Weltmarkt und Handel

Die Steigerung und Liberalisierung des globalen Handels darf nicht weiter das Ziel der internationalen Handelspolitik sein. Die regionalen Berichte nennen eine Reihe politischer Herausforderungen:

1. Handelsregeln zu vereinbaren, die Entwicklungsländern den nötigen Handlungsspielraum geben, um eine Politik der Entwicklung, Armutsreduzierung und Ernährungsicherheit zu verfolgen, und die Vertielung von Wohlstands-Gewinnen und -Verlusten durch Handelsliberalisierung anzugehen;

2. Die Garantie auskömmlicher Preise für Kleinbauern;

3. Den Mehrwert zu erhöhen, den kleine Produzenten in vertikal integrierten Lebensmittelketten erzielen;

4. Das Problem steigenden Verwaltungsaufwands und sinkender Staatseinahmen, die sich aus Handelsabkommen und der Abschaffung von Zöllen ergeben, in den Griff zu bekommen;

5. Die Externalisierung von Umweltkosten der Landwirtschaft anzugehen; und 6. Entscheidungsstrukturen im Lanwirtschaftsektor, auch über Forschungsprioritäten, Entwicklungen und Leistungen Handelspolitik zu verbessern. (Global, S. 453)
Der Weltagrarbericht schlägt eine radikale Umkehr der bisherigen Politik vor: Gerade Bäuerinnen und Bauern aus den Entwicklungsländern sollen für ihre Umweltleistungen wie Bodenerhaltung, Wassermanagement, die Bewahrung biologischer Vielfalt und die Reduzierung von CO2-Emissionen bezahlt werden. Das könnte die ländliche Entwicklung ankurbeln und ökologische Nachhaltigkeit finanzierbar machen. Dazu bedarf es neuer internationaler Handelsregeln, die berücksichtigen müssen, wie Produkte hergestellt werden. Auch externalisierte Kosten von Produkten müssen dabei berücksichtigt werden: Die Übernutzung natürlicher Ressourcen, lokale und globale Schäden an der Umwelt sowie Schäden an anderen Gemeinschaftsgütern.

Dominanz des internationalen Handels

Nur wer seine Produkte zu einem auskömmlichen Preis verkaufen kann, produziert mehr als die Familie oder die Dorfgemeinschaft verbraucht. Nur so kann eine Familie zur Ernährung weiterer Menschen beitragen und Vorsorge für schlechtere Zeiten treffen.
Die erste Voraussetzung dafür ist der Zugang zu einem Markt. Die zweite ist häufig die Möglichkeit zu investieren und die damit verbundenen Risiken zu beherrschen. An diesen Grundvoraussetzungen scheitern heute Millionen von Bäuerinnen und Bauern. Ihnen bleibt der lokale, regionale und nationale Markt verschlossen. Es fehlen Infrastruktur, Konkurrenzschutz und systematische Entwicklung.
Billige Fertigprodukte, wie etwa Milchpulver, aus Industriestaaten finden oft leichter Zugang zu den Märkten des Südens als die Produkte der eigenen Region. Die Industrieländer subventionieren die eigenen Exporte. Umgekehrt erheben sie häufig so genannte eskalierende Importzölle, die mit dem Verarbeitungsgrad der Produkte steigen. So werden Rohstoffe billig eingeführt, Fleisch und Konserven dagegen zum Schutze der eigenen Industrie mit höheren Zöllen belegt. Das verhindert in vielen Entwicklungsländern den Aufbau einer eigenen Verarbeitungswirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Marktkonzentration

Zwischen Bauer und Verbraucher liegt das Nadelöhr des Welthandels. Hier fallen die größten Profite an, hier liegt die größte Marktmacht. Sie liegt in der Hand weniger internationaler Großhandels-, Verarbeitungs- und Einzelhandelskonzerne, die den Welthandel beherrschen. IAASTD-Prognosen zum globalen Nahrungsmittelsystem erwarten eine Anspannung der Lebensmittelmärkte bei zunehmender Marktkonzentration in den Händen weniger, rapides Wachstum globaler Einzelhandelsketten in allen Entwicklungsländern und eine Verknappung der natürlichen und materiellen Ressourcen, die nachteilig auf die Ernährungssicherheit wirken. Die realen Weltmarktpreise der meisten Getreidearten und Fleischprodukte werden in den kommenden Jahrzehnten steigen und damit den Trend der Vergangenheit dramatisch umkehren. Millionen Kleinbauern und landlose Arbeiter in Entwicklungsländern und unterentwickelten Regionen, die von den Veränderungen des globalen und regionalen Handels bereits geschwächt wurden, werden durch unterentwickelte Markt-Infrastruktur, eine schwache Verhandlungsposition und mangelende Anpassungsfähigkeit an neue Marktanforderungen noch schwerer haben, sich zu ernähren und eine auskömmliche Existenz zu erhalten. (Synthese, S. 22)Der Landwirtschaft vor- und nachgelagert sind die Wirtschaftsbereiche Agrarchemie, Saatgutproduktion, Lebensmittelindustrie, Rohstoff- und Einzelhandel. In diesen Wirtschaftsbereichen findet zunehmend eine globale Konzentration statt. Die verstärkt die Tendenz, Kleinbauern und Subsistenzlandwirte wirtschaftlich an den Rand zu drängen. Sie sind für die globale Industrie weder als Kunden noch als Lieferanten interessant.

