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25.07.2017

UN: Milliarden Menschen ohne sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung

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Sauberes Trinkwasser - für Milliarden keine Selbstverständlichkeit (Foto: CC0)

Sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung sind für Abermillionen Menschen weltweit ferne Zukunftsmusik. Rund 2,1 Milliarden Menschen haben immer noch keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser und 4,5 Milliarden müssen ohne angemessene sanitäre Einrichtungen auskommen. Das zeigt ein am 12. Juli veröffentlichter Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des UN-Kinderhilfswerks Unicef. Demnach haben 844 Millionen Menschen noch nicht einmal Zugang zu einer elementaren Trinkwasserversorgung. Dazu gehören auch die 263 Millionen Menschen, die mehr als eine halbe Stunde pro Weg zurücklegen müssen, um an eine Wasserquelle zu gelangen. Rund 159 Millionen Menschen sind gezwungen, unbehandeltes Wasser von Oberflächengewässern wie Flüssen, Bächen oder Seen zu trinken. Bei der Versorgung besteht eine deutliche Kluft zwischen Städten und ländlichen Gebieten. Zwei von drei Menschen mit sicherem Trinkwasser und drei von fünf mit angemessenen sanitären Einrichtungen leben in Stadtgebieten. Von den 159 Millionen Menschen, die unbehandeltes Oberflächenwasser trinken, leben 150 Millionen auf dem Land. „Sicheres Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene zuhause sollten nicht ein Privileg nur für Reiche und Menschen in den Städten sein“, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. „Es handelt sich hierbei um Grundbedürfnisse für die menschliche Gesundheit und alle Länder stehen in der Verantwortung zu gewährleisten, dass für jeden Zugang besteht.“

Von den 4,5 Milliarden Menschen ohne angemessene Sanitärversorgung mangelt es 2,3 Milliarden selbst an elementaren Einrichtungen. 600 Millionen Menschen teilen eine Toilette oder Latrine mit anderen Haushalten und 892 Millionen Menschen – vor allem in ländlichen Gebieten – müssen ihre Notdurft im Freien verrichten, zum Beispiel in Abwasserrinnen oder hinter Büschen. Zwar haben seit dem Jahr 2000 Milliarden Menschen Zugang zu Wasser und Sanitärversorgungen erlangt, doch es muss schneller vorangehen, wenn die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) erreicht werden sollen. Diese sehen vor, dass bis 2030 weltweit Zugang zu elementaren Einrichtungen besteht und Menschen ihre Notdurft nicht mehr im Freien verrichten müssen. Doch dem Bericht zufolge ist in 90 Ländern der Fortschritt dahingehend zu langsam, um das Ziel einer flächendeckenden Versorgung zu erreichen.

Beim Zugang zu sauberem Trinkwasser sieht es etwas besser aus. 2015 hatten 181 Länder weltweit zumindest eine Grundversorgung von 75% sichergestellt. Australien, Neuseeland, Nordamerika und Europa stehen kurz vor der Zielgeraden, während Lateinamerika und die Karibik, Ostasien und Südostasien sich auf einem guten Weg befinden, das Ziel der grundlegenden Trinkwasserversorgung bis 2030 für alle zu erreichen. Doch auch wenn viele Menschen nun Zugang zu einer elementarem Versorgung mit sauberem Wasser haben, stellt die Hygiene oft immer noch ein Problem dar. In vielen Häusern, Gesundheitszentren und Schulen fehlt es an Seife und Wasser zum Händewaschen. Dies setzt vor allem kleine Kinder dem Risiko von Krankheiten wie Durchfall aus. Als Konsequenz sterben jedes Jahr 361.000 Kinder unter 5 Jahren an Durchfallerkrankungen. (ab)

18.07.2017

Bioboom: Ökoanbaufläche in Deutschland wächst 2016 um 14,9%

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Der Ökolandbau in Deutschland gewann 2016 an Boden (Foto: CC0)

Der Ökolandbau in Deutschland hat 2016 ordentlich an Boden gewonnen: Die ökologisch bewirtschaftete Fläche wuchs gegenüber dem Vorjahr um fast 15 Prozent. Das geht aus den Strukturdaten zum ökologischen Landbau in Deutschland 2016 hervor, die am Montag vom Bundeslandwirtschaftsministerium veröffentlicht wurden. Demnach stieg die ökologisch bewirtschaftete Fläche von 1.088.828 Hektar im Jahr 2015 auf 1.251.320 Hektar an – ein überdurchschnittlich hohes Plus von 14,9 Prozent. Die Zahl der Biobetriebe wuchs um 9,6% auf 27.132. Das Bundesland mit der größten Biofläche ist Bayern mit 285.243 Hektar, dort legte die Bioanbaufläche seit 2015 um 24% zu. Ebenfalls starke Flächengewinne verzeichnete Sachsen mit 28,6%, Schleswig-Holstein mit 22,4% und sowie Niedersachsen und das Saarland mit einem Plus von je 20%. Dagegen stieg die Fläche in Mecklenburg-Vorpommern nur um 5,3% und in Sachsen-Anhalt nur um 6,8% an.

Gemessen an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland lag der Anteil der Biofläche 2016 bei 7,5%, teilte das BMEL mit. „Der Ökolandbau ist neben dem konventionellen Landbau inzwischen eine wichtige Säule der deutschen Land- und Ernährungswirtschaft“, verkündete Agrarminister Christian Schmidt. Er betonte, das Wachstumspotenzial des Ökolandbaus weiterhin unterstützen zu wollen. „Mein Ziel ist, dass auf 20 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche ökologisch gewirtschaftet wird, um den wachsenden Bedarf an Bio-Lebensmitteln stärker durch heimische Öko-Produkte abdecken zu können.“ Ein konkretes Datum, wann dieses seit Jahren kommunizierte Ziel der Bundesregierung erreicht werden soll, nannte er jedoch nicht. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, betonte, dass der starke Zuwachs im Ökolandbau kein Verdienst der Bundesregierung sei, sondern den Ökobauern und dem Kaufverhalten der Konsumenten zu verdanken sei. „Es wäre deutlich mehr Ökolandbau möglich – zum Wohle der Verbraucher und für eine Umwelt ohne Bienensterben. Von CDU/CSU und SPD kam in den letzten Jahren außer warmen Worten wenig an konkreter Unterstützung für den Ökolandbau“, kritisierte sie.

Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), begrüßte den Bioboom. „Immer mehr Bauern und Bäuerinnen stellen auf Ökolandbau um. Sie nutzen damit die wachsenden Marktchancen. Denn immer mehr Bürger engagieren sich durch ihren Lebensmitteleinkauf für mehr Artenvielfalt auf dem Acker, sauberes Trinkwasser, Bio-Tierhaltung und gesundes Essen.“ Löwenstein betonte aber auch, dass Bio auf dem Acker und im Stall noch stärker wachsen müsse, damit die deutschen Umwelt-, Klima- und Tierschutzziele nicht verfehlt werden. Die in der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung angestrebten 20% Ökolandbau seien jedoch nur dann machbar, wenn die künftige Regierung die Öko-Zukunftsstrategie mit den nötigen Ressourcen ausstatte und die Weichen in allen Politikbereichen auf Bio umstelle. „Konventionelle Betriebe, die Bio als Chance begreifen brauchen für ihre Umstellungsentscheidung stabile Rahmenbedingungen. Dafür müssen Bund und Länder sorgen. Von der EU-Öko-Verordnung über Düngerecht bis hin zur Gemeinsamen Agrarpolitik braucht es Regeln, die den Ökolandbau unterstützen“, so Löwenstein. (Ab)

17.07.2017

FIAN-Studie: Europäische Akteure mischen kräftig beim globalen Landraub mit

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Europäische Akteuren mischen beim globalen Landraub mit (Foto: CC0)

In der EU ansässige Akteure spielen eine wichtige Rolle bei Landgrabbing und den damit verbundenen Menschenrechtsverstößen im Globalen Süden, doch die Politik hat darauf noch keine angemessenen Antworten gefunden. Dies ist die Kernbotschaft einer Studie über Landgrabbing-Fälle unter Beteiligung europäischer Firmen und Finanzinvestoren, die am 13. Juli von der Menschenrechtsorganisation FIANhttp://www.db.zs-intern.de/news/edit/?id=32674 veröffentlicht wurde. Die Publikation beleuchtet unter anderem Landgrabbing in Sambia, Uganda, Kongo und Mosambik und zeigt die Folgen großflächiger Agrar-Investitionen für die Menschen vor Ort auf. Gerade in den Ländern, in denen ein Großteil der Bevölkerung auf die kleinbäuerliche Landwirtschaft angewiesen ist, verlieren sehr viele Menschen durch den Flächenhunger von Agrarinvestoren ihre Existenzgrundlage. „Vor genau zehn Jahren berichteten die Medien erstmals über moderne Landnahmen, auch Landgrabbing genannt“, erinnert Roman Herre, Agrar-Referent von FIAN Deutschland. „Private und staatliche Investoren sind seitdem ständig auf der Suche nach riesigen Landflächen, um Agrartreibstoffe anzubauen, Nahrungsmittel zu exportieren oder um damit schlicht zu spekulieren. Oftmals werden hierdurch örtliche Gemeinden von ihrem Land vertrieben.“ Daher sieht Herre die jüngste Absage von Bundeskanzlerin Merkel an die „klassische Entwicklungshilfe“ und die Ankündigung einer verstärkten Zusammenarbeit mit Konzernen und Finanzinvestoren kritisch und befürchtet, dass dies für die Landwirtschaft „wenig Gutes erwarten“ lasse.

Bei der FIAN-Publikation handelt es sich um eine deutschsprachige Zusammenfassung einer im Mai 2016 im Auftrag des Europäischen Parlaments veröffentlichten Studie. Diese hatte gezeigt, dass die Rolle von Akteuren aus EU-Mitgliedsstaaten bei Landnahmen und Menschenrechtsverletzungen noch weitgehend unbeachtet bleibt, während Länder wie China, die Golfstaaten oder Südkorea bei der globalen Jagd nach fruchtbarem Ackerland häufig im Rampenlicht der Medienberichterstattung stehen. Die Zusammenfassung von FIAN betont, dass die EU und ihre Mitgliedstaaten es bisher versäumt haben, das weltweite Landgrabbing durch europäische Akteure einzudämmen. Die EU habe zwar auf Menschenrechtsverletzungen in Zusammenhang mit Landgrabbing mittels einer Reihe von Strategien und Initiativen reagiert, doch sie komme damit ihren menschenrechtlichen Verpflichtungen nicht ausreichend nach. Gerade Konzepte zur Selbstregulierung der Wirtschaft und der sozialen Verantwortung von Unternehmen können die Folgen von Landgrabbing nicht vermeiden.

„Bis heute fehlen viele Grundlagen wie konkrete Handlungsanleitungen für Botschaftspersonal, um Fällen von Landgrabbing aktiv nachzugehen, diese zu dokumentieren und an Regierungen und Parlamente zu übermitteln“, erklärt Brigitte Reisenberger, Geschäftsleiterin von FIAN Österreich. Auch die Arbeit des EU-Sonderbeauftragten für Menschenrechte müsste sehr viel konkreter werden, etwa durch eine systematische Auswertung der zahlreichen Berichte über Landkonflikte sowie die engere Zusammenarbeit mit den UN-Menschenrechtsexperten, forderte Reisenberger. Welch geringen Stellenwert internationale Finanzinvestoren den sozialen Auswirkungen ihrer Aktivitäten beimessen, zeige das Beispiel der vielgelobten „UN-Prinzipien für verantwortungsvolle Investitionen“. Laut einer aktuellen Untersuchung des Think- Tank E3G stellen die knapp 1000 dort beigetretenen Konzernen und Investoren im Schnitt gerade einmal eine Person pro 14 Milliarden US-Dollar verwaltetem Vermögen an, um die ökologischen und sozialen Auswirkungen der Investitionen zu überwachen. „Es ist absurd anzunehmen, dass auf diese Weise ein relevanter Beitrag gegen Umweltschäden oder Menschenrechtsverstöße geleistet wird“, kritisiert Roman Herre. „Die Zahlen belegen die Notwendigkeit einer internationalen Regulierung anstelle freiwilliger Selbstverpflichtungen.“ (ab)

