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20.02.2017 |

Wildkräuter stehen auf Bio: Studie belegt höhere Artenvielfalt auf Ökoäckern

Schertler
Ackerwildkräuter auf Bioacker (Katharina Schertler/ Bioland)

Auf ökologisch bewirtschafteten Äckern findet sich eine deutlich höhere Vielfalt an Wildkräutern als auf konventionellen Flächen. Das zeigt eine Erhebung des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), die vom WWF Deutschland beauftragt wurde. Demnach ist nicht nur die Vielfalt an Ackerwildkräutern um bis zu neunmal größer – es finden sich auf Bioäckern auch bis zu 20 Mal mehr Exemplare. Für die Studie untersuchten die Wissenschaftler des ZALF insgesamt 155 ökologisch und konventionell bewirtschaftete Felder in 5 Regionen Mecklenburg-Vorpommerns und Brandenburgs. Auf jedem Acker erfassten sie auf drei Probeflächen Wildkräuter mit so klangvollen Namen wie Acker-Hundskamille, Gewöhnlicher Reiherschnabel, Mäuseschwänzchen und Zottelwicke. Das Ergebnis: Die Vielfalt war auf Bioflächen im Schnitt drei- bis neunmal höher, die Ackerwildkräuter waren auf den Ökoflächen vier- bis 20-mal häufiger vertreten. Zudem betrug auf den Bioflächen die Bodendeckung der Ackerwildkräuter 18% bis 37%, während es auf den konventionell bewirtschafteten Flächen im Schnitt nur bis zu 7% waren.

Diese bunte Vielfalt auf den Feldern ist nicht nur hübsch anzusehen, sie liefert auch Bestäubern eine wichtige Nahrungsquelle: „Hummel und Biene finden länger einen reich gedeckten Tisch, denn Kornblume, Lämmersalat oder Feld-Rittersporn blühen zu unterschiedlichen Zeiten“, erklärt Christoph Heinrich vom WWF. Gibt es mehr Bestäuber und Insekten, finden auch die seltener werdenden Vögel der Agrarlandschaft leichter Nahrung. Doch leider ist es um die Artenvielfalt auf den Äckern insgesamt schlecht bestellt: „Die jahrzehntelange Intensivierung in der Landwirtschaft hat zu einem dramatischen Rückgang dieser Artengruppe geführt“, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Zwischenbericht. Gut ein Drittel der etwa 350 in Deutschland auf Äckern vorkommenden Arten gelten bundesweit als gefährdet. Hauptursachen für die Abnahme und Gefährdung sind den Forschern zufolge der flächendeckende Einsatz von Pestiziden, die hohe Düngung, vor allem in Form von Mineraldünger und Gülle, sowie die geringe Vielfalt an angebauten Kulturen. „Wir stehen kurz vor einem Arten-Kollaps auf unseren Feldern und Wiesen“, warnte Heinrich. Er fordert ein Verbot von Totalherbiziden. „Verboten gehören auch Neonikotinoide, mit denen Saatgut behandelt wird. Sie stehen in Verdacht, das Bienen- und Insektensterben mit zu verursachen“, so Heinrich weiter.

„Noch ist eine Trendwende möglich, wenn es gelingt, die Fläche des Ökolandbaus zügig erheblich auszuweiten“, betonte Heinrich. Dem schloss sich auch der Sprecher für Bioökonomiepolitik der Grünen im Bundestag, Harald Ebner, an: „Die Untersuchung zeigt sehr anschaulich und mehr als deutlich, welche Bedeutung der Ökolandbau weit über seine eigenen Produkte hinaus hat“, sagte er Topagrar. Die Biofläche legte in Deutschland zuletzt ordentlich zu: Nach aktuellen Zahlen des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) wuchs die Ökofläche 2016 auf 1.185.471 Hektar – ein Plus von 8,9% gegenüber 2015. Doch die Fläche hinkt immer noch der Nachfrage der Verbraucher hinterher und viele Landwirte zögern mit der Umstellung, da ausreichend Unterstützung fehlt. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hatte zum Auftakt der Biofach-Messe seine „Zukunftsstrategie ökologischer Landbau“ vorgestellt, mithilfe derer er den ökologischen Landbau in Deutschland stärken und den Anteil der Biofläche ausweiten will. Dafür hat er das 20%-Ziel neu entdeckt, das sich die Bundesregierung erstmals im Jahr 2002 setzte. Erreichen will Schmidt den Bioanteil von 20% „mittelfristig“, aber zumindest noch „zu Lebzeiten“. Das ist Harald Ebner zu schwammig: „Wir brauchen auch im Bund kein Nachkleckern, sondern konkrete Öko-Ausbauziele, einen Zeitplan, und vor allem die Bereitschaft, in Aus- und Weiterbildung, Verbraucherkommunikation, Marktentwicklung und in Forschung, Züchtung und ökologische Alternativen zu investieren.“ (ab)

13.02.2017 |

Bio boomt: Anbaufläche in Deutschland und der Welt wächst weiter

Bio
Bio boomt! (Foto: CC0)

