Wissen und Wissenschaft

Die Steigerungen der landwirtschaftlichen Produktion in den vergangenen fünfzig Jahren wären ohne bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse undenkbar gewesen. Das Prinzip dieses wissen- schaftlichen Fortschritts beschreibt der Weltagrarbericht als Technologie-Transfer-Modell (Transfer of Technology, ToT): Wissenschaftliche Institutionen definieren Probleme und entwickeln technische Lösungen, die über Berater den Bauern vor Ort als ausführenden Organen vermittelt werden. Das Technologie-Transfer-Modell beherrscht bis heute sowohl die Politik als auch die Praxis. Um komplexere Entwicklungsziele zu erreichen, die die vielfältigen Aufgaben und Rollen landwirtschaftlicher Unternehmen und agrarökologischer Systeme berücksichtigen, erwies sich das Modell allerdings als wenig effektiv (siehe auch > Agrarökologie & Multifunktionalität).

 

Technologie-Transfer oder gemeinschaftliche Innovation?

Bei der Grünen Revolution setzten vor allem öffentliche nationale und internationale Forschungszentren und Institutionen das Technologie-Transfer-Modell um.
Internationale Unternehmen entwickelten dieses hierarchische Modell fort. Es wird in den Industriestaaten bis heute angewandt.
Produktivitätssteigerung steht im Mittelpunkt. Das Modell misst seinen Erfolg an der rate of return, dem wirtschaftlichen Ertrag pro Forschungs-Dollar. Ökologische, gesund- heitliche, soziale und andere marktwirtschaft- lich nicht messbare Erfolge und Kosten entgehen dieser Bewertung.
Seit den 70er Jahren gibt es Konzepte, die sowohl bei der Problem-Definierung als auch für die Problem-Lösung das Wissen von Landwirten, Gemeinden, Institutionen, NGOs und Wissenschaftlerinnen verschiedener Disziplinen einbeziehen. Auch in offiziellen Wissenschafts- und Technologie-Organisationen wächst die Erkenntnis, dass sich das bisherige Konzept des Technologie-Transfers verändern muss. Ein möglicher Weg dafür: Die Fixierung auf Wissenschaft als einzigem Ort von Forschung und Entwicklung aufgeben und die Wissensproduktion demokratisieren.
Trotz überzeugender Erfolge haben sich diese Innovationskonzepte bisher nur begrenzt durchgesetzt. Ein Grund ist mangelndes wirtschaftliches Interesse daran, Gemeingüter zu verbessern und den allgemeinen Wohlstand zu steigern. Schneller Ertrag zählt. Widerstand gegenüber innovativen Konzepten kommt aber auch aus der Wissenschaft selbst. Denn die neuen Ansätze stellen ihre traditionelle Autorität als universelle, wertfreie Methode zur Beschreibung objektiver Wahrheit in Frage (siehe auch > Hunger im Überfluss & Gesundheit).

Niedergang öffentlicher Agrarforschung

In den meisten Industriestaaten zieht sich die öffentliche Hand mehr und mehr bei der Organisation und Finanzierung der allgemei- nen Agrarforschung und -lehre zurück.
An ihre Stelle treten Agrarchemie- und Saatgut-Unternehmen, die eine sinkende Zahl von Landwirten mit technologischen Paket-Lösungen für standardisierte Anbau- methoden der Haupt-Getreide und Ölsaaten sowie zur Hochleistungs-Tierhaltung ver- sorgen.
In wenigen Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas steht diesem Trend zur Privatisierung eine Ausweitung der öffentlichen landwirtschaftlichen Forschung gegenüber. In den meisten Entwicklungsländern dagegen stagnierten solche öffentliche Investitionen in den vergangenen Jahrzehnten.
Selbst die von der Weltbank verwalteten 15 internationalen Agrarforschungszentren (CGIAR), deren Züchtungen und Technologietransfer-Programme für die Grüne Revolution noch eine wesentliche Rolle gespielt hatten, verfügen über ein vergleichsweise bescheidenes Jahresbudget mit rund 696 Millionen Dollar im Jahr 2010 (siehe auch > Saatgut und Patente auf Leben).

 

Traditionelles und lokales Wissen

Traditionelles und lokales Wissen entzieht sich häufig wissenschaftlicher Beschrei- bung. Grund dafür ist auch die regionale, kulturelle und spirituelle Vielfalt der Wissens-, Erkenntnis- und Vermittlungs-Systeme, in denen traditionelles Wissen genutzt und weitergegeben wird. Wo sich solche Zusammenhänge auflösen, geht Wissen schnell verloren. Der Verlust regionaler und lokaler Sprachen, mit denen auch Begriffe und Wissen über die örtliche Artenvielfalt und ihren Gebrauch untergehen, ist ein Beispiel dafür. Der Weltagrarbericht nennt viele Beispiele wertvollen traditionellen Wissens, die aus dem Wahrnehmungs- bereich „moderner” landwirtschaftlicher Forschung und Entwicklung herausfallen: Jahrhundertealte Formen nachhaltigen Wasser und Bodenmanagements, biologische Schädlingskontrolle, gemeinschaftliche Saatgutentwicklung sowie der gewaltige Wissens- und Erfahrungsschatz über die Vielfalt und den Nutzen von Saatgut, Wildpflanzen, Tieren und Mikroorganismen für Ernährung und Medizin.
Traditionelles und lokales Wissen mit Erkenntnissen moderner Wissenschaft gleichberechtigt und praktisch zu verbinden, birgt große Chancen, aber auch Risiken. Viele Hüter traditionellen Wissens sind misstrauisch geworden, weil sie erleben, wie ihre Kenntnisse lediglich abgezogen oder sogar durch Patentierung enteignet werden. Bisher fehlen wirksame internationale Vereinbarungen, die etwa Biopiraterie verhindern (siehe auch > Bäuerliche und industrielle Landwirtschaft &  Ernährungs-Souveränität).

 

Zukunftsinvestitionen

Der Weltagrarbericht fordert öffentliche Investitionen in landwirtschaftliches Wissen und dessen Vermittlung auf allen Ebenen massiv zu steigern. Öffentliche Mittel müssen sich gezielt auf öffentliche Güter von strategischer Bedeutung für Ernährungs- sicherheit, Klimawandel und Nachhaltigkeit konzentrieren. Denn hierfür stehen privat- wirtschaftliche Investitionen praktisch nicht zur Verfügung.
Öffentliche Investitionen sollen eine Neu- orientierung landwirtschaftlicher Wissens- strukturen verfolgen, unter anderem durch:
- interaktive Wissensnetzwerke (zwischen einzelnen Bäuerinnen und Bauern, bäuerlichen Gemeinschaften, Wissenschaftlern, Vertretern der Industrie und anderer Wissensbereiche),
- verbesserten Zugang aller Akteure zu Information und Kommunikations-Technologien,
- gezielte Stärkung von Wissenszweigen, die sich mit Ökologie, Evolution, Lebensmitteln, Ernährung, sozialen und komplexen Systemen sowie der Entwicklung effektiver Interdisziplinarität befassen,
- Einrichtungen mit entsprechender personeller Ausstattung, die allen in der Landwirtschaft Tätigen lebenslange Bildung ermöglichen (Synthese, S. 33).

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