Bäuerliche und industrielle Landwirtschaft

Der Weltagrarbericht ist weit davon entfernt, die existierende kleinbäuerliche und traditionelle Landwirtschaft romantisch zu verklären oder gar eine Rückkehr zu vorindustriellen Zuständen zu fordern. Deutlich und detailliert beschreibt er ihre oft unzureichende Produktivität und Effizienz. Gesundheits- und umweltschädliche Praktiken und der Mangel an traditionellem wie modernem Wissen, tragen zum Elend vieler Kleinbauern und Subsistenz-Familien bei. Gerade deshalb sieht der Weltagrar- bericht Investitionen in die kleinbäuerliche Produktion als das dringendste und sicherste Mittel an, Hunger zu bekämpfen. Und zugleich die ökologischen Auswirkungen der Landwirtschaft zu minimieren.
Verbesserte Anbaumethoden, meist einfache Technologien, geeignetes Saatgut und eine Vielzahl von agrarökologischen Strategien, bergen ein gewaltiges Produktivitätspotential. Wo Kleinbauern genügend Land, Wasser, Geld und Arbeitsgeräte zur Verfügung stehen, produzieren sie einen deutlich höheren Nährwert pro Hektar als die industrielle Landwirtschaft. Und das in der Regel mit deutlich niedrigerem externen Input und geringeren Umweltschäden. Kleinbäuerliche Betriebe können sich besser und flexibler den Erfordernissen und Veränderungen ihrer Standorte anpassen. Zusätzlich sichern sie mehr Existenzen auf dem Land, weil sie arbeitsintensiver sind. (siehe auch Ernährungs-Souveränität)

Entwicklungsmodell globale Produktivitätssteigerung

"Wachse oder weiche!" lautete mit wenigen Ausnahmen fast 50 Jahre lang das Credo der privaten wie öffentlichen Agrarpolitik und Agrarforschung. Nur größere wirtschaftliche Einheiten seien in der Lage, durch moderne und rationalisierte Anbaumethoden eine Produktivitätssteigerung konkurrenzfähig zu erbringen. Diese globale Produktivitäts- steigerung sei zur Ernährung einer rapide wachsenden Weltbevölkerung erforderlich.
Das Entwicklungsmodell basiert auf Technologieschüben von Mechanisierung, Zucht, Chemieeinsatz, etc.: Bei steigendem externem Input senken sie die Stückkosten der Produktion.Die landwirtschaftliche Tretmühle: (…) Bauern, die frühzeitig eine Technologie einführen, die produktiver oder kostengünstiger ist als der allgemeine Stand der Technik, realisieren so lange einen Extraprofit, wie die Preise sich dieser Effizienzsteigerung noch nicht angepasst haben. Sobald andere die neue Technologie einsetzen, steigt die Produktion und die Preise beginnen zu fallen. Bauern, die die Technologie nicht einsetzen, geraten dann in eine Preisklemme: Ihr Einkommen sinkt, egal wie hart sie arbeiten (Global, S. 73).Die Erzeugerpreise sinken, die Produktion und Produktivität pro Arbeitskraft steigen. Auf dem Markt überleben die Unternehmen, die durch entsprechende Rationalisierungs- und Erweiterungsinvestitionen oder Standortvorteile der Konkurrenz einen Schritt voraus sind.

