rolle hierbei: „Glyphosat, das sollte allen Beteiligten eigentlich klar sein, steht unter Krebsverdacht, dezimiert die Artenvielfalt und hat auf den Äckern nichts mehr zu suchen. Es gilt als ein völlig überholtes Mittel“, teilte Häusling am Montag mit. „Doch das kümmert weder die EU-Kommission noch den CSU-Minister und seine Chefin Angela Merkel. Sie haben sich willfährig dem Lobbydruck ergeben, statt sich des in Europa an sich geltenden Vorsorgeprinzips zu erinnern und den Verbraucherschutz an die erste Stelle politischen Handels zu stellen. Dieser Politik gehört die rote Karte gezeigt“, fügte er hinzu. Seit Langem herrscht in der EU und der Wissenschaft Uneinigkeit über die Krebsgefahr durch Glyphosat. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation hatte Glyphosat als „wahrscheinlich“ krebserregend für den Menschen eingestuft. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa, die Europäische Chemikalienagentur Echa und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind hingegen der Auffassung, das Risiko sei nicht ausreichend belegt. (ab)

24.11.2017 |

WHO prangert übermäßigen Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung an

Schwein
Bessere Haltung statt Antibiotika beugt Krankheiten vor (Foto: CC0)

Die Weltgesundheitsorganisation hat an Landwirte und die Lebensmittelindustrie appelliert, keine Antibiotika an gesunde Tiere zu verabreichen. Am 7. November legte die WHO neue Richtlinien vor, die auf die Bewahrung der Wirksamkeit von für die Humanmedizin wichtigen Antibiotika abzielen. Der in vielen Ländern immer noch praktizierte Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft zur Wachstumsförderung oder Krankheitsprävention trage zur wachsenden Bedrohung durch antibiotikaresistente Keime bei. Das Problem ist bekannt: Schon 1997 hatte die WHO die Vermeidung des nicht-therapeutischen Einsatzes von Antibiotika in der Tierhaltung gefordert, da durch die Entwicklung von resistenten Bakterienstämmen Krankheiten oft nicht mehr behandelt werden können. Nun betont die Organisation erneut, dass einige gefährliche Bakterientypen bereits Resistenzen gegen fast alle verfügbaren Behandlungsmethoden entwickelt hätten. Die Forschung habe kaum vielversprechende Alternativen in petto. „Die wissenschaftlichen Belege zeigen, dass der übermäßige Gebrauch von Antibiotika in der Tierhaltung zur Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen beiträgt“, sagte Dr. Kazuaki Miyagishima, der die Abteilung für Lebensmittelsicherheit und Zoonosen bei der WHO leitet. „Die Abgabemenge von Antibiotika für die Tierhaltung steigt weltweit weiterhin, angeheizt durch einen wachsenden Bedarf an tierischen Lebensmitteln, die oft in der Intensivtierhaltung produziert werden.“ In einigen Ländern würden fast 80% der für die Humanmedizin wichtigen Antibiotika in Ställen verbraucht, größtenteils für die Wachstumsförderung von gesunden Tieren.

Die WHO empfiehlt eine rasche Verringerung der in der Tierhaltung eingesetzten Antibiotikamenge. Sie verweist auf eine im Fachjournal “The Lancet Planetary Health” erschienen Studie, der zufolge Maßnahmen zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes in Ställen bei den Tieren zu einer Verringerung von antibiotikaresistenten Bakterien um 39% führten. Gesunde Tiere sollten nur Antibiotika verabreicht bekommen, wenn andere Tiere in derselben Herde nachweislich erkrankt seien. Gemäß den Richtlinien sollten im Bedarfsfall aber nur Antibiotika eingesetzt werden, die für den Menschen die geringste medizinische Bedeutung haben. Wichtige Reserveantibiotika für den Menschen hätten in Ställen nichts zu suchen. Die Gesundheitsexperten fordern auch ein komplettes Verbot des Einsatzes von für die Humanmedizin wichtigen Antibiotika für die Wachstumsförderung in der Tierhaltung. Die WHO hob hervor, dass viele Länder bereits Maßnahmen ergriffen hätten, um die Antibiotikaeinsatz im Stall zu verringern. EU-weit besteht etwas schon seit 2006 das Verbot, Antibiotika in der Tierhaltung als Wachstumsförderer einzusetzen. Auf das Grundproblem – ein Haltungssystem, das auf Antibiotika angewiesen ist, damit die Tiere gesund bleiben – wird in dem 88 Seiten starken Dokument nicht eingegangen. Die WHO pocht aber auf „Alternativen zum Einsatz von Antibiotika zur Krankheitsprävention bei Tieren, wie verbesserter Hygiene, die verbesserte Nutzung vom Impfungen und Änderungen in der Unterbringung und Haltung von Tieren“. (ab)