Bio boomt: Rund um den Globus wurden 2015 rund 50,9 Millionen Hektar Land ökologisch bewirtschaftet und der globale Markt für Bioprodukte verbuchte Umsätze in Höhe von 81,6 Milliarden US-Dollar. Dies zeigt der Bericht „The World of Organic Agriculture“, der vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und IFOAM – Organics International auf der Messe BIOFACH präsentiert wurde. Ausgewertet wurden Daten zum Ökolandbau in 179 Ländern. Die Bioanbaufläche wuchs demnach 2015 um 6,5 Millionen Hektar gegenüber dem Vorjahr. Rund 45% der Biofläche liegt in Ozeanien, gefolgt von Europa mit 12,7 Millionen Hektar (25%) und Lateinamerika mit 6,7 Millionen Hektar (13%). Australien führt die Liste der Länder mit der größten absoluten Bioanbaufläche (22,7 Millionen Hektar) an und verweist Argentinien und die USA auf die Plätze. Anders sieht es bei der anteiligen Fläche aus: Hier liegt Liechtenstein mit einem Bioanteil von 30,2% an der Gesamtfläche vor Österreich (21,3%) und Schweden (16,9%). Weltweit gibt es 2,4 Millionen Bioproduzenten, davon leben 585.200 in Indien, 203.602 in Äthiopien und 200.039 in Mexiko. Das Marktforschungsunternehmen Organic Monitor schätzt den globalen Markt für Bioprodukte 2015 auf 75 Milliarden Euro. Spitzenreiter sind die USA mit 35,9 Milliarden Euro, es folgen Deutschland und Frankreich mit je 8,6 bzw. 5,5 Milliarden.

Auch in Deutschland befindet sich der Ökolandbau im Aufwind, wie die am Donnerstag präsentierten aktuellen Zahlen des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) belegen. Die deutsche Öko-Fläche vergrößerte sich 2016 um 96.633 Hektar auf 1.185.471 Hektar – ein Plus von 8,9% gegenüber 2015. Die Zahl der Biobetriebe wuchs im selben Zeitraum um 26.855 Höfe, ein Anstieg von 8,6%. „2016 stellten etwa fünf Bauern pro Tag auf Bio um, fast jeder zehnte Landwirtschaftsbetrieb in Deutschland wirtschaftet ökologisch“, kommentierte BÖLW-Geschäftsführer Peter Röhrig. „Das stärkere Engagement für den Ökolandbau in vielen Bundesländern und stabile Bio-Erzeugerpreise in Krisenzeiten sorgten dafür, dass sehr viele Landwirte die Chance Ökolandbau nutzten.“ Und auch die Nachfrage nach Bioprodukten in Deutschland nimmt gewaltig zu. Der Markt mit Biolebensmitteln und -getränken verbuchte 2016 ein Umsatzplus von 9,9% und ein Marktvolumen von rund 9,48 Milliarden Euro. Der BÖLW-Vorsitzende Felix Prinz zu Löwenstein rief Agrarminister Christian Schmidt dazu auf, die Weichen für mehr Bio zu stellen, damit weitere Landwirte, Produzenten und Händler die Chance nutzen und auf Bio umstellen können: „Dazu ist es notwendig, die EU-Agrar-Gelder für die Umstellung auf Bio in allen Bundesländern in ausreichender Höhe zu sichern, um mehr konventionellen Betrieben eine Perspektive im Bio-Bereich zu geben. Auch die Neuausrichtung der Europäischen Agrarpolitik nach 2020 gehört auf die politische Agenda“, unterstrich Löwenstein. Zudem müsse in allen Politikbereichen eine ökologische Land- und Ernährungswirtschaft gefördert werden, die die natürlichen Ressourcen für künftige Generationen bewahre, statt auf „scheinbar billige Lebensmittel“ zu setzen, deren wahre Kosten dann die Allgemeinheit zu tragen habe. (ab)

09.02.2017 |

Fleisch in Massen: Deutsche Schlachtmenge erreicht Rekordwert

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2016: 59,3 Millionen Schweine geschlachtet (Foto: Stefan Schwarz/Pixelio.de)

2016 wurde in Deutschland so viel geschlachtet wie noch nie: Die Fleischproduktion erreichte einen Rekordwert von 8,25 Millionen Tonnen, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Demnach stieg die gewerblich erzeugte Gesamtschlachtmenge gegenüber dem Vorjahr leicht um 0,1% an. Damit wurde das bis dato höchste Produktionsergebnis von 2015 noch um weitere 4.500 Tonnen übertroffen. Rund 59,3 Millionen Schweine wurden 2016 getötet. Zwar gab es einen Rückgang um 0,8% bei der Schlachtung von deutschen Schweinen, doch die Zahl der aus dem Ausland für die Schlachtung importierten Schweine schnellte um 9% in die Höhe. Da zudem das Schlachtgewicht der Schweine zulegte, erhöhte sich die Produktion von Schweinefleisch gegenüber 2015 leicht auf 5,57 Millionen Tonnen. Auch die Menge des produzierten Geflügelfleisches stieg um 0,3% an auf 1,53 Millionen Tonnen. Vor allem Truthuhnfleisch boomte mit einem Plus von 4,8%. Zudem wurden 3,6 Millionen Rinder in deutschen Schlachthäusern getötet.

