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19.10.2017 |

Insektensterben: Forscher warnen vor „ökologischem Armageddon“

Schmetterling
Fluginsekten wie Schmetterlinge schwinden immer schneller (Foto: CC0)

Das Ausmaß des Insektensterbens könnte noch schlimmer als befürchtet sein: In den deutschen Naturschutzgebieten tummeln sich 76% weniger Schmetterlinge, Bienen und andere Fluginsekten als noch vor 27 Jahren. Das geht aus einer Studie hervor, die am 18. Oktober im Fachmagazin PLOS ONE veröffentlicht wurde. Den Wissenschaftlern zufolge ist die Abnahme bestimmter Insektenarten schon seit Langem kein Geheimnis mehr. „Doch die Tatsache, dass die Fluginsektenbestände mit solch einer Geschwindigkeit und in so einem großen Gebiet abnehmen, ist eine noch sehr viel alarmierendere Entdeckung“, betont Hans de Kroon, Projektleiter an der Radboud University in Nijmegen. Als mögliche Ursache für den Rückgang vermuten die Forscher die landwirtschaftliche Intensivierung in den Gegenden rund um die Naturschutzgebiete. „Insekten machen etwa zwei Drittel allen Lebens auf der Erde aus“, sagte Mitautor Professor Dave Goulson von der Sussex University. „Es scheint so, als ob wir gerade weite Landstriche unbewohnbar für die meisten Formen des Lebens machen und uns gegenwärtig auf dem Weg zu einem ökologischen Armageddon befinden. Bei dem derzeit eingeschlagenen Kurs werden unsere Enkel eine überaus verarmte Welt erben.“

Für die Studie erhoben Insektenforscher aus Krefeld zwischen 1989 und 2016 an 63 verschiedenen Stellen in Naturschutzgebieten in ganz Deutschland Daten. Dort wurden die Fluginsekten in sogenannten Malaise-Fallen über die komplette Saison von März bis Oktober hinweg gefangen, die gesamte Biomasse wurde gewogen und verglichen. Wissenschaftler aus den Niederlanden, Deutschland und Großbritannien werteten dann diese umfangreiche Datensammlung aus. Ihr Ergebnis: Die Insektenmenge ging in den 27 Jahren im Schnitt um 76% zurück. Im Hochsommer, wenn die meisten Insekten unterwegs sind,fiel der Rückgang mit 82% noch stärker aus. „All diese Gebiete stehen unter Schutz und die meisten von ihnen sind Naturschutzgebiete mit Management. Dennoch hat sich dieser dramatische Rückgang ereignet“, beklagt Caspar Hallmann von der Radboud University. Laut den Wissenschaftlern sind die genauen Ursachen noch unklar, doch der Schwund könne nicht auf Veränderungen beim Wetter, der Landschaft oder Pflanzenarten allein zurückgeführt werden. „Ein Teil der Erklärung könnte daher sein, dass die Schutzgebiete, aus denen die Insekten stammen, durch die landwirtschaftlich genutzten Felder in der weiteren Umgebung beeinflusst und belastet werden.“ Die Autoren vermuten, dass die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft den Rückgang der Insektenbestände in den Schutzgebieten verschärft haben könnte. „Die Forschungsgebiete sind vorwiegend klein und von landwirtschaftlichen Flächen umgeben“, fügte Hallmann hinzu. „Diese Gebiete in der Nähe ziehen Fluginsekten an und sie können dort nicht überleben. Möglicherweise wirken diese Gegenden wie ein „ökologische Falle“ und gefährden die Insektenbestände in den Naturschutzgebieten.“