In durchrationalisierten Monokulturen werden riesige Mengen weltweit gehandelter Agrarrohstoffe aus wenigen standardisierten Hochleistungspflanzen gewonnen. In immer aufwändigeren industriellen Verarbeitungsgängen werden sie zu der scheinbaren Vielfalt verarbeitet, die wir aus unseren Supermärkten kennen. Dieses Konzept hat wesentlich zu den modernen Formen der Über- und Fehlernährung beigetragen.
Ausgelaugte und versalzene Böden, Entwaldung, die Vergiftung ganzer Wasserläufe und natürlicher Nahrungsketten sowie ein massives Artensterben sind der ökologische Preis dieses Fortschritts.Während industrielle Produktionssysteme große Mengen an Agrarrohstoffen mit relativ geringem Arbeitseinsatz erbringen, verursachen sie oft hohe gesundheitliche Kosten, haben zusätzliche negative Umweltauswirkungen und sind in ihrem Energieeinsatz meist ineffizient. Abfluss und Versickerung von synthetischen Düngemitteln und Gülle aus konzentrierten Viehbeständen schädigen Grundwasserleiter, Flüsse, Seen und ganze Ozeane, mit hohen Kosten für die Trinkwasserqualität, für Fischbestände und die Sicherheit aquatischer Nahrungsmittel sowie für Erholungsgebiete (Global, S. 10).Besonders in Lateinamerika und in Teilen Asiens und Afrikas existiert eine florierende industrielle Produktion sogenannter Cash-Crops, die an der unterversorgten lokalen Bevölkerung vorbei auf dem Weltmarkt verkauft werden. Zu den gesellschaftlichen Kosten der globalisierten Agrarproduktion zählen Hunger, Fehlernährung und Wassermangel. Zudem eine wachsende Ungerechtigkeit, gewaltsame Konflikte um knapper werdende Ressourcen, Vertreibung, Landflucht und die wirtschaftliche und kulturelle Erosion von Gemeinden und ganzen Regionen.Gewaltige Ungleichheiten bei Besitz und Zugang zu Land und Wasser haben die wirtschaftliche Ungerechtigkeit verschlimmert, die noch immer viele Regionen der Welt (z.B. Lateinamerika und Karibik und Subsaharisches Afrika) kennzeichnet. Landreformen und gerechter Zugang zu Wasser sind wesentliche Instrumente, um eine nachhaltige Landbewirtschaftung zu fördern und zugleich auf soziale Ungleichheiten zu reagieren, die wirtschaftliche Entwicklung verhindern (Synthese, S. 32).

Ernährungseffizienz statt Mehrwertsteigerung

Direkte und indirekte Subventionen beeinflussen weltweit die Produktionskosten und Preise landwirtschaftlicher Güter erheblich. Gewaltige öffentliche Mittel kommen bestimmten Produzenten, Produktionsformen und dem Export, der vor allem von den Industrieländern betrieben wird, zugute. Überwiegend große Landwirtschaftsunternehmen sowie große Handels- und Verarbeitungsunternehmen profitieren von den Subventionen. Öffentliche Investitionen in die ländliche Entwicklung dagegen wurden in vielen Entwicklungsländern, besonders in Afrika und den am wenigsten industrialisierten Regionen Asiens, in den vergangenen 30 Jahren sträflich vernachlässigt. Private Investitionen flossen in wenige exportorientierte Bereiche, auf die sich häufig auch nationale und internationale Förderprogramme konzentrierten. Obwohl die Produktivität pro Fläche und Energieverbrauch in kleinen, diversifizierten Bauernhöfen viel höher ist als intensive Bewirtschaftungssysteme in bewässerten Gebieten, werden sie weiterhin von der offiziellen Agrarforschung vernachlässigt (Synthese, S. 22).
Der Weltagrarbericht spricht deshalb von einem fatalen globalen Trend zur Dekapitalisierung der Kleinbauern, den es umzukehren gilt. Diversifizierte, kleinbäuerliche Höfe stellen den Löwenanteil der weltweiten Landwirtschaft. Auch wenn Produktivitätszuwächse in spezialisierten Großbetrieben mit hohem Input schneller erreicht werden können, liegt der größte Spielraum zur Verbesserung von Existenzgrundlagen und von Gerechtigkeit in den kleinteiligen und vielfältigen Produktionssystemen der Entwicklungsländer. Dieser kleinbäuerliche Sektor ist hoch dynamisch und reagiert schnell auf veränderte natürliche und sozioökonomische Rahmenbedingungen, denen er sein Produktangebot besonders auch durch Steigerung der Produktion bei steigender Nachfrage anpasst (Global, S. 379).

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