12.07.2017

OECD/FAO: Stabile Lebensmittelpreise und gedämpfter Fleischhunger pro Kopf bis 2026

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Die Lebensmittelpreise sollen in den nächsten 10 Jahren stabil bleiben (Foto: CC0)

Die weltweiten Lebensmittelpreise werden in den nächsten zehn Jahren niedrig bleiben, da die Nachfrage nach Agrarrohstoffen nur noch langsam wachsen wird und die Biokraftstoffpolitik weniger Einfluss auf die Märkte haben wird als in der Vergangenheit. Davon gehen die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die Welternährungsorganisation FAO aus, die am Montag ihren jährlichen gemeinsamen Bericht veröffentlichten. Der OECD-FAO Agricultural Outlook 2017-2026 enthält zahlreiche Prognose für alle wichtigen Agrarrohstoffe, zu Fisch und zu Biosprit. Er sagt voraus, dass die in den letzten 10 Jahren erfolgte Aufstockung der Getreidebestände um 230 Millionen Tonnen sowie ausreichende Bestände bei den meisten anderen Rohstoffen verhindern werden, dass die Preise ansteigen. Die Lebensmittelpreise befänden sich nun fast wieder auf dem Niveau von vor der Lebensmittelpreiskrise 2007-2008, als die Preise enorm in die Höhe geklettert waren. „Die realen Preise der meisten Agrarrohstoffe und Fisch werden im zehnjährigen Prognosezeitraum leicht fallen“, kündigte OECD-Generalsekretär Angel Gurría an. Doch er mahnte auch, dass es unabdingbar sei, dass Regierungen weiterhin gemeinsame Anstrengungen unternehmen, um die globalen Lebensmittelmärkte stabil zu halten, da sich unvorhergesehene Ereignisse leicht entgegen dem Trend auf die Märkte auswirken können.

Die globale Getreideproduktion wird bis 2026 um 12% wachsen – dann soll 11% mehr Weizen, 14% mehr Mais und 13% mehr Reis produziert werden. Der Anstieg sei vor allem Ertragssteigerungen geschuldet. So soll 90% des Zuwachses beim Mais durch höhere Erträge und nur 10% durch eine Ausweitung der Anbaufläche erzielt werden. Die weltweite Fleischproduktion wird bis 2026 auf rund 353 Millionen Tonnen steigen – gut 75% der zusätzlichen Menge wird aus Entwicklungsländern stammen. Das Wachstum wird vor allem durch eine um 13% steigende Geflügelherstellung angeschoben, gefolgt von Schweinefleisch mit einem Plus von 10%. Der Bericht sagt voraus, dass Zuwächse in der Milch- und Fleischproduktion durch größere Mastbetriebe und höhere Leistung pro Tier erzielt werden. Die durchschnittliche Verfügbarkeit von Kalorien wird bis 2026 auf 2.450 kcal pro Person in den ärmsten Ländern und über 3.000 kcal in anderen Entwicklungsländern steigen. „Doch wir wissen auch, dass mehr Lebensmittel allein nicht ausreichen, um Unterernährung und andere Formen der Mangelernährung zu beseitigen“, ließ FAO-Generaldirektor José Graziano da Silva verlauten. „Der Zugang zu zusätzlichen Kalorien ist sehr wichtig. Aber eine größere Herausforderung ist der Kampf gegen die Mangelernährung, der eine abwechslungsreiche, sichere und nahrhafte Ernährung erfordert, die idealerweise mit geringeren Umweltbelastungen einhergeht.”

Dem Bericht zufolge wird die Pro-Kopf-Nachfrage nach Agrarrohstoffen - außer in den ärmsten Ländern - nicht steigen und die wachsende Nachfrage nach Fleisch wird einen Dämpfer erhalten. In den letzten Jahren hatte vor allem der chinesische Fleischhunger die Nachfrage nach Futtermitteln enorm angeheizt und im Biospritsektor stieg die Nachfrage nach Rohstoffen jedes Jahr um fast 8%. Mittelfristig wird dieser Trend nicht anhalten. Der globale Fleischkonsum wird 2026 bei 34,6 kg stagnieren und damit nur um ein halbes Kilo zulegen. Das liegt laut FAO und OECD an dem großen Anteil der Weltbevölkerung mit niedrigem Einkommen und sich ändernden Ernährungsgewohnheiten. Insgesamt scheine es, dass eine Angleichung an den westlichen Ernährungsstil nur begrenzt erfolge.

Die Nachfrage nach Ethanol und Biodiesel sei aufgrund geringerer Preise für fossile Brennstoffe und weniger Anreize durch politische Maßnahmen abgeschwächt. Auch wenn die Energiepreise wohl weiter steigen, wird die Nachfrage nach Rohstoffen für die Erzeugung von Biosprit, vor allem Mais und Zuckerrohr für Ethanol sowie Pflanzenöl für Biodiesel, nur langsam wachsen. In Entwicklungsländern werde jedoch eine steigende Nachfrage durch politische Fördermaßnahmen angekurbelt. In den nächsten 10 Jahren wird die globale Biospritproduktion um 17% wachsen, doch verglichen mit einem Anstieg um 90% im letzten Jahrzehnt fällt das Plus laut den Experten vergleichsweise gering aus. (ab)

10.07.2017

Oxfam: G20-Gipfel geht nicht entschlossen gegen Armut und Ungleichheit vor

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Quo vadis, G20? Mehr soziale Ungleichheit, weniger Armut? (Foto: Mike Auerbach/Oxfam)