Diese Unmengen an Fleisch können die Bundesbürger gar nicht allein vertilgen. 2015 erhöhte sich der Ausfuhrüberschuss laut Deutschem Fleischer-Verband um 86.000 Tonnen auf 1,58 Millionen Tonnen Fleisch. Der Selbstversorgungsgrad der Deutschen mit Schweinefleisch liegt bei satten 120%, zudem wurde 12% mehr Geflügel und 7% mehr Rindfleisch erzeugt, als im Inland verbraucht wurde. Mehr als drei Viertel der deutschen Fleischexporte gingen in andere EU-Länder, doch zuletzt wuchs vor allem der Hunger der Chinesen auf deutsches Schweinfleisch. Greenpeace kritisierte die enorme Überproduktion: „Die Menschen essen weniger Fleisch, doch die Fleischproduktion steigt“, wird Greenpeace-Agrarexperte Martin Hofstetter in einer dpa-Meldung zitiert. Zuletzt hatte der deutsche Fleischhunger deutlich nachgelassen. Die Zahlen des Deutschen Fleischer-Verbands zeigen, dass die Bundesbürger 2015 im Schnitt „nur“ noch 59,9 Kilogramm Fleisch verzehrten – ein Kilogramm weniger als noch im Vorjahr. „Seit 2007 ist der Pro-Kopf-Verzehr mit zwischenzeitlichen Schwankungen langsam aber stetig zurückgegangen“, schreibt der Verband in seinem aktuellsten Jahresbericht. (ab)

07.02.2017 |

Rote Liste: Ein Drittel aller ökologischen Lebensräume in Europa sind bedroht

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Hochmoor: Habitat für Tiere und Pflanzen (Foto: A. Beck)

Ob Moore, artenreiche Wiesen, Tümpel oder Wälder – um den Zustand der ökologischen Lebensräume in Europa ist es schlecht bestellt. Laut der Europäischen Roten Liste der Habitate sind mehr als ein Drittel aller Lebensräume in Europa gefährdet und damit auch die Tier- und Pflanzenarten, die in ihnen beheimatet sind. Für die im Januar von der Europäischen Kommission veröffentlichte Publikation hatten rund 300 Forscherinnen und Forscher Informationen und Daten zum Zustand von 490 Lebensräumen in 35 Ländern Europas gesammelt und ausgewertet. „Erstmals ist nun schwarz auf weiß belegt, wie es um Gefährdung von Lebensräumen in Europa bestellt ist, und wo der größte Handlungsbedarf liegt“, erklärte Mitautor David Paternoster von der Universität Wien.

Von den untersuchten Lebensräumen zu Land und zu Wasser wurden in den 28 EU-Staaten 36% als gefährdet eingestuft. Nimmt man Island, Norwegen, die Schweiz und die Balkanländer noch hinzu, sind es mit 31% zumindest etwas weniger. Am dramatischsten ist die Lage der europäischen Moore: Drei Viertel stehen auf der Roten Liste. „Moore sind nicht nur ökologisch besonders wertvoll, sie haben auch eine wichtige Funktion im Klimasystem – als große Speicher für das Treibhausgas Kohlendioxid“, erklärte Mitautor Franz Essl von der Uni Wien im Interview mit klimaretter.info. „Doch ausgerechnet sie sind in Europa am stärksten gefährdet von allen ökologischen Lebensräumen.“ Aber auch der Zustand von artenreichen Wiesen, Süßwasser- und Küstenlebensräumen ist beklagenswert – gut die Hälfte dieser Lebensräume gelten in Europa als bedroht.

Grund sind vor allem intensive Landnutzung, Verbauung, Klimawandel und übermäßige Düngung. „Die Haupteinflüsse und -bedrohungen variieren je nach Lebensraum, doch insgesamt sind verschiedene landwirtschaftliche Aktivitäten die weitverbreitetste und größte Gefahr für Europas terrestrische und Süßwasserlebensräume“, ist der Zusammenfassung der Studie zu entnehmen. „Dazu gehört sowohl die landwirtschaftliche Intensivierung als auch die Aufgabe traditioneller Landnutzungsformen – Veränderungen, die vor allem das Grünland treffen. Die Ausbeutung von Torf und ein Übergang zur Fortwirtschaft, zusammen mit Veränderungen hydrologischer Prozesse, stellen eine besondere Gefahr für Sümpfe und Moore dar, während die Überdüngung von Gewässern durch die Landwirtschaft Süßwasserlebensräumen stark zusetzt“, schreiben die Autoren weiter.

Was kann also getan werden, um die ökologischen Lebensräume zu bewahren? „Klar ist, dass der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen – also der Arten- und Lebensraum-Vielfalt – einen höheren politischen Stellenwert benötigt“, betont Franz Essl gegenüber klimaretter.info. Es mangele nicht an Zielen und Absichtserklärungen, sondern an der Umsetzung des Vereinbarten. „Das bedeutet konkret, dass etwa in der Agrarpolitik und in der Raumplanung der Schutz der Biodiversität ein wichtiges Ziel werden muss. Und generell ist die massive Unterfinanzierung des Naturschutzes zu beenden. Ich bin überzeugt: Die breite Bevölkerung würde dies mittragen, denn den meisten Menschen ist der Wert schöner, lebenswerter Landschaften intuitiv bewusst“, glaubt Essl. (ab)

01.02.2017 |

Oxfam fordert schärfere EU-Regeln gegen Nahrungsmittelspekulation

Getreide
Lebensmittel statt Spekulations- objekt (Foto: CC0/jhraskon)

Die Entwicklungsorganisation Oxfam hat den Vorschlag der EU-Kommission zur Eindämmung der Nahrungsmittelspekulation als wirkungslos kritisiert und vor Schlupflöchern gewarnt. Die von der Kommission vorgeschlagenen technischen Standards zur Finanzmarkt-Richtlinie würden der Spekulation mit Agrarrohstoffen weiter Tür und Tor öffnen, statt ihr endlich einen Riegel vorzuschieben, und die Kontrolle von Rohstoffmärkten durch nur wenige Händler ermöglichen. Das EU-Parlament hatte 2014 die Finanzmarkt-Richtlinie MiFID II verabschiedet, um die Spekulation mit Agrarrohstoffen einzudämmen. Diese spekulativen Geschäfte mit Grundnahrungsmitteln wie Weizen und Mais wurden mitverantwortlich gemacht für die globalen Nahrungsmittelpreiskrisen. 2007 und 2008 sowie im Jahr 2011 waren die Getreidepreise in schwindelerregende Höhen geklettert.