22.11.2017 |

Fitness-Check: EU-Agrarpolitik leistet zu wenig für Umwelt und kleine Betriebe

Acker
Die GAP verfehlt Umweltziele (Foto: CC0)

Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union ist enorm ineffizient, versagt beim Umweltschutz und unterstützt kleinere Betriebe nicht ausreichend. Dies ist das ernüchternde Fazit einer internationalen Studie, die am 21. November in Brüssel präsentiert wurde. Im Auftrag des Naturschutzbund Deutschland, des Europäischen Umweltbüros und BirdLife Europe unterzog ein Team von Ökonomen, Soziologen und Ökologen die EU-Agrarpolitik einem „Fitness Check“. Obwohl die EU mit diesem Instrument viele ihrer Rechtsakte selbst auf den Prüfstand stellt und die Agrarpolitik mit 60 Milliarden Euro fast 40% des EU-Haushaltes ausmacht, kam die GAP bisher ungeschoren davon. Daher wandten die Autoren selbst die Kriterien für Fitness-Checks der EU-Kommission an und werteten 450 wissenschaftliche Publikationen aus. Aber auch der Beitrag der GAP zum Erreichen der UN-Nachhaltigkeitsziele wurde unter die Lupe genommen.

Was die Effizienz und innerer Kohärenz betrifft, stellen die Wissenschaftler ein schlechtes Zeugnis aus. „Unsere Literaturstudie zeigt, dass die GAP in ihrer jetzigen Form die selbst gesteckten Ziele nicht erfüllt. Vor allem die Direktzahlungen der Ersten Säule erzeugen eine Reihe von Problemen“, sagte Sebastian Lakner, einer der Studienautoren. Zwar erhöhten die pauschalen Flächenprämien der sogenannten 1. Säule die Einnahmen von Betrieben. Doch angesichts der dafür eingesetzten rund 44 Milliarden Euro jährlich trage dies „eklatant wenig zu einem angemessenen Lebensstandard der Landwirte und dem Abbau von Ungleichheiten im ländlichen Raum bei“, obwohl dies wesentliche Ziele der GAP seien. Zudem würden die Direktzahlungen massiv die Abhängigkeit der Landwirte von Subventionen befeuern, Produktionsentscheidungen beeinflussen und die Effizienz der Betriebe verringern. Stark zu kritisieren sei auch die Ineffizienz und Ungleichheit in der Zahlungsverteilung, die weder die Bedürfnisse der Landwirte noch die Meinungen aus der Gesellschaft berücksichtige. So gingen im Jahr 2015 rund 80% der Zahlungen an nur 20% der Empfänger. Bei Zahlungen über 50.000 Euro entfielen 32% der Gelder auf lediglich 1,5% der Betriebe. „Eine ungleiche Verteilung der Direktzahlungen an die Landwirte zeigt, dass die GAP dabei versagt, jene zu unterstützen, denen sie eigentlich helfen soll“, sagte Dr. Raphael Weyland, Referent für EU-Naturschutzpolitik beim NABU.