Der G20-Gipfel hat zu wenig Fortschritte für Menschen gebracht, die in Armut leben. Das kritisiert die NGO Oxfam zum Ende des Treffens der führenden Industrienationen am 8. Juli in Hamburg. „Als Entwicklungsorganisation fragen wir, ob die Beschlüsse der G20 dazu beitragen, die Lebenssituation von Menschen zu verbessern, die in Armut leben“, sagte Jörn Kalinski von Oxfam. „Und das ernüchternde Fazit lautet: kaum! Trotz der Proteste gegen die wachsende soziale Ungleichheit auf der Welt haben die Staats- und Regierungschefs es nicht vermocht, die Weichen in Richtung mehr soziale Gerechtigkeit zu stellen“, lautete eine erste Reaktion. Die Organisation bemängelte, die Staats- und Regierungschefs hätten es versäumt, drängende Probleme wie die wachsende soziale Ungleichheit oder den Kampf gegen den Klimawandel entschlossen anzugehen.

Das Echo zu den Hilfszusagen für aktuelle Hungerkrisen fiel geteilt aus. Oxfam begrüßte zwar die Ankündigung von US-Präsident Trump, den Kampf gegen akute Hungersnöte mit 639 Millionen Dollar (ca. 572 Millionen Euro) zu unterstützen, von denen etwas die Hälfte an das Welternährungsprogramm gehen werden. Die Organisation betonte aber auch, dass dies längst überfällig gewesen sei und zudem nicht ausreichend, um die betroffenen Menschen in Nigeria, Somalia, Südsudan und Jemen vor einer Hungersnot zu bewahren. Angesichts der dramatischen Lage in den vier Ländern bekannten sich die G20-Staaten in ihrer Abschlusserklärung „mehr denn je dazu, mit der gebotenen Dringlichkeit zu handeln und die UN-Organisationen und andere Entwicklungsorganisationen koordiniert und umfassend dabei zu unterstützen, Leben zu retten und die Bedingungen für nachhaltige Entwicklung zu unterstützen“. Oxfam kritisierte, dass nur wenige G20-Länder ihren fairen Beitrag zur Finanzierung der Nothilfe-Aufrufe für die aktuellen Hungerkrisen leisteten. Es sei inakzeptabel, dass die meisten großen G20-Länder die Gelegenheit nicht genutzt hätten, ihre Beiträge zur Nothilfe aufzustocken. „Die Folge ist, dass Menschen sterben werden, deren Leben andernfalls hätten gerettet werden können.“

Die G20-Staaten beschlossen auf dem Gipfel zudem die Initiative „Compact with Africa“, die mithilfe von privaten Investitionen „nachhaltiges, inklusives Wirtschaftswachstum sowie nachhaltige, inklusive Entwicklung“ fördern will. Die G20-Afrika-Partnerschaft solle dazu beitragen, „vor allem für Frauen und Jugendliche menschenwürdige Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen, und so helfen, Armut und Ungleichheit als Ursachen von Migration anzugehen“, ist in der Abschlusserklärung zu lesen. Oxfam sieht dies jedoch kritisch: „Die Initiative Compact with Africa baut auf dem irrigen Glauben auf, dass Privatinvestitionen schon irgendwie die Lebenssituation von Menschen in Armut verbessern werden. Doch dies ist nur dann der Fall, wenn Investitionen politisch gestaltet werden, im Dialog mit den Menschen und heimischen Unternehmen vor Ort, so dass alle profitieren, insbesondere Frauen.“ Doch davon ist nicht die Rede. Daher sei das Risiko groß, dass die Wünsche von Konzernen und Investoren im Vordergrund stehen, die im Schluss-Kommunique ausdrücklich ermutigt werden, „die wirtschaftlichen Möglichkeiten Afrikas zu nutzen“.

Des Weiteren bemängelte Oxfam die unzureichenden Beschlüsse der G20 in Handelsfragen, die nicht dazu beitragen werden, die Märkte demokratischer und gerechter zu machen. „Freier Handel ist nicht unbedingt fairer Handel. Im Gegenteil trägt ein unzureichend regulierter Handel dazu bei, die weltweite soziale Ungleichheit zu vergrößern“, hieß es in einer Pressemitteilung. Gerade zwischen ungleichen Partnern brauche es Regeln, damit aus Handelsfreiheit kein Freibrief für Ausbeutung werde. Zudem würden es die massiven Agrarsubventionen vieler G20-Länder afrikanischen Bauern unmöglich machen, im Wettbewerb zu bestehen. „Die G20 haben es versäumt, Lösungen für diese drängenden Probleme zu formulieren“, lautet das ernüchternde Fazit von Oxfam. (ab)

06.07.2017

FAO: Konflikte und Klimawandel lassen Zahl der Hungernden wieder steigen

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Düstere Aussichten im Kampf gegen den Hunger (Foto: CC0)

Die Zahl der unterernährten Menschen weltweit steigt wieder, da Konflikte und der Klimawandel Fortschritte der letzten Jahre bei der Hungerbekämpfung zunichte machen. Das verkündete die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen am Montag zum Auftakt der alle zwei Jahre stattfindenden Konferenz der Mitgliedstaaten. Nach den letzten Berechnungen der FAO aus dem Jahr 2015 litten 795 Millionen Menschen weltweit an Hunger. Die internationale Gemeinschaft visiert mit dem 2. UN-Nachhaltigkeitsziele an, bis 2030 diese Zahl auf Null zu reduzieren. Doch dieses Ziel könnte nun in weite Ferne rücken. „Ich wünschte ich könnte hier heute einige positive Nachrichten zum weltweiten Kampf gegen den Hunger übermitteln“, sagte FAO-Generaldirektor José Graziano da Silva. „Doch leider ist das nicht der Fall. Vorläufige Daten für dieses Jahr deuten darauf hin, dass die Zahl der unterernährten Menschen weltweit gestiegen ist und erneut wächst.“ Die endgültigen Zahlen werden im September vorliegen, wenn die FAO ihren jährlichen Bericht zur Lage der Ernährungssicherheit veröffentlicht, doch die Vorankündigung verheißt nichts Gutes. Da Silva warnte gar, die Welt könnte auf die schlimmste Ernährungskrise seit dem 2. Weltkrieg zusteuern.