Positionslimits, Obergrenzen für den rein spekulativen Börsenhandel mit Agrarprodukten, sollten die Marktverzerrung und extreme Preisschwankungen verhindern. Der damalige Verhandlungsführer für das EU-Parlament, der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber, hatte im April 2014 stolz das Ende der „Lebensmittel-Zockerei an Finanzmärkten“ erklärt: „Spekulationen mit Rohstoffen sind recht und gut, solange sie die notwendige Liquidität für die Abwicklung von Termingeschäften bereitstellen und ein echtes Interesse an der Ware besteht. Doch die rein spekulativen Geschäfte mit Nahrungsmitteln und Rohstoffgeschäften, die vor allem an Terminbörsen stattfinden, sind skandalös. Damit ist nun Schluss.“ Zunächst wurde jedoch einmal das Inkrafttreten der Richtlinie um ein Jahr auf den 3. Januar 2018 verschoben. Im Dezember 2016 verabschiedete die Europäische Kommission die Regulierungsstandards (RTS21) für die Umsetzung von MiFID II.

Doch Oxfam befürchtet, dass der Kommissionsvorschlag bei der Eindämmung von exzessiver Spekulation versagt, da zu hohe und damit unwirksame Grenzwerte erlaubt wären. „Unter bestimmten Voraussetzungen sind Positionslimits in Höhe von bis zu 35 Prozent möglich. Das bedeutet, dass ein einziger Spekulant am Ende des Termingeschäfts 35 Prozent des auf dem Markt lieferbaren Weizens halten kann“, erläutert die Organisation in einer Pressemitteilung. „Damit könnten nur drei Händler allein den Finanzmarkt eines Rohstoffes kontrollieren. Maßlose Spekulation ist dadurch vorprogrammiert.“ Oxfam fordert dagegen ein Positionslimit von 10 bis 15% für Nahrungsmittel und Rohstoffe. Zudem enthalte der Kommissionsvorschlag Schlupflöcher, da die Geltung der Grenzen für den Mutterkonzern einschließlich Tochtergesellschaften umgangen werden könne, wenn der Mutterkonzern nachweise, keinen Einfluss auf Anlageentscheidungen einer Tochtergesellschaft zu haben. „Wer die exzessive Spekulation mit Nahrungsmitteln wirklich verhindern will, kann den Kommissionsvorschlag nur ablehnen“, erklärt Oxfam-Agrarexpertin Marita Wiggerthale. „Die Europaabgeordneten müssen jetzt Flagge zeigen und sich dafür einsetzen, dass für diesen unzureichenden Kommissionsvorschlag keine Mehrheit zustande kommt. Mit einer Petition ruft Oxfam daher die EU-Parlamentarier dazu auf, bei der Abstimmung Mitte Februar mit Nein zu votieren. (ab)

30.01.2017 |

Nicht makellos genug: Ein Drittel der deutschen Kartoffelernte wird verschwendet

Kart
Perfekt genug? (Foto: CC0)

In Deutschland gelangen etwa 35% der Kartoffeln nicht vom Acker auf den Teller, da ihr Äußeres nicht den strengen Anforderungen des Handels genügt. Jedes Jahr werden so 1,5 Millionen Tonnen Kartoffeln verschwendet – etwa 60.000 LKWs mit einem Füllgewicht von 25 Tonnen. Zu diesem Ergebnis gelangt die Studie „Kleine Makel – Große Folgen“, für die der WWF gemeinsam mit Kartoffelbauer Carsten Niemann (Biokartoffel-Nord) am Beispiel der Knolle aufzeigte, welche Vorgaben des Handels diese Verluste bewirken und welche Folgen dies für Umwelt und Landwirte mit sich bringt. Die Deutschen lieben Kartoffeln: Ob als Pommes oder Pellkartoffeln, Kartoffelpuffer oder Chips – gut 60 Kilo verzehren die Bundesbürger jährlich. Kleine Makel an der Schale haben dabei keinerlei Einfluss auf die „inneren Werte“ der Knolle, wie Nährstoffe, Mineralien, Vitamine oder Geschmack, doch der Handel für die Kunden nur perfekte Exemplare. „Die Kartoffel soll eiförmig sein, eine bestimmte Farbe und eine makellose Schale haben“, erläutert Tanja Dräger de Teran vom WWF. „Erschwerend kommt hinzu, dass Kartoffeln inzwischen vor dem Verkauf gewaschen werden. Der maschinelle Waschvorgang und das Wasser zerstören ihre natürliche Schutzschicht.“ Die Kartoffel wird lichtempfindlicher, oft beim Waschen verletzt und durch die Feuchtigkeit anfällig für Pilze. Das Waschen führt zudem zu einer erhöhten Aussortierungsquote, da leichte Verfärbungen und Stellen an den Kartoffeln besser sichtbar werden.