Agrarexporte behindern Entwicklung heimischer Märkte

Obwohl nach wie vor nur ein kleiner Teil der landwirtschaftlichen Produktion international gehandelt wird (bei Getreide sind es weniger als 14%), haben Weltmarktpreise eine gewaltige Hebelwirkung. Denn sie bestimmen gerade in kleineren Ländern mit ungeschützten Märkten auch die nationalen Preise. Heimische Produzenten werden von den städtischen Märkten sofort verdrängt, wenn sie höhere Preise fordern.
Der Welthandel hat großen Einfluss auf die Landwirtschaftspolitik vieler Entwicklungsländer. Anstatt die Versorgung der eigenen Bevölkerung und die Entwicklung der heimischen Märkte und ländlichen Gebiete zu fördern, versuchen deren Regierungen und Eliten häufig, durch Agrarexporte Devisen und Steuereinkommen zu erzielen. Viele Länder, deren Bevölkerung unter Hunger leidet, versorgen gleichzeitig die Futter-, Faser-, Treibstoff und Genussmittelindustrie des Nordens mit billigen Rohstoffen - zu hohen ökologischen und sozialen Kosten.

Ansätze der Privatwirtschaft

Fair-Trade-Initiativen und der Handel mit biologischen Produkten folgen dem Ansatz der vom Weltagrarbericht geforderten neuen Regeln für den Weltmarkt: Bäuerinnen und Bauern profitieren von ihren bei der Produktion erbrachten Umweltleistungen.
Solche privatwirtschaftliche Initiativen, die als Alternativen zu den herrschenden Rohstoffmärkten entwickelt wurden, erweisen sich als probate Mittel der Armutsbekämpfung. Sie ermöglichen es Verbraucherinnen und Verbrauchern in den Städten des Nordens wie des Südens, sich durch bewusste Kaufentscheidungen aktiv für nachhaltige Formen der Landwirtschaft einzusetzen. Damit üben sie auch einen heilsamen Druck auf den restlichen Markt aus. Fair-Trade und ökologishe Produktionssysteme wie biologischer und umweltschonender Anbau, die als Alternativen zu den herrschenden Rohstoffmärkten entwickelt wurden, erweisen sich als probate Mittel zur Armutsbekämpfung. Der Markt für diese Modelle, die Kleinproduzenten bessere Handlungsbedingungen bietet, ist langsam gewachsen und macht nur einen kleinen Teil des Welthandels aus. Nichtsdestotrotz haben sie ihre prinzipielle Funktrionsfähigkeit bewiesen. Dabei geht es um die Gestaltung einer neuen Generation von Geschäftsmodellen und Plattformen, die durch stabilere Nachfrage schlechter ausgestatteten Produzenten Zugfangsfesnster zum allgemeinen Markt eröffnet. (Global, S.460)

Gates Foundation öffnet die Türen für Soja in Afrika

Sojabohnen - Bild: Benjamin Klack / pixelio.de
Sojabohnen - Bild: Benjamin Klack / pixelio.de

Ein weltweit wachsender Viehbestand und die zunehmende Nachfrage nach Bio-Treibstoffen treiben den Bedarf an Soja in die Höhe. Bisher wachsen weniger als 1% des weltweiten Sojas in Afrika, doch das soll sich ändern. Mit 8 Millionen Dollar will die Bill und Melinda Gates Stiftung Soja Wertschöpfungskette in Afrika unterstützen. In Zusammenarbeit mit dem Handelsgiganten im Agrargeschäft Cargill sollen in den nächsten vier Jahren ausgehend von Mosambik und Sambia Kleinbauern in den Sojaanbau eingebunden werden. Mosambik hat bereits 37.000 Megatonnen gentechnischen Soja ins Land gelassen. Das African Centre for Biodiversity (ACB) befürchtet, dass die Gates Foundation und Cargill Gentechnik-Soja in Afrika verbreiten wollen.

Mehr dazu im ACB Briefing Paper No.20, 2010 (17 Seiten in Englisch)

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