Die FAO macht momentan 19 Länder aus, die sich in einer anhaltenden Krise befinden. „Anfang dieses Jahres wurde für Teile des Südsudan eine Hungersnot ausgerufen. Dies bedeutet, dass zum Zeitpunkt, zu dem eine Hungersnot ausgerufen wird, schon tausende Menschen verhungert sind. Es gibt auch Warnungen zu einem hohen Risiko einer Hungerkrise für den Nordosten Nigerias, Somalia und Jemen. Fast 20 Millionen Menschen sind in den vier Ländern stark betroffen, erklärte da Silva. Diese Länder hätten auch mit extremen Wetterereignissen wie Dürren und Überflutungen zu kämpfen. Dem FAO-Generaldirektor zufolge leben fast 60% der an Hunger leidenden Menschen weltweit in Ländern, die von Konflikten und dem Klimawandel betroffen sind. Die Existenz dieser meist auf dem Lande lebenden Menschen ist zerstört worden und „viele von ihnen haben keine andere Möglichkeit gefunden, als sich in die steigenden Statistiken einer Migration aus der Not heraus einzureihen.“

Papst Franziskus rief die Staatengemeinschaft zu mehr Hilfe für die armen Länder auf und verwies auf weitere Ursachen der Unterernährung. „Hunger und Unterentwicklung sind nicht nur natürliche oder strukturelle Phänomene in bestimmten geografischen Gebieten, sondern das Ergebnis einer komplexeren Bedingung von Unterentwicklung, die durch die Gleichgültigkeit vieler und die Selbstsucht einiger verursacht wird.“ Es seien konkrete Entscheidungen, die zu verheerenden Folgen wie Krieg und Terrorismus führten, betonte das Oberhaupt der katholischen Kirche. „Wir haben es mit komplexen Mechanismen zu tun, die vor allem die Verwundbarsten treffen, die nicht nur von den Produktionsprozessen ausgeschlossen werden, sondern auch oft gezwungen sind, ihr Land auf der Suche nach Zuflucht und Hoffnung zu verlassen.

FAO-Chef da Silva räumte ein, dass „Frieden eine Voraussetzung für das Ende von Hungerkrisen“ sei, betonte aber auch, „dass wir nicht auf Frieden warten können, bevor wir aktiv werden“. Es gebe viel, was die Weltgemeinschaft unternehmen könne, um Hunger während Konflikten und lang anhaltenden Krisen zu bekämpfen. Verletzliche Menschen benötigen Hilfe, damit sie weiterhin selbst Lebensmittel anbauen können. Daher gehöre die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft, die Abmilderung des Klimawandels, Armutsbekämpfung, Wasserknappheit, Migration und Unterstützung von unter Konflikten leidenden Menschen auf dem Lande zu den Prioritäten der FAO für die nächsten zwei Jahre. Trotz der Rückschläge bemühte sich da Silva, Optimismus zu verbreiten. Er sei zuversichtlich, dass die Weltgemeinschaft das Ziel, bis 2030 Hunger und Mangelernährung zu beseitigen, noch erreichen kann. Doch dies gelinge nur, wenn „die Länder ihre Zusagen in konkrete Taten umsetzen“. (ab)

03.07.2017

Störungsanfällige Nadelöhre des globalen Handels gefährden Lebensmittelversorgung

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Ein Nadelöhr des Welthandels: der Panama-Kanal (Foto: CC0)

Die globale Lebensmittelversorgung ist immer mehr abhängig von wenigen Nadelöhren des Welthandels, die anfällig für Störungen sind. Davor warnt eine neue Studie des britischen Thinktanks Chatham House. Diese nennt 14 Flaschenhälse von globaler strategischer Bedeutung – Wasserstraßen, Häfen und Verkehrsnetze an Land – durch die mehr als die Hälfte des weltweit gehandelten Getreides passiert. „Eine ernsthafte Unterbrechung an einem oder mehreren Nadelöhren könnte zu Versorgungsengpässen und Preisanstiegen führen“, so der Bericht. Alltäglichere Unterbrechungen mögen zwar nicht gleich eine Krise auslösen, aber sie könnten mit größeren Verzögerungen, Lebensmittelverlusten oder höheren Transportkosten einhergehen und damit zu höheren und schwankenden Lebensmittelpreisen beitragen. „Wir sprechen hier von einem großen Anteil der globalen Lebensmittelversorgung, der aufgehalten oder für erheblich Zeit gestoppt werden könnte“, zitiert die britische Zeitung The Guardian Mitautorin Laura Wellesley. „Es ist besorgniserregend, dass infolge des Klimawandels eine oder mehrere Störungen an Nadelöhren sehr wahrscheinlich mit Ernteausfällen zusammenfallen könnten und dann wird es ernst.“

Der internationale Handel mit Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Inputs ist auf ein weltweites Transportsystemnetz angewiesen. Ein komplexes Geflecht aus Bahnstrecken, Wasserwegen, Häfen, Seewegen und Lagerinfrastruktur stützt die Bewegung von Nutzpflanzen und Dünger von den Höfen oder Fabriken zu den Häfen und von Region zu Region. Die wichtigsten Flaschenhälse zu Land und Wasser liegen in den wenigen Kornkammern der Welt. Auf die USA, Brasilien und die Schwarzmeer-Region entfallen laut Chatham 53% der globalen Exporte von Weizen, Reis, Mais und Soja. Binnenwasserstraßen transportieren gut 60% der US-Exporte dieser vier Hauptpflanzen ans Meer, vor allem an die Häfen der Golfküste. In Brasilien stemmen vier Häfen ein Viertel der globalen Sojaexporte. Gut 60% der Weizenexporte aus Russland und der Ukraine sind auf Schienenwege zum Schwarzen Meer angewiesen. In der Schifffahrt sind der Panamakanal und die Straße von Malakka die Hauptnadelöhre für den Durchsatz von Getreide, da sie westliche und asiatische Märkte verbinden. Doch Chatham House warnt, dass die Lieferketten nur so stark sind wir ihr schwächstes Glied und diese Verbindungsstellen die kritischsten Punkte sind.