Nach WWF-Schätzungen wird die Hälfte der 1,5 Millionen verschwendeten Kartoffeln gleich nach der Ernte aussortiert. Im konventionellen Anbau sind es jedes Jahr 700.000 Tonnen, im Ökolandbau bis 50.000 Tonnen. Gerade für Biokartoffeln endet die Reise häufig, bevor sie überhaupt angefangen hat: Rund 30 bis 35% der ökologisch angebauten Kartoffeln werden beim Sortieren im Packbetrieb ausgesiebt. „Es ist gängige Praxis, dass wir nur für jenen Anteil die vereinbarten Preise erhalten, der auch den oft widersinnigen Qualitätsanforderungen genügt. Das heißt im Umkehrschluss, die Erzeuger bekommen für bis zu einem Drittel ihrer Ware weniger Geld. Im schlimmsten Fall sogar überhaupt nichts“, erklärt Carsten Niemann. Da Biobauern auf chemisch-synthetische Pestizide verzichten, kommen Schalenfehler sowie Untergrößen häufiger vor. Während konventionelle Bauern 343 verschiedene Mittel zur Verfügung haben, ist die Liste der natürlichen Wirkstoffe, die im Öko-Kartoffelanbau eingesetzt werden dürfen, mit 35 zugelassenen Mitteln relativ übersichtlich.

Obwohl die aussortierten Kartoffeln perfekt für den menschlichen Verzehr geeignet sind, erhalten die Erzeuger weniger Geld und die Knollen werden zu Bioenergie, Tierfutter oder industrieller Stärke verarbeitet. Vorausgesetzt der Stärkegehalt der Kartoffelsorte reicht dafür aus. Der WWF fordert Wirtschaft und Handel angesichts dieses enormen Ausmaßes der Verschwendung von Energie, Wasser und anderen Rohstoffen für die vergebliche Erzeugung der Kartoffeln sowie der Folgen des Preisdumpings für die Landwirte dazu auf, ihre Anforderungen an landwirtschaftliche Erzeugnisse anzupassen. „Rein optische Kriterien dürfen nicht länger darüber entscheiden, ob ein wertvolles Nahrungsmittel verwendet oder verschwendet wird“, betont Dräger de Teran. Auch Niemann sieht den Handel in der Pflicht: „Der Handel muss mehr Verantwortung für die vorgelagerte Lieferkette übernehmen, insbesondere für die Bauern.“ Aber auch die Politik ist gefragt. Deutschland hat sich m Rahmen der 2015 verabschiedeten UN-Nachhaltigkeitsziele dazu verpflichtet, die Verschwendung von Lebensmitteln einzudämmen. Ziel 12.3 sieht vor, bis 2030 die Nahrungsmittelverschwendung weltweit pro Kopf auf Einzelhandels- und Verbraucherebene zu halbieren und die entlang der Produktions- und Lieferkette entstehenden Nahrungsmittelverluste einschließlich Nachernteverlusten zu verringern. Der WWF fordert daher von der Politik die Entwicklung und Umsetzung einer nationalen Strategie zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen, die sich der gesamten Wertschöpfungskette annimmt und verbindliche Ziele für die einzelnen Branchen festlegt. (ab)

26.01.2017 |

G20-Plan für nachhaltige Wassernutzung vernachlässigt Agrarindustrie

Wasser
Bewässerung: nicht überall selbstverständlich (Foto: CC0)

Die Agrarminister der G20 haben einen Aktionsplan gegen Wasserverschwendung verabschiedet. Am 22. Januar bekannten sich die Minister der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer in Berlin zu einem nachhaltigen Umgang mit der kostbaren Ressource. „Unser Ziel ist es, die Wassernutzungseffizienz in der Landwirtschaft durch verbesserte, auf die regionalen und lokalen Bedingungen abgestimmte Politiken zu erhöhen. Wir werden die Nutzung angepasster effizienter Methoden und Technologien fördern, um den Ertrag pro Wassertropfen zu optimieren und Wasserverluste und Verschwendung zu verringern“, verkündeten sie in ihrer Abschlusserklärung. Im Vorfeld hatten die Agrarminister von 83 Ländern beim „Global Forum for Food and Agriculture“ unter dem Motto „Wasser und Landwirtschaft – Schlüssel zur Welternährung“ getagt und sich auf ein Abschlusskommuniqué verständigt, das in den G20-Prozess einfloss. Die Landwirtschaft verschlingt einen riesigen Anteil des Süßwassers: Im globalen Schnitt entfällt 70% des genutzten Süßwassers auf die Landwirtschaft, während immer noch 750 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Die Agrarminister haben daher vier zentrale Handlungsfelder ausgemacht: die Verringerung von Wasserknappheitsrisiken, die Reduzierung von Wasserverunreinigung, das Management von Wasserüberschuss und die Sicherstellung von ausreichend Wasser für die Landwirtschaft.