Aber auch bei der Erreichung von Umweltzielen fällt die EU-Agrarpolitik durch: „Die wirksamsten Instrumente der GAP, die gezielten Agrarumweltmaßnahmen, erhalten nur einen Bruchteil der Finanzierung, die in das hochbürokratische und ökologisch kaum wirksame „Greening“ fließt. Zudem sei das aktuelle System nicht in der Lage, den Verlust der Artenvielfalt zu stoppen. Gleiches gelte für die Vermeidung von Umweltschäden wie die zu hohe Nitratbelastung des Grundwassers“, fasst der NABU die Ergebnisse zusammen. „Die EU sollte sich auf die Frage besinnen, welche Ziele die GAP tatsächlich erfüllen soll“, sagte Sebastian Lakner. „Meiner Ansicht nach sollten drei wichtige Ziele angegangen werden: Die landwirtschaftliche Produktion muss nachhaltiger werden, der Verlust der Artenvielfalt gestoppt und der Kampf gegen den Klimawandel auch im Agrarbereich angegangen werden. Dazu sollte die EU-Kommission nun einen ambitionierten Reformvorschlag vorlegen.“ EU-Agrarkommissar Phil Hogan wird am 29. November seine Pläne für die künftige EU-Agrarpolitik vorstellen, doch momentan sieht es danach aus, dass er etwa an den pauschalen Direktzahlungen festhalten möchte. Der NABU fordert hingegen, dass die EU ab 2020 das Fördersystem umbaut. „Landwirte muss es in die Lage versetzen, umweltfreundlicher zu produzieren und zugleich höhere Einkommen zu erzielen. Dazu müssen die Pauschalsubventionen mit dem Gießkannenprinzip ersetzt werden durch Investitionen in bessere Tierhaltung und Ackerbau.“ (ab)

15.11.2017 |

Neue Studie: Bio kann die Welt ernähren, aber weniger Fleischkonsum nötig

Bio
Bio kann die Welt ernähren (Foto: CC0)

Der Ökolandbau könnte eine wachsende Weltbevölkerung ernähren. Das belegt eine umfassende Studie, die im Fachjournal Nature Communications erschienen ist. Auch bei einer vollständigen Umstellung auf Bio könnten genug Lebensmittel mit der gleichen Fläche produziert werden – doch die Menschen müssten ihren Fleischkonsum auf ein gesundes Maß senken, weniger Lebensmittel vergeuden und die Fütterung in der Tierhaltung umstellen. Für die Studie nutzten Wissenschaftler des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), der Universität Aberdeen, der Universität Klagenfurt, der ETH Zürich und der Welternährungsorganisation FAO ein Modell, das verschiedene Aspekte des Ökolandbaus einbezieht, wie einen höheren Anteil an Leguminosen, geringere Erträge, Verzicht auf synthetische Düngemittel oder weniger Bedarf an Getreide und Körnerleguminosen für Tierfutter. „Die Ergebnisse zeigen, dass die Umstellung auf Ökolandbau allein den Flächenbedarf zwar erhöht im Vergleich zur konventionellen Produktion, aber Vorteile in Bezug auf andere Faktoren hat, wie Pestizideinsatz und weniger Stickstoffüberschüsse. Wird der Ökolandbau mit ergänzenden Transformationen im globalen Ernährungssystem kombiniert, wie einer anderen Tierfütterung und geringeren Tierbeständen oder veränderten Abfallmustern, kann er dazu beitragen, mehr als 9 Milliarden Menschen im Jahr 2050 zu ernähren – und zwar auf nachhaltige Weise“, schreiben die Autoren.

„Biologischer Landbau mit seinem schonenderen Umgang mit Umwelt und Ressourcen wird oft als Lösungsweg für die aktuellen Herausforderungen vorgeschlagen. Andererseits betonen Kritiker, dass diese Umstellung zu viel höherem Landverbrauch führen würde und deshalb keine gangbare Alternative sei“, erläutert Mitautor Karlheinz Erb von der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. Denn die Erträge im Ökolandbau fallen meist geringer aus als in der konventionellen Landwirtschaft. Die Experten berücksichtigten verschiedene Studienergebnisse zur Ertragslücke: Würde zu 100% auf Biobewirtschaftung umgestellt, stiege bei einer durchschnittlichen Ertragslücke im Ökolandbau von 8% bis 25% der Landbedarf um 16% bis 33%. Doch dies wäre verkraftbar, wenn Ackerflächen eingespart würden, die bisher „für die Katz“ – oder Kuh und Co – bestellt werden. Ein Beispiel ist die Lebensmittelverschwendung: Die FAO geht davon aus, dass ein Drittel aller Agrarerzeugnisse weltweit vergeblich angebaut wird, da sie nicht vom Acker auf die Teller der Verbraucher gelangen. Würden Lebensmittelverluste und -verschwendung reduziert – die Wissenschaftler legen je nach Szenario eine Verringerung um 25% bis 50% zugrunde – könnten die freiwerdenden Flächen dafür genutzt werden, einen großen Teil der Ertragslücke auszugleichen. Auch eine kraftfutterfreie, graslandbasierte Tierproduktion würde Ackerfläche einsparen, da Weideflächen, die nicht für den Anbau von Kulturen geeignet sind, zur Ernährungssicherung genutzt würden. Doch das ginge nur, wenn beim Fleischkonsum auf Klasse statt Masse geachtet würde.