Der Bericht nennt drei Störungskategorien: Extreme Wetterereignisse wie Stürme und Hochwasser könnten die vorübergehende Schließung von Nadelöhren verursachen. Zudem könnte Konflikte durch Krieg, politische Instabilität, Piraterie oder das organisierte Verbrechen und Terrorismus entstehen. Aber auch politische Eingriffe und institutionelles Versagen könnten zu Unterbrechungen führen, z.B. wenn Behörden einen Flaschenhals schließen oder den Durchlauf von Lebensmitteln beschränken. Fast alle großen Flaschenhälse haben in den letzten 15 Jahren Schließungen oder Unterbrechungen erlebt. Im Juni 2017 wurden zuletzt infolge der Blockade Katars die Landwege geschlossen, über die 40% der Lebensmittelimporte des Landes laufen. Chatham sieht die Gefahr wachsender Risiken, da die Abhängigkeit von diesen Nadelöhren steigt, gerade in von Nahrungsmitteleinfuhren abhängigen Ländern. In den letzten 15 Jahren ist der Anteil der international gehandelten Getreide- und Düngerlieferungen, die per Schiff mindestens ein Nadelöhr passieren müssen, von 43% auf 54% gestiegen. Gut 10% der Lieferungen ist auf eine Wasserroute ohne Alternative angewiesen. Der Klimawandel wird diese Risiken weiter verstärken, da extreme Wetterereignisse häufiger und stärker auftreten und steigende Meeresspiegel die Hafeninfrastruktur oder Lagereinrichtungen an Küsten bedrohen. Mangelnde Investitionen in Infrastruktur und veraltete, überlastete und störungsanfällige Transportwege könnten nun zum Problem werden.

Chatham beklagt, dass Nadelöhre bei Einschätzung der Ernährungssicherheit trotz ihres erheblichen Einflusses auf Lebensmittelpreise und -angebot systematisch übersehen werden und gibt mehrere Tipps zum Gegensteuern. Regierung sollten ihre Produktion und globale Versorgungsketten für Getreide diversifizieren, in Infrastruktur investieren und mit anderen Regierungen kooperieren, um regionale strategische Reserven und Lagerinfrastruktur anzulegen. Die Autoren appellieren an die Industrieländer, die Lebensmittel exportieren, ihre handelsverzerrenden Agrarsubventionen zu reformieren. „Solche Subventionen fördern eine systematische Abhängigkeit von einer Handvoll cash crops und wenigen Getreide exportierenden Regionen. Stattdessen sollten öffentliche Mittel dafür eingesetzt werden, alternative Quellen der Getreideproduktion weltweit zu unterstützen, um die globale Lebensmittelproduktion zu diversifizieren und die Importabhängigkeit andernorts zu verringern.“ (ab)

26.06.2017

UN: Weltbevölkerung wächst bis 2100 auf 11,2 Milliarden Menschen

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Die Zahl der Menschen wächst, vor allem in Indien (Foto: CC0)

Die Weltbevölkerung wird im Jahr 2050 auf 9,8 Milliarden Menschen anwachsen, 2100 sollen bereits 11,2 Milliarden den Planeten bewohnen. Dies zeigen die neusten Berechnungen der Vereinten Nationen, die am 21. Juni veröffentlicht wurden. Die Hauptabteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten (UN DESA) sagt voraus, dass Indien China schon 2024 den Rang als bevölkerungsreichstes Land der Welt ablaufen könnte, während Nigeria um das Jahr 2050 an den USA vorbei auf Platz 3 vorrücken könnte. Die Weltbevölkerung wächst munter weiter, wenn auch etwas langsamer als in den letzten Jahren. Sie wird von gegenwärtig 7,6 Milliarden im Jahr 2030 auf 8,6 Milliarden angewachsen sein. Vor zehn Jahren betrug der jährliche Anstieg noch 1,24%, nun sind es 1,1%. Jedes Jahr kommen 83 Millionen Menschen neu hinzu.

Aktuell leben 60% der Weltbevölkerung in Asien (4,5 Milliarden), gefolgt von Afrika (1,3 Mrd.), 10% in Europa (742 Millionen), 9% in Lateinamerika und der Karibik (646 Mio.) und 6% in Nordamerika (361 Mio.) und Ozeanien (41 Mio.). Allein in den zwei bevölkerungsstärksten Ländern China und Indien leben 1,4 bzw. 1,3 Milliarden Menschen, die damit 19% bzw. 18% der Gesamtzahl auf sich vereinen. Ein großer Anteil des Zuwachses bis 2050 wird in den Ländern mit hohen Fertilitätsraten, vor allem in Afrika, oder in Ländern mit einer großen Bevölkerung verzeichnet werden. Am schnellsten wächst die Bevölkerung in Nigeria. Den größten Beitrag zur wachsenden Welt werden Indien, die Demokratische Republik Kongo, Pakistan, Äthiopien, Tansania, die USA, Uganda und Indonesien leisten.

Den UN-Prognosen zufolge wird es vor allem in den 47 ärmsten Ländern der Welt (LDCs), von denen sich 33 in Afrika befinden, zu einer starken Bevölkerungszunahme kommen. Auch wenn sich der Anstieg verlangsamt, wird sich die Zahl der Menschen, die in diesen ärmsten Ländern lebt, bis 2050 fast verdoppeln auf 1,9 Milliarden. In Angola, Burundi, im Niger, in Somalia, Tansania und Sambia wird sich die Bevölkerung zwischen 2017 und 2100 sogar verfünffachen. Die Autoren des Berichts warnen, dass „die Konzentration des Bevölkerungswachstums in den ärmsten Ländern es den Regierung erschweren wird, Armut zu beseitigen, Ungleichheit zu reduzieren, Armut und Mangelernährung zu bekämpfen, die Bildungs- und Gesundheitssystem auszuweiten und auf den neusten Stand zu bringen, die Bereitstellung von grundlegenden Leistungen zu verbessern und sicherzustellen, dass kein Mensch zurückgelassen wird“. Dies wird beträchtliche Herausforderungen für die Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung mit sich bringen, betont der Bericht.