Umwelt- und Entwicklungsorganisationen lobten zwar das Bekenntnis zur nachhaltigen Wassernutzung, bemängelten jedoch, dass nicht ausreichend benannt und angegangen wird, dass die Agrarindustrie vielerort Mitverursacher von Wassermangel ist. Der Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) warnte, dass Kleinbäuerinnen und Kleinbauern durch die Ausbreitung der Agrarindustrie in den Entwicklungsländern zunehmend unter Wasserknappheit leiden: „Steigender Verbrauch und Verschmutzung von Wasser führen weltweit zu einem Existenzkampf“, erklärte VENRO-Vorstandsvorsitzender Bernd Bornhorst. „Deutschland und die G20 müssen sich dafür einsetzen, dass alle Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben und die Landwirtschaft zuallererst die Ernährung der Menschen sichert.“ In das gleiche Horn stieß Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung: „Die Losung „more crop per drop“ (Mehr Ernte pro Tropfen) alleine kann nicht die Lösung sein: Wenige globale Konzerne drängen die Regierungen weltweit dazu, ihre strategischen Wasserpolitiken nach diesem Modell auszurichten und vor allem profitträchtigere Nutzpflanzen im industriellen Anbau zu priorisieren“, kritisierte Unmüßig. Diese Nutzpflanzen dienten jedoch oftmals nicht der Ernährung, sondern werden als industrieller Rohstoff eingesetzt. Durch zuhauf verwendete Dünger und Pestizide beeinträchtigten sie die Wasserqualität und -versorgung. „Agrarökologische Produktion von Kleinbäuerinnen und -bauern schneide bei der Schonung der Wasserreserven erheblich besser ab“, betonte Unmüßig. „Doch ausgerechnet den Kleinen drohe nach dem Modell erhebliche Benachteiligungen bei der Wasserversorgung.“ Auch die Naturschutzorganisation WWF warnte, dass der teils systematische, staatlich subventionierte Wasserraubbau durch den Agrarsektor die globale Wasserkrise weiter verschärfe. „Wer den Hunger in der Welt besiegen will, muss das Wasser auf lokaler und regionaler Ebene nachhaltig und gerecht verteilen“, betonte WWF-Vorstand Christoph Heinrich. „Machen die G20 weiter wie bisher, droht eine zweifache Ernährungskrise: Durch Ernteausfälle aufgrund von Trockenheit werden Hunger und Nahrungsmittelknappheit weltweit zunehmen, während zugleich in vielen Erdteilen die Versorgung mit sauberem Trinkwasser für breite Bevölkerungsschichten immer schlechter wird.“ (ab)

23.01.2017 |

Berlin: 18.000 haben Agrarindustrie satt und demonstrieren für eine Agrarwende

Demo
Demozug in Berlin (Foto: „www.wir-haben-es-satt.de/ Die Auslöser Berlin“)

Tausende Menschen sind am Samstag in Berlin für eine Agrarwende hin zu einer bäuerlichen und ökologischeren Landwirtschaft auf die Straße gegangen. Angeführt von 130 Traktoren zogen rund 18.000 Menschen unter dem Motto„Agrarkonzerne, Finger weg von unserem Essen!“ vom Potsdamer Platz vorbei am Landwirtschaftsministerium bis hin zum Brandenburger Tor. Die Polizei zählte 10.000 Teilnehmer. Die aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten Demonstranten forderten eine tier-, umwelt- und klimagerechte Umgestaltung der Landwirtschaft. Sie waren teils als Kühe, Schweine und Hühner verkleidet, hielten als Bienen oder Schmetterlinge der kalten Berliner Winterluft stand oder trugen Plakate mit der Aufschrift „Stoppt das Höfesterben“, „Glücklich ohne Glyphosat“ oder „Bäuerliche Landwirtschaft stärken“. Aufgerufen zu der anlässlich der Grünen Woche bereits im siebten Jahr stattfindenden Demonstration hatte ein breites gesellschaftliches Bündnis von über 100 Organisationen aus Landwirtschaft, Imkerei, Natur-, Tier- und Verbraucherschutz, Entwicklungsorganisationen und dem Lebensmittelhandwerk. Bereits vor Beginn der Demo hatten konventionell und ökologisch wirtschaftende Bauern am Bundeslandwirtschaftsministerium einen Neun-Punkte-Plan mit Forderungen zur Bundestagswahl überreicht. Darin plädieren sie für mehr Unterstützung für kleine und mittlere Betriebe. „Wir fordern ein Ende der Subventionen für die Agrarindustrie und den Stopp von Mega-Fusionen im Agrarsektor. Stattdessen brauchen wir Anreize für Bauern, die Tiere besonders artgerecht halten und umweltschonend wirtschaften“, erklärte Jochen Fritz, Sprecher des Bündnisses. Bis 2020 soll mindestens die Hälfte der Lebensmittel der öffentlichen Beschaffung aus regionaler und ökologischer Landwirtschaft stammen, lautet ein Vorschlag. Zudem wurden die entschlossene Bekämpfung des Antibiotikamissbrauchs in der Tierhaltung sowie die massive Reduzierung des Pestizideinsatzes auf dem Acker gefordert. Das „Wir haben es satt!“- Bündnis betonte jedoch, dass sich die Demo gegen die Agrarindustrie, nicht aber gegen konventionell wirtschaftende Bauern richtete. Rund 700 Landwirte hatten sich am Samstag unter dem Motto „Wir machen euch satt“ zu einer Gegenkundgebung versammelt, da sie sich diffamiert fühlten. Ein Thema, das dieses Jahr viele Demonstranten der „Wir haben es satt!“-Demo umtrieb, war die anstehende Fusion der Chemiekonzerne Bayer und Monsanto. Ein Traktor rollte mit der Aufschrift „Bayer und Monsanto, bleibt uns vom Acker!“ durch Berlin. Aber auch internationale Gäste warnten bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor vor den Folgen einer weiteren Konzentration des Saatgutmarktes. „Nicht Konzerne ernähren uns, sondern die Bäuerinnen und Bauern der Welt“, betonte Miriam Mayet von der südafrikanischen Organisation „African Center for Biodiversity“, die auf Einladung von Brot für die Welt an der Demo teilnahm. „Daher müssen die Fusionen von Bayer-Monsanto und der anderen Konzerne verhindert werden. Sonst droht in vielen Staaten der Verlust der Saatgutsouveränität.“ Die Veranstalter forderten in ihrem 9-Punkte-Papier außerdem eine Agrarpolitik, die Aspekte der globalen Gerechtigkeit nicht aus dem Blick verliert: Statt durch übermäßige Fleischproduktion das Klima zu belasten und mit Dumpingexporten kleinbäuerliche Strukturen weltweit unter Druck zu setzen, muss die deutsche Agrarpolitik die Reduzierung der Exportabhängigkeit, die weltweite Stärkung der bäuerlichen Erzeugung und regionaler Märkte und die agrarökologische Ausrichtung der Entwicklungszusammenarbeit zum Ziel haben. (ab)