Die Wissenschaftler liefern nicht nur Ganz-oder-gar-nichts-Szenarien. Selbst wenn die Landwirtschaft nur zu 60% auf Bio umgestellt würde und die Kraftfuttergaben und Lebensmittelabfälle halbiert würden, wäre die Ernährung der Weltbevölkerung möglich und zwar mit deutlich weniger negativen Umweltauswirkungen und Treibhausgasemissionen – allerdings mit einem Drittel weniger tierischen Produkten und dafür mit mehr pflanzlichen Kalorien. „So könnte man die Ernährung der Weltbevölkerung auch bei über 9 Milliarden im Jahre 2050 sichern, der Landverbrauch würde nicht zunehmen und die negativen Auswirkungen des heutigen intensiven Ernährungssystems wie große Stickstoffüberschüsse oder hohe Pestizidbelastung würden stark reduziert werden“, betonte Erb.

Mitautor Professor Pete Smith von der Universität Aberdeen ist zuversichtlich, dass ein Wandel möglich ist. „Diese Studie ist wichtig, denn sie zeigt, dass wir nicht auf dem Schnellzug hin zu einer immer stärkeren Intensivierung der Landwirtschaft bleiben müssen. Wenn wir gewillt sind, unseren Konsum tierischer Produkte zu verringern, Lebensmittelabfälle zu reduzieren und die verbleibenden Tiere ihrer Natur gemäß zu füttern – Wiederkäuer mit Gras und Schweine und Geflügel mit Essensresten – (…) können wir von diesem Schnellzug abspringen und mehr Menschen nachhaltig ernähren“, sagte Smith. „Wenn uns dies als Gesellschaft gelingt, können wir alle auf dieser Welt mit einem verringerten Umweltfußabdruck ernähren.“ Der Agrarwissenschaftler Andreas Bürkert von der Universität Kassel setzt weniger Hoffnung auf den Veränderungswillen der Gesellschaft: „Die Studie zeigt zwar umfassend, was prinzipiell möglich ist, aber eine weltweite Etablierung des fleischarm essenden, vernünftigen Bildungsbürgers ist unrealistisch“, sagte er dem Spiegel. „Das ist ein Wünsch-dir-was-Szenario, das nur durch große Veränderungen in der Politik und in der Bildung vorangetrieben werden könnte.“ Höchste Zeit also, diese Veränderungen einzuleiten! (ab)

14.11.2017 |

Wissenschaftler: Klimawandel steuert Erde auf gefährliche Kipppunkte zu

Ernte
Höhere Temperaturen gefährden die Erträge vieler Nutzpflanzen (Foto: CC0)

Die globale Erwärmung schreitet voran und bringt die Erde auf Kollisionskurs mit gefährlichen „klimatischen Kipppunkten“, lautet die eindringliche Warnung führender Wissenschaftler. Future Earth und Earth League, zwei internationale Allianzen von Nachhaltigkeitsforschern, veröffentlichten am Montag auf der Weltklimakonferenz COP23 „Die 10 'Must-Knows' zum Klimawandel“. „Entscheidende Fakten zum Klimawandel gehen manchmal im Getöse täglicher Verhandlungen verloren - auch auf Veranstaltungen wie dem UN-Klimagipfel“, betonte Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). „Deshalb ist es wichtig, an den Grund zu erinnern, warum sich in Bonn zehntausende Menschen treffen: ein noch nie dagewesenes Risiko für die Menschheit durch die globale Erderwärmung, wie die Wissenschaft zeigt.“ Professor Johan Rockström, Leiter des Stockholm Resilience Centre und Vorsitzender der Earth League, unterstrich, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel nicht länger eine künftige Bedrohung darstelle. „Er ist da, er ist gefährlich und es wird noch schlimmer“, warnte er. „In den letzten zwei Jahren haben sich die Belege dafür gehäuft. Dass wir uns auf Kollisionskurs mit Kipppunkten des Systems Erde befinden“, fügte er hinzu. Wenn diese Grenzen überschritten werden, drohen dem Planeten abrupte und unumkehrbare Veränderungen in der Funktionsweise der Arktis, des Amazonasgebiets oder anderer Teile der Erde.