In einigen Ländern geht die Bevölkerungszahl jedoch auch zurück. In Bulgarien, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Moldawien, Rumänien, Serbien und der Ukraine wird ein Bevölkerungsrückgang um mehr als 15% bis 2050 erwartet. In allen europäischen Ländern ist die Fertilitätsrate nun unter den Wert von 2,1 Geburten pro Frau gesunken, der für eine konstante Bevölkerung nötig wären. Zwar prognostizieren die UN-Statistiker in Europa einen Anstieg von 1,6 Geburten pro Frau im Zeitraum 2010-2015 auf fast 1,8 Geburten im Zeitraum 2045-2050, doch dies kann den Trend nicht aufhalten. Die geringe Geburtenrate führt auch zu einer alternden Bevölkerung. Im Vergleich zu 2017 wird sich die Zahl der Menschen über 60 Jahre bis 2050 mehr als verdoppeln von gegenwärtig 962 Millionen auf 2,1 Milliarden. Die Lebenserwartung hat in den letzten Jahren beachtlich zugelegt, von 67,2 Jahre im Zeitraum 2000-2005 auf 70,8 Jahre im Zeitraum 2010-2015. Vor allem in Afrika werden die Menschen nun deutlich älter, auch wenn die Bevölkerung dort im weltweiten Vergleich mit 60,2 Jahren immer noch die geringste Lebenserwartung hat. Am ältesten werden die Menschen in Nordamerika mit 79,2 Jahren, gefolgt von Ozeanien mit 77,9 Jahren, Europa mit 77,2 Jahren, Lateinamerika und der Karibik mit 74,6 Jahren und Asien mit 71,8 Jahren. (ab)

21.06.2017

Agrar-Report: Artenschwund erfordert sofortige Neuausrichtung der Agrarpolitik

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Eine Neuausrichtung der Agrarpolitik für mehr Artenvielfalt ist nötig (Foto: CC0)

Der rasch voranschreitende Verlust der biologischen Vielfalt in der deutschen Agrarlandschaft erfordert eine grundlegende und sofortige Kehrtwende in der Agrarpolitik. So lautet die nachdrückliche Mahnung des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) anlässlich der Vorstellung des Agrar-Reports 2017 am Dienstag. Das BfN fasst in dem 68-seitigen Bericht die Ergebnisse unterschiedlicher Forschungsvorhaben zusammen. Das Fazit fällt ernüchternd aus: „Der Zustand der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft ist alarmierend“, heißt es gleich eingangs, und „die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union sowie die nationale Agrarpolitik leisten auch nach der letzten Reform 2013 keinen substanziellen Beitrag, um dem anhaltenden Verlust der biologischen Vielfalt wirksam entgegenzutreten“.

Als Beispiel für den Artenschwund nennt der Bericht Bestandsrückgänge bei wildwachsenden Pflanzenarten, Vögeln in der Agrarlandschaft und Insekten. Überproportionale Bestandsrückgänge bei den Kleininsekten und Spinnen fressenden Vogelarten ließen auch auf einen Rückgang der Insekten schließen. „Praktisch alle Tier- und Pflanzengruppen in der Agrarlandschaft sind von einem eklatanten Schwund betroffen“, erläuterte BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel. Die Problematik setze sich bei der Lebensraumvielfalt fort. Auch den Wiesen und Weiden geht es schlecht. Das sei wegen ihrer Bedeutung für die Artenvielfalt bedenklich. Über ein Drittel aller heimischen Farn- und Blütenpflanzen kommen vor allem im Grünland vor, bei den hierzulande gefährdeten Farn- und Blütenpflanzenarten sind es sogar rund 40%. „Der quantitative Rückgang der Fläche des Dauergrünlands hat sich zwar verlangsamt und scheint in Teilen sogar gestoppt. Infolge der intensiven Grünlandbewirtschaftung schreitet die qualitative Verschlechterung des Grünlands jedoch ungebremst weiter voran“, warnt der Bericht. Alarmierend sei, dass nicht nur extensiv bewirtschaftete, sondern verbreitet auch blütenreiche Grünlandtypen mittlerer Nährstoffgehalte und Bewirtschaftungsintensitäten massiv leiden. Der Biodiversitätsverlust gefährde nicht nur die Nahrungsgrundlage und den Lebensraum von Insekten und Vögeln - es gehen auch wichtige Ökosystemleistungen verloren. Dies hat z.B. negative Folgen für die Landwirtschaft, die auf Bestäuber oder natürliche Gegenspieler für Schädlinge angewiesen ist.

Der Report lobt zwar die Rolle der Landwirtschaft als Bewahrerin einer vielfältigen Kulturlandschaft mit diverser Flora und Fauna, geht aber auch hart mit ihr ins Gericht: „Während die Landbewirtschaftung bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zur Diversifizierung von Lebensräumen und damit zur Entstehung komplexer Agro-Ökosysteme beigetragen hat, führt ihre moderne ‚industrialisierte’ Ausprägung bis heute zur Vereinheitlichung und Monotonisierung ganzer Landschaften mit erheblichen Auswirkungen auf die Biodiversität und den Naturhaushalt.“ Die EU-Agrarpolitik und die nationale Umsetzung hätten hinsichtlich der Erhaltung der Biodiversität versagt und auch die letzte Reform 2013 sei weitgehend wirkungslos. Die Ökologischen Vorrangflächen entfalteten kaum Mehrwert für die Biodiversität und seien hochgradig ineffizient. Die Erfüllung der Anforderungen für den größten Teil dieser Flächen werde durch den Anbau von Zwischenfrüchten und Leguminosen realisiert, die keinen Mehrwert für die biologische Vielfalt erbringen, so Prof. Jessel. In der zweiten Säule der GAP sei der Europäische Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des Ländlichen Raums zwar das wichtigste Instrument zur Finanzierung des Naturschutzes in der Agrarlandschaft, doch es bestehe eine große Lücke zwischen den verfügbaren EU-Finanzmitteln und dem Bedarf und es bestünden bürokratische Hürden.