Die Forscher hoffen, dass ihre Erkenntnisse als Weckruf dienen, damit weiter nach den Ursachen geforscht wird und die Bestände überwacht werden. „Da ein gesamtes Ökosystem von Insekten als Nahrungsquelle und Bestäuber abhängt, stellt dies den Rückgang von insektenfressenden Vögeln und Säugetieren in einen ganz neuen Kontext“, sagt Hans de Kroon. „Wir können uns kaum vorstellen, was geschehen würde, wenn dieser Abwärtstrend weiter ungebremst voranschreitet.“ Der Studie zufolge sind etwa 80% aller Wildpflanzen auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen und 60% der Vögel nutzen Insekten als Nahrungsquelle. Der Wert dieser Ökosystemdienstleistungen durch wildlebende Insekten wird für die USA allein auf 57 Milliarden US-Dollar geschätzt. „Das Einzige, was wir nun tun können, ist mit größter Vorsicht zu agieren. Wir müssen die Dinge zurückfahren, von denen wir wissen, dass sie negative Auswirkungen haben wie der Pestizideinsatz und wir müssen das Verschwinden von blütenreichen Feldrändern aufhalten“, so de Kroon. „Aber wir müssen uns auch bemühen, unsere Naturschutzgebiete auszuweiten und den Anteil der an landwirtschaftliche Flächen grenzenden Gebiete verringern.“ (ab)

16.10.2017 |

NGOs zum Welternährungstag: Kleinbauern stärken, Konzernmacht begrenzen

Klinbauer
Wer den Hunger bekämpfen will, muss Kleinbauern fördern statt Konzerne (Foto: CC0)

Die Bundesregierung muss sich für die Rechte von Kleinbauern einsetzen und die Macht des Agrobusiness einschränken – nur so kann Hunger nachhaltig bekämpft und eine Landwirtschaft betrieben werden, die die natürlichen Ressourcen des Planeten bewahrt. Darauf machen die Menschenrechtsorganisation FIAN und das katholische Hilfswerk Misereor in ihren Botschaften zum Welternährungstag am 16. Oktober aufmerksam. FIAN prangert die anhaltenden systematischen Verletzungen der Menschenrechte von Kleinbauern und Kleinproduzenten im Lebensmittelsektor an, die bewirken, dass Kleinbauern besonders stark von Hunger betroffen sind, obwohl sie selbst den Großteil der Lebensmittel weltweit produzieren. „Dass sich trotz zunehmender Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln pro Kopf die Zahl der Hungernden seit Jahrzehnten kaum verringert hat, weist darauf hin, dass die wesentlichen Ursachen in systematischen Diskriminierungen beim Zugang zu Nahrung und Ressourcen zum Nahrungsmittelanbau liegen“, erklärt FIAN-Referentin Gertrud Falk. Erst kürzlich hatte die UN verkündet, dass die Zahl der unterernährten Menschen im letzten Jahr trotz Rekordernten und gefüllter Nahrungsmittelspeicher auf 815 Millionen Menschen gestiegen ist – 38 Millionen mehr als 2015.

Etwa 80% der Hungernden leben im ländlichen Raum. „Kleinbauern werden weltweit in fast allen Ländern von der Politik benachteiligt“, fügte Falk hinzu. Als Beispiel für die Diskriminierung von Kleinbauern nennt FIAN drei Beispiele: die EU-Agrarpolitik, von deren Förderung vor allem die Agrarindustrie profitiert sowie die internationalen Regeln für Saatgutrechte, welche Züchter gegenüber Kleinbauern bevorteilen. Ein weiteres Problem ist die zunehmende Landnahme durch Regierungen und Agrarkonzerne. „Besonders schwerwiegend sind die Folgen von Diskriminierungen in Ländern des Globalen Südens, wo Kleinbauern oft keinen Zugang zu Medien und Justiz haben, um auf die Verletzungen ihres Rechts auf Nahrung hinzuweisen und Wiedergutmachung einzufordern“, erläutert Falk. FIAN fordert die Bundesregierung auf, national und international die Rechte von Kleinbauern zu stärken, unter anderem durch ein klares Bekenntnis zur geplanten „Internationalen Erklärung der Rechte von Kleinbauern und anderen Menschen, die im ländlichen Raum arbeiten“, die aktuell vom UN-Menschenrechtsrat erarbeitet wird.