19.01.2017 |

Ungleichheit: 8 Milliardäre besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Welt

Slum
Hier wohnt die ärmere Hälfte der Erdbevölkerung (Foto: CC0)

Die soziale Ungleichheit erreicht neue Rekorde: Gerade einmal acht Menschen besitzen so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Das zeigt ein Bericht der Entwicklungsorganisation Oxfam, der im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums in Davos veröffentlicht wurde. Ein Grüppchen von acht superreichen Männern um Microsoft-Gründer Bill Gates besitzt 426 Milliarden US-Dollar – ebenso viel wie die ärmeren 3,6 Milliarden Menschen, die es gemeinsam auf 409 Milliarden bringen. Für den Bericht hat Oxfam das Ende November erschienene Global Wealth Databook 2016 der Schweizer Großbank Credit Suisse und die Forbes-Liste der Milliardäre ausgewertet. Gates führte mit damals $75 Milliarden den Club der Superreichen an, gefolgt vom Begründer der spanischen Modekette Zara, Amancio Ortega ($67 Mrd.) und dem US-Investment-Guru Warren Buffett ($60.8 Mrd.). „Es ist obszön, dass sich so viel Vermögen in den Händen von so wenigen Menschen befindet, während jeder zehnte mit weniger als 2 Dollar am Tag überleben muss“, sagte Winnie Byanyima, Geschäftsführerin von Oxfam International. „Ungleichheit hält hunderte Millionen Menschen in Armut gefangen, lässt unsere Gesellschaften auseinanderbrechen und untergräbt die Demokratie.“ Und die Kluft zwischen Arm und Reich ist noch viel tiefer als bisher angenommen. Letztes Jahr hatte Oxfam noch berechnet, dass 62 Superreiche so viel besitzen wie die ärmeren 50% auf der Welt. Doch aktuellere Zahlen zum weltweiten Vermögen, vor allem aus China und Indien, zeigen, dass die Armen noch weniger haben als einst gedacht. Zudem werden die Reichen immer schneller noch reicher. Zwischen 1988 und 2011 erhöhte sich das Einkommen der ärmsten 10% um 65 US-Dollar, währen das reichste Prozent $11.800 pro Kopf dazugewann – 182 Mal mehr. „Weltweit fühlen sich immer mehr Menschen abgehängt. Vielerorts stagnieren die Reallöhne, während Manager und Großaktionäre sich jedes Jahr steigende Millionenbeträge genehmigen. Für Bildung und Gesundheitsversorgung fehlt vielen Staaten das Geld, weil Superreiche und internationale Konzerne sich um ihre Steuerbeiträge drücken“, kritisierte Jörn Kalinski, Kampagnenleiter von Oxfam Deutschland.

Oxfam fordert daher eine grundlegende Umwälzung des Wirtschaftssystems hin zu einem System, von dem 99% der Weltbevölkerung profitieren und nicht nur eine kleine Elite. Maßnahmen seien die Erhöhung der Steuern für große Vermögen und hohe Einkommen sowie die Einführung eines weltweiten Mindeststeuersatzes für Konzerne, damit Superreiche und internationale Konzerne einen fairen Anteil an der Finanzierung von Bildung, Gesundheitsversorgung und sozialer Sicherung leisten. Zudem forderte Oxfam das Austrocknen von Steueroasen und scharfe Sanktionen gegen Steuerdumping. „Wenn Politiker mit ihrer Fixierung auf Wirtschaftswachstum aufhören und sich stattdessen darauf konzentrieren würden, Verbesserungen für alle und nicht nur für wenige reiche Bürger zu erzielen, dann wäre eine bessere Zukunft für alle möglich“, betonte Byanyima. Das hat sich die Weltgemeinschaft eigentlich auch ausdrücklich zum Ziel gesetzt: Die 2015 verabschiedeten UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) sehen vor, bis 2030 Hunger und extreme Armut komplett aus der Welt zu schaffen und Ungleichheit innerhalb eines Landes und zwischen Staaten zu verringern. (ab)

16.01.2017 |

Studie fordert Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik an Klima-und Tierschutz