„Dies alles zeigt die Notwendigkeit einer grundlegenden und schnellstmöglichen Kehrtwende in der GAP“, betonte Jessel. Eine solche Neuausrichtung sei nicht nur aus Naturschutzsicht erforderlich, sondern habe auch starken Rückhalt in der Bevölkerung. Eine zukunftsfähige GAP erfordere die konsequente Ausrichtung von Zahlungen an die Landwirtschaft am Gemeinwohlprinzip nach dem Grundsatz „Öffentliches Geld für öffentliche Leistungen“. Finanzielle Mittel in ausreichender Höhe müssen hierfür bereitgestellt werden. Zudem brauche es Anreize für eine naturverträgliche, standortangepasste und damit nachhaltige Bewirtschaftung. Ökologische Leistungen müssten durch geringeren administrativen Aufwand und vereinfachte Kontrollregelungen gesichert werden. (ab)

20.06.2017

Lebensgrundlage Land: UN will degradierte Böden wieder nutzbar machen

Dürre
Häufige Dürren können zu Bodendegradation beitragen (Foto: CC0)

Eine bessere Landbewirtschaftung ist nötig, um der Wüstenbildung Einhalt zu gebieten und zu vermeiden, dass Menschen aufgrund von Bodendegradation ihre Heimat verlassen müssen. Darauf machten mehrere UN-Organisationen am Welttag für die Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürre am 17. Juni aufmerksam, der dieses Jahr unter dem Leitthema „Unser Land, unsere Heimat, unsere Zukunft“ stand und das Hauptaugenmerk darauf richtete, die Landbewirtschaftung und das Leben in ländlichen Gemeinden für junge Menschen wieder lohnenswert zu machen. Hunderte Millionen Menschen weltweit sind gegenwärtig von Desertifikation betroffen – der Verschlechterung von Landökosystemen aufgrund nicht nachhaltiger Praktiken wie Übernutzung von Ackerland, Überweidung, Waldrodung oder Bergbau, aber auch infolge des Klimawandels. „Das Bevölkerungswachstum wird bis 2050 zu einer Verdoppelung des Nahrungs- und Wasserbedarfs führen, doch die Getreideernten werden Prognosen zufolge auf dürregeplagtem und degradiertem Land abrupt zurückgehen. Mehr als 1,3 Milliarden Menschen, die meisten von ihnen in ländlichen Gegenden in Entwicklungsländern, sind davon betroffen“, sagte Monique Barbut, Exekutivsekretärin des Übereinkommens der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD).

Rund um den Globus zwingt die Bodenverschlechterung Menschen dazu, ihr Zuhause und ihr Land zu verlassen. Schätzungen zufolge wurden fast 500 Millionen Hektar einst fruchtbares Land – eine Fläche fast halb so groß wie China – aufgrund von Dürre, Desertifikation und falschem Landmanagement vollständig aufgegeben. „In den nächsten Jahrzehnten werden 135 Millionen Menschen dem Risiko ausgesetzt sein, dauerhaft von Desertifikation und Bodendegradation vertrieben zu werden“, warnte Barbut. Auch Erik Solheim, der Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms, betonte, dass die Bodendegradation großen Einfluss darauf hat, wo und wie Menschen leben. „Sie führt zur Verdrängung von Menschen, indem sie kurzfristig ihr Leben bedroht und langfristig eine Existenz unmöglich macht, vor allem für die ärmsten und verletzlichsten Bevölkerungsgruppen.“ Wenn noch mehr Land der Wüstenbildung zum Opfer fällt, droht Menschen auf dem Land, die auf Weidehaltung, Landwirtschaft und natürliche Ressourcen angewiesen sind, zusätzliche Gefahr wie wachsende Armut und ein geringeres Bildungsniveau. Da der Zustand der Böden so wichtig ist, nimmt Land laut den UN-Organisationen einen hohen Stellenwert auf der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung ein und wurde mit einem eigenen UN-Nachhaltigkeitsziel (SDG) bedacht. SDG 15 zielt unter anderem darauf ab, Landökosysteme zu schützen, wiederherzustellen und ihre nachhaltige Nutzung zu fördern, Wüstenbildung zu bekämpfen und die Bodendegradation zu beenden und umzukehren.

Um der bedrohlichen Bodenverschlechterung entgegenzuwirken, muss an zwei Stellen angesetzt werden, erklärt UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova: Zum einen ist eine nachhaltigere Bodenbewirtschaftung nötig, um die Desertifikation zu stoppen und die Produktivität des Landes zu bewahren, und zum anderen muss die Widerstandsfähigkeit verletzlicher Bevölkerungsgruppen gestärkt werden, indem alternative Existenzgrundlagen geschaffen werden. Monique Barbut ist der Ansicht, dass einst degradiertes Land mit den richtigen Investitionen in Bodenqualität, ländliche Infrastruktur und Qualifizierung wieder nutzbar gemacht werden kann, sodass es extremen Wetterereignissen wie Dürren trotzen kann und es jungen Menschen auf dem Lande nicht nur ermöglicht, über die Runden zu kommen, sondern ihnen auch neue Perspektiven bietet. „Wir brauchen Politiken und Programme, die junge Menschen dazu befähigen, degradiertes Land zu besitzen und es wieder fruchtbar zu machen. Lasst uns jungen Menschen die Chance geben, das natürliche Kapital wieder zum Leben zu erwecken und produktiv zu machen!“, forderte Barbut. (ab)

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