Auch Misereor sieht die wachsende Macht des Agrobusiness und seine negativen Folgen für Kleinbauern und die Umwelt mit großer Sorge. „Das Modell des Agrobusiness ist weder nachhaltig, noch leistet es einen zukunftsfähigen Beitrag zur Bekämpfung des Hungers in der Welt", unterstreicht MISEREOR-Chef Pirmin Spiegel. Ein Agrarmodell, das auf dem großflächigen Einsatz von Pestiziden und teurem gentechnisch verändertem Saatgut beruht, gefährde die natürlichen Grundlagen für eine nachhaltige Landwirtschaft und die Gesundheit von Landarbeitern und Kleinbauernfamilien. Misereor verweist auf das Beispiel Südamerika, wo sich die Folgen der ressourcenintensiven industrialisierten Landwirtschaft deutlich zutage treten. Auf rund 57 Millionen Hektar - rund 1,5-mal die Fläche der Bundesrepublik – wird dort Soja für den Export nach China und in die EU angebaut. „Noch vor wenigen Jahrzehnten konnte sich Paraguay selbst ernähren. Heute importiert das Land Nahrungsmittel im großen Maßstab. Der massive Einsatz von Agrarchemikalien auf den Feldern verseucht Wasser und Nahrung und kann zu schweren Vergiftungen führen“, berichtet Spiegel, der sich Anfang Oktober in Paraguay Betroffene besuchte. „Schwangere Frauen in den ländlichen Gebieten berichten von der Angst, dass ihre Kinder durch Pestizidbelastungen krank zur Welt kommen. Hinzu kommen Probleme wie Entwaldung, Landraub und die Zunahme von Gewalt durch Landkonflikte zwischen Kleinbauern und Großgrundbesitzern“, so Spiegel.

Von der neuen Bundesregierung erwartet Misereor, dass sie sich wie auch Frankreich gegen die Neuzulassung von Glyphosat ausspricht. „Die Unbedenklichkeit des Einsatzes ist nach wie vor nicht geklärt“, gibt Spiegel zu bedenken. Generell fordert Misereor die EU und die Bundesregierung auf, eine Politik zu stärken, die Bauernfamilien fördert und ihr Potenzial erkennt, statt einseitig ein Agrarmodell zu begünstigen, das die Macht weniger Konzerne ausbaut. „Nur so können wir den Hunger in der Welt nachhaltig bekämpfen und Ernährung in ihrer ganzen Breite begreifen“, betont Spiegel. (ab)

11.10.2017 |

Bericht: Industrielle Ernährungssysteme schaden Gesundheit und Umwelt

Kürbis
Eine Abkehr von Ernährungssystemen, die der Gesundheit schaden, ist nötig (Foto: CC0)

Industrielle Agrar- und Ernährungssysteme schaden der menschlichen Gesundheit und der Umwelt, warnt ein internationales Expertengremium. Ein am 9. Oktober veröffentlichter Bericht des International Panel of Experts on Sustainable Food Systems (IPES-Food), dem unter anderem der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung Olivier de Schutter und der Ko-Präsident des Weltagrarberichts Hans Herren angehören, fordert daher entschlossene Maßnahmen zum Aufbau gesunder und nachhaltiger Systeme. „Unsere Ernährungssysteme machen uns krank. Ungesunde Ernährungsweisen sind das offenkundigste, aber nur eines von vielen Beispielen dafür, wie Ernährungs- und Landwirtschaftssysteme die menschliche Gesundheit beeinträchtigen“, sagte Cecilia Rocha, die Hauptautorin des Berichts und Leiterin der School of Nutrition an der Ryerson University in Toronto. „Wir müssen dringend etwas gegen diese Auswirkungen unternehmen, wo immer sie auftreten, und zugleich die Hauptursachen von ungerechten, nicht nachhaltigen und ungesunden Praktiken in Ernährungssystemen angehen.“

Der Bericht nennt fünf Gründe für negative Gesundheitsfolgen, die mit Ernährungssystemen verbunden sind. Erstens werden Menschen krank, da sie unter ungesunden Bedingungen arbeiten: Landarbeiter, Bauern und andere in der Nahrungsmittelkette Beschäftigte leiden an physischen und psychischen Folgen, da sie auf dem Feld, in der Fabrik oder am Arbeitsplatz Gesundheitsrisiken ausgesetzt, z.B. durch Pestizide. Zweitens zieht die Lebensmittelproduktion Umweltverschmutzungen nach sich, die gesundheits-gefährdend sind, z.B. durch die Verschmutzung von Böden, Luft und Wasser oder auf die Tierhaltung zurückführende Krankheitserreger (Verunreinigung von Trinkwasser durch Nitrate, Luftverschmutzung durch die Landwirtschaft, Antibiotikaresistenzen). Andere Gefahren für die menschliche Gesundheit entstehen durch den Konsum unsicherer oder verunreinigter Lebensmittel, durch ungesunde Ernährung, die zu Fettleibigkeit und nicht übertragbaren Krankheiten führt, oder durch den fehlenden Zugang zu ausreichender und qualitativ angemessener Nahrung. Der Bericht betont, dass viele ernsthafte Gesundheitsprobleme weltweit – von Atemwegserkrankungen bis hin zu verschiedenen Krebsarten – mit Praktiken der industriellen Ernährung und Landwirtschaft in Verbindung stehen, wie der chemiebasierten Landwirtschaft, Massentierhaltung und der Produktion und Vermarktung hochverarbeiteter Lebensmittel sowie der Entwicklung langer und deregulierter globaler Rohstofflieferketten.