Huhn
Wohin fließen die GAP-Gelder künftig? (Foto: CC0)

Es ist höchste Zeit für eine grundlegende Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik, damit diese künftig zum Klima-, Gewässer- und Tierschutz beiträgt, die Artenvielfalt bewahrt und dem Höfesterben entgegenwirkt anstatt eine exportorientierte Landwirtschaft und Ernährungsindustriekonzerne zu fördern. Das ist die Botschaft einer neuen Studie, die die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch für den Agrarpolischen Sprecher der Grünen im EU-Parlament, Martin Häusling, erstellt hat. Die Autoren Reinhild Benning und Tobias Reichert gehen darin der Frage nach, wie es sein kann, dass die EU jahrein, jahraus 55 Milliarden Euro an Agrarsubventionen in einen einzigen Sektor steckt und gleichzeitig kleinere Bauernhöfe reihenweise aufgeben, Großinvestoren Landraub betreiben sowie Pestizide auf dem Acker und Antibiotikamissbrauch im Stall die Gesundheit der EU-Bürgerinnen und -bürger und die Umwelt massiv belasten. Die Bilanz der Studie zur Wirkung von Europas gemeinsamer Agrarpolitik (GAP) fällt ernüchternd aus: Die Geldverteilung aus dem EU-Agrarhaushalt ist weit von tier-, umwelt- und sozial gerechten Kriterien entfernt. Nur 20 Prozent der Empfänger von Direktzahlungen erhalten 80 Prozent dieser Gelder. Die GAP „vernachlässigt die ökologischen Herausforderungen, die Preise sind im Keller, und viele Betriebe schließen, weil sie unter heutigen Voraussetzungen nicht mehr wirtschaften können“, schreibt Häusling im Vorwort der Analyse. „Unser derzeitiges Modell einer export- und wachstumsorientierten Landwirtschaft beschert zwar dem Handel und der Lebensmittelindustrie satte Gewinne. Es sichert aber weder den Bauern ein angemessenes Einkommen noch entspricht es den Erwartungen der Verbraucher“, erklärt Häusling weiter in einer Pressemitteilung zur Veröffentlichung der Studie am 12. Januar in Berlin.

Die Erzeugerpreiskrise ist den Autoren zufolge symptomatisch für das Scheitern der GAP. Während Lebensmittelkonzerne wie Schlachthöfe, Molkereien oder Stärkeverarbeiter und der Agrarhandel seit Jahren Millionen an Fördermitteln aus der GAP erhalten, gehen kleine und mittlere Unternehmen, die zur regionalen Wertschöpfung in der Regel deutlich mehr beitragen, im Vergleich dazu praktisch mit Almosen nach Hause, kritisieren die Autoren. 2011 gingen rund 22 Millionen Euro an eine Handvoll riesiger Fleischproduzenten wie Tönnies, Wiesenhof oder Danish Crown. „Ein Stopp der Subventionen an Konzerne und eine generelle Obergrenze für Beihilfen je Empfänger wären geeignete Instrumente, um Subventionsmissbrauch zu bremsen“, empfiehlt Tobias Reichert. Aber auch in puncto Umwelt stellen die Autoren der GAP ein schlechtes Zeugnis aus. Das sogenannte Greening sei weitgehend wirkungslos geblieben: „Solange im Rahmen der vorgeblichen ‚Umwelt’-Auflagen Pestizide und synthetische Dünger auf den Vorrangflächen erlaubt bleiben und rundherum Monokulturen und Humusabbau der Artenvielfalt und dem Klimaschutz zusätzlich den Garaus machen dürfen, schaden die Zahlungen allesamt unseren natürlichen Ressourcen“, bemängelte Reichert. Zahlungen sollen daher künftig nur noch an wirklich nachhaltig wirtschaftende Betriebe fließen. Zunächst sollen noch bis 2028 Umbauprämien für eine flächengebundene, tierfreundliche Fleisch- und Milcherzeugung mit einem steigenden Anteil heimischer Futtermittel fließen und Mittel für Beratung und Fortbildung für eine Pestizid- und Antibiotikareduktion mit festen Zielvorgaben bereitgestellt werden. Eine Kennzeichnung von Produkten nach dem Vorbild des Eier-Codes solle es Verbraucherinnen und Verbrauchern ermöglichen, die Leistungen der Betriebe im Tier- und Umweltschutz an der Ladentheke direkt zu honorieren. „Wie bei der Eierkennzeichnung würden alle Lebensmittel in die Kategorien 0,1,2,3 eingeteilt und gekennzeichnet. Die Ziffer 0 entspricht den Ökolandbauanforderungen. Die Ziffer 3 kennzeichnet, dass lediglich gesetzliche Mindestanforderungen eingehalten wurden“, erläutert Reinhild Benning. Mit den Ziffern 1 und 2 sollen Bauernhöfe sichtbar gemacht werden, die sich durch geringeren Pestizideinsatz und tierfreundliche Weidehaltung auszeichnen. Im Jahr 2028 würde die Förderung für Betriebe der Kategorie 3 auslaufen, da sie nur die gesetzlichen Mindeststandards erfüllen ohne gesellschaftliche Leistungen zu erbringen. „Diese Neue Agrarpolitik hat das Potential, das Vertrauen in die Europäische Union - insbesondere in ländlichen Regionen - wieder zu stärken“, so Benning. (ab)

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