Die zehn Punkte des Papiers fußen auf unzähligen wissenschaftlichen Bestandsaufnahmen und Studien. Die Wissenschaftler warnen, dass der Klimawandel tiefgreifende Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben und neuen Druck auf die Ernährungssicherheit und die Wasserversorgung vieler Länder weltweit ausüben werde. „Beschleunigte Veränderungen in den Ökosystemen der Erde sind eine erhebliche Bedrohung für die menschliche Gesundheit und Existenz, da sie sich auf die Ernährung und Verfügbarkeit von Lebensmitteln auswirken und Erkrankungen der Atemwege und die Verbreitung von Parasiten begünstigen können.“ Zwei Beispiele: Einer neusten Schätzung zufolge könnten die Ernteerträge um 3-7% pro Grad Erwärmung sinken. Im Jahr 2050 werden mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Gebieten mit Wasserknappheit leben und mehr als eine Milliarde wird nicht über ausreichend Wasser verfügen. „Ohne Gegenmaßnahmen werden sich diese Gesundheitsgefahren mit der Zeit verstärken. Gegenden mit einer schlechten Gesundheitsinfrastruktur, vor allem in Entwicklungsländern, werden sich ohne Hilfe am schlechtesten auf Notsituationen vorbereiten und reagieren können.“ Ein weiterer Punkt: Auch Migrationsströme, innere Unruhen und gar Bürgerkriege werden durch den Klimawandel höchstwahrscheinlich verstärkt. 2015 wurden 19 Millionen Menschen weltweit durch Naturkatastrophen und Extremwetterereignisse vertrieben und der Klimawandel werde die Zahl noch weiter in die Höhe schnellen lassen.

Punkt 8 auf der Liste ist ein Aufruf zum Handeln: „Die Welt muss rasch agieren: Wenn die Menschheit so viel Treibhausgasemissionen wie bisher ausstößt, wird schon in 20 Jahren das verbleibende CO2-Budget für die Einhaltung des 2-Grad-Ziels ausgeschöpft sein.“ Der Höhepunkt der Emissionen müsse bereits 2020 erreicht werden, damit sie sich bis etwa 2050 null annähern. Dazu müsse auch die Abholzung von Wäldern gestoppt, die Landwirtschaft von einer CO2-Quelle zur Kohlenstoffsenke werden und bestehende Kohlenstoffsenken zu Land und zu Wasser geschützt werden. Doch das ist laut den Experten noch nicht genug: Wenn die Ziele des Parisabkommens erreicht würden, müsse sich die Welt dennoch auf bereits einsetzende Veränderungen einstellen und widerstandsfähig werden. „Selbst wenn die Temperaturen unter 2 Grad über dem vorindustriellen Zeitalter gehalten werden können, wird es in einigen Regionen ein erhöhtes Risiko geben für steigende Meeresspiegel, Waldbrände, Ernährungsunsicherheit und Wasserknappheit. Auch extreme Hitze, Krankheiten und Extremwetterereignisse können zunehmen“, warnen die Autoren. Die Bewahrung und Stärkung der Widerstandsfähigkeit unserer Ökosysteme in Zeiten des Klimawandels – von Wäldern über Böden bis hin zu Ozeanen – erfordere eine globale Transformation hin zur Nachhaltigkeit. „Die Gesamtheit der wissenschaftlichen Belege deutet darauf hin, dass nachhaltige Entwicklung mit einer Umstellung auf nachhaltige Ernährungssysteme, Energiesysteme ohne Kohle, widerstandsfähige Städte, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle Menschen, gesunde Ozeane, sicheres Wasser und Schutz der Artenvielfalt den Grundstein für den Erfolg legt“, schlussfolgern die Forscher. (ab)

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