Der Bericht beziffert auch die hohen wirtschaftlichen Kosten der Gesundheitsgefahren: Mangelernährung verursacht weltweit Kosten in Höhe von 3,5 Billionen US-Dollar jährlich, während Fettleibigkeit bis 2025 rund 760 Milliarden US-Dollar kosten wird. „All diese Gesundheitsfolgen gemeinsam betrachtet illustrieren die zwingenden Gründe für eine Reform. Nimmt man zu den Gesundheitsfolgen noch die ökologischen und sozialen Auswirkungen sowie die dadurch verursachten steigenden Kosten hinzu, liefert dies überzeugende Argumente zu handeln“, sagte Olivier De Schutter, Ko-Vorsitzender des IPES. Die Experten stellen zudem fest, dass jene, die oft keine Macht und Stimme haben, z.B. Kleinbauern im Globalen Süden, meist den größten Gesundheitsrisiken in Ernährungssystemen ausgesetzt sind. Die Folgen werden deshalb oft nicht beachtet, dokumentiert und angegangen. „Hier wie auch anderswo gehen politische Ohnmacht und Marginalisierung meist Hand in Hand mit den Risiken für das Leben und die Existenz der Menschen“, fügte de Schutter hinzu. Zugleich bedeutet das unfaire Mächtegleichgewicht in Ernährungssystemen, dass mächtige Akteure die Debatte bestimmen und Politiken beeinflussen. Sie werben für Lösungen wie die Anreicherung von Lebensmitteln mit Nährstoffen, ohne die wahren Ursachen für Gesundheitsprobleme und den Beitrag der industriellen Landwirtschaft dazu zu berücksichtigen.

Die Experten plädieren für eine Reform der Ernährungs- und Agrarsysteme. „Dringende Schritte sind erforderlich, um Praktiken im Ernährungssystem zu verändern und die Art und Weise zu reformieren, wie Wissen gesammelt und vermittelt wird, Verständnis geschaffen und Prioritäten gesetzt werden”, so Rocha. IPES-Food identifiziert fünf Ansatzpunkte für die Entwicklung gesünderer Ernährungssysteme: Dazu gehört, Lebensmittelproduzenten wieder mit den Konsumenten zu verbinden, die verschiedenen Probleme gemeinsam mit ihren Ursachen zu betrachten, die Macht in Ernährungssystemen wieder in Balance und alle Gesundheitsfolgen ans Licht zu bringen, und demokratischere und ganzheitlichere Formen zu finden, um mit Risiken umzugehen und Ernährungssysteme zu regeln. „Mit anderen Worten, eine neue Verständnisgrundlage und eine neue Basis für politisches Handeln ist nötig, um die Verbindung zwischen Essen und Gesundheit aufzudecken und alles in gesündere Bahnen zu lenken“, lautet das Fazit. (ab)

05.10.2017 |

Studie: Weniger Fleischkonsum senkt Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung

Schwein
Bessere Haltung statt Antibiotika beugt Krankheiten vor (Foto: CC0)

Der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung heizt eine Gesundheitskrise globalen Ausmaßes an, da Antibiotika-Resistenzen zunehmen. Davor warnen die Weltgesundheitsorganisation, Wissenschaftler und Umweltschützer schon lange. Doch nun legen Experten im Fachjournal “Science” drei konkrete Vorschläge vor, wie der „Antibiotikamissbrauch” im Stall eingedämmt werden kann. Ihr Rezept lautet Fleischkonsum reduzieren, die Verabreichungsmenge beschränken und Antibiotika für Nutztiere höher besteuern. „Die starke und zunehmende Gabe von Antibiotika in der Nutztierhaltung infolge der wachsenden weltweiten Nachfrage nach tierischen Proteinen ist sehr besorgniserregend angesichts der Bedrohung durch Antibiotika-Resistenzen“, warnen sie.

Fast 80% der Antibiotikamenge in den USA wird an Nutztiere zur Wachstumsförderung verabreicht. Weltweit werden fast dreimal so viele Antibiotika an Tiere wie an Menschen gegeben. Im Jahr 2013 kamen 131.000 Tonnen Antibiotika in der Nutztierhaltung zum Einsatz. Die Forscher prognostizieren, dass diese Zahl bis 2030 auf 200.000 Tonnen hochschnellen könnte, wenn nicht gegengesteuert wird. „Der Zuwachs beim Antibiotikaeinsatz, der vor allem eine gute Fütterung und Hygiene in der Tierhaltung kompensieren soll, ist schlichtweg nicht nachhaltig und wird unsere Bemühungen zunichte machen, die Effektivität unserer aktuell benutzten Antibiotika zu bewahren“, sagte Ramanan Laxminarayan, einer der Autoren der Studie. „Eine Krise steht bereits bevor, doch weiter für die Humanmedizin wichtige Antibiotika für die Wachstumsförderungen von Tieren zu nutzen, bedeutet schlichtweg, Öl ins Feuer zu gießen.“

Die erste Empfehlung der Studie lautet, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung durch Begrenzung der erlaubten Menge zu regulieren. Die Wissenschaftler haben berechnet, dass eine Obergrenze von jährlich 50 Milligramm pro Kilo tierischem Produkt zum Rückgang des Einsatzes von Antibiotika um 64% führen könnte. Wenn alleine China und die OECD-Staaten dies umsetzen würden, ginge der globale Verbrauch bis 2030 um 60% zurück. Die zweite Lösung wäre die Förderung einer Ernährung, die arm an tierischen Proteinen ist. „Eine Begrenzung des Fleischkonsums auf weltweit 40 Gramm am Tag, was in etwa einem Burger pro Person entspräche, könnte den Antibiotikaverbrauch in der Nutztierhaltung um weltweit 66% verringern. „In den USA essen die Menschen täglich im Schnitt 260 Gramm Fleisch“, sagte der Hauptautor der Studie, Thomas Van Boeckel von der ETH Zürich. „Wenn der Fleischkonsum nur auf 165 Gramm pro Tag reduziert würde, oder vier Burger am Tag, würde der weltweite Antibiotikaverbrauch um mehr als 20% zurückgehen.“ China hatte kürzlich die Ernährungsrichtlinien für den Fleischkonsum auf 40-70 Gramm pro Tag herabgesetzt und will so den Fleischkonsum des Landes halbieren. „Wenn dieses Beispiel nachgeahmt würde, könnte dies indirekte aber erhebliche Auswirkungen auf den weltweiten Antibiotikaverbrauch durch Tierärzte haben“, sagen die Autoren voraus.

Als dritten Ansatz zur Reduzierung des Antiobiotikaeinsatzes in der Tierhaltung führt die Studie höhere Abgaben für den Kauf von Tierarzneimitteln ins Feld. „Dahinter steht die Idee, die auch nicht neu ist, Antibiotika zu verteuern, sodass Landwirte und Tierärzte diese auch nur nutzen, wenn es nötig ist“, sagte Van Boeckel. „Eine Steuer von 50% auf Antibiotika für Nutztiere könnten den globalen Verbrauch um mehr als 30% senken und gleichzeitig Einnahmen in Höhe von 1,7 bis 4,6 Milliarden Dollar generieren, die in die Forschung nach neuen Antibiotika und Verbesserungen bei der Hygiene in den Ställen gesteckt werden könnten.“ Doch er betont auch, dass es keine Patentlösung zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung gebe. Daher müsse an mehreren Stellschrauben zugleich gedreht werden. Doch wenn diese drei Vorschläge kombiniert und vollständig umgesetzt würden, könnte eine 80%-ige Verringerung des Antibiotikaverbrauchs bis 2030 gelingen. (ab)

02.10.2017 |

FiBL-Studie: In Bioboden stecken mehr und aktivere Mikroorganismen

Soil
Gesunder Boden (Foto: NRCS, Catherine Ulitsky, bit.ly/4_CC_BY_2-0, bit.ly/NRCS_HS2)

In Bioböden tummeln sich deutlich mehr und aktivere Mikroorganismen als auf konventionell bewirtschafteten Äckern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Metastudie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), die im Fachjournal PLOS ONE erschienen ist. „Mikrobielle Gemeinschaften spielen eine wichtige Rolle in landwirtschaftlichen Systemen, da sie an verschiedenen Bodenprozessen und -funktionen beteiligt sind“, betonen die Autoren. „In Böden sind Mikroben der Motor, der die Umwandlung und Freisetzung von Nährstoffen ankurbelt und sie sind direkt und indirekt an vielen anderen Ökosystem-Dienstleistungen beteiligt, wie dem Schutz vor Erosion durch die Bildung von stabilen Bodenaggregaten und Bodenstrukturierung.“ Zahlreiche Studien hätten zwar schon die positiven Auswirkungen des Ökolandbaus auf die Bodengesundheit und -qualität belegt, darunter auch auf die Eigenschaften von Mikroorganismen. Doch bisher gab es den Autoren zufolge noch keine systematische Untersuchung, die auf globaler Ebene die Anzahl und Aktivität von Bodenmikroben in ökologisch und konventionell bewirtschafteten Böden verglich.

Die FiBL-Forscher berücksichtigten für die Metaanalyse 56 Studien, darunter 149 Paarvergleiche, die unterschiedliche Klimazonen und Versuchsdauern umfassten. Dabei fanden sie heraus, dass ökologisch bewirtschaftete Böden bis zu 59% mehr Biomasse aus Mikroorganismen enthielten. Zudem waren die Mikroorganismen in Bioböden bis zu 84% aktiver als jene in konventionell bewirtschafteten Böden. „Der Stoffwechsel der Mikroben ist in Bioböden deutlich aktiver. Dadurch können Mikroben organische Substanz wie Kompost schneller in Nährstoffe umsetzen, welche die Pflanzen aufnehmen können“, schreibt das FiBL in einer Presseerklärung. Die Studie ergab zudem, dass die Anzahl und Aktivität von Bodenmikroben auch durch die jeweilige Klimazone, die Art der Landnutzung und den Lebenszyklus der Pflanzen bestimmt wurden. „Der positive Effekt von biologischer Bewirtschaftung auf die Aktivität der Mikroben wird in warmen und trockenen Klimata noch deutlich verstärkt verglichen zum konventionellen Landbau“, so das FiBL. Besonders positiv wirkten sich organischer Dünger, eine vielfältige Fruchtfolge und das Einschließen von Leguminosen in der Fruchtfolge auf die Häufigkeit und Aktivität der Bodenmikroben aus. Die Studie zeigte auch, dass die Mikrobenbiomasse auf Bio-Äckern und Obstplantagen deutlich höher war im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft, während sich bei Weideland kaum Auswirkungen zeigten.

Das FiBL betont, dass viel Biomasse und ein aktives Bodenleben an sich eine ausgezeichnete Grundlage für hohe Pflanzenerträge darstellen. Dass die Erträge im Biolandbau immer noch geringer ausfallen als in der konventionellen Landwirtschaft sei unter anderem der Tatsache geschuldet, dass es im Ökolandbau oftmals noch an angepassten Sorten fehlte. Doch es mehrten sich die Beweise dafür, dass biologische Anbausysteme mit angepassten Sorten bei Trockenheit stabilere Erträge liefern als die konventionelle Landwirtschaft. Die höhere Biomasse im Boden sei zudem nicht nur von Bedeutung für das Pflanzenwachstum, sondern auch für das Klima: Biologisch bewirtschaftete Böden speichern mehr Humus – und vermögen so das Klimagas CO2 aus der Luft im Boden zu binden. Dass ökologisch bewirtschaftete Böden größere Mengen an Kohlenstoff speichern und dies zudem langfristiger als konventionell bewirtschaftete Äcker, bestätigte erst kürzlich auch eine umfassende Studie aus den USA, die im Fachjournal Advances in Agronomy veröffentlicht wurde. (